Rudi Flögel im Gespräch
 

Interview vom 20. Juli 2009 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

" Rapid war damals das Liverpool von heute!" meines Lebens"

Rudolf Flögels Geburt am 13. Dezember 1939 hatte beeindruckende, fast schon astronomische Zahlen zur Folge, die ihn als Rapidler unvergesslich machen: In 14(!) Saisonen beim SK Rapid erzielte „Rudi“ 194 Pflichtspiel-Tore – 145 in der Meisterschaft, 37 im Cup und weitere zwölf im Europacup. Unter dem dominanten Mitwirken von „Mr. Volley“ holten sich die Hütteldorfer zwischen 1958 und 1972 vier Meistertitel (1960, 1964, 1967, 1968), vier Cup-Siege (1961, 1968, 1969, 1972) und feierten in den verschiedenen internationalen Bewerben beachtliche Erfolge, wie zum Beispiel den Einzug ins Semifinale des Europacups der Meister in der Saison 1960/61! Auch für Österreich war der stürmende Mittelfeld-Spieler zwischen 1960 und 1969 40 Mal im Einsatz und erzielte dabei sechs Treffer. Seine Spieler-Karriere beendete Flögel bei Admira Wr. Neustadt und Simmering, wo er nach dem Wegstellen seiner „Kickpackeln“ auch gleich seine Laufbahn als Trainer startete.

Ich verabrede mich mit dem einst so erfolgreichen Torschützen passenderweise im Goleador . Wir verpassen uns fast, weil Herr Flögel draußen wartet, ich schon drinnen bin. Mit einer halbstündigen Verspätung geht das Interview dann doch noch über die Bühne. Und wie! Die Rapid-Legende steht während des Gesprächs sicher zehn Mal auf, um mit ihrem ganzen Körper zu beschreiben, wie sich bestimmte Situationen der Vergangenheit genau abgespielt haben. Es besteht absolut kein Zweifel, dass Rudi Flögels – ganz auf den Sport ausgerichtete – Lebensweise ihm jetzt im Alter zugute kommt. Der superagile, 69 Jahre alte Wiener ist in einer Top-Verfassung und weiß auch mit einem blendenden Gedächtnis aufzuwarten. Im Rausch der Geschichten, die Herr Flögel lebhaft erzählt, vergesse ich auf seine mitgebrachten Fotos. Die hole ich Tage später im Goleador ab und gebe sie dort auch wieder ab. „Kein Problem“, meint er, „ich bin sowieso bei den Spielen gegen APOP und Kärnten.“ Denn Rudolf Flögel ist eine Rapid-Legende und geht als solche auch auf die Heim-Matches seines (Ex-)Vereins. Weil das so eingeführt wurde.

Gestern habe ich Ihnen beim Liverpool-Match noch zugejubelt. Wie war es, als Legende im Cabrio durch das ausverkaufte Prater-Oval zu fahren?
Eine wirklich schöne Sache für uns alle, die Legenden. Was noch wichtig ist und was, glaube ich, kein Verein sonst hat – das war das Schönste seit ich bei Rapid aufgehört habe: Die Legenden haben jetzt einen gemeinsamen Platz im Stadion, sogar mit Parkschein! Und der „Funki“ Feurer hat die Sponsoren organisiert, damit wir nach dem Spiel etwas essen und trinken können. Jetzt müssen wir nicht irgendwo im Juchee sitzen, sondern können beieinander sein! Da kommt dann halt auch ein jeder gerne. Und wenn's den Andy Marek nicht gibt, passiert das Ganze nicht einmal zur Hälfte! Der ist der wichtigste Mann, der die Stimmung bringt, der sich auskennt. Also ich bin von dem Burschen begeistert. (knurrt anerkennend)

Eigentlich haben Sie in der Nähe der Austria gewohnt. Warum sind sie trotzdem zu Rapid gegangen?
Das war so: Als Bub in der Schule haben wir uns die Match angeschaut und fast alle waren Rapid-Anhänger und haben für die Grünen geschrien. Mir haben aber der Stojaspal und der Huber von der Austria gefallen. Die haben Technik gehabt – den „Eisenbahner-Schmäh“ (Wiener Ausdruck für Übersteiger, Anm.) zum Beispiel. Ich hab' den Trick gleich am nächsten Tag nach der Schule ausprobieren müssen. Weil das waren meine Vorbilder. Ich war Austria-Anhänger! Wegen ihrem Spiel. Weil ich selbst auch eher ein Techniker war. Ich war kein Hühne, habe eigentlich zuwenig Gewicht gehabt, war aber dafür technisch gut und quirlig. Schnell, flink.
Im zweiten Bezirk, wo wir am Tabor gespielt haben, haben sie uns dann zusammengefangen. Wir haben in einer Gassenmannschaft gespielt und waren sehr talentiert. Wir sind damals gleich zu zehnt zu den Knaben vom FC Weißgerber in den dritten Bezirk gegangen. Die Hose ist uns bis über die Knie gegangen! Nach einem Jahr, wo wir nix gewonnen haben, haben wir auf einmal alles geschlagen. Deswegen sind wir zu Turnieren mit Austria, Rapid undsoweiter eingeladen worden. Dort sind wir dann aufgefallen.
Eines Tages bin ich mit einem Freund runter zum Austria-Training. Damals waren dort der – inzwischen leider verstorbene – Herr Werner und der Charly Vogel. Der Platzwart, der Herr Steiner, hat mich auf den „Packlträger“ gesetzt und ist mit mir auf den Platz gefahren. Ich habe den beiden Herren gesagt, dass ich gerne bei der Wiener Austria wäre. Sie haben aber gemeint: „Burli, komm' in zwei Jahren wieder und iss ein paar Knödel.“ Ich bin nachhause gekommen und war verzweifelt, habe geweint. Ich war so unglücklich! Zwei Jahre noch, bis ich zur Austria kann!
Wie's der Teufel haben will, hat im Urlaub der Holzbach (Heinz, damaliger Jugend-Leiter Rapids, Anm.) – der war einer (lacht) von den „schrecklichen Zwillingen“ zusammen mit dem Fritz Grassi – meinen Präsidenten vom FC Weißgerber getroffen. Der hat mich sofort angepriesen und gefragt, was er für mich bekommen kann. Das waren dann hundert Schilling, abgenutzte Fußball-Schuhe und eine alte Garnitur Dressen. (lacht) Kurz drauf haben sie zu mir gemeint, dass ich jetzt bei Rapid spiele. Ich habe mich als Austrianer, der im zweiten Bezirk wohnt, gefragt, was ich in Hütteldorf machen soll?! Das ist ja ein Wahnsinn! Ich bin dann aber nach Baden zu einem Spiel (von „uns“, sagt Flögel, Anm.) gefahren und habe mit dem Lenzinger (Lambert, dreimaliger Meister mit Rapid, Anm.) und ein paar anderen zusammen gespielt. Die waren alle schon viel älter, haben schon in der Kampfmannschaft oder bei den Junioren gespielt und ich war ja nur ein Schüler-Spieler! Jedenfalls meine erste Aktion bei Rapid war (steht auf und stellt dar) – ich habe ausgeschwungen und in den Hintern von meinem Gegenspieler getreten! Dem Holzbach hat das aber nichts ausgemacht. Beim nächsten Mal bin ich dann schon bei der richtigen Partie mit Skocik undsoweiter eingeteilt gewesen. Fünf Jahre war ich bei den Schülern, in der Jugend und bei den Junioren. Zum Fritz Grassi möchte ich noch etwas sagen: Der war und ist noch immer Baumeister und hat in meiner Zeit immer die Jugend unterstützt und ist dann auch Jugend-Beauftragter geworden. Heute ist er noch immer im Rapid-Vorstand und die Leute von damals, wie ich, der Walter Glechner und der Schani Skocik, sind wie seine Kinder. Immer wenn es einem Spieler aus der damaligen Zeit an etwas fehlt, ist er noch derselbe gönnerhafte Mensch wie früher. Kompliment!

Wie war für Sie dieser Eintritt in eine neue Welt?
Wir haben Filme von unseren Vorbildern gesehen und sind richtig ausgebildet geworden. Ich als Austrianer bin dort gesessen und ein Rapidler geworden. Das habe ich bis heute nie bereut! 19 Jahre war ich bei der Rapid. Der Walter Glechner zwanzig, glaube ich! Wir haben alles in dem Verein kennen gelernt.
Ein besonders schönes Erlebnis waren die Auswärtsfahrten zu den internationalen Freundschafts-Spielen. Die hat es fast jede Woche gegeben, wir waren wirklich andauernd unterwegs. Von dort ist auch der Zusammenhalt gekommen. Wir haben ja alles voneinander gewusst! Da sind Geschichten passiert, die ich gar nicht erzählen darf! Und es waren Spiele, in denen es um „nix“ gegangen ist, wo sich die Jungen in die Mannschaft hineinspielen haben können. Heute muss ein Junger, wenn er reinkommt, gleich Europacup spielen. Und wenn er zweimal danebenhaut, sagen's gleich, dass der auch nichts wird! Auch in der Meisterschaft ist es immer ein Risiko für den Trainer, einen jungen Buben sofort spielen zu lassen. (Wir werden von einem Mann unterbrochen, der Rudi Flögel um ein Autogramm für seine Frau Brigitte bittet. „Ist schon recht“ lacht Herr Flögel, grüßt die Frau, die an der Theke des Goleadors sitzt und schreibt gut gelaunt ein Autogramm.) (überlegt kurz, wo wir stehen geblieben sind) Und wir haben immer gute Trainer gehabt. Den „Zapferl“ Wagner und den Robert Körner. (erinnert sich wieder) Eigentlich wollte ich ja sagen, dass wir damals auch noch "Vorspiele" gehabt haben, wo wir vor der „Ersten“ gespielt haben. Uns haben die Anhänger schon gekannt. Die haben diskutiert, aus wem von uns etwas werden wird! Heute kennt man ja niemanden. Pehlivan? Jetzt kennt ihn ein jeder, aber wer hat ihn vor einem Jahr gekannt?! Heute müssen die Burschen auf irgendeinem Platz spielen, weil die Ordner und die Polizei für das erweiterte Programm zu teuer sind. Sollen doch die Stars ein bisserl weniger verdienen, dann haben's das Geld für die Ordner wieder – das ist meine Meinung! (ich bin begeistert von der Idee!, Anm.) Die Amateure spielen heute doch irgendwo, wo kein Mensch zuschaut. Das war unser Plus! Uns und unsere Fähigkeiten haben die Fans Woche für Woche gesehen. (lacht glücklich) Das war unsere Zeit. Auf den Reisen sind die Stars lieber in der Sonne gelegen und haben uns spielen lassen. Das war super!

Ihr Jugend-Trainer war „Zapferl“ Wagner. Können Sie ihn beschreiben? Und warum hatte er diesen Spitznamen?
Ich glaube, dass er wegen seiner geringen Körpergröße so genannt worden ist. Der hat mit uns den Rist-Pass perfektioniert. Auf der „roten Erde“ (kleiner Trainings-Platz bei der Pfarrwiese, der etwa ein Drittel der Maße eines Fussball-Feldes hatte, Anm.) haben wir ein Tor mit zehn Kastln gehabt. Da haben wir dann trainiert, bis wir den Zweier, Fünfer oder Achter getroffen haben. Zielpass-Übungen – bumm – wer trifft mit dem linken und dem rechten. Das haben wir bei jedem Training geübt. Oder der „Pendelball“! Mit dem Kopf musst du schauen, dass du ihn wieder gerade bekommst, wenn er einmal schlecht getroffen worden ist. Dann kannst du dich reinlegen, nimmst ihn volley, rechts, links – der Ball kommt ja immer wieder zurück! Heute sind sie zu faul, dass sie einen Pendelball aufstellen. Ich weiß nicht, warum es das alles nicht mehr gibt! Für die Jugend, meine ich. Die „Erste“ braucht das nicht mehr, aber die Jungen brauchen solche Sachen. Du brauchst nur einen Galgen, von dem du einen Ball hinunter hängen lässt. Aber man sieht das nirgendwo mehr. Von dort her haben wir unsere Schusstechnik gehabt.

Sie haben Ihre Karriere in der „Ersten“ unter Trainer Kumhofer begonen, spielten dann sechs Jahre unter Trainer Robert Körner und Sektions-Leiter Ernst Happel und hatten noch Rudolf Vytlacil, Karl Decker (nur November/Dezember 1968, Anm.) , wieder Robert Körner und dann Gerd Springer als Trainer. Wer war Ihnen am liebsten?
In erster Linie haben wir unsere gute Grundausbildung in der Jugend bekommen. Die Trainer später waren sehr unterschiedlich. Zwei besonders. Zum einen der Gerd Springer, der ja eigentlich ein Hockey-Spieler war. Bei ihm sind wir mehr gerannt, als dass wir den Ball berührt haben beim Training. Er hat immer gesagt: „Wir können nicht kicken. Kicken sollen die anderen. Wir hauen den Ball in Hütteldorf über die Tribüne.“ So ein Blödsinn! Wir haben die Gegner phasenweise weggeschossen und dann will er uns das eintrichtern?! Der hat einfach nicht zu uns gepasst. Er wollte immer das Mittelfeld mit hohen Bällen überbrücken, weil seiner Meinung nach das Mittelfeld „Wasser“ war – da war für ihn nix. Was soll denn das? Das ist ja kein Fußball!
Wer aber etwas Neues gebracht hat, war der Vytlacil. Er ist zwar von vielen als „depperter Böhm'“ bezeichnet worden, aber beim Training hat er uns zum Mitdenken angeregt. Er hat uns einfach gefordert. Und erfolgreich sind wir auch mit ihm gewesen.

Warum haben es manche Talente nicht geschafft und sie schon? Was war ihr Erfolgs-Geheimnis?
(wie aus der Pistole geschossen) Das war die Einstellung! Es ist ja heute so, dass die Jungen auf nichts mehr verzichten wollen. Am Abend vor einem Spiel bin ich nicht mehr fort gegangen, auch wenn mich meine Freunde oder Kollegen hundert Mal gefragt haben. Ich habe nichts getrunken, nichts geraucht. Bis 27 habe ich keinen Alkohol getrunken! Irgendwann kommt man dann nicht mehr aus und hat nach einem Bier oder einem Achterl einen „Powidl“. Ich bin immer früh schlafen gegangen. (lacht) Sogar zu meiner Frau habe ich gesagt, dass ich ab Donnerstag kein „Programm“ mehr mache, weil mir sonst beim Match meine Knie zu sehr tscheppern. Ich wollte auch beim Training immer einer der Besten sein und bin gelaufen wie aufgezogen, wie ein „Narrischer“. Das war einer meiner Vorteile. Ich habe nämlich schon auch oft genug schlecht gespielt, aber beim Training unter der Woche habe ich so überzeugt, dass mich kein Trainer je rausgestellt hat. Wenn heute jemand schlecht spielt oder ausgewechselt wird, sind die Spieler gleich wehleidig. Vielleicht wollen sie sich dann auch noch am Montag massieren lassen, weil ihnen alles weh tut und sie zufällig eine Blessur haben. Verletzt oder krank bin ich nur, wenn ich ein Fieber habe oder mir etwas abgerissen habe! (fassungslos) Wie der Maierhofer da letztens in die Kabine geht. Zum Glück für ihn ist er noch einmal rausgekommen, sonst wäre er weg gewesen. Das ist doch den Trainer seine Sache! Da ist ja nix dabei, wenn man einmal ausgetauscht wird. Zeige ich dem Trainer halt in der kommenden Woche, was ich kann. Wenn ich schlecht gespielt habe, war ich schon am Montag beim Training wieder topmotiviert. Als Trainer wollte ich das meinen Spielern auch weitergeben. Aber das war schwierig, wegen der vielen verschiedenen Mentalitäten. Ich meine das nicht blöd, aber bei aller Technik haben zum Beispiel die Türken keine Disziplin. Wenn du sagtst, dass er rechts rennen soll, läuft er links! Die Spieler können ja oft alles, aber sie haben keine Disziplin.

In der Kampfmannschaft haben Sie noch zusammen mit den Legenden Zeman, Hanappi, Happel, Dienst und Alfred Körner gespielt. Wie war das für Sie als aufgehenden Jung-Star?

Zuerst einmal waren wir per Sie! Bei den Besprechungen haben uns die Arrivierten gesagt, wie wir uns benehmen sollen. Oder bei den Zugfahrten haben wir die ganze Zeit Karten gespielt. Da ist dann der Körner gekommen und hat gemeint, dass wir auch einmal aus dem Fenster schauen sollen, damit wir zuhause etwas zum Erzählen haben!
Nach dem Spiel gegen Wismut Chemnitz (Rudolf Flögel erzielte das entscheidende Tor im dritten Entscheidungsspiel des Achtelfinales im EC der Meister – Rapid schaffte es noch bis ins Semifinale!, Anm.) , wo ich das Goldtor in Basel geschossen habe, (steht auf) kommt der Robert Dienst bei einem Bankett zu mir und sagt, dass ich ihn jetzt dutzen darf. Das war etwas! Wir haben damals eine riesige Achtung vor unseren Mitspielern gehabt und zu ihnen aufgeschaut. Und zurecht – Rapid war ja damals so etwas wie das Liverpool von heute!

Das erste Tor gelang Ihnen gleich bei Ihrem Debüt als 18Jähriger beim 10:0-Sieg gegen Olympia am 30. August 1958. Sie schossen das 9:0 – wie war das Gefühl?
Ganz groß war das! Mein Debüt in der Kampfmannschaft und gleich ein Tor! Zuhause wurde diese Premiere richtig gefeiert. Überhaupt gab es viele Dinge, die bei Rapid zum ersten Mal passiert sind. Das Fliegen zum Beispiel, als es nach Südamerika gegangen ist! Ich bin ja noch nie geflogen und sogar meine Eltern sind zum Flughafen gekommen. Der Walter Zeman, der immer in der letzten Reihe gesessen ist, hat dann gesagt, dass ich mich zu ihm setzen soll und hat mir eine Schokolade gegeben. Ich habe mich gleich übergeben müssen. (lacht) Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich lieber weiter vorne im Flieger sitze und nichts Süßes vor dem Start essen sollte.

Waren Sie eigentlich Stürmer oder Mittelfeld-Spieler? Sie kamen ja auf sehr vielen Positionen und beiden Seiten zum Einsatz.
Als Beidbeiniger habe ich links und rechts spielen können, hinten und vorne – das war sicher einer meiner größten Vorteile. Zuerst war ich alleine wegen meiner körperlichen Voraussetzungen Flügelspieler, dann habe ich den Körner 2 als Verbinder ersetzt. (steht wieder auf) Ich als „Henderl“ habe in der Mitte im Sturm gegen die robusten Spieler keinen Stich gemacht. Für mich war es besser auf der Seite und im Mittelfeld, wo ich meine Technik ausspielen habe können. Und gut geschossen habe ich auch, bin immer von der Seite mitgekommen und – (kickt in die Luft) bumm, bumm – habe mitgenommen, was für mich übrig geblieben ist.

Sie hatten drei Markenzeichen – die Rückennummer 10, ihre brillante Technik und ihren beidbeinigen Volley-Schuss. Wie intensiv haben Sie den Volley trainiert?
Als Kinder haben wir noch mit einem Tennis-Ball gespielt und haben ständig den „Randstein-Servierer“ geübt. Wir haben den Ball gegen den Randstein geschossen und immer drücken müssen, Oberkörper drüber und patsch-patsch-patsch, rechts, links, Dropkick. Das war unsere Stärke, weil wir das jeden Tag gespielt haben. Früher sind ja noch nicht so viele Autos in der Gasse gefahren. Heute könnte man das nicht mehr machen. Als Trainer sind mir da schon Sachen passiert! Ich habe Bänke aufgelegt zum Üben, aber von fünf Versuchen treffen die meisten Spieler nur einmal die Bank. Außerdem sind wir früher nach dem Training nicht sofort nach Hause gefahren, sondern haben weiter trainiert. Der Fritsch hat geflankt und ich habe die Wuchtel volley im Tor versenkt, bis es finster war. Die haben uns vom Trainingsplatz hinauswerfen müssen! Beim Training selbst hätte ich vielleicht nur acht Mal aufs Tor geschossen, aber nach dem Training habe ich noch 40 Mal hingeschossen. Das war meine Stärke, obwohl ich so ein „Jockey“ (eher klein, dünn, schmächtig, Anm.) war. (lacht)

Ihnen gelangen in der Rapid-Dress zwei Vierer-Packs (1960 vs Wr. Neustadt, 1962 vs Wacker, Anm.) und vier Dreier-Packs (1963 vs WAC, 1964 vs Dornbirn, 1966 und 1967 vs GAK, Anm.) . Für einen Mittelfeld-Spieler nicht schlecht. Was hat Sie so torgefährlich gemacht?
Nur ein Beispiel: Der Robert Dienst hat gesagt (steht auf) : „Bua, stell dich da her, ich mach' dir die Mauer und du haust den Ball dann ins Goal!“ Der Dienst Robert hat einen mächtigen Körper gehabt, und ich konnte sehr gezielt schießen. Das war eine Super-Kombi! Ich will ja nicht angeben, aber in meiner Zeit als Trainer haben die Spieler die Bälle zumeist nur geholt, weil sie über das Tor geschossen haben. Dabei muss ich doch von fünf Versuchen vier Mal das Tor treffen! Es war ja nicht einmal ein Gegenspieler beim Training da.
Ich war zwar nie Schützenkönig, habe aber konstant über zehn Tore gemacht, oft auch einige mehr. Außerdem war auch der Rapid-Geist für meine Tor-Gefährlichkeit stark mitverantwortlich. Wenn wir gegen Columbia gespielt haben, wollten wir nicht 3:1, sondern 10:1 gewinnen. Das ist uns eingeimpft worden. Ich wollte ein paar Tore machen und ein paar andere aus der Mannschaft auch – Dienst, Hanappi, Hasil, Grausam, Bjerregaard, Fritsch und wie sie alle heißen. Die Austria hat zwar oft sehr schön gespielt, aber dafür niedrig gewonnen. Wir haben in der Mannschaft immer darauf geschaut, wer von uns mehr Goal macht.

Sie haben nie aufgehört, neben dem Beruf als Fußballer in der Ersten Österreichischen Sparkasse zu arbeiten. Wie konnten sie die beiden Jobs unter einen Hut bringen?
Da sind wir wieder bei der Einstellung. Profis waren zur Zeit eines Bjerregaards ja nur sechs, sieben Spieler. Die haben am Vormittag alleine trainiert und wir sind dann am Nachmittag gekommen und zu ihnen dazugestoßen. Ich war schon einige Zeit in der Bank, als der Happel zu mir einmal gesagt hat, dass ich Profi werden soll, weil ich so eine Arbeit schon wieder bekommen würde. Das war mir dann aber zu riskant. Wer weiß, ob ich mich nicht verletzt hätte. So habe ich heute eine schöne Pension.
Damals bin ich um sechs Uhr aufgestanden, um sieben in die Arbeit gefahren, und nachher ist es zum Training gegangen. Da muss man durch. Ich bin schon als Kind mit dem Skocik in der Stadtbahn eingeschlafen vor lauter Müdigkeit. Heute werden die Kinder vom Papa da- und dorthin gebracht. Wir sind die meisten Strecken gerannt und gegangen und haben uns teilweise auch damit unsere Kondition und Ausdauer erarbeitet. Später ist es dann natürlich essentiell wichtig, dass man die „richtige“ Frau findet, die sich zuhause um alles kümmert. Ich war ständig in der Arbeit, beim Training, am Spiel und auf Reisen. Zuhause habe ich nur das Geld beigesteuert mit meinen zwei Gehältern und dem Geld, das wir für unsere Erfolge bekommen haben. Manchmal war das auch eine Küche! Jedenfalls konnte meine Frau zuhause bei den Kindern bleiben. Das war gut so. Heute müssen oft beide Eltern-Teile arbeiten gehen und keiner weiß mehr, was die Kinder machen. Man muss ja nur in den Millenium-Tower im 20. Bezirk schauen!
Ich bin mit der Arbeit und dem Fußball nicht reich geworden, war aber bis heute immer sehr zufrieden. Zum Beispiel habe ich dem „Zapferl“ Wagner auf Anraten meiner Mutter ein kleines Garten-Grundstück abgekauft. Dort hat uns dann ein Baumeister das Holzhaus aufgestellt. Der Straßen-Chef hat das Betonieren übernommen – alles haben sie uns fast gemacht. Das waren ja alle Rapid-Fans! „Wenn du morgen ein Tor schießt, ist das Dach gedeckt. Wenn du zwei schießt, hast du neue Fenster von Hrachowina.“ Mir kommen fast die Tränen. Es ist zwar keine Riesen-Villa, aber wir haben einen Swimming-Pool undsoweiter. Das habe ich alles Rapid zu verdanken!

Sie haben mit dem 3.600 (am 27.04.1963 vs Simmering, Anm.) und dem 4.100 (am 12.05.1971 vs VOEST Linz, Anm.) zwei Jubiläums-Tore für Rapid geschossen. Sie sind in jeder Wertung (Meisterschaft, Cup, Europacup) in puncto Spielen und Tore unter den Top Ten klassiert, zumeist eher weiter vorne. Mit wieviel Stolz erfüllen Sie diese Zahlen-Spiele?

Natürlich freut man sich irgendwie. Die Tore sind aber nicht aus Eigensinn zustande gekommen. Ich habe das Toreschießen einfach in mir gehabt. Ich habe einen guten Riecher gehabt und sehr oft richtig antizipiert. Denken ohne Ball war das! Das vermisse ich heute oft. Aber auch die Technik. Der Janko zum Beispiel ist gut, wenn er viele Bälle bekommt. Aber sogar dann – wie oft dem bei der Ballannahme der Ball wegspringt! (macht vor, wie es richtig gemacht gehört)

Wer war der beste und talentierteste Kollege, mit dem sie je bei Rapid zusammengespielt haben?
Wir haben immer Spitzen-Torleute gehabt. Unser Libero, der Walter Glechner, war einsame Spitze! Nur einen großen, kopfballstarken Spieler haben wir lange nicht gehabt. Einmal haben sie sogar einen Zeitungs-Austräger ausprobiert, der einfach nur von der Statur her gepasst hat. Und dann ist irgendwann der Bjerregaard auf Empfehlung gekommen. Der hat sich bei Rapid dann als Kicker weiterentwickelt und war ein sensationeller Spieler, einer der besten Legionäre, die es je bei Rapid gegeben hat! Auch charakterlich hat er sehr gut zu uns gepasst. Meistens waren wir eine eingespielte Truppe, die nur punktuell verstärkt worden ist.

Sie hatten in Ihrer Rapid-Karriere einen Heimschnitt von 11.222 Zuschauern auf der Pfarrwiese. 14.700 in der Spielzeit 1966/67 waren der Spitzenwert. Nach Ihrer Zeit bei Rapid kam der Einbruch. Haben Sie eine Ahnung warum?
Darüber habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht. Aber damals haben sie am Rapid-Platz auf der Pfarrwiese sogar Heizkörper aufgestellt und Tee mit Rum umsonst ausgeschenkt, damit die Leute zu den Spielen kommen. Es hat aber nichts genutzt. Es ist immer weniger geworden, weil einfach viel mehr Angebot da war. Vorher hat es außer Fußball ja fast nichts gegeben, mit dem man seine Freizeit verbringen konnte. Und das Geld hatte man auch nicht, um sich gewisse Sachen, wie den Heurigen zum Beispiel, leisten zu können. Das hat sich dann aber immer mehr geändert.

Sie haben viel in Hütteldorf erlebt, feierten große Erfolge mit Rapid. Was ist Ihnen als etwas besonders Spezielles in Erinnerung geblieben?
Gegen Spartak Moskau habe ich das entscheidende Tor geköpfelt (1966/67 gewann Rapid im EC der Cupsieger gegen Spartak und erreichte damit das Viertelfinale, Anm.) . In der Runde davor sind wir gegen Besiktas Istanbul aufgestiegen. Nach dem 4:0 im Heimspiel musste ich mich damals beim Herrn Hans Jörg Wachta, einem Sport-Journalisten vom Kurier, entschuldigen.
Die Vorgeschichte war, dass wir mit dem Trainer Vytlacil in Baden wegen einem Cup-Spiel kaserniert waren. In der ersten Hälfte ist nix zusammen gelaufen und es ist 0:1 gestanden. Der Gustl Starek, der damals meistens Ersatz war, der war ein „Zündler“ und hat in der Pause zu mir gesagt, dass ein Sport-Journalist gemeint hat, ihm wäre ein Bjerregaard lieber als zehn Flögel. „Welcher Trottel ist denn das?“ habe ich mir gedacht. Der Starek hat mir nachher den Wachta gezeigt. Ich war fuchsteufelswild, weil der Wachta immer bei uns in der Kabine war, als Erster etwas gewusst hat und immer etwas zum Schreiben gehabt hat. Eigentlich war er eine Vertrauens-Person, wie ein Freund. Nach dem Spiel, das wir 3:1 gewonnen haben, bin ich dann am Praterstern zum nächsten Zeitungshändler gegangen. In der Zeitung ist gestanden „Flögel eine Vorgabe“. Ich hab' mir zuhause gedacht: „Der Trottel, wenn ich den erwische!“ Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Am nächsten Tag bin ich nach der Bank zum Training gekommen, lehnt der Wachta da. Ich gehe vorbei und frage ihn, warum er sich noch hertraut. Eine Watschen habe ich ihm angedroht. Als er mich deswegen gehäkerlt hat, habe ich aufgezogen, er stellt den Ellenbogen auf und ich hau genau dort drauf. Seine Brillen-Gläser sind geflogen und ich habe mir den Daumen verletzt. Deswegen habe ich dann sogar ins Hanusch-Krankenhaus fahren müssen! In der Zeitung ist das dann alles gestanden und in der Bank war das sehr unangenehm, weil viele gesagt haben, dass es einen „Raufer“ in der Arbeit gibt. Vom Verein sind mir tausend Schilling abgezogen worden. Nach der Partie gegen Besiktas, wo ich das 3:0 geschossen habe, habe ich mich öffentlich bei Herrn Wachta entschuldigen müssen. Das Verblüffende an der Geschichte war aber: Bei dem Spiel gegen die Türken haben ein paar Leute 500 Schilling für mich gesammelt, weil sie von meiner Strafe gewusst haben, und deswegen haben sie mir ein Kuvert in die Kabine geschickt. Ein Wahnsinn! Und mit dem Herrn Wachta, der heute doppelter Doktor ist und den ich zufällig einmal getroffen habe, kann ich jetzt auch über die Geschichte lachen. Am Montag spielt er immer mit dem Gustl Starek und einer Partie am WAC-Platz Tennis.

Bleiben wir noch kurz bei den internationalen Erfolgen auf Klub-Ebene: Sie erreichten mit Rapid 1968/69 das Viertelfinale im Europacup der Meister durch einen sensationellen Aufstieg gegen Real Madrid. Wie war das?
Am meisten gefallen haben mir die Reisen an sich. Natürlich war es schön, erfolgreich zu sein, bei einem Bankett und in der Zeitung gefeiert zu werden. Aber das Beste waren die Erlebnisse im Ausland, das Kennenlernen von Mentalitäten, der anderen Ess-Kulturen. Und im Bernabeu hat es damals noch zur Sicherheit Wassergräben gegeben, weil keine Absperrungen zu den Zuschauer-Rängen da waren. Den Ball hat man, wenn er ins Out gegangen ist, mit einem Kescher herausfischen müssen!

Sie feierten Ihr Debüt im Nationalteam am 29.05.1960 beim 4:1 gegen Schottland. Ihr erstes Team-Tor gelang Ihnen im dritten Spiel bei einem 3:1-Sieg gegen die UdSSR vor 92.000 Zuschauern. Was haben Sie da gefühlt?
Das Tor habe ich immerhin gegen den legendären Lew Jaschin (1963 als einziger Torhüter bis heute zu Europas Fussballer des Jahres gewählt, Anm,) erzielt! Der Ball ist schön gekommen und ich war glücklich zur Stelle. Die Situation habe ich noch immer vor mir – das war was! Meine Frau, mit der ich damals noch nicht verheiratet war, war mit ihren Eltern dort und ich war der Matador. Das war super!
Und in der Decker-Zeit habe ich viel im Team gespielt, weil der Trainer auf technisch gute Spieler gestanden ist. Und das war so: In Hütteldorf war ich immer in Team-Form und habe super gespielt, weil sich keiner der Gegner getraut hat, mich vor meinem eigenen Publikum wegzuhauen. Auswärts war ich dafür nur halb so gut, da waren eher meine Kollegen besser. Fast keinen Stich habe ich auswärts gemacht, und auf der Pfarrwiese habe ich mich wieder ins Nationalteam gespielt. Wenn mich ein Team-Trainer in Hütteldorf beobachtet hat, war ich fast immer im Team.

Auch beim legendären 3:2-Sieg Österreichs gegen England in Wembley (am 20.10.1965 vor 65.000 Zuschauern, Anm.) waren Sie mittendrin statt nur dabei: Den Führungs-Treffer von Bobby Charlton haben Sie in der 53. Minute egalisiert. Gesprochen wird aber nur von Toni Fritsch, der mit zwei Treffern den Sieg fixierte. Stört Sie das?
Nein! Es war eine Sensation. Am Wochenende haben wir noch gegen Deutschland mit 1:4 verloren. Überhaupt waren wir damals schlecht drauf und haben oft verloren. So oft, dass ich zum Decker schon gesagt habe, dass ich nicht mehr spielen will und es mich nicht mehr freut. Geld hat es keines gegeben, in der Arbeit habe ich in Karenz gehen müssen und das ist mir vom Gehalt abgezogen worden, und die Kritiken waren auch schlecht! Nach einem Länderspiel war ich immer zerstört und habe auch bei der Rapid nicht so gut gespielt. Ich habe keine Motivation mehr gehabt, weiter im Team zu spielen. Da hat mir der Trainer zwischen den Mänteln einen Tausender gegeben, damit ich nur ja nicht aufhöre. Wir fahren also mit der Packung vom Deutschland-Spiel nach England und waren sehr pessimistisch eingestellt. Dorthin ist auch ein Sportartikel-Hersteller aus Graz mitgefahren. Am Abend hat er uns dann angeboten, dass diejenigen, die mit Adidas-Schuhen spielen und in der Startelf stehen, tausend Schilling bekommen. Die meisten haben sofort zugesagt. Ich habe aber von Rapid meine Puma-Schuhe gehabt und habe erst nachher einem Kollegen, der zumeist auf der Ersatzbank gesessen ist, vorgeschlagen, dass ich mit seinen Schuhen spiele und wir uns das Geld teilen – damit wir beide etwas davon haben. Ich habe dann mit Schuhen gespielt, die mir zwei Nummern zu groß waren (steht auf) – ich bin dort eingelaufen wie der Charlie Chaplin. Durch Zufall ist dann der Ball bei mir gelandet und ich habe ihn schön getroffen zum 1:1. Dabei hätten die Engländer zur Pause schon 8:0 führen können, aber ihnen ist halt nur ein Tor gelungen. Nach meinem Tor sind wir dann sogar in Führung gegangen. Der dritte Treffer war dann sensationell! Der Toni Fritsch hat einem Engländer bei der Mittelauflage den Ball abgenommen, sich gedreht, geht zwei Schritte und haut den Ball aus dieser Riesendistanz ins Tor. Die Engländer haben danach wütend angegriffen, aber der Fraydl hat gehalten wie ein Weltmeister und Glück haben wir auch gehabt. Als die Partie aus war, war uns noch immer schwindlig und wir haben gar nicht glauben können, dass wir gewonnen haben! Wir waren erst die dritte Nation nach den Ungarn und den Schweden, die England in Wembley geschlagen haben.

Von 1970 bis 1972 waren Sie der elfte Rapid-Kapitän der SCR-Historie. War das etwas Besonderes für Sie, der Leithammel dieser Mannschaft zu sein?
Die Position habe ich eingenommen, weil ich lange dabei war, viel Erfahrung gehabt habe und mit den Leuten umgehen habe können. Im Bus haben wir zum Beispiel von Anfang bis zum Ende Lieder gesungen, und ich war der Anführer, der auch immer gerade heraus gesagt hat, was Sache ist. Heute geht das nicht mehr, da sitzen alle Spieler mit Kopfhörern herum. Das ist aber kein Schimpfen, weil das einfach eine andere Zeit war.

Der Abschied von Rapid verlief aber nicht gerade auf die feine, englische Art, oder?
Der Hlozek (Ernst, Rapid-Trainer von 1972–75, Anm.) ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass er mir hilft, mir einen neuen Verein zu suchen. Seine Hilfe habe ich aber nicht gebraucht. Ich bin am Ende dann gar nicht schlecht ausgestiegen und habe noch einmal sehr gut verdient. Bei Wiener Neustadt, die aufgestiegen sind, haben sie mich und noch ein paar andere gute Kicker gekauft, mit denen ich sogar immer gemeinsam zum Training gefahren bin. Und dort habe ich in einem Jahr soviel verdient wie in fünf Jahren bei Rapid. Und von dort bin ich dann nach Simmering gegangen, drei Jahre als Spieler und drei als Trainer. Und dann später war ich noch einmal vier Jahre Trainer dort. Insgesamt war ich also zehn Jahre in Simmering!

War der Abgang von Rapid auch ein Mitgrund, warum Ihr Sohn Thomas Austrianer anstatt Rapidler wurde?
Nein, das war anders. Für Thomas habe ich wegen meiner beiden Jobs so gut wie keine Zeit gehabt. Meine Frau ist mit dem Thomas immer ins Stadion-Bad gegangen und von dort haben sie auf die Trainings-Plätze der Austria geschaut. Er hat dann hin und wieder dort mitgespielt, dann hat er sich nicht getraut, alleine hinzugehen, dann war er wieder dabei. Und eines Tages kommt er nachhause mit einem Austria-Schal und sagt, dass er der Prohaska ist. Ich habe ein bisserl gebraucht, bis ich realisiert habe, dass er ein Austrianer war. Er ist halt wie ich in der Prater-Gegend groß geworden.

Sie sind auf 40 Länderspiele gekommen, Thomas auf 37. Gibt's ein Enkerl, das in Eure Fußstapfen treten könnte?
Ja, der Alec spielt jetzt bei der U9 der Austria. Und er stellt sich ganz gut an, der Bua! Ich darf gar nicht drüber nachdenken, wenn er der Rapid im Hanappi ein Tor schießt – da kriege ich ja vor lauter Freude UND Verzweiflung einen Herzkasperl! (lacht)

Was würden Sie persönlich als Ihre Glanzzeit bezeichnen?
Das war so um 1965. Da habe ich sehr viele Tore geschossen und war auch für das Ausland interessant. Leider gab es damals die so genannte „Auslands-Sperre“. Das hat bedeutet, dass man erst ab 28 Jahren ins Ausland wechseln durfte. In diesem Alter hat man aber in den seltensten Fällen noch irgendwo das Interesse eines Klubs wecken können. Damals, 1965, hatten der Buzek und ich ein Angebot von Fiorentina. Die Auslands-Sperre des Verbands war für uns natürlich schlecht, weil interessiert hätte es mich schon sehr. Zum Beispiel haben wir in Brasilien im Maracana-Stadion gespielt und gleich in St. Maringa, einer kleinen Ortschaft, ein Test-Spiel angehängt. Dort wollten sie mich sofort verpflichten! Eine riesige Kaffee-Plantage hat es dort gegeben. Und alles war rot – die Autos, die Dächer, sogar das Bettzeug. Ich weiß nicht genau, warum – aber es war wie ein feiner Ziegelstaub, der vom vielen Wind dort verteilt wird. Da habe ich mir gedacht, dass ich hier nicht hin will.

Ganz kurz weg vom Rasen und auf das Parkett. Sie haben das erste Hallen-Turnier 1959 miterlebt, wurden mit Rapid 4mal Zweiter, 3mal Dritter und gewannen es 1972 in ihrer letzten Rapid-Saison. Wie sehr mochten Sie dieses Ereignis in der Stadthalle?
Nein, beim ersten Turnier war ich noch nicht dabei, erst beim zweiten. Ich habe das dort unheimlich genossen, bin immer aufgefallen. Zuhause habe ich noch die Pokale – „Publikums-Liebling“, „Bester Spieler“, „Torschützenkönig“. Wir haben wirklich alle sehr gerne dort gespielt. Bei uns hat es aber immer geheißen, dass man als guter Techniker überall spielen können muss, auch auf einer „Glasscherben-Insel“. Das ist die Kunst, dass man sich auf die Gegebenheiten einstellt und nicht zum Raunzen anfangt, weil der Platz uneben ist oder sonst irgendein Störfaktor daherkommt.

Wie war ihre Karriere als Trainer?
Nach Simmering bin ich mit Neusiedl, meiner zweiten Trainerstation, gleich in der ersten Saison in die zweite Leistungsklasse aufgestiegen. Danach war ich jeweils zwei Jahre beim Sportclub und in Baden engagiert. 31 Jahre lang war ich noch Trainer und habe sehr viel erlebt. Auch in dieser Hinsicht war ich nie Profi, sondern habe meinen Job in der Bank weitergemacht.
Eigentlich wäre ich ja bei der Rapid-Jugend am besten aufgehoben gewesen. Irgendwie ist es aber an finanziellen Kleinigkeiten gescheitert. Nach einer Trainerstation bei Stockerau hat mich dann der „Joschi“ Walter angesprochen und nachgefragt, was ich gerade mache. Er hat mir sofort einen Job als Spezial-Trainer unter Branko Elsner angeboten. Ich war zuerst irritiert, weil die Austria war ja inzwischen die Konkurrenz! Jedenfalls habe ich immer eine Gruppe mit Kickern gehabt, mit denen ich gearbeitet habe, die das sehr genossen haben. Dann habe ich nach einem halben Jahr die Jugend übernommen und war mit den Burschen sehr erfolgreich. Bei den Austria Amateuren, die damals Prater SV geheißen haben, war ich acht Jahre lang tätig und habe eigentlich alles gewonnen, was zum Gewinnen war. Der Akagündüz hat zum Beispiel damals dort gespielt. Dann ist der Koncilia gekommen und hat gemeint, dass ich Profi-Trainer werden muss. Ich habe das abgelehnt und gesagt, dass ich nur dann meinen Job bei der Bank aufgebe, wenn er mir sein Gehalt zahlt. Das hat ihm nicht gefallen und ich habe dann gehen müssen. Und dann bin ich wieder zu Simmering gegangen und bin mit der Mannschaft von der Wiener Liga in die Regionalliga Ost aufgestiegen. Alles in allem war es eine schöne Zeit, die ich unter keinen Umständen missen möchte.

Wie ist Ihre momentane Verbindung zu Rapid?
Wie bereits gesagt – der Andy Marek und der „Funki“ Feurer sind Weltklasse-Burschen! Genauso wie der Körner, der jeden Freitag seinen Legendenklub hat und Busfahrten zum Spiel organisiert. Viele Ex-Spieler haben entweder keine Frau mehr oder haben irgendein Leiden und freuen sich, wenn sie sich im Hanappi-Stadion treffen und dort Schmähführen können. Wir haben das früher mit der „Rapid-Familie“ eingetrichtert bekommen, und jetzt wird das wieder vom Andy Marek revitalisiert, dieser Gedanke. Herrlich!

Gibt es Rapid-Spieler, die sie momentan von der Art ihres Spiels her besonders bewundern und mögen?
Die Mannschaft der 50er-Jahre war durchgehend mit Klassespielern bestückt. Und heute ist es so, dass ich Angst habe, wenn der Hofmann oder der Boskovic nicht spielen! Weil das sind die Führungsspieler, die die Jungen unbedingt brauchen. Der Drazan zum Beispiel, der kann noch irrsinnig gut werden. Technisch fein, bringt Super-Flanken. Ohne den Buam kommt ja nichts in den Strafraum, worauf ein Stürmer die ganze Zeit wartet! Also der Drazan, der ist wunderbar. Oder besser gesagt – er kann wunderbar werden. Und wenn der Kavlak endlich einmal im Zentrum spielen darf, wo er hingehört, kann er auch noch ein Großer werden. Ein Antreiber muss zum Beispiel quirlig und technisch gut sein. Wie der Hofmann – der kann was und ist oft am Ball, spielt den tödlichen Pass oder ist beim Freistoß gefährlich! In Deutschland gibt es Spieler wie ihn kiloweise, aber bei uns in der Liga nicht.

Ein bisserl Kritik muss aber auch sein. Gibt es auch irgend etwas, das sie auszusetzen haben?
Bei uns hat ein Stürmer kopfballstark sein müssen. Der Maierhofer muss doch von fünf Mal vier Mal den Ball berühren, der kann doch nicht immer ins Leere springen. Wenn bei uns einer eine Körpersprache wie der Maierhofer gehabt hätte, dem hätten wir innerhalb der Mannschaft den Kopf wieder zurecht gerückt. Für so etwas haben wir gar keinen Trainer gebraucht! Da hat es das eine oder andere Beispiel bei uns gegeben, wo ich beim Training bemerkt habe, dass ein Spieler eine Fahne hat. Alkohol beim Sport – das geht ja überhaupt nicht! Den Spielern, die das gemacht haben, habe ich das abgewöhnt. Ohne Petzen oder so etwas. Wir haben uns damals selbst erzogen. Gewisse Sachen gehen einfach nicht! Wie auch der zu geringe Ehrgeiz. In meiner Zeit ist ja noch nicht ausgetauscht worden. Heute wollen sich die Spieler oft schon auswechseln lassen, wenn sie ein Tor geschossen haben, weil sie wissen, dass sie nächste Woche ohnehin spielen. Wenn bei uns einer verletzt war, dann ist er drinnen geblieben und hat auf der Seite weiter gespielt, damit er wenigstens einen Gegen-Spieler binden kann.

Interview vom 20.07.2009 (grela)

10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Lieblings-Elf aller Zeiten?

Die 50er-Jahre Mannschaft von Rapid – unsere Vorgänger! Und das Nationalteam der Decker-Ära mit Fraydl (GAK), Glechner (Rapid), Hanappi (Rapid), Nemec (Austria), Hof (Sportclub), Buzek (Vienna) und den anderen.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Sie je gespielt haben?
Maracana – da hat es Sauerstoff-Flaschen am Spielrand gegeben und ein spezielles Flutlicht, das keine Schatten geworfen hat! Und der Rasen im Wembley-Stadion war wie ein Billard-Brett!

Ihre größte Niederlage am Fußball-Platz?
Wenn man verliert, ist es niemals schön. Aber konkret fällt mir da nichts ein... zum Glück!

Rapid ist...
...nicht Durchschnitt. Entweder man liebt Rapid oder man hasst den Verein! Ein Mittel-Ding gibt es da nicht. Den Andreas Ogris habe ich als Spieler bei Simmering gehabt – das war so einer! Wenn der grün gesehen hat, ist er durchgedreht. Egal ob das eine Tormann-Dress war oder ein Toilett-Tascherl. Bei grün ist der Ogris ausgezuckt! Vielleicht ist das aber jetzt anders.

Kottan oder Columbo?
(mäßig begeistert) Habe ich alles gesehen, ja.

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich?
Italien am Sandstrand früher, Sri Lanka, Türkei – da gibt es viele Länder.

Wovor haben Sie Angst?
Vor einer schlimmen Krankheit. Ich denke zwar nicht daran, aber insgeheim habe ich davor Angst.

Eine Marotte?
Immer wenn die Enkerln da sind, nörgle ich zuviel. „Mach das nicht, tu das nicht“ – genau das, was ich früher als Kind selbst nie gerne gehört habe, sage ich jetzt selbst! Leider ist es in mir drinnen, dass ich zuviel kritisiere. Da ärgere ich mich oft über mich selbst.

Welches Talent hätten Sie gerne, haben es aber nicht?
Anstatt einem Talent hätte ich gerne bessere körperliche Voraussetzungen gehabt. Wenn wir zum Beispiel bei der Bundeshymne neben den auftrainierten Bulgaren oder Polen gestanden sind und rübergeschaut haben mit unseren schmalen Brüstln, haben wir schon oft bei der Bundeshymne verloren gehabt. Wir haben vom vielen Laufen trainierte Wadeln gehabt, aber mehr Oberkörper wäre super gewesen.

Der schönste sportliche Moment Ihres Lebens?
Das 3:2 in Wembley, das Aufsteigen gegen Real Madrid und überhaupt, dass ich zu Rapid gegangen bin.