Karl Brauneder im Gespräch
 

Interview vom 21. Jänner 2012 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Defensive war meine Pflicht, die Offensive die Kür!"ein meines Lebens"

„Ihn kennt ein jeder – ‚Charly‘ Brauneder!“ So lautete ein Gesang der Achtziger-Jahre zur Huldigung Karl Brauneders. Der am 13. März 1960 geborene Niederösterreicher wechselte 1978 von seinem Stammverein ASV Vösendorf zum Wiener Sportclub. Nach fünf Saisonen in Dornbach ging der kampfstarke Linksfuß nach Hütteldorf, wo er aufgrund seiner herausragenden Defensiv- UND Offensiv-Qualitäten zu einem von vielen Publikumslieblingen avancierte. Der 21fache Nationalspieler wurde nach siebeneinhalb Saisonen an den FC Stahl Linz verliehen. Eineinhalb Jahre später kehrte Brauneder nach Hütteldorf zurück, um weitere 50 Ligaspiele im grünweißen Dress zu absolvieren. In insgesamt 328 Pflichtspielen erzielte der Niederösterreicher 25 Tore für Rapid, wurde zweimal Meister, dreimal Cupsieger und war wichtiger Bestandteil der legendären Europacup-Finalmannschaft 1985. Nach der Saison 1994/95 verließ der „Highlander“ die Bundesligabühne und ließ in der Regionalliga seine große Karriere ausklingen. Seither war Brauneder im BNZ Südstadt und beim 1. Simmeringer FC als Trainer erfolgreich tätig. Aktuell betreut die Rapid-Legende die U-16 des FAC.

Erstmals getroffen habe ich Karl Brauneder bei der 15-Jahres-Feier der Tornados im WUK . Sofort habe ich mit ihm Telefonnummern getauscht, um im neuen Jahr einen Interview-Termin auszumachen. Seit damals hatte ich einen riesigen Gusto auf dieses Gespräch, weil mir die lockere Art von „Charly“ unheimlich sympathisch war und ich mir ein entsprechend informatives Gespräch erhoffte. Und ich wurde in keinster Weise enttäuscht! Im Segafredo der SCS plaudern wir gute zwei Stunden über eine außergewöhnliche Laufbahn, die von Brauneder Senior und Junior perfekt geplant wurde...

Karl, wie bist Du zum Fußball gekommen? Welche Rahmenbedingungen hattest Du als kickendes Kind?
Mein Vater hat selbst bei Vösendorf gespielt, ein Jahr war er sogar bei Wacker Wien. Jedenfalls war er meine Identifikationsfigur und überhaupt eine ganz wichtige Person in meiner sportlichen Entwicklung. Er hat mein Talent gesehen, als ich in jungen Jahren zuhause ständig gegen die Wuchtel getreten habe, und dieses auch in weiterer Folge gefördert. Bis ich 18 Jahre alt war, hat mich mein Vater ständig begleitet und auch betreut. Jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass es ganz wichtig war, eine Person an meiner Seite zu haben, die mich unterstützt und weiterbringt. Dass es sich dabei um meinen Vater gehandelt hat, war optimal. Er war streng, aber gerecht. Eigentlich ein Happel-Typ! (lacht) Er hat mir offen und direkt ins Gesicht gesagt, wenn ich mich mit unnötigen Dingen aufgehalten habe.

Wann bist Du in einen Verein gekommen?
1967 zum ASV Vösendorf. Von den Knaben weg habe ich bis 1978 dort gespielt, bin durch alle Altersklassen durchgegangen, bis ich mit 16 Jahren in der Kampfmannschaft gelandet bin und dort teils sporadisch, teils fix zum Einsatz gekommen bin. Das hat sich alles in der Unterliga abgespielt, was in etwa die sechste Spielklasse war.

Hattest Du ein Vorbild bzw. einen Lieblingsverein?
Damals waren es die „Red Devils“. Bei der WM 1966 habe ich Bobby Charlton zum ersten Mal bewusst mitbekommen. Er war für mich ein riesiges Vorbild und ManU mein Traumklub. Alles abgesehen von Rapid, denn bereits mein Urgroßvater war ein Grüner!

Angeblich hast Du bereits 1977 bei Rapid trainiert, weil Dich ein Vösendorfer Wirt mit einem Lokal auf der Linzer Straße an „Bimbo“ Binder weiterempfohlen hat. Damals sollst Du gemeint haben, dass es nicht passt. Was hast Du damit gemeint?
Das war der Herr Leistinger, der auch bei uns in Vösendorf am Spitz ein Gasthaus gehabt hat. Als er nach Wien übersiedelt ist, bin ich mit meinem Vater zum Leistinger gefahren. Im Lokal sind Binder, Zeman und die Körner-Brüder gesessen – ich habe geglaubt, dass ich spinne! Der Leistinger hat mich groß vorgestellt. Danach bin ich Hand in Hand mit „Bimbo“ Binder zum Probetraining auf die Pfarrwiese gegangen! Den anderen Trainern hat er gesagt, dass sie mich einmal genauer anschauen sollen. Daraufhin hat mich mein Vater jeden Mittwoch nach Wien zum Training mit den Junioren geführt. Damals haben dort der Gröss Hansl und der Kienast Reini gespielt. Irgendwann habe ich mich mit meinem Vater zusammengesetzt, weil mich Rapid bzw. der damalige Junioren-Trainer „Sepp“ Pecanka, der mit Hans Krankl viele Einzeltrainings absolviert hat, haben wollten. Nach 20 Minuten hat er damals ein Match unterbrochen, mich herausgefischt und gefragt: „Wer bist denn Du?“ Das habe ich ihm dann gesagt! (lacht) Ich bin ihm jedenfalls positiv aufgefallen. Es war halt so, dass mich zu ungefähr dieser Zeit Sportclub-Trainer Erich Hof in Vösendorf beobachtet hat. Rapid hat zwar Interesse an mir bekundet, aber der Sportclub war mehr dahinter. Man hat mir angeboten, dass ich über die U-21 schnellstmöglich in die Kampfmannschaft integriert werde. Bei Rapid wäre alles viel schwieriger gewesen. Mein Vater und ich haben herumdiskutiert, denn eines war klar – 1978 wollte ich wechseln und den nächsten Schritt machen. In Vösendorf haben mir einige Leute diesen Riesensprung in die Bundesliga nicht zugetraut. Die Strategie, die ich mit einem Vater ein Jahr zuvor entwickelt habe, hat einen Wechsel aber unbedingt vorgesehen. In Vösendorf haben wir nur am Dienstag und am Donnerstag trainiert. Mein Vater hat am Montag und Mittwoch, manchmal auch am Freitag zusätzliche Trainingseinheiten eingebaut. Ich habe sogar einen Plan von Gunnar Prokop bekommen, den mein Vater beinhart durchgezogen hat. Alles, damit ich körperlich nicht abfalle! In Hennersdorf bei der Firma Wienerberger habe ich Steigerungsläufe den Berg hinauf gemacht. Ein Wahnsinn! (lacht) Und es hat gefruchtet! Gegangen bin ich letztlich zum Sportclub, was keine Entscheidung gegen Rapid war, sondern für meine Entwicklung. Heute kann ich sagen, dass der Plan voll aufgegangen ist!

Gleich in Deiner ersten von fünf Sportclub-Saisonen seid Ihr (u.a. Hof, Drabits, Starek, Martinez) Vizemeister geworden. Im vorletzten Spiel der Saison hast Du gegen Rapid das 1:0 geschossen, das Endresultat von 1:1 wurde danach mit 3:0 zu Euren Gunsten strafverifiziert, weil Rapid drei Legionäre eingesetzt hatte. Kannst Du Dich noch an dieses Spiel erinnern? Hatten Tore gegen Rapid eine spezielle Bedeutung für Dich?
Es war eine sensationelle Saison. Wir haben sogar Rapid hinter uns gelassen! Im angesprochenen Match hat Rapid Lars Francker als dritten Legionär eingesetzt, was damals noch nicht erlaubt war. Das war ein Regelverstoß, den die Liga sofort mit einem 3:0 für uns geahndet hat. Ich habe dem „Funki“ von der Seite ein Goal gemacht, auf das er mich noch heute anspricht. Er hat das kurze Eck ein wenig aufgemacht, und ich habe voll riskiert und einfach draufgehaut. So haben wir Rapid noch in der Tabelle überholt. In meinem Herzen war ich immer ein Grüner, und eben deswegen war ich in Spielen gegen Rapid immer besonders motiviert, mein Können zu zeigen.

Ich habe es nachrecherchiert! Nach neun Treffern in der ersten hast Du in der zweiten Saison acht Treffer nachgelegt, davon zwei am 15. September 1979 beim 3:0-Sieg gegen Rapid. Warst Du damals ein vielversprechendes Talent oder bereits ein fertiger Spieler?
Ich war in dieser Zeit wirklich super drauf, auch als Torschütze! Dabei war ich immer eher ein Defensivmann, halt mit unübersehbaren Offensiv-Qualitäten. Das war damals schon wertvoll! Heute sagt man „modern“ dazu, wenn ein Defensiver vorne etwas bewegt. Die Zeit beim Sportclub hat mich schon geprägt, stärker gemacht und reifen lassen, aber den letzten Schliff habe ich später bei Rapid bekommen. Ich würde sagen, dass ich ab der Saison 1984/85 die Blüte meines Könnens ausspielen konnte.

Wo lagen vor dem gegnerischen Kasten Deine Stärken? Was für ein Typ linker Flügelspieler warst Du? Gibt es Vergleichsmöglichkeiten mit aktuellen Kickern?
Ich war extrem kopfballstark. Vergleiche sind immer schwer zu ziehen, aber wenn ich heute den Dani Alves von Barcelona anschaue, denke ich mir schon, dass wir das mit mir auf der linken und Leo Lainer auf der rechten Seite damals schon bei Rapid gespielt haben. Man kann über Otto Baric sagen, was man will, aber er hat es perfekt verstanden, die Spieler dort einzusetzen, wo sie das Optimum gebracht haben. Ich selbst habe genau gewusst, wann ich mit nach vor gehe und wann nicht. Das ist die Spielerintelligenz, die man hat oder nicht. Ich habe mich immer als einen Spieler gesehen, der hinten zusammenputzt und dann nach vorne geht, wenn es sich anbietet. Defensive war meine Pflicht, die Offensive die Kür!

In Rapids Meistersaison 1981/82 wurde der Sportclub Siebenter, nur zwei Punkte vor dem letzten Platz. Während die Entwicklung in Hütteldorf bergauf zeigte, ging es in Dornbach eher bergab. Nicht aber bei Dir, wie man an zehn Saisontreffern ablesen kann. Warum bist Du damals nicht gewechselt? Du musst ja ein begehrter Spieler gewesen sein...
Immer mehr Routiniers haben den Sportclub verlassen und kaum ein guter Spieler ist dazugekommen. Peter Pacult, der vom FAC gekommen ist, war eine Ausnahme. Jedenfalls habe ich mich damals noch nicht zu sehr mit einem möglichen Wechsel beschäftigt. Als sehr guter „Linker“ bin ich sicher auf den Einkaufszetteln einiger Klubs gestanden, aber noch konnte ich mich in Dornbach weiterentwickeln. Und das war der entscheidende Faktor für mich, warum ich nicht schon früher weggegangen bin.

Knapp vor Beginn der WM in Spanien hast Du am 19. Mai 1982 in der Nationalmannschaft debütiert, bist beim 1:0-Sieg gegen Dänemark in der 65. Minute eingewechselt worden. Wie enttäuschend war es für Dich, nicht im Kader für die Endrunde zu stehen, aber gleich im ersten Spiel danach (vs Albanien) wieder dabei zu sein? War Dein Treffer zum 5:0-Endstand (einziger Treffer im Team) eine Art Frustbewältigung?
Nein, es war ganz anders, aber ähnlich „tragisch“: Ich habe fix mit einer Spanien-Reise gerechnet. Aber im letzten Spiel der Saison bin ich in Salzburg von Bacher blöd gefoult worden und habe mir dabei mein Knie verletzt. Ich bin zwar ins Trainingslager vor der WM eingezogen, aber die Schmerzen haben einfach nicht aufgehört. Ich habe w.o. geben müssen. Nachdem mich Teamarzt Ossi Schwinger und Primar Huber in Güssing angeschaut haben, war klar, dass ein Band eingerissen war und ich mich zwei, drei Wochen lang schonen muss. Wäre das nicht passiert, wäre ich in Spanien fix mit dabei gewesen. Ganz ehrlich: Damals habe ich geweint vor lauter Enttäuschung! Das Gefühl war ein Wahnsinn. Ich hätte mich zerreißen wollen, konnte aber bei allem Wollen nichts gegen mein Schicksal tun. Nach einer Kur im Sommer habe ich ohne Probleme in die Vorbereitung einsteigen können, aber zur WM-Endrunde ist Gerald Messlender mitgenommen worden. So ist es nie etwas mit einer Weltmeisterschaft geworden. 1986 waren wir nicht dabei, weil Gruppensieger Ungarn im allerletzten Spiel gegen die Niederlande verloren hat. Und vor Italien hat „Hicke“ mich und Heri Weber gestanzt. Er hat auf die Routiniers verzichtet. Beim Rückpass von Toni Pfeffer im entscheidenden Spiel gegen die Tschechoslowaken, habe ich mir ein klein wenig Schadenfreude nicht verkneifen können. (lacht) So ist mir eine Endrunde immer verwehrt geblieben. Aber was soll die heutige Spielergeneration sagen?!

In der Saison 1982/83 gelang Rapid die Titelverteidigung, der Sportclub verharrte im „unteren Mittelmaß“. Hast Du Dich jemals darüber geärgert, nicht gleich zu Rapid gegangen zu sein? Wie hast Du die damalige Rapid-Elf aus der geringen Distanz gesehen?
Nein, geärgert habe ich mich nicht. Der Schritt zum Sportclub war 1978 ideal für meine Entwicklung. Anfang der Achtziger hatte ich aber langsam ein Level erreicht, das für einen besseren Verein als den Sportclub gereicht hat. Ich wusste, dass ich jetzt zum Sprung nach ganz oben ansetzen muss. Es war der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung. Und die beiden Wiener Großklubs waren genau die beiden Anlaufstellen, die meinem Niveau entsprochen haben. Rapid hat sich zu diesem Zeitpunkt wahnsinnig entwickelt, hatte eine Truppe beisammen, wie man sie in Österreich nicht oft spielen hat sehen.

In der Sommerpause bist Du angeblich gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, als Dich Dein Vater darüber informiert hat, dass Du zukünftig bei Rapid spielst. Dabei war eigentlich ein Gespräch mit Austria-Boss Joschi Walter vereinbart.
Eine Nebensache ist, dass Antoni Brzezanczyk, ein ehemaliger Rapid-Trainer, damals den Sportclub gecoacht hat und auf mich angefressen war, weil ich gehen wollte. Jedenfalls bin ich im Mai, während die letzten Runden der Saison noch am Laufen waren, in die Schelleingasse gefahren, weil es eine Anfrage der Austria gegeben hat. Dort haben ich und mein Vater mit dem Joschi Walter und dem Herrn Argauer gesprochen. Bis auf ein paar kleine Punkte sind wir uns einig gewesen, haben aber die Endverhandlungen für die Zeit nach meinem Urlaub angesetzt. Ich komme also nach zwei Wochen Caorle megaentspannt nachhause und war ganz auf die Violetten eingestellt – ich muss es so sagen, wie es war. Als ich meinen Vater auf den Termin bei Herrn Walter angesprochen habe, hat er gemeint, dass wir den nicht mehr brauchen. Ich habe mich nicht ausgekannt! Dann hat mir mein Vater erzählt, dass er während meines Urlaubs Otto Baric bei einem Freundschaftsspiel von Rapid getroffen hat. Als der erfahren hat, dass ich mit der Austria vor einem Abschluss stehe, hat er gesagt: „Stoppen Sie diese Walter!“ Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich niemals in meinem Leben einen Funktionär erlebt habe, der so korrekt war, wie der Herr Walter! Ich habe mit ihm darüber gesprochen, dass meine Familie seit meinem Urgroßvater durch und durch aus Rapidlern besteht und ich auch nicht aus meiner Haut heraus kann. Er war überhaupt nicht auf mich böse. So hat die Austria den „Pepi“ Degeorgi von der Admira an meiner Stelle verpflichtet. Ich selbst hatte beim Verhandeln mit Holzbach und Grassi einige Probleme. Letztlich sind wir zusammengekommen, aber auch nur, weil ich unbedingt wollte.

Die Bilanz Deiner ersten Saison beim SCR liest sich folgendermaßen: Nur wegen der schlechteren Tordifferenz nicht Meister, Cupsieger, im Europacup der Meister nur knapp im Viertelfinale gescheitert. Du selbst hast es auf 28 Spiele und sechs Treffer gebracht. Wie hast Du Dich abseits dieser Erfolge und Zahlen in Hütteldorf gefühlt?
In Hütteldorf haben andere Gesetze geherrscht als beim Sportclub! In Dornbach war ich eine große Nummer, ein „Machatschek“, der Obermeister. Dort konnte ich sagen, was Sache ist. Bei Rapid sind auf einmal ein Weber, ein Krankl und ein Panenka dagestanden. Und der Rest der Bande war auch nicht gerade von schlechten Eltern, die meisten Teamspieler. Ich war immer noch ein guter Kicker, aber die Hierarchie war eine gänzlich andere! Das war am Beginn nicht einfach für mich. Vor allem hatte Otto Baric ein anderes Anforderungsprofil als alle anderen Trainer. Ich musste mehr laufen, während beim Sportclub das Spiel auf mich als Aufbauspieler zugeschnitten war. Ich zitiere eine Spielanweisung von Otto Baric, die er mir vor einem Derby, bei dem ich gegen Ogris gespielt habe, mitgeteilt hat: „Karli, kommen Sie her! Sie müssen gehen in Duelle, müssen laufen auf Flanke, müssen Flanken geben, müssen machen Kopfball und schießen auf Tor!“ Als ich auf die Stürmer und das Mittelfeld verweisen wollte, hat er gesagt: „Schweigen Sie!“ (lacht) Ich musste also machen, was oft eine ganze Mannschaft nicht zusammenbringt. Den pfeilschnellen Teamspieler Andi Ogris abzumontieren, hat ihm nicht gereicht! Ich wollte diese Anweisungen auch erfüllen, was mich sehr unter Druck gesetzt hat. Es war eine ganz andere Welt! Aber genau deswegen war Rapid europaweit gefürchtet. Und schon der Happel hat gesagt, dass diejenigen Spieler die gefährlichsten sind, die von hinten kommen, weil niemand mit ihnen rechnet.
Manchmal bin ich auch auf der Bank gelandet, wobei mir das Nachdenken ganz gut getan hat. Es war jedenfalls eine Riesenumstellung für mich, weil ich nicht immer angespielt worden bin. Anfangs war ich bei Rapid überhaupt nicht akzeptiert! Ein gutes Jahr hat es gebraucht, bis ich meinen Kollegen beweisen konnte, dass ich auch etwas kann. Als dieser Prozess abgeschlossen war, konnte ich endlich voll durchstarten. Genau diese Umstände haben Rapid so stark gemacht. Wir hatten auch ein paar schwache Spiele und ich will unsere damalige Mannschaft nicht zu sehr in den Himmel heben, aber wenn wir mit der damaligen Klasse heute spielen würden, wäre das Hanappi-Stadion zu klein! Damals gab es noch keinen Fanshop, keine PR, nix. Ich bin mit dem Franz Binder vor das Stadion gegangen, wo wir mit seiner Kamera Fotos für die Autogrammkarten gemacht haben. Vor einem Training, so ganz nebenbei! Heute, im Zeitalter eines Andy Marek, kann man sich so etwas Unorganisiertes gar nicht mehr vorstellen.

1984/85 seid Ihr wieder Vize geworden, habt erneut den Cupsieg geholt, aber alles wurde vom Finallauf Richtung Rotterdam überstrahlt. Was waren Deine persönlichen Europacup-Highlights? Wie hat es sich angefühlt, in großteils vollen Stadien Mini-Wunder zu vollbringen?
Es war unglaublich! Wir sind gegen Wahnsinns-Teams weitergekommen und haben nur Everton nicht gepackt, die in England 1984 den FA-Cup und 1985 den Meistertitel geholt haben. Hallo! Dazu muss man auch sagen, dass uns im Finale mit Panenka, Brucic und Willfurth drei Granaten gefehlt haben. Das war fast die komplette Stammformation im Mittelfeld! Das hat uns mental sicher geschwächt. Im Unterbewusstsein haben wir vielleicht nicht mehr so daran geglaubt, die Sensation schaffen zu können, und ein Fußballspiel wird zu einem Großteil im Kopf gewonnen. Ich wäre gerne mit diesen drei Spielern noch einmal gegen Everton angetreten. Sei's drum! Mein persönliches Highlight war jedenfalls das Wiederholungsspiel gegen Celtic in Old Trafford. Die Anfahrt zum Stadion im Bus war schon der helle Wahnsinn! Es waren Zustände, die einer UEFA nicht würdig waren. Auch das Spiel in Glasgow war absolut jenseitig. Ich war selber ein harter Spieler, aber was dort passiert ist, war eine Schweinerei! Ich hatte nach diesem Match ein dickes Knie wie noch nie, dem Brucic sind sie auf den Schädel gestiegen und noch mehr. Meine beiden herausragenden Spiele waren das 1:0 in Old Trafford und das 5:0 gegen Dynamo Dresden. Als wir in Old Trafford rausgegangen sind, habe ich mich gefühlt wie ein Gladiator im alten Rom. 60.000 waren gegen uns, Gänsehaut pur! So ist das heutzutage – die Kicker sind die modernen Gladiatoren, nur dass sie mit einer Wuchtel statt mit einem Schwert kämpfen. Mir hat das getaugt, ich habe das gebraucht. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass mein Idol Bobby Charlton die Partie in Old Trafford co-kommentiert und mich als „very good player“ bezeichnet hat! Für mich eine persönliche Genugtuung. Ich habe damals den „Sechser“, den Abräumer, gespielt. Beim Krone -Titelbild vom Tag danach mache ich gerade einen Fallrückzieher. Leider habe ich meine Dress von dieser Partie verschenkt. Ein richtiger Rapid-Fan begeht für so ein Trikot einen Mord! (lacht) Es war ja das einzige Mal, dass wir komplett in Rot aufgelaufen sind. In den wirklich wichtigen Spielen konnte unsere Mannschaft fast immer eine Bombenleistung abrufen. Wie auch zum Beispiel „Funki“ Feurer, der meiner Meinung nach in Manchester eindeutig das Spiel seines Lebens abgeliefert hat. Heutzutage haben viele Kicker das Talent, die Physis hat sowieso fast jeder, aber da oben in der Zentrale (tippt sich auf die Stirn) entscheidet sich, ob du bereit bist für das allerhöchste Level. Wir konnten das, wir hatten die mentale Stärke! Im Charterflieger nachhause hat der Gröss Hansl, ein begnadeter Immitator, via Piloten-Mikro von Baric über Kirchschläger alle nachgemacht. Der Heimflug war sensationell, ein absolutes Highlight meines Lebens, das ich nie vergessen werde. Die wenigen Fans, die in Old Trafford waren, waren auch im Flieger mit dabei. Und der hat anständig gewackelt, so intensiv haben wir gefeiert! Sportlich war das der Höhepunkt schlechthin. Schade, dass wir nicht bezahlt bekommen haben, was heute üblich ist. Dann müsste ich heute nicht mehr hackeln gehen! (lacht) Für das Europacup-Finale habe ich 3.500 Euro bekommen, aber Bosman ist für mich halt zu spät gekommen.

Am Ende der Saison hast Du den Cupsieg für Rapid mit dem letzten Treffer im Elferschießen fixiert. Wie hast Du Dich Sekunden vor dem Penalty gefühlt?
Ja, das 3:3 nach Verlängerung – ein legendäres Spiel! Beim Elferschießen war ich gar nicht unter den ersten fünf Schützen, weil wir so viele gute Leute in der Mannschaft hatten. Nach dem ersten Durchgang ist es 5:5 gestanden, alle hatten getroffen. Weiter ging es im K.O.-System! Während sich ein paar meiner Kollegen versteckt haben, war es mir eigentlich wurscht. Erstens habe ich beim Sportclub auch Elfer geschossen, zweitens habe ich gewusst, dass ich als Zweiter einen Vorteil habe. Ich habe mir gedacht, dass ich ohne Druck schießen kann, wenn ihn der Türmer für die Austria verhaut. Und wenn er ihn verwandelt hätte, hätte ich ihn sowieso reinhauen müssen. Als er dann tatsächlich den Konsel mitten auf's Tor angeschossen hat, war ich mir ganz sicher, dass ich meinen Versuch versenken werde. Aber ich habe auch gewusst, dass Franz Wohlfahrt vom Team her meine Ecke kennt. Kurz habe ich mir überlegt, dass er genau deswegen damit spekuliert, dass ich ins andere Eck schieße. Letztlich hat er die Ecke erraten, aber mein Schuss war zu genau und zu scharf. Als die Wuchtel im Netz war und ich unter meinen Mitspielern begraben war, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ein herrliches Gefühl, noch dazu gegen den Erzrivalen! In Wien war ich dann für ein paar Wochen der King. Und das Spiel ist heute noch ein Klassiker!

Wer waren eigentlich Deine besten Kumpels bei Rapid?
Michael Konsel war mein Zimmerkollege. Am meisten gemacht habe ich aber mit Hermann Stadler, Leo Lainer und Gerry Willfurth.

Und zu welchem Zeitpunkt hat Dir Hans Krankl den Spitznamen „Highlander“ verpasst?
Erst, als er Rapid-Trainer war in der Saison 1989/90. „Es kann nur einen geben!“, hat er gesagt. (lacht)

Mit der Zeit bist Du öfters in der Defensive eingesetzt worden, worunter Deine Torbilanz kaum gelitten hat. Meistens auf der linken Seite, manchmal auch im Zentrum des Mittelfelds. Auf welcher Position hast Du Dich am wohlsten gefühlt?
Als Sechser mit Offensivdrang! In etwa so, wie es Didi Kühbauer später gespielt hat. Ich hatte auch nie ein Problem, auf der linken Seite zu spielen, wo mein eigentliches Zuhause war. Dort ist es aber schwieriger, weil man längere Wege und vor allem die Linie hat. Zentral geht es in jede Richtung, aber an der Flanke nur nach innen oder geradeaus.

Wie war es für Dich, im Hanappi-Stadion zu spielen?
Wir waren eine Macht! Gut, von den Zuschauern her war es nur bei internationalen Matches und Derbys gegen die Austria befriedigend. Aber bei uns haben sich renommierte Mannschaften in die Hosen gemacht! Und gegen Teams wie den GAK und Konsorten haben wir vor dem Spiel nur darüber gesprochen, wie hoch der Sieg ausfallen wird.

1985/86 hat Euch die Austria die zwei nationalen Titel weggeschnappt und im Europacup gab es ein ernüchterndes Viertelfinal-Aus gegen Dynamo Kiew. Wärst Du bei der Austria gelandet, wärst Du zu diesem Zeitpunkt bereits dreifacher Meister gewesen. Hattest Du diesen Gedanken auch manchmal?
Nein. Du musst mir glauben, dass ich gewusst habe, dass ich mit Rapid noch Meister werde! Ohne die eine Strafverifizierung wegen dem Einsatz von Petar Brucic, der eigentlich gesperrt gewesen ist, wären wir 1986 schon Meister geworden. Ich habe die Ruhe und Gelassenheit in diesem Punkt nie verloren. Dass ich mit Rapid Meister werde, ist für mich immer außer Diskussion gestanden. Außerdem habe ich den letztlich nicht gewonnenen Titel 1986 immer als gewonnene Meisterschaft dazugezählt, weil wir es sportlich auch geworden sind. Ein Sekretär, dessen Namen ich nicht mehr weiß (Hartl, Anm.) , hat die Brucic-Sperre verschlafen. Und „Pero“ hat es auch nicht mehr gewusst. Normalerweise gibt es das ja nicht! Offiziell war es zwar nicht so, aber rein sportlich gesehen sind wir damals schon Meister geworden. Es hilft ja nichts! Mag man mich für deppert erklären, aber für mich war und ist es so!

Kannst Du Otto Baric und Vlatko Markovic, der seinen Landsmann in der eben angesprochenen Spielzeit ersetzte, miteinander vergleichen?
Es waren zwei grundlegend verschiedene Typen. Baric war ein Trainer, der die Medien, die Öffentlichkeit und die Emotionen gesucht hat. Markovic war vom Fachwissen her vielleicht sogar der Bessere, aber viel ruhiger. Baric hat eine Mannschaft vorgefunden, die eigentlich von alleine gespielt hat. Jeder hat gewusst, was er spielen muss. Trotzdem hat er uns natürlich irrsinnig gut auf unsere Gegner einstellen können! Vor allem auch bei Standardsituationen – das war seine große Kunst.

Neun Länderspiele hast Du zwischen 1985 und 1986 in Serie absolviert, aber genau beim legendären 4:1 gegen Deutschland zur Eröffnung des Prater-Stadions warst Du nicht mit von der Partie. Weißt Du noch warum?
Muskeleinriss! Ich war im Stadion, konnte mich aber nicht einmal auf die Bank setzen. Es war schon bitter, weil ich damals fixer Bestandteil des Nationalteams war. Ich habe aber immer wieder pausieren müssen, wegen kleinerer Muskelverletzungen. Deswegen habe ich auch meine Ernährung umgestellt. So waren es 21 Länderspiele, anstatt gut 40, die ich absolvieren hätte können.

1986/87 hat es dann nach dem Supercup- und Cupsieg endlich auch mit der Meisterschaft geklappt, und zwar in einem fast schon kriminell spannenden Finish! Wie hast Du das Letztrundenspiel gegen den Sportclub in Erinnerung?
Eigenartig habe ich es in Erinnerung! 6.000 Leute waren im Hanappi-Stadion, als wir Meister geworden sind. Unglaublich, wenn man das mit den aktuellen Zahlen vergleicht! Schon klar, dass wir damals auf Schützenhilfe von Sturm angewiesen waren, aber die Anhänger hätten eigentlich das Stadion stürmen müssen. Ich selbst war am 2:1 durch Reinhard Kienast beteiligt, der meinen Vorstoß über die linke Seite abgeschlossen hat. Für mich war es letztlich unerwartet, weil die Austria immer für einen Sieg bei Sturm gut war. Andererseits: Garantie auf einen vollen Erfolg in Graz hatten sie nicht. Die haben nicht einmal wir gehabt.

Apropos Thriller: In der ersten Runde des Europacups der Cupsiegers hast Du beim legendären 4:3-Sieg gegen den FC Brügge Dein einziges Europacuptor geschossen. Wie erinnerst Du Dich an dieses K.O.-Duell, das ja beim Rückspiel (3:3) ebenso nervenzerfetzend weiterging?
Ich habe nach einem Corner die 2:1-Führung geköpfelt und mich dabei gegen einen gewissen Jan Ceulemans durchgesetzt. In Brügge war es ein Krimi. Wir haben offensiv viel riskiert und waren dafür hinten anfälliger. Wir sind aber nicht mit dem Wunschresultat 0:0 nach Belgien geflogen. „Wer ist Brügge?!“ haben wir uns gesagt. Es war das Spiel des Sulejman Halilovic. Auch wenn er es nicht oft genug ausspielen hat können, war er meiner Meinung nach einer der stärksten Legionäre, die Rapid je gehabt hat! Beim zweiten Mal Brügge drei Jahre später war ich auch dabei. Da war es genau dasselbe.

1987/88 gelang erneut der Meistertitel, diesmal recht klar. War zu diesem Zeitpunkt trotz aller Euphorie schon absehbar, dass Rapid bald eine Talfahrt starten würde?
Es hat sich abgezeichnet. Leo Lainer ist damals schon zum FC Tirol weggegangen. Eine Saison später kam es tatsächlich zur angekündigten Umstrukturierung. Weber, Garger und Willfurth sind allesamt nach Salzburg. Solche Spieler kann man nicht gleich ersetzen! Mit Heraf, Herzog, Schöttel, Pecl und Franz Weber ist eine Super-Partie nachgekommen. Aber es hat insgesamt wahrscheinlich die Routine gefehlt, um ganz vorne mitspielen zu können. Sich im Hütteldorfer Umfeld zu integrieren, war auch nicht ganz so einfach. Dabei: Die Namen waren ja ein Wahnsinn – Keglevits, Kranjcar, Fjörtoft, Pfeifenberger, Reisinger. Aber wir konnten die vorhandene Qualität nicht in Titel ummünzen.

Nach einem enttäuschenden vierten Rang in der Spielzeit 1988/89 übernahm Hans Krankl den Trainerposten. War er Deiner Meinung nach der Richtige, um einen Mannschaftsumbau vorzunehmen?
Nicht in dieser Situation! Ich war mit Hans immer auf leiwand, aber für mich hat er trotz all seines Knowhows als Spieler nicht die Routine als Trainer gehabt. Als Trainer kann ich das sagen: Spieler- und Trainerkarriere sind zwei verschiedene Paar Schuhe! Zwei, drei Jahre später wäre ein Krankl für Rapid ideal gewesen. Er hätte vorher die Admira trainieren sollen und danach die Rapid, nicht umgekehrt.

Im Winter 1990/91 bist Du zu Stahl Linz gewechselt, wo Du dank eines starken Frühjahrs prompt in die Bundesliga aufsteigen konntest. Was waren die Gründe für diesen Wechsel?
Man hat damals bei Rapid weiter verjüngt. Recht war es mir nicht, aber ich habe es akzeptiert. Für die Rolle als Edeljoker war ich mir zu schade, auch bei Rapid! Außerdem war das eine super Truppe in Linz.

Bei Deinem ersten Spiel gegen Rapid nach Deinem Wechsel gelang Dir am 24. August 1991 im Hanappi-Stadion der 1:0-Siegtreffer für Stahl Linz. Hast Du Genugtuung verspürt?
Schon. Reinmayr hat mir den Ball zugespielt und ich habe die Situation am schnellsten überrissen. Weil ich die Qualitäten von Michi Konsel beim Herauslaufen gekannt habe, habe ich ihn überhoben und der Ball hat genau gepasst. Damals hat man es sicher bereut, dass man mich hat gehen lassen. Und es war ja ein historischer Sieg, weil Stahl Linz außer bei diesem einen Mal nie in Hütteldorf gewinnen konnte. Schadenfreude war aber keine dabei!

In der darauffolgenden Saison bist Du wieder zurück nach Hütteldorf gegangen.
Bei Rapid hat es eigentlich geheißen „They never come back!“, wie bei Muhammed Ali. Ein paar Kicker haben es aber doch geschafft, und einer davon war ich. Nach dem Aufstieg in die Bundesliga hat mich Stahl zum zweiten Mal von Rapid ausgeliehen. Ein drittes Mal wäre nach der abgelaufenen Spielzeit nicht gegangen und ein Kauf war Linz angesichts meines Alters zu teuer. Deswegen bin ich zurück nach Hütteldorf, weil ich ja immer noch Rapid-Spieler war. Christian Janitsch war damals Manager bei Rapid. Als er mich gesehen hat, wusste er nicht einmal, dass ich noch Rapid gehöre. Ein Wahnsinn! (lacht) Jedenfalls habe ich etwas vorgelegt bekommen, das inakzeptabel war. Also habe ich mich bei der U-21 fit gehalten. Der „Gustl“ Starek hat das gar nicht gewusst! Als er mich in der U-21 gesehen hat, hat er gelaubt, dass er träumt! Am nächsten Tagt habe ich schon mit der Ersten trainiert, aber einsetzbar war ich noch immer nicht, weil ich mich mit Helmut Böhmert nicht auf mein Gehalt einigen konnte. Als Franz Resch, der auf meiner Position gespielt hat, beim Rückspiel gegen Dynamo Kiew einen Elfer verschuldet hat und Rapid ausgeschieden ist, ist dem „Gustl“ der Kragen geplatzt. Er ist hin zum Böhmert und hat gesagt, dass sie mir zahlen sollen, was ich will, weil das ohnehin nicht wahnsinnig viel sein kann. Gegen die Admira habe ich ein fulminantes Comeback abgeliefert und die Leute haben vor Begeisterung geschrien. Nach dem Match hat Heinz Holzbach gesagt: „Karli, es ist so schön, dass Du endlich wieder da bist!“ Er war richtig sentimental. Und Rapid hat damals tatsächlich jemanden gebraucht, der an die guten alten Tage erinnert. Ich habe meine Rolle als Identifikationsfigur sehr gut erfüllt und teilweise sensationelle Partien abgeliefert. Viele haben gedacht, dass ich schon zu alt bin. Aber dem war nicht so!

In den beiden darauffolgenden Saisonen unter August Starek und Hubert Baumgartner wechselten sich geniale Matches mit katastrophalen Spielen ab. War mangelnde Konstanz das Hauptproblem der Mannschaft? Oder war es der drohende Untergang des Rekordmeisters?
Die Auszahlungen der Gehälter haben sich immer weiter verzögert. 1993/94 haben wir oft monatelang darauf warten müssen. Der Zwangsausgleich war ja ein offenes Geheimnis. Unter solchen Umständen kann man keine konzentrierten Spitzenleistungen abliefern. Das finanzielle Getöse hat alles überlagert.

Ganz kurze Zeit hast Du noch unter Ernst Dokupil gespielt. Doch anstatt an der Comeback-Saison 1994/95 mitzuwirken, bist Du nach Mödling gegangen. Warum? Warst Du „Dok“ zu alt?
Nein. Er hätte mich gerne als Routinier weiterbehalten. Ich hatte damals aber schon meine Aufnahme in die Pensionsversicherungsanstalt in der Tasche und konnte nicht mehr auf absolutem Profi-Niveau trainieren. Dokupil hat selbst bei der PVA gearbeitet und Verständnis für meine Situation gehabt. Also bin ich zum VfB Mödling gegangen und immerhin in der Bundesliga geblieben. Es war die letzte von insgesamt 17 Saisonen in der höchsten Spielklasse!

Während Rapid Cupsieger wurde, musste der VfB absteigen, auch wegen vier Niederlagen gegen Deinen Stammverein. Konntest Du Dich trotz des Abstiegs über die grünweiße Wiedergeburt mitfreuen?
Das in Mödling konnte ja fast nichts werden. Zwei Wochen vor Saisonbeginn waren elf Kicker im Kader! Für mich war es ein Quantensprung nach unten. Es war praktisch ein Auslaufjahr, bevor ich noch ein paar Saisonen in der Regionalliga angehängt habe. Und eines ist ganz klar – mit Rapid freue ich mich zu jeder Zeit, wenn es dem Verein gut geht!

Mit einer Saison in Sigleß und zwei in Klingenbach hast Du Deine Karriere in der Regionalliga Ost ausklingen lassen. Wie war die „Rückkehr“ zum niederklassigen Fußball?
Ich habe mir gesagt, dass ich – wenn ich auf Amateur-Niveau weiterspiele – nicht weiter als in die Regionalliga hinuntergehe. Dort konnte ich noch etwas bewirken. In die Landesliga wäre ich nicht gegangen, weil mir dort das Niveau gefehlt hätte. Zu einem Spiel in Klingenbach ist sogar der Fanclub Atzgersdorf mit Transparenten gekommen und hat mich angefeuert. Das war eine Riesenehre für mich! 1997 hatte ich eine schwere Schulterverletzung. Nach fünf Monaten Pause bin ich wieder ins Training eingestiegen und hatte bald darauf eine Zerrung. Ich habe dann Spielertrainer Hans Dihanich gesagt, dass ich schön langsam aufhöre. Ein paar sporadische Einsätze hatte ich noch, dann war es aber aus.

Ab wann hast Du im BNZ Südstadt begonnen.
Ja, gleich darauf im Sommer 1998. Zuerst war ich Jugendtrainer, und nach einem Jahr habe ich die Leitung des BNZ übernommen.

Du hast Erwin Hoffer entdeckt und ihm seinen Spitznamen „Jimmy“ verpasst. Wie war er als Jungfußballer? Warum „Jimmy“?
Die einzige Wahrheit ist: Mit dem 86er-Jahrgang habe ich Anfang des Jahrtausends den Erwin Hoffer bekommen. Wendig, schnell, Zug auf's Tor, wie ein Killer – er ist mir gleich aufgefallen. Und weil damals gerade ein Hollywood-Streifen mit Bruce Willis („Keine halben Sachen“, Anm.) gelaufen ist, in dem er einen Killer namens Jimmy „Die Tulpe“ Tudeski verkörpert hat, habe ich Erwin den Spitznamen „Jimmy“ gegeben. Dass es einen amerikanischen Gewerkschaftsführer namens Jimmy Hoffa gegeben hat, hat damit überhaupt nichts zu tun und ist reiner Zufall! Den Killerinstinkt hat er wirklich immer schon gehabt! Und sobald seine Kollegen meine Umbenennung mitbekommen haben, ist er diesen Namen nicht mehr losgeworden. Man muss wissen, dass ich ein Cineast bin und mir viele Filme anschaue. In den Bereichen Kino und Musik kenne ich mich echt aus! Das habe ich mir seinerzeit schon mit dem Hans (Krankl, Anm.) geteilt, genauso wie den Spleen für Italien und Mode.

2006 bist Du zum 1. Simmeringer FC gegangen. Ab 2008 warst Du Cheftrainer und hast 2009 die Meisterschaft in der Oberliga A gewonnen und bist in die Wiener Stadtliga aufgestiegen. Warum hast Du Deine Tätigkeit trotz des in der nachfolgenden Saison damals aktuellen zweiten Tabellenplatzes beendet?
Zur U-15 bin ich schon im Jänner 2005 gegangen. In der PVA arbeiten viele Menschen mit Fußballer-Vergangenheit, und so bin ich zur U-15 von Simmering gekommen. Mir ist das sehr gelegen gekommen, weil ich mich gerade von meiner Zeit bei der Admira erholt habe, wo es mit der Bezahlung am Ende nicht mehr rund gelaufen ist. Nach ein paar Jahren habe ich quasi die Kampfmannschaft von Rapid-Legende Rudolf Flögel übernommen, die damals gerade abgestiegen ist. Der Rudi konnte aber nichts dafür, aber das nur nebenbei. Damals hat man mir den Job unter der Prämisse angeboten, dass wir den Wiederaufstieg sofort schaffen müssen. Wir haben uns geeinigt, obwohl mein Team gut, aber keine Meistermannschaft war. Wir haben dann doch den Titel geholt mit 80 gegenüber 79 Punkten der Wiener Viktoria. Für die Meidlinger war das ein Wahnsinn – 79 Punkte bezahlen, aber nicht aufsteigen! Die Viktoria hatte Ex-Bundesliga-Kicker wie Jovanovic, Hacker und Holub. Ich nur Alen Orman, den ich noch von meiner Zeit bei der Admira gekannt habe. Er war gelernter Außenverteidiger, aber ich habe ihn entgegen der Meinung von ein paar ahnungslosen „Spezialisten“ im Angriff spielen lassen. Richtig bin ich gelegen, denn ohne die vielen Orman-Tore wäre ich nicht Meister geworden! Im zweiten Jahr war ich auch auf Meisterkurs, aber schon wieder gab es – wie bei der Admira – eklatante Probleme bei der Bezahlung. Ich war es müde, die Spieler vom Streiken abzuhalten. Also bin ich gegangen, weil ich nicht irgendwer bin, mit dem man alles machen kann. Schade war es natürlich trotzdem! Doppelmeister – das wäre für mein Renommee als Trainer sehr gut gewesen. So ist meine Karriere etwas ins Stocken geraten.

Du bist jetzt beim FAC tätig, oder? Beschreibe bitte Dein Tätigkeitsfeld.
Ich trainiere die U-16. Ich habe mich aber gerade nach elf Jahren Beziehung getrennt und bin nach Vösendorf zurückgezogen. Da ist mir der FAC eigentlich zu weit entfernt. Vielleicht ergibt sich etwas mit Vösendorf. Das Potential für die Landesliga wäre da und ich könnte sicher etwas bewirken. Viel mehr ist insofern unrealistisch, weil ich im Fall der Fälle karenziert werden müsste. Das geht schon in der Regionalliga los. Natürlich könnte ich mir vorstellen, im Rapid-Nachwuchs zu arbeiten. Bei den Bayern ist es für Uli Hoeneß ganz selbstverständlich, dass im Nachwuchs ausschließlich ehemalige Bayern-Kicker arbeiten, um den Grad an Identifikation möglichst hoch zu halten. Das wäre bei Rapid auch nicht unangebracht. Und von der Ausbildung her gibt es neben mir einige Ex-Rapidler, die sich für solche Aufgaben aufdrängen würden. Schade, dass noch niemand angefragt hat! Vergisst Rapid auf seine Legenden?

In welchem Kontakt stehst Du eigentlich mit Rapid? Verfolgst Du noch Live-Spiele im Hanappi-Stadion?
Ja, genau so ist es. Hin und wieder spiele ich auch mit den Legenden, zuletzt haben wir gegen die Györ-Senioren 4:2 gewonnen. Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr Fußball spielen, weil meine Knie schon so abgenutzt sind. In zehn Jahren werde ich sogar Prothesen brauchen.

Gab es in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten einen Rapidler, der Dich an Dich selbst erinnert hat?
Am ehesten würde ich Didi Kühbauer sagen, vom Typ her. Ich habe auch angeeckt, auch wenn ich besonnener war, als er. Nie aufzugeben, die anderen mitzureißen, am Platz zu sterben – das war auch mein Spielerprofil. Und seine Position hätte ich gerne öfters gespielt. Ich habe ja auch noch mit ihm zusammen gekickt und ihn sehr geschätzt. Solche Typen fehlen Rapid heutzutage, die auch einmal das Maul aufreißen und aufrütteln.

Wie siehst Du die aktuelle Situation in Hütteldorf?
Ich glaube, dass wir Erster sind, ohne zu wissen, wie das passiert ist. Ich wünsche mir sehr, dass Rapid Meister wird. Aber wenn sich die Mannschaft im Vergleich zum Herbst nicht steigert, wird es damit nichts werden.

Interview vom 21.01.2012 (grela)


10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Deine Lieblings-Elf aller Zeiten?

Die Rapid-Mannschaft der Saison 1984/85.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Du je gespielt hast?

Das Camp Nou. Wir waren dort im Rahmen des Joan-Gamper-Turniers. Jede positive Aktion, auch die der Gegner, wurde beklatscht. Da läuft es einem kalt über den Rücken! Eine andere Welt...

Deine größte Niederlage am Fußball-Platz?

Ich habe nie gern verloren! Und so viele Niederlagen hat es nicht gegeben. (lacht) Bei meiner größten Niederlage habe ich nur indirekt damit zu tun gehabt, als die Ungarn Holland in der Quali für die WM-Endrunde in Mexiko gewinnen haben lassen und wir dadurch ausgeschieden sind. Wie der Innenverteidiger beim Gegentor in den Zweikampf gegangen ist, war eine Schweinerei! In puncto Rapid war es eine 1:6-Niederlage am Tivoli im April 1990. Das war eine anständige Watschn!

Rapid ist...
... Kult!

Was fehlt in Deinem Kühlschrank nie?
Ein italienisches Getränk namens Lemon-Soda. Das trinke ich gerne zum Kaffee.

Dein liebster Platz außerhalb von Österreich?
Generell Italien. Triest, Grado etc.

Wohin würdest Du gehen, wenn Du in der Zeit reisen könntest?
Ich wäre gerne ein Ritter im Mittelalter! Als Highlander ganz klar, oder? (lacht)

Eine Marotte?
Ich habe immer außergewöhnliche Mode getragen.

Der beste Kicker, gegen den Du je gespielt hast?

Genial war Mario Kempes!

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Ich nehme einen Österreicher – Niki Lauda. Ihn würde ich sofort in die österreichische Politik schmeißen.