Leopold Grausam im Gespräch
 

Interview vom 17. November 2011 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

" Der Ball hat gemacht, was ich wollte!"a liegen ja Welten dazwischen!“ in meines Lebens"

Leopold Grausam wurde am 29. Juni 1943 in Wien geboren. Schon in den Fußballkäfigen von Kagran träumte der junge „Poidl“ von Rapid und landete mit 16 Jahren tatsächlich in Hütteldorf, weil er im Probetraining zwei Bälle im Kreuzeck versenkte. In seinem ersten Pflichtspiel 1963 schoss Grausam unglaubliche vier Tore beim 5:0-Sieg gegen Kapfenberg! Eine schwere Verletzung bremste den Nachfolger von Uridil, Binder, Dienst und Vorgänger von Bjerregaard und Krankl. Trotzdem erzielte der technisch beschlagene Mittelstürmer 70 Tore in 180 Pflichtspielen für Rapid. Grausam wurde mit Rapid dreimal Meister, zweimal Cupsieger und erreichte zwei Europacup-Viertelfinali. 1967 schoss der achtfache Teamspieler in der EM-Quali das Goldtor gegen Tabellenführer Russland und wurde kurz darauf zu Österreichs erstem „Fußballer des Jahres“ gewählt. 1970 wechselte Grausam nach Tirol und wurde mit Innsbruck auf Anhieb Meister. Real Madrid besiegte der Weiße-Ballett-Experte sowohl mit Rapid, als auch mit Innsbruck. Via LASK, FC Grenchen (Schweiz) und einer Landesliga-Station in Rechnitz endete die aktive Karriere Grausams, der danach als Trainer tätig war und auch zweimal nach Hütteldorf zurückkehrte.

Ich treffe Leopold Grausam mit Forza-Rapid -Interview-Aspiranten Andi im Peschta . Bei einem Kaffee kramt die Rapid-Legende eine Stunde lang in ihrem Karriere-Nähkästchen, bevor sie weiter muss – zur Buch-Präsentation des Werks „Franz ‚Bimbo‘ Binder“. Herr Grausam erzählt, wie das bei Spielern seiner Generation üblich ist, eine schöne Geschichte nach der anderen und erweckt die Pfarrwiese vor unserem geistigen Auge zum Leben. Hätte eine schwere Knieverletzung ihn nicht schon früh beeinträchtigt, Leopold Grausam hätte noch viele Tore mehr für Rapid erzielt. So glänzte er oft auch als Assistgeber, aber davon und von vielen Geschichten mehr erzählt er am besten selbst.


Wann haben Sie zum ersten Mal im Nachkriegs-Wien einen Fußball zwischen die Füße bekommen?
Wann das genau war, weiß ich nicht mehr. Ich habe halt in einem Kagraner Käfig gespielt. Dort hat es immer Buben gegeben, die kicken wollten. So habe ich die Grundbegriffe des Fußballs kennengelernt.

Ihr erster Verein war Hellas Kagran, bei dem Sie von 1953 bis 1956 gespielt haben. 1956 wechselten Sie für zwei Jahre zum SV Pressbaum. Warum?
Ganz einfach: Nach Pressbaum bin ich gekommen, weil meine Eltern dorthin gezogen sind.

Wie weit waren Sie schon, als Sie mit zehn Jahren erstmals trainiert wurden?
Wie gesagt, ich kannte die Grundbegriffe. Aber mein erstes richtiges Training sollte ich erst später bei Rapid absolvieren. Bei den anderen beiden Vereinen hat ein Training so ausgeschaut, dass wir uns eingeschossen und ein Matcherl gespielt haben. Spezifischere Übungen kannte ich damals noch nicht.

Und wie kam es, dass Sie 1958 im Alter von knapp 16 Jahren zu Rapid wechselten? War die Nähe zur Pfarrwiese (ca. 10 Kilometer Entfernung) mitentscheidend?
Als ich in der Sportzeitung den Aufruf gelesen habe, dass Rapid Nachwuchsspieler sucht, bin ich zu einem Probetraining gefahren und habe zwei Schüsse wunderbar im Kreuzeck versenkt. So war ich dann einer von fünf, sechs Burschen, die aus cirka 50 herausgefiltert worden sind. Es war schon viel Glück dabei, aber das gehört im Fußballerleben dazu. Wer weiß, wie viele talentiertere Kicker wieder nachhause geschickt worden sind. (schmunzelt) Aber Robert Körner und Otto Hamacek haben sich damals unter anderem für mich entschieden. Zuerst bin ich zweimal in der Woche, später drei- bis viermal pro Woche nach Hütteldorf gefahren. Das war schon sehr anstrengend, denn ich bin schon als Bub erst gegen zehn Uhr am Abend nachhause gekommen. Ich bin zum Bahnhof gegangen und mit dem Zug nach Hütteldorf gefahren. Im Vergleich zu anderen hatte ich sogar noch Glück, dass die Verbindung eine ziemlich gute war.

War Rapid schon früher Ihr Ziel? Wer war Ihr Vorbild?
Rapid war immer schon mein Verein! Mein Vater hat mir bereits mitgegeben, dass Rapid das Beste überhaupt ist. Er war Außendecker bei Hellas und hätte vom FAC gekauft werden sollen, aber ein Schien- und Wadenbeinbruch hat seine Karriere beendet. Damals war die Medizin noch nicht soweit. Mein Idol war Robert Dienst, weil er wie ich auf der Position des Mittelstürmers gespielt hat – auch wenn ich um zwei Köpfe kleiner war. (lacht) Aber Toremachen war unser beider Geschäft, und mir ist das dann ja später auch ganz gut gelungen!

Wie waren die Jahre im Rapid-Nachwuchs?
Im ersten Jahr hat uns noch „Zapferl“ Wagner trainiert. Von ihm habe ich den Ristpass gelernt. Wir sind durch die so genannte „Hütteldorfer Schule“ gegangen und haben alle Grundlagen geübt, geübt und noch einmal geübt.

1962/63 wurden Sie in die dritte Liga an den SV Philips Wien verliehen. War das für Sie ein Schock oder ganz normal? Haben Sie oft getroffen?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich als Junger nie daran geglaubt habe, dass ich irgendwann in die Erste von Rapid kommen werde. Als ich verliehen wurde, war ich gerade beim Bundesheer. Dort habe ich nichts anderes gemacht, als Fußball zu spielen. Ich war im „Sportzug“ und war bis fünf Uhr am Abend ständig im Training. Für mich war das Bundesheer ein Traum, weil ich praktisch wie ein Profi arbeiten konnte. Ich hatte damals eine derartige Kraft, dass ich drei Matches hintereinander spielen hätte können! Dementsprechend war ich bei jedem Spiel eineinhalb Stunden dauernd unterwegs. Ich habe bei Philips den Schützentitel gewonnen und den Verein zum Meistertitel geschossen. Aber anstatt dort weiterzuspielen, wurde ich von Franz „Bimbo“ Binder zurück zu Rapid geholt. Er hat mich in die Reserve gesteckt. Als es in der Kampfmannschaft nicht so überragend gelaufen ist, hat er mich in die Erste gebracht. Der Hanappi war ganz fertig und hat den Binder gefragt, was er denn mit dem „Bua“ will. Aber Binder hat sich durchgesetzt.

Zum Glück! Am 10. November 1963 haben Sie gegen Kapfenberg in der 9. Runde Ihr Rapid-Debüt gefeiert – und wie! Gleich vier Tore haben Sie zum 5:0-Sieg beigesteuert. Nur „Pepi“ Bican ist das je bei Rapid gelungen. Bei einem Ihrer letzten beiden Tore (75. u. 76.) müsste eigentlich gerade die Rapid-Viertelstunde eingeklatscht worden sein, oder? Wie war das Gefühl während und nach dem Match?
Es war ein Wahnsinnsgefühl! Ich habe soetwas ja nicht einmal im Ansatz erlebt gehabt. Nach dem Schlusspfiff haben mich die Leute gefeiert und vom Platz getragen. Ein Riesenerlebnis! Jeder Schuss war ein Treffer. Gerade der Hanappi hat mir den Ball immer perfekt ins Loch gespielt. Ich habe eigentlich nur noch hinlaufen und schießen müssen. Kreuzeck hier, Kreuzeck da – alle haben gepasst. Da ich mich sehr gut bewegt habe, hat mich Hanappi forciert. Davon habe ich irrsinnig profitiert! Die Rapid-Viertelstunde wurde schon damals eingeklatscht, aber ob das bei einem meiner Tore gerade der Fall war, kann ich nicht sagen.

Danach haben Sie als Mittelstürmer auch in den darauffolgenden fünf Pflichtspielen getroffen. Wie reagierten Sie und Ihr Umfeld auf diese sensationelle Serie eines Neulings?
Ja, ich war damals mit einem anderen Angreifer Schützenkönig der Herbstsaison. Das war natürlich eine Sensation und hat schon für Aufsehen gesorgt. Andererseits war man Klasseleistungen von Angreifern in Hütteldorf auch gewohnt.

In der Saison 1964/65 bestritten Sie nur acht Spiele (1 Tor) . Waren Sie verletzt oder der Konkurrenzkampf so groß?
Im Retourmatch in Kapfenberg bin ich am Ende meiner ersten Saison schwer verletzt worden. Kreuzband, Seitenband, Meniskus – mir ist alles auf einmal gerissen! Damals hat mich der Ossi Schwinger wieder zusammengeflickt, aber die Operationstechniken von damals sind mit denen heutzutage ja nicht einmal im Ansatz vergleichbar. Ich hatte einen Gips, weil von einer Arthroskopie noch gar keine Rede war. Erst kürzlich hatte ich die Folge-Operation, bei der ich ein neues Knie bekommen habe. 1964 war ich jedenfalls für ein gutes halbes Jahr weg vom Fenster. Bis ich die Muskeln wieder aufgebaut hatte, hat das eine halbe Ewigkeit gedauert. Und ich war danach nie mehr in der körperlichen Verfassung von zuvor! Ein kleiner aber erwähnenswerter Faktor war auch die zunehmende Bequemlichkeit. Alleine durch mein erstes Auto habe ich mich nicht mehr so viel bewegt, wie als Junger.

Können Sie sich selbst beschreiben? Meine Recherche hat ergeben, dass Sie für Ihre Tricks, Freistöße und Ihren Torinstinkt bekannt waren...
Zu Beginn meiner Karriere war ich ein „Durchreißer“ und bin in jedes Loch gegangen. Nach der Verletzung bin ich zu einem spielerischen Mittelstürmer mutiert, der es eher über die feine Klinge gemacht hat. Doppelpass statt Urkraft und Schnelligkeit! Es hat ja auch nicht mehr lange gedauert, bis der Bjerregaard viele meiner Vorlagen verwertet hat. Mit Fuchsbichler oder Glechner war ich sehr oft eine Stunde vor Trainingsbeginn am Platz und wir haben ein privates Schusstraining abgehalten. Ich habe soviel trainiert, dass ich vom Sechzehner mit dem Rist genau ins Kreuzeck getroffen habe! Ich habe mir das ähnlich angelernt wie der Panenka. Dort, wo ich den Ball hin wollte, ist er auch hingegangen. Das war alles eine Trainingssache. Überraschenderweise war ich trotz meiner geringen Körpergröße auch ein sehr guter Kopfballspieler. Ich bin vom Timing her immer rechtzeitig zur Stelle gewesen und hatte eine gute Sprungkraft. Beim Derby habe ich den „Waschi“ Frank immer gehäkerlt und gesagt: „Wennst deppert bist, nimm i da die Kopfbälle a no weg, weil untn host sowieso ka Chance!“ (lacht)

In der darauffolgenden Saison schossen Sie mit Rechtsverbinder Seitl und Linksverbinder Flögel insgesamt 54 Tore. In der Liga und im Cup wurde Rapid 1965/66 jeweils hinter der Admira Zweiter. Eine Frage zu ihren Mitspielern: Skocik, Hasil, Flögel, Starek – wer war Ihrer Meinung nach der Beste?
Starek und Hasil waren später auch im Ausland sehr erfolgreich, aber das hätten andere Spieler auch schaffen können. Ein Fritsch war in seiner besten Zeit ein Flankengott, manchmal hat er so oft geflankt, dass ich schon Schädelweh bekommen habe. (lacht) Ein Bruno Blümel war sehr gut und hat es nur einmal in die Erste geschafft. Mir persönlich hat Rudi Flögel am meisten imponiert – er war am Rasen und abseits davon, gemeinsam mit „Schani“ Skocik, eine richtige Führungsfigur! Die Stärke von Rapid war jedenfalls die, dass die meisten Spieler aus dem Nachwuchs gekommen sind. Deswegen waren sie auch mit Herz bei der Sache, haben für ihren Verein alles gegeben. Ich bin mir nicht sicher, ob das bei den heutigen Nachwuchsspielern auch der Fall ist. Sie sind zwar vielleicht in Österreich geboren, aber viele von ihnen haben von ihren Vätern und Großvätern die Liebe zu ganz anderen Vereinen mitbekommen. In der Fünfzigern gab es ja auch noch keine Legionäre. Max Schmid aus Deutschland und Johnny Bjerregaard aus Dänemark – das waren zu meiner Zeit echte Ausnahmen. Damals musste ein Ausländer noch so richtig gut sein, um bei Rapid ein Leiberl zu haben. Heute verdienen sie oft viel mehr Geld, als sie Leistung bringen.

Es folgten zwei Meisterjahre, einmal sogar mit einem Cupsieg, und im Europacup erreichten Sie das Viertel- und Achtelfinale. Beide Male schieden Sie ganz knapp gegen deutsche Vereine (Bayern München und Eintracht Braunschweig) aus. Wäre die Mannschaft damals für einen großen Titel gut genug gewesen?
In beiden K.O.-Duellen waren wir äußerst knapp dran, gegen die Bayern hat überhaupt ein ganz klares Abseitstor die Entscheidung gebracht. Wenn wir ein Massel gehabt hätten, wäre ein Durchmarsch vielleicht möglich gewesen, aber für einen großen Titel waren wir eigentlich nicht gut genug. Wir waren aber immer im oberen Drittel dieser Bewerbe mit dabei. Vergleicht man das mit dem jetzigen Fußball, waren wir so etwas wie das Olympique Lyon von heute. Hinter den ganz großen Vereinen waren wir schon in Lauerstellung.

„Johnny“ Bjerregaard hatte Sie ab der Spielzeit 1966/67 auf die Position des Rechtsverbinders verdrängt, weil er genauso vom Start weg einschlug wie Sie ein paar Jahre zuvor. Wie verstanden Sie sich mit dem „großen Dänen“ am Platz und abseits davon?
Ich habe zunehmend den Part der hängenden Spitze eingenommen. Johnny war extrem stark und hatte mehr Spritzigkeit als ich nach der Verletzung. Er hatte den Zug zum Tor, war extrem kopfballstark, und er hat auch von meiner Technik und meinen Vorlagen profitiert. Privat haben wir auf den Reisen durch Europa oder nach Übersee sehr viel Zeit miteinander verbracht. Streitigkeiten gab es unter den Spielern eigentlich nie. Ich erinnere mich vor allem an die erste Südamerika-Tournee, die sechs Wochen gedauert hat. So haben wir Plätze gesehen, zu denen wir sonst nie gekommen wären! In Kolumbien haben die Zuschauer „Olé!“ geschrien, weil wir so gut gespielt haben. Wir haben den Ball laufen lassen und unsere Gegner sind wie die Stiere hinterher. (lacht) Bei den Turnieren waren auch immer extrem viele Zuschauer, schönes Wetter hatten wir auch, während es in Wien gefröstelt hat – ein Traum!

Ihr Debüt im Nationalteam unter dem legendären Béla Guttmann hatten Sie bereits 1964 bei einem 1:1 in den Niederlanden bestritten. Vier Ihrer acht Länderspiele haben Sie in der Quali zur EM 1968 absolviert. Sie schossen das entscheidende Tor beim 2:1-Heimsieg gegen Finnland, das Ehrentor bei der 1:4-Niederlage in Griechenland und das Goldtor gegen den späteren Gruppenersten UdSSR. Waren Sie deswegen in Österreich so populär, wie die Wahl zum „Fußballer des Jahres 1967“ beweist?
Das ist schön und lustig, weil ich zu Beginn jeder Wahl ausgegraben werde, da ich beim ersten Mal gewonnen habe. Damals haben alle Leute in Pressbaum für mich in einem Gasthaus gesammelt und ich habe mit drei- oder viertausend Stimmen gewonnen. Man darf das nicht überbewerten, aber wenigstens werde ich so nie in Vergessenheit geraten! (lacht) Aber das Tor gegen die Russen war natürlich ein Wahnsinn, mit Sicherheit einer der größten Höhepunkte meiner Karriere. Auch wenn es letztlich nicht zur Qualifikation gereicht hat.

Nach dem Meistertitel 1968 triumphierte Rapid im Europacup der Meister im Achtelfinale gegen Real Madrid, mit Ihnen als Mittelstürmer und Bjerregaard im Mittelfeld. Wurden Sie danach in Wien hofiert?
Johnny hat damals das entscheidende Tor im Bernabeu gemacht. Er ist rechts durchgekommen und hätte eigentlich auf mich spielen müssen, weil ich in der Mitte ganz alleine gestanden bin. Wahrscheinlich wollte er auch auf mich passen, aber ihm ist der Schuss komplett abgerissen und der Toroutlinie entlang ins kurze Eck gegangen. Er hatte den Überraschungseffekt auf seiner Seite, weil aus dieser Position kein Spieler wahnsinnig genug ist, einen Torschuss zu probieren. (lacht) Das war ein Riesenerfolg. Aber gegen Manchester United hat man dann gesehen, dass uns doch etwas zur absoluten Spitze gefehlt hat, auch wenn es nicht viel war.

1969 wurde Rapid Cupsieger, auch weil Sie im Semifinale gegen die Austria das Tor zum 1:0-Sieg geschossen haben. 1969/70 wurde Rapid nur Sechster und Sie gingen trotz immerhin sieben Treffern. Viele Ihrer Ex-Kollegen aus dieser Zeit haben sich darüber beschwert, dass der Abschied von Rapid unfein abgelaufen ist. Wie war das bei Ihnen?
Zuletzt war ich ja nur mehr Ersatz. Branko Elsner, der damalige Innsbruck-Trainer, wollte mich unbedingt haben. Durch dieses Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, bin ich noch einmal richtig stark geworden. Elsner hat gewusst, was ich kann. Bei Rapid habe ich mich nicht mehr wohl gefühlt. Als ich gegangen bin, hat man das kaum zur Kenntnis genommen. Dass man durch mich auch viel profitiert hat, war anscheinend niemandem bewusst. Während die Legionäre sehr gut bezahlt worden sind, habe ich im Finanzamt gearbeitet. Dann hat es plötzlich geheißen, dass man bei Rapid aufs Profitum umsteigt und wir am Vormittag auch trainieren müssen. Alles für einen Hungerlohn!

In Innsbruck wurden Sie sofort Meister. Bei Ihrem ersten Spiel gegen Rapid am 21. November 1970 schossen Ihre Angriffskollegen Ettmayer und Wolny je zwei Tore beim 5:0-Kantersieg. Die Vermutung liegt nahe, dass Sie das eine oder andere Tor aufgelegt haben? Wie war das Gefühl, Rapid derart zu zerlegen?
In Innsbruck war ich der spielende Mittelstürmer. Ich habe die Bälle bekommen und weiterverteilt. Wolny war sehr gut, Ettmayer hatte einen Kanonenschuss und Jara war der junge, aufstrebende Linksaußen. Ich muss auch sagen, dass dieser Meistertitel mit Innsbruck mein schönster war. Bei Rapid hatte ich so etwas noch nicht erlebt. In Wien wurde der Titel mit einem Paarl Würstel gefeiert und aus. In Innsbruck sind wir nach dem ersten Titel überhaupt auf die Westautobahn hinauf und mussten bei jeder Gelegenheit einen Zwischenstopp machen, um uns feiern zu lassen. Um fünf Uhr in der Früh sind wir wieder in Innsbruck angekommen und alle Straßen waren noch immer voll. Wir konnten kaum in die Stadt hineinfahren, weil es die Menschenmassen fast verhindert hätten. Die Leute sind auf den Autobus hinaufgekrallt – so etwas hatte ich noch nicht erlebt! Mein schönster Meistertitel. In Wien hat es nach dem Gewinn einer Meisterschaft „Danke und Auf Wiedersehen“ geheißen.

Sie schossen das 1:0 gegen Real Madrid im Cup der Cupsieger 1970/71 im Hinspiel der zweiten Runde auswärts im Bernabeu. Nach einem 0:2 daheim musste Innsbruck knapp ausscheiden. Können Sie ein paar Details verraten?
Beim ersten Match hat es in Spanien geheißen, dass wir eh nur von den Bergen kommen und man dort nicht Fußball spielen kann. Die haben ihre Meinung sicher noch geändert! (lacht) Am rechten Sechzehnereck habe ich dem Stopper den Ball abgenommen, bin fünf, sechs Schritte in die Mitte gezogen und habe den Ball mit dem Außenrist ins lange Kreuzeck geschlenzt. Ein wunderschönes Tor! Das war knapp vor der Pause und wir hatten noch einige Zeit zu überstehen, um die Führung bis zum Schlusspfiff zu behalten. Beim Rückspiel hat uns dann der ungarische Schiedsrichter derart benachteiligt, dass ich ihn am liebsten gewürgt hätte! (lacht) So hatten wir keine Chance. Wahrscheinlich hat er die eine oder andere goldene Uhr von Real geschenkt bekommen. Im Normalfall wäre ein Unentschieden sicher drin gewesen. Es war jedenfalls die erste Europacup-Saison der Innsbrucker und die Geburtsstunde der großen Siebziger-Jahre-Mannschaft.

1971/72 spielten Sie dann eine Saison beim LASK. Inzwischen wurden Sie im Mittelfeld eingesetzt. Wie ist das gekommen?
Nach eineinhalb Jahren in Innsbruck ist Otto Baric gekommen und ich musste gehen. Ich habe zwar meistens die wichtigen Tore geschossen, aber trotzdem oft auf der Ersatzbank gesessen. Die Beteuerungen des Präsidenten haben leider nichts geholfen. Baric wollte einen „Herumrührer“ – und das war ich nicht mehr. Meine Stärke war die Technik. Ich war wirklich sehr gut in dieser Hinsicht, habe den Ball „deppert“ gemacht und hätte damit im Zirkus auftreten können. (lacht) Die Länge eines Fußballfeldes konnte ich ohne Probleme entlanggaberln oder den Ball am Kopf jonglieren. In Linz hätte ich wieder spielen sollen, was ich konnte – wieder als „hängende Spitze“. Aber nach einem halben Jahr ist Otto Baric auch zum LASK gewechselt und ich war wieder weg vom Fenster. (lacht) Es ist ja kein Geheimnis, dass ich damals nicht mehr laufstark war, und meine nach wie vor vorhandenen Stärken haben leider nicht gereicht. Eigentlich wollte man mich nach Klagenfurt weiterverkaufen. Der dortige Arzt hat mich untersucht und ein „Schlotterknie“ diagnostiziert. Ich habe ihn gebeten, diese Information nicht an die Zeitung weiterzugeben, aber er hat es dann doch getan. Eine Frechheit! Der LASK-Präsident war auf mich böse und in Österreich hat sich kein Verein mehr für mich interessiert. Ich musste also ins Ausland.

Und zwar in die Schweiz zum FC Grenchen. War der Verein in der ersten oder zweiten Liga? Sind Sie in den Genuss des dort sehr beliebten „Uhrencups“ gekommen?
Als ich kam, lag der Verein an der letzten Stelle der ersten Liga. Als ich gegangen bin, war der Verein leider noch immer dort. (lacht) František Bufka, der vorher den LASK zu deren ersten und noch immer einzigen Meistertitel geführt hatte, war mein Trainer. Im Winter ist er gegangen und Fritz Kominek, ein ehemaliger Austria-Stürmer, wurde mein neuer Coach. Es hat alles nichts genutzt. Aber auf den Cup waren sie dort schon stolz im Uhrenzentrum Grenchen!

Zum Abschluss Ihrer Karriere sind Sie in der Regionalliga Ost beim SV Rechnitz aufgetreten. Wie lange haben Sie noch bis zu Ihrem Karriereende gespielt?
Wie gesagt – für einen höherklassigen Verein war der Ruf bezüglich meines Gesundheitszustands schon zu sehr ruiniert. Ich habe in Wien trainiert und bin nur zu den Matches nach Rechnitz gefahren. Aber auch das war dann nach einem Jahr zuviel, also bin ich zu unterklassigen Vereinen als Spielertrainer gegangen, was eigentlich eine sehr schöne Zeit war.

Wo waren Sie überall Trainer in den Siebzigern?
In Leobendorf. In Herzogenburg konnten sie mich nicht halten, weil nach dem Meistertitel kein Geld mehr für mich da war. Später war ich auch bei der Spielgemeinschaft Eichgraben/Gablitz. Dort hat der Präsident sehr viel Geld investiert und sich dann selbst erschossen, weil er keinen Ausweg aus seiner finanziellen Misere gesehen hat. Und in den 1980ern war ich Trainer beim FAC.

1982 waren Sie eine Saison lang Assistenztrainer von Otto Baric, der gerade nach Hütteldorf gekommen war. Rapid war Meister und wurde sofort wieder Meister. Wie war es mit Baric und der ganzen Startruppe?
Eigentlich hätte ich mit Rudi Nuske die Mannschaft trainieren sollen und wurde zum Co-Trainer bestellt. Als Baric kam, bin ich geblieben, während mein Freund Nuske gehen musste. Von meinem Lieblingstrainer (lacht) bin ich etwas hängen gelassen worden. Ich habe die Übungen von Baric nachmachen dürfen, aber das war es dann auch schon. Im Gegensatz zu all den aktuellen Stars war ich der kleine Ex-Spieler, der von Rapid gegangen wurde. Dementsprechend schwer konnte ich mich durchsetzen. Ich war immer schon ein ruhiger Typ, für damals wahrscheinlich zu ruhig.

Von 1990 bis 1992 kamen Sie wieder nach Hütteldorf und wurden Betreuer der U-18 des Rapid-Leistungszentrums. Wo haben Sie mit den Jungen trainiert? War einer dabei, der später groß herausgekommen ist?
Die Umstände waren schon skandalös. Meistens konnten wir hier in Hütteldorf nur auf der Hälfte eines Platzes trainieren. Es wurde schon damals über Alternativen spekuliert, beispielsweise Trainingsplätze beim Wienfluss, aber letztlich ist die Lage leider katastrophal geblieben. Bis heute, muss man eigentlich sagen. Bezüglich späterer Spieler der Kampfmannschaft fällt mir vor allem Raimund Hedl ein.

Um die Jahrtausendwende betreuten Sie in der Wiener Liga den Verein Gaswerk. War das Ihr letzter Verein?
Ja. Nach einem Training hatte ich plötzlich Schmerzen im Genick, was sich als Schlaganfall herausgestellt hat. Das war ein Zeichen für mich, es etwas ruhiger anzugehen. Seitdem bin ich bei keinem Verein mehr in verantwortlicher Position gewesen.

Sie haben jahrelang Treffen der Alt-Rapidler organisiert. Sind Sie quasi der Urvater des Legendenklubs?
Das stimmt fast. Bei der Organisation dieser Treffen habe ich Peter Reiter unterstützt. Ich habe damals in der Bank gearbeitet und hatte die Möglichkeit, ein wenig herumzutelefonieren. Zusammengesetzt haben wir uns im Gasthaus Kern im 1. Bezirk, das war unser Treffpunkt. Dank der Initiative von „Funki“ Feurer sind inzwischen viele Legenden wieder zur Rapid zurückgekommen. Davor wurde ich beim Kartenabholen nachhause geschickt, weil man mir nicht geglaubt hat, dass ich Leopold Grausam bin. Friedrich Grassi lädt 70 bis 80 Legenden einmal im Jahr, knapp vor Weihnachten, zum Plachutta ein. Er ist der einzige Rapidler aus der damaligen Zeit, der uns etwas zurückgibt.

Welcher Spieler der letzten Jahrzehnte war Ihnen am ähnlichsten?
Christian Keglevits hat mir sehr gefallen, weil er wie auch ich immer ins Loch hineingegangen ist. Er war sehr gut, aber technisch nicht so stark wie ich! (lacht) Für mich war von kleinauf nur der Fußball wichtig, weswegen ich auch in der Schule nicht der Beste war. In eine Bank habe ich es trotzdem geschafft – es ist halt alles relativ.

Und was sagen Sie zur jetzigen Situation?
Es ist eigentlich nicht zu glauben, dass sich in Wien kein potenter Geldgeber findet, der den populärsten Verein Österreichs unterstützt. Rapid braucht keinen Einmischer wie den Frank Stronach, aber eigentlich müsste Rapid die Sponsoren anziehen. Wenn sie im Verein finanziell unabhängiger wären, hätten sie nicht so viele Spieler verkaufen müssen. Man muss im Moment einfach Geduld haben.

Interview vom 17.11.2011 (grela)


10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Ihre Lieblings-Elf aller Zeiten?

Für mich war Real Madrid mit Di Stéfano und Puskás das größte Team aller Zeiten!

Das beeindruckendste Stadion, in dem Sie je gespielt haben?
Das Camp Nou. Als wir mit dem Autobus in die Tiefgarage gefahren sind, war das schon sehr beeindruckend von den Dimensionen her. Obwohl ich auch im Maracanã-Stadion gespielt habe – Barcelona war am schönsten!

Ihre größte Niederlage am Fußball-Platz?
Das 1:4 in Griechenland in der EM-Qualifikation. Wir waren chancenlos und sind zuhause schon am Flughafen beschimpft worden. Die Griechen waren sehr stark, und wir sind wie „Lamperl“ herumgelaufen.

Rapid ist...
... mein fußballerisches Leben, war es immer und wird es immer sein! Dort zu spielen, war für mich immer das Größte!

Was fehlt in Ihrem Kühlschrank nie?
(lacht) Bier trinke ich nicht. Es muss immer alles da sein, damit ich mir ein gutes Wurstbrot machen kann.

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich?
Wir sind immer nach Caorle gefahren ins Hotel meiner Schwiegertochter.

Wohin würden Sie schauen, wenn Sie in der Zeit reisen könnten?
In die Zukunft!

Eine Marotte?
Habe ich nie gehabt.

Der beste Verteidiger, gegen den Sie je gespielt haben?
„Nobby“ Styles von Manchester United. Der war wie eine Gwandlaus, hat immer seine Zähne vor dem Spiel herausgegeben. (lacht)

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Muhammed Ali.