Jan Age Fjörtoft im Gespräch
 

Interview vom 23. November 2009 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Rapid ist meine Jugendliebe!" ein meines Lebens"

Jan Age Fjörtoft wurde am 10. Jänner 1967 in Alesund, an der Westküste Norwegens, geboren. Über seinen Heimat-Verein Gursken AK, IL Hödd und Ham-Kam ging er zu Lilleström, von wo er 1989 zu Rapid, seiner längsten Auslands-Station, wechselte. Dabei musste Fjörtoft sein Probe-Training in Wien verschieben, weil er an seinem geplanten Ankunfts-Tag heiratete. Der 192 cm große Publikums-Liebling erzielte für die Hütteldorfer in 129 Meisterschafts-Spielen 63 Tore, scorte 17-mal im Cup und 5-mal international. Von Wien aus steuerte der Wikinger die britische Insel an, und spielte dort für Swindon Town, den FC Middlesbrough, Sheffield United und den FC Barnsley insgesamt fünf Saisonen. 1998 zog es den Goalgetter zur Frankfurter Eintracht, wo er endgültig zum Kult-Stürmer avancierte – sei es mit legendären Sprüchen oder seinem unvergesslichen Übersteiger-Tor am 29. Mai 1999, das Frankfurt in letzter Minute vor dem Abstieg rettete. Dafür benannten die Franken einen Platz nach ihm und schufen die Page www.danke-jan.de. 2001 kehrte Fjörtoft in seine Heimat zu Stabaek zurück, beendete 2002 bei Lilleström SK seine Karriere und wechselte danach ins Managment des fünffachen Meisters. Fjörtoft absolvierte 71 Länderspiele für Norwegen (20 Tore) und nahm an der WM 1994 in den USA teil.

Der Fjörtoftsche Tor-Jubel ist legendär – mit ausgebreiteten Armen ließ er sich bejubeln, am Rasen kreisend wie ein Flugzeug. Jan Age hinterließ in Österreich aber nicht nur seine Spuren als Torjäger, sondern vor allem auch als extremer Sympathie-Träger, wie auch bei den restlichen Stationen seiner umfangreichen Auslands-Karriere. In Norwegen ist „Herre“ Fjörtoft als Moderator im Fernsehen tätig und betreibt eine eigene Firma; er bezeichnet sich selbst als „Botschafter für den Fußball“. Das Interview führen wir via Telefon, und auch ohne das Angesicht meines Interview-Partners zu sehen, spüre ich die große Anziehungs-Kraft des stürmischen Norwegers. „Fußball und Lächeln – das sind die beiden Weltsprachen“ ist eines der vielen Zitate, die der blonde Kult-Stürmer hinterlassen hat. Ich hoffe auf mehr davon und werde nicht enttäuscht. In fast perfektem Deutsch erzählt der einstige Publikums-Liebling von seinen Erlebnissen der letzten zweieinhalb Jahrzehnte.

Jan Age, vergangenen Freitag wurde das Heimspiel gegen Inter Mailand im Fernsehen wiederholt (Rapid gewann 1990 mit 2:1, Anm.) . Du hast beim Stand von 1:1 ein fragliches Abseits-Tor erzielt. Bei einem Lattenpendler von Dir hatte ich fast einen Herzinfarkt. Wieviel Prozent warst Du damals von der besten Form Deiner Karriere entfernt?
Ich habe mich als Fußballer geändert und weiter entwickelt. Zu Rapid bin ich ja als ein sehr junger und frecher Spieler gekommen. Mit dem Alter wird man dann gescheiter, auch wenn man ein paar Dinge – wie zum Beispiel die Frechheit – etwas verliert. Das Inter-Spiel war wahrscheinlich eines der schönsten Matches, das ich je auf Vereins-Ebene gespielt habe. Normalerweise hätten wir dieses Spiel mit 4:1 oder 5:1 gewinnen müssen. Beim Rückspiel hatten wir ein paar Probleme (lacht) mit dem Schiedsrichter. Insgesamt können wir auf das Auftreten gegen Inter sehr stolz sein. Dass alles eher unkorrekt abgelaufen ist, ist schon eine diplomatische Ausdrucks-Weise. Früher konnte man gegen italienische Mannschaften nicht so leicht gewinnen. Aber zum Glück gibt es diese Bevorzugung durch den Referee heute in dieser Form nicht mehr.

Jan Age, Du bist in der Kleinstadt Alesund geboren. Waren Deine Eltern Seefahrer, Sportler oder etwas ganz anderes?
Ich komme aus einem 800-Seelen-Dorf. Mein Vater war tatsächlich Seefahrer und meine Mutter war zu dieser Zeit Hausfrau.

Wie bist Du von dort in die norwegische Fußball-Welt eingetaucht?
Ich habe immer Fußball gespielt. Dann bin ich mit den Aufgaben immer weiter gewachsen, und als ich 18 Jahre alt war, musste ich von zuhause ausziehen, weil es neue sportliche Herausforderungen gab. Zu dieser Zeit bin ich zu Ham-Kam gegangen.

Der Schwede Henrik Larsson meinte, dass ihn das Beobachten der Premier League via TV ein großes Stück weiter gebracht hat. War das bei Dir auch so? Wenn ja, wer waren Deine Vorbilder (bei Larsson: Kevin Keegan und Ian Rush, Anm.) ?
Das war auch in Norwegen so. Das einzige Spiel, das es damals im norwegischen Fernsehen gab, war das 16-Uhr-Spiel der Premier League am Samstag. So konnte man damals in die große Fußball-Welt eintauchen. Ich habe damals Fußball-Karten gesammelt, die ich heute noch habe. (lacht) Mein favorisiertes Team zu dieser Zeit war Leeds United und mein Lieblings-Spieler der kleine Schotte Billy Bremner – den kennt aber heute niemand mehr. Damals war er der Kapitän von Leeds.

1988 warst Du Torschützen-König in Norwegen. Warum bist Du nicht gleich nach England gewechselt?
Die Situation war damals viel schwieriger als heute. Man bekam nicht so leicht eine Arbeits-Erlaubnis. Vor mir waren nur zwei norwegische Spieler in England engagiert – der eine machte einen Umweg über Deutschland und der andere hat es direkt geschafft. Aber normal war ein Wechsel in die Premier League damals nicht! Als ich 1993 nach England kam, war ich noch immer fast ein Paradies-Vogel, weil es damals kaum Ausländer in der englischen Liga gab. In den 80er-Jahren war es fast keiner, in den 90ern hat sich das dann erst langsam entwickelt.

Wie kam der Kontakt mit Rapid zustande?
Ins Blickfeld von Rapid bin ich gekommen, weil ich im Mai 1989 ein Tor gegen Österreich geschossen habe (4:1-Sieg Norwegens am 31.05.1989 in Oslo, Anm.) . Dann bin ich von einem Vermittler namens Norbert Kraft, ein Linzer, an Hans Krankl weiterempfohlen worden. Mein Verein war gegen ein Probe-Training, aber das war mir scheißegal. (lacht) Ich bin dann hingeflogen und habe ein paar Trainings-Einheiten mitgemacht. Anscheinend habe ich Eindruck gemacht. Ich war damals ja der teuerste Spieler Norwegens überhaupt, dreimal so teuer wie der nächst teuerste! Und der war immerhin Rune Bratseth von Werder Bremen. Umgerechnet habe ich damals knapp 300.000 Euro gekostet.

Die Investition hat sich für Rapid ja gelohnt!
Ja, abgesehen von den Toren habe ich Rapid bei meinem Transfer dann ja auch wieder anständig Kohle eingebracht!

Kennt man Rapid in Norwegen vom Hörensagen?
Ich habe Rapid wegen Hans Krankl gekannt. Damals habe ich alle europäischen Top-Torjäger mitverfolgt. Und der Hans war einer von ihnen.

Wie sehr hat Dir Hans Krankl geholfen ein besserer Stürmer zu werden?
Hans und ich haben ein Vater-Sohn-Verhältnis gehabt. Am einen Tag haben wir uns sehr lieb gehabt, und am anderen war er böse auf mich. Aber irgendwie haben wir zueinander gefunden, und ich habe ihm sehr viel zu verdanken. Er hat mir den Profi-Fußball näher gebracht. Und es war natürlich ein Glück, dass ich als Stürmer einen Torjäger als Trainer gehabt habe. Natürlich hat er mich weiter gebracht. Wir sind auch weiter in Kontakt und ich freue mich immer, ihn wiederzusehen.

Nach 29 Spielminuten hast Du gleich Dein erstes Tor für Rapid (das 2:0 beim 3:0 vs St. Pölten, Anm.) erzielt. Hat Dir dieser perfekte Einstand gleich den richtigen Schwung gegeben?

Ich glaube schon. Weil bei meiner nächsten Station nach Rapid, bei Swindon Town, war ich bei meinem Debüt halb verletzt und habe ziemlich lange auf mein erstes Tor warten müssen. Wenn der Knopf einmal aufgegangen ist, dann ist das für einen Stürmer wie eine Erlösung. Meine ersten Tage bei Rapid waren sehr hektisch – der Hans hat mir vor dem Spiel ein paar Wörter auf Wienerisch gesagt, und ich habe kein Wort verstanden! Dass ich dann das Tor gemacht habe, war für mich wunderschön.

Wer war Dein bester Freund in Deiner Zeit bei der Rapid?
Das waren eigentlich mehrere, eine ganze Clique. Der, mit dem ich jetzt den besten Kontakt habe, mit dem haben wir uns damals immer gestritten – Andi Herzog. (lacht) Wir waren beide sehr ehrgeizig und wollten immer den Ball haben. Das hat dann für gesunde Konflikte gesorgt. Mit ihm bin ich jetzt unregelmäßig in Kontakt, weil sich das durch unsere gemeinsame Zeit in der Deutschen Bundesliga so ergeben hat. Zlatko Kranjcar hat sich um mich jüngeren Spieler sehr gut gekümmert. Ich war damals auch Babysitter für Niko Kranjcar. Wenn ich jetzt sehe, was er in der Premier League macht, merke ich, dass ich auch alt geworden bin.

1989 warst Du „Österreichs Fußballer des Jahres“. Hat Dich dieser Titel darüber hinweg getröstet, dass Du mit Rapid nie besser als Dritter warst, keinen Titel geholt hast?
Ja, ich habe ja immerhin drei Pokal-Finali mit Rapid verloren und bin in der Meisterschaft nie besser als Dritter gewesen. Wir waren einfach nicht konstant genug. Gegen die Austria haben wir die Derbys 4:1, 5:2 und 6:3 gewonnen. Aber während die Austria konstanter war und auch Tirol mit Happel sehr stark war, haben wir unsere Leistungen nicht immer bestätigen können. Egal – für mich bleibt Rapid immer die ewige Jugendliebe! Egal, wo ich als Profi auch gerade gespielt habe – die schönen Gedanken an Rapid haben mich überallhin begleitet. Ich bin Mal sehr lange nicht in Wien gewesen und habe dann Rapid besucht. Der Ordner hat mich sofort mit „Herr Fjörtoft“ willkommen geheißen. Meine zwei Koffer habe ich beim Johnny (Ramhapp, Rapid-Zeugwart, Anm.) untergebracht. Das war alles so, als ob ich nie weg gewesen wäre!

Hast Du nach ein paar Saisonen bei Rapid gespürt, dass es in Hütteldorf bald mächtig krachen wird?
Geld-Probleme gab es ja schon in der Zeit, in der ich gekommen bin. Im ersten Jahr wollten die Queens Park Rangers mich und den Andi Herzog um viel Geld kaufen. Wir wären also fast gemeinsam in der Premier League gelandet! Trevor Francis war damals dort Trainer und hat uns sechs- oder siebenmal beobachtet. Ich habe mit ihm sogar im V.I.P.-Klub gesprochen. Aber Francis wurde dann gefeuert und der Deal ist ins Wasser gefallen. Später war es dann einfach so, dass ich gespürt habe, dass ich mich meiner Entwicklung wegen verändern muss. Die Mannschaft war wieder im Umbruch, und so hat es sich dann ganz gut ergeben mit meinem Wechsel. Finanz-Probleme gab es im Fußball aber immer und wird es auch in Zukunft immer geben.

Bei all den schönen Erinnerungen – kannst Du Dich noch an den 6. Dezember 1989 erinnern (verschossener Elfer in der Nebelsuppe von Lüttich, Anm.)? Wie war das Spiel, die Situation selbst und die Stunden und Tage danach?
Ich habe den Anschluss-Treffer erzielt und beim Elfer gab es dann ein irrsinniges Gerangel um den Ball. Ich habe den Elfer dann geschossen, leider sehr schlecht. Das ist zwar die bitterste Erinnerung, aber es hat auch eine der schönsten Erinnerungen bewirkt. Vor der Winterpause hatten wir nach dem Ausscheiden in Lüttich noch ein Cup-Spiel gegen den FAC (Jan Age schoss zwei Tore beim 4:0-Sieg, Anm.) . Ich war sehr gespannt, wie die Rapid-Fans reagieren würden. Ich bin dann zum Stadion gekommen und sie haben minutenlang meinen Namen gerufen. So ist eine der schlimmsten Erinnerungen in eine der schönsten Erinnerungen umgewandelt worden! Und als Andreas Herzog sein 100. Länderspiel gegen Norwegen gespielt hat, haben die Fans wieder meinen Namen gerufen, was für mich als Fernseh-Kommentator eine sehr große Ehre war. Die Rapid-Fans und ich, wir sind offenbar eine sehr gute Mischung!

Nach vier Saisonen bei der Rapid bist Du dann nach England gewechselt und hast in fünf Jahren bei vier Vereinen gespielt. Wo hast Du Dich am wohlsten gefühlt?
Ich habe mich in England ganz allgemein wohl gefühlt! Das war für mich immer das Fußball-Land schlechthin, für mich die Liga meiner Träume. Und plötzlich habe ich gegen die Mannschaften gespielt, die ich schon als Kind im Fernsehen beobachtet habe. Der Grund dafür, dass ich in England bei so vielen Vereinen gespielt habe, war der, dass in England ständig Spieler verkauft wurden. Zuerst war ich bei Swindon in der Premier League und wir sind abgestiegen. Dann kam das Abenteuer in Middlesbrough auf mich zu – mit neuem Stadion und dem sofortigen Aufstieg in die Premier League. Als dann Ravanelli gekauft wurde und mir der Trainer erklärte, dass er nur mit einem Stürmer spielen will, bin ich gegangen. Ich wollte immer Fußball spielen! Ich bin dann zu Sheffield United gegangen, aber wir haben leider das Playoff-Finale verloren. So bin ich dann noch zu Barnsley gewechselt, die damals noch in der Premier League gespielt haben. Ich war dann 31 und habe meiner Frau versprochen, dass ich nicht mehr wechsle. Wenig später war ich in Frankfurt.

Im norwegischen Nationalteam waren seit 1960 mit Tore Andre Flo (23 Tore), Ole Gunnar Solskjaer (23), Steffen Iversen (21) und John Carew (21) nur vier Spieler als Torschützen ähnlich erfolgreich wie Du (20). Bist Du in Norwegen ein National-Held? Ich habe auch gehört, dass Du in Deinem Heimat-Land eher als Querulant verschrien bist.
Es ist so, dass man es oft im Heimatland schwieriger hat. Als sich meine Generation 1993 für die WM qualifiziert hat, da war das die erste Quali nach 1938! Wir waren Zweiter im FIFA-Ranking, haben den norwegischen Fußball in den Griff bekommen. Ich bin sehr froh und stolz, damals ein Teil dieser Mannschaft gewesen zu sein und sie auch 15-mal als Kapitän auf das Feld geführt zu haben. Aber bei aller Beliebtheit – direkt zu sein und die ehrliche Meinung zu sagen, das kommt in Norwegen nicht immer so gut an im Vergleich zu anderen Ländern. Als ich zum Beispiel von Frankfurt weggegangen bin, habe ich ein Interview gegeben, in dem ich sehr kritische Dinge gesagt habe. Im Nachhinein war ich mir sicher, dass ich mir meinen Abschied versaut habe – aber es war umgekehrt! In Norwegen wäre das nicht so gewesen. Aber ich kann damit gut leben, ansonsten dürfte ich nicht hier wohnen.

1994, 1998 und 2000 war Norwegen bei den großen Endrunden mit dabei, dann kam – ähnlich wie bei Österreich – der Einbruch. Wie kam es dazu? Wie wird damit umgegangen? Und gibt es Strategien, um aus dieser Krise herauszufinden?
Wir hatten zwei sehr gute Generationen hintereinander in den 90er-Jahren. Im neuen Jahrtausend gab es dann einen neuen Trainer und die Linie war nicht so klar. Das jetzige Problem muss man wieder mit einer guten Strategie ausmerzen. Jetzt ist wieder der alte Nationaltrainer da und die Schweiz wurde vor einer Woche auswärts geschlagen. Ich hoffe also, dass es wieder aufwärts geht!

Wie war für Dich die Weltmeisterschaft in den USA? Norwegen ist ja denkbar knapp ausgeschieden.
Ein super Erlebnis – das schönste das ein Fussballer erleben kann! Ich bin sehr stolz darauf, bei einer Weltmeisterschaft dabeigewesen zu sein. Aber Du hast es gesagt – wir sind sehr knapp ausgeschieden. Wir waren damals sehr jung und haben uns – meiner Meinung nach – sehr schlecht auf die Hitze dort vorbereitet. Alle Teams haben vier Punkte gehabt und wir mussten nachhause fahren. Das war sehr bitter, aber ich habe das Positive mitgenommen. Außerdem wollte ich mein Standing behalten und habe in der darauf folgenden Saison 28 Tore gemacht. Insgesamt war es eine Riesen-Inspiration für alle!

1998 kam dann der Wechsel zur Eintracht nach Frankfurt, wo Du endgültig zum Kult-Stürmer aufgestiegen bist. Dein Übersteiger-Tor im Abstiegs-Kampf ist heute noch Legende, wird immer wieder im TV gezeigt. Wie hast Du diese Phase, in der Du ja auch in den beiden Runden zuvor mit jeweils einem Tor gegen Schalke und Dortmund den Ruhrpott aufgemischt hast, miterlebt?

Es war wie ein Märchen. Das Lustige ist, dass wir im darauffolgenden Jahr wieder ganz knapp den Verbleib sichern konnten, obwohl die Situation ähnlich aussichtslos war. Für mich war Frankfurt speziell. Ich hatte alles erreicht, was ich wollte. Italien wäre zwar auch noch so ein Traum von mir gewesen, aber das war mir dann auch wieder irgendwie egal. Die Deutsche Bundesliga habe ich in meiner Zeit bei Rapid sehr genau mitverfolgt und wollte immer mal dort spielen, weil dort auf Manndeckung viel Wert gelegt wurde und ich Mann gegen Mann sehr gut war. Ich war fast 32 als ich nach Frankfurt gekommen bin. Damals war es für mich eine Riesen-Freude, einfach nur Fussball zu spielen. Es war ein tolles Erlebnis, wieder vor so vielen Zuschauern zu spielen. Und ich hatte die Lockerheit im Gegensatz zu vielen, viel ernsthafteren Deutschen. Mit dieser Freude habe ich dann auch gut spielen können. Das Übersteiger-Tor war für mich auch typisch als Person – wenn ich die Chance verstolpert hätte, hätte ich wohl nicht mehr nach Frankfurt kommen dürfen. So werde ich jetzt immer dann, wenn es in Deutschland um den Abstieg geht, von Journalisten angerufen und zu damals befragt. Es war wunderschön, alles was sich rund um dieses Tor abgespielt hat. Dadurch habe ich zu Frankfurt auch eine ganz besondere Beziehung!

Danach wurde ein Platz in Frankfurt nach Dir benannt, eine Homepage wurde Dir gewidmet – wie groß war der Rummel um Deine Person?
Die, die Tore schießen, werden immer erkannt, und das ist auch wunderschön so! Ich war immer ein Spieler, der für die Anhänger gespielt hat. Die Fans waren immer ein sehr großer Antrieb für mich, eine Inspiration. Und wenn man sich dann auch noch in die Hauptrolle schießen kann, dann ist das genial.

In Deutschland warst Du aber nicht nur wegen Deiner Tore berühmt, sondern vor allem auch wegen Deiner positiven Ausstrahlung und Deiner berühmt gewordenen Sager. Bist Du ein Entertainer?

Ich glaube schon, auch weil Fußball Entertainment ist. Aber das Ganze hat ja ein anderer Fussballer schon vor mir gemacht – der Toni Polster. Ich habe den Wiener Schmäh schon immer sehr gerne gehabt, und auch in England ist es nicht gerade unlustig hergegangen. Ich hab' mal einen Torwart, Tim Flowers von Blackburn, auf den Mund geküsst, und dieses Foto ist ganz berühmt geworden. Der Torhüter war sehr böse auf mich, und ich habe gesagt, dass er sich beruhigen soll und dass ich ihn direkt auf den Mund küsse, wenn er weiter flucht. Daraufhin hat er dann „Fuck off!“ zu mir gesagt und ich habe ihn direkt auf den Mund geküsst. Und ein Fotograf hatte gute Sicht und hat genau in diesem Moment abgedrückt, worauf das Foto um die Welt gegangen ist. Für mich gehört das dazu. Ich denke immer, auch heute noch, im Bezug zu Fußball an die Worte von Papst Johannes Paul, der gesagt hat: „Von allen unwichtigen Sachen ist Fußball die wichtigste.“ Das deckt sich auch mit meiner Perspektive.

Wie konnte Felix Magath mit Deiner Art?
Das ist eine lustige Geschichte, weil Felix ist zu uns gekommen und hat geglaubt, dass ich ein fauler Hund bin, der zu wenig läuft. Nach ein paar Wochen hat er dann zu mir gesagt, dass ich ihn von allen Spielern am meisten überrascht habe. Er meinte, dass ich wie ein Wahnsinniger laufe und ich habe ihm geantwortet, dass ich das bei so einem Trainer ja gar nicht anders machen kann. Als er zu Frankfurt gekommen ist, hat mir Felix gesagt, dass er auf jüngere Stürmer setzen würde. Ich war damals knapp 33 Jahre alt. Ich habe gesagt: „Gut, aber ich nehme die Herausforderung an. Irgendwann bekomme ich meine Chance.“ Irgendwann habe ich dann tatsächlich meine Chance bekommen und gleich ein Tor gegen Freiburg gemacht. Damals ist der Spruch entstanden, dass ich nur gespielt habe, weil der Busfahrer seine Kickschuhe nicht dabei hatte. Der Felix hat eigentlich einen sehr guten Humor. Und ich habe ihn immer gedutzt und hatte keine Angst vor ihm, weswegen wir auch ein ziemlich gutes Verhältnis miteinander hatten. Wir haben sogar noch Kontakt miteinander!

Warum bist Du nach Norwegen zurückgekehrt, um Deine Karriere in Stabaek und dann in Lilleström ausklingen zu lassen?
Alle haben gesagt, dass es ein Fehler sein würde, noch einmal in Norwegen zu spielen – also musste ich es tun! (lacht) Ich habe zwar in Frankfurt ein Angebot von Nürnberg bekommen, aber dann wollte ich eine Entscheidung für die Familie treffen. Ich war fast zwölf Jahre im Ausland und meine Frau ist überall hin mit mir mitgekommen. Ich konnte ihr das nicht noch einmal antun! Nach Norwegen zurückzugehen und mit dem Fußballspielen aufzuhören war aber auch keine Option für mich. Also habe ich noch ein Jahr bei Stabaek gespielt und dann bei Lilleström eine Saison lang mitgeholfen. Im Nachhinein gesehen war das ein Fehler, aber so ist es halt. Ich war sonst immer glücklich mit meinen Wechsel, aber einmal musste es ja auch schiefgehen.

Als Du Anfang des Jahres als Lilleström-Manager zurückgetreten bist, hattest Du anscheinend eine gute Nase – die Mannschaft wurde in der abgelaufenen Meisterschaft nur Elfter. Was waren die Gründe für Deinen Rückzug?

Lilleström war als Kind immer mein Lieblings-Verein in Norwegen. Deswegen wollte ich dort etwas machen. Als ich die Chance hatte, Sportdirektor zu werden, habe ich sie genutzt. Zuvor war Lilleström drei Saisonen lang Siebenter, mit mir als Manager sind wir dann um den dritten und vierten Rang herum platziert gewesen, haben ein Pokalfinale erreicht und verloren. Im Jahr darauf sind wir dann doch Pokalsieger geworden (2001, Anm.) , und das war der erste Titel für den Verein seit 18 Jahren. Ein Riesen-Erfolg für den Verein! Wenig später bekamen wir Probleme mit dem Trainer, und wenn der Sportdirektor mit dem Trainer ein Problem bekommt, ist es immer schwierig. Dann ist der Trainer gefeuert worden und mir ist der Job als Coach angeboten worden. Das wollte ich aber nicht. Ich habe dann noch die Saison als Sportdirektor beendet, aber meinen Rückzug angekündigt. Wir haben uns vor dem Abstieg gerettet, und auch sonst war die Entscheidung richtig. Ich habe diesen Job viereinhalb Jahre gemacht, und das war schon lange genug. Überraschend war für mich, dass ich der am längsten bei einem Verein arbeitende Sportdirektor Norwegens war.

Du bist auch als Moderator im norwegischen Fernsehen tätig. Wo siehst Du Dich in ein paar Jahren?
Als Sportdirektor, vielleicht. Als Trainer ganz sicher nicht! Ich habe zwar die Ausbildung gemacht, aber nur, um einen besseren Einblick in diesen Job zu haben. Momentan investiere ich 50% meiner Zeit in den Job als Gastgeber beim norwegischen Fernsehen, wenn es um Fußball geht. Die restlichen 50% investiere ich in meine eigene Firma. Momentan bewerben wir uns gerade für die Euro 2016 und wollen die nach Norwegen holen. Ansonsten weiß ich nicht, was passieren wird, ich lasse mich einfach überraschen. Ich reise viel im In- und Ausland und versuche den Fußball zu benützen, um Türen zu öffnen und Leute zueinander zu bringen. Als Fußball-Botschafter lebe ich gerne, so viel steht fest. Das passt einfach zu mir.

Wie schaut Dein aktueller Kontakt nach Österreich und vor allem zu Rapid aus?
Ich wollte mir eigentlich im Dezember ein Spiel von Rapid anschauen, aber dann ist der Job mit der Euro-Bewerbung dazwischengekommen. Mein nächster Wien-Besuch wird sich also noch etwas verzögern. Meine Kontakte nach Österreich sind vorhanden, aber sehr unregelmäßig. Aber das ist ja auch das gute an einer Fussball-Familie – wenn man sich auch lange nicht gesehen hat, ist es trotzdem so, als ob man gestern zum letzten Mal miteinander geredet hätte. Und wir sind alle immer sehr kindisch!

Du hast einmal gesagt: „Einmal komme ich zurück nach Wien. Ich werde Zeit meines Lebens Rapid-Anhänger sein!“ Kannst Du Dir vorstellen, wieder ins Hanappi Stadion zurückzukehren, um dort zu arbeiten?
Sagen wir es so: Von allen Plätzen, an denen ich gearbeitet habe, ist Rapid ein ganz besonderer. Wien ist fantastisch, das muss ich wirklich sagen! Ich empfehle diese Stadt vielen Norwegern, und viele schauen sich die Stadt an, um zu sehen, ob ich Recht gehabt habe. Einmal habe ich mit der Rapid-Führung ganz heftig über ein Engagement gesprochen. Ich bin aber auch deswegen in Lilleström geblieben, um zu zeigen, dass ich über einen längeren Zeitraum an einer Stelle arbeiten kann. Ich bin aber für alles offen und verfolge Rapid sehr genau. Alleine wegen meinem Job beim Fernsehen kann ich das. Ich habe mich sehr gefreut, als sie den HSV geschlagen haben – da haben sie super gespielt! Und ich habe den norwegischen Zuschauern versucht zu erzählen, wie wichtig es für eine österreichische Mannschaft ist, ein deutsches Team zu schlagen. Gegen Hapoel habe ich dann zweimal weggeschaut. Man weiß jedenfalls nie – vielleicht komme ich irgendwann tatsächlich zurück. Länger, meine ich.

Ragnvald Soma ist nach Dir der zweite Norweger bei Rapid und sorgt genauso wie Du für Furore in Hütteldorf. Überrascht Dich das?
Nein, weil er ein sehr guter Fußballer ist. Er ist ein Verteidiger, der sehr kluge Sachen mit dem Ball macht. Mehr hat mich überrascht, dass Rapid gegen den HSV sooo gut war. Wow! Und so gesehen hat ja auch Rage den richtigen Zeitpunkt erwischt, um bei Rapid einzusteigen. Er ist jedenfalls ein Guter. Weil es nicht viele Verteidiger gibt, die auch Fußball spielen können. Und er ist einer von denen!

Norwegens Nationalteam besteht momentan – von Pedersen, Carew, Iversen und Riise abgesehen – aus sehr vielen Spielern, die in der Tippeligaen kicken. Gäbe es dort weitere Spieler, die Rapid weiter helfen könnten und auch nach Wien wechseln würden?
Wir sind in Norwegen wieder dort angelangt, als ich zu Rapid gewechselt bin. Es ist jetzt einfach wieder realistischer, dass Norweger in die kleineren Ligen wechseln als noch vor ein paar Jahren. Und durch die Finanz-Krise sind auch die Preise leistbarer und angemessener.

Wie sieht ein Vergleich aus Deiner Sicht zwischen dem skandinavischen Fußball-System und dem österreichischen hinsichtlich Ausbildung der Jugend, Einbau in die Mannschaften, Ausländer-Beschränkungen etc. aus?
Ich glaube, dass wir in Norwegen viele ähnliche Probleme und Debatten haben wie ihr in Österreich. Ich bin ja sehr beeindruckt, wie gut sich Österreich in letzter Zeit mit seinen Nachwuchs-Teams präsentiert hat. Diese Steigerung hat mir sehr imponiert. Hier in Norwegen gibt es die gleichen Herausforderungen wie in Österreich. Dass man der Jugend eine Chance gibt, anstatt einen billigen Legionär zu kaufen – das ist jetzt hier auch so und das ist gut so. Hoffentlich verlernen diese Länder beim nächsten Hoch nicht, was sie jetzt gelernt haben.

In Norwegen gibt es seit dieser Saison die 16er-Liga, während in Österreich die 10er-Liga als heilige Kuh gilt. Welche Eindrücke hast Du? Was ist besser?
Man hat es für die Jugend gemacht, und weil es viele neue Stadien hier gibt. Die Diskussion ist aber noch lange nicht zu Ende. Nach einem Jahr ist es aber ohnehin zu früh, um eine Bilanz zu ziehen. Für mein Gefühl gibt es aber ca. zwei Mannschaften, die zu schwach für die erste Liga sind.

Ist Dein Sohn Markus auch ein Goalgetter-Talent?
Nein, er ist mehr ein hart arbeitender Mittelfeld-Spieler. Er läuft sehr viel – genau das Gegenteil von mir. Er kommt mehr nach seiner Mutter von der Mentalität her als nach seinem Vater. Nächstes Jahr spielt er in der U16. Dann werde ich ihn auch nach langer Zeit wieder trainieren und wir werden sehen, ob er es schafft.

Wie würdest Du einem Österreicher Norwegen mit wenigen Worten beschreiben?
Gott war immer gut zu uns – er hat uns Fisch gegeben, Öl gegeben, Fjorde gegeben, Berge gegeben. Wir sind also sehr glücklich. Umgekehrt würde ich sagen, dass Österreicher in der Mitte Europas leben und einen wunderbaren Schmäh haben.

Wer ist Deiner Meinung nach der momentan weltbeste Stürmer, welcher Angreifer gefällt Dir am besten?
(denkt nach) In den letzten Jahren war Christiano Ronaldo der beste Spieler für mich. Als reinen Torschützen mag ich Didier Drogba sehr. Deswegen freue ich mich auch so über meinen Job beim TV, weil ich in der Champions und der Europa League immer wunderbare Spiele sehe. Messi und Ibrahimovic habe ich gar nicht genannt. Und es gibt noch so viele andere wunderbare Spieler.

Interview vom 23. 11. 2009 (grela)