Josef Höltl im Gespräch
 

Interview vom 28. Juni 2011 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Ich hätte berühmt werden können wie Krankl mit seinem Cordoba-Tor!"
gen ja Welten dazwischen!“ in meines Le
Josef Höltl wurde am 24. Jänner 1937 geboren. Beim Kremser SC spielte er erstmals vereinsmäßig und konnte sein großes Talent nicht lange verbergen. Und so wechselte der beidbeinige Defensivmann 1955 als 18-jähriger Grünschnabel zu Rapid, wo er inmitten einer einzigartigen Ansammlung von Stars sofort zum Stammspieler avancierte. In zwölf Saisonen bei Rapid stemmte Höltl den Meisterteller fünfmal in die Höhe und wurde einmal Cupsieger. In 311 Pflichtspielen erzielte „Pepi“ Höltl nur ein Pflichtspieltor, was auch daran lag, dass er zumeist als Linksverteidiger aufgestellt wurde. Seine Lieblingsposition als rechter Aufbauläufer verstellte ihm niemand Geringerer als Gerhard Hanappi. Gegen Real Madrid hätte sich der Happel-Schüler beinahe neben seinem Lehrmeister in die Torschützenliste eingetragen. Nur wenige Zentimeter fehlten zur Weltsensation. Zumindest im Rapid-Umfeld ist der Bäckersohn aber auch so unsterblich.

Josef Höltl fügt sich nahtlos in das Bild, das ich von der alten Spieler-Generation Rapids habe – gastfreundlich, erzählfreudig und mit elefantengleichem Gedächtnis ausgestattet. Ich werde von der SCR-Legende eingeladen, ihn in seinem niederösterreichischen Geburtsort Rohrendorf zu besuchen. Dort nehmen wir im ehemaligen Verkaufslokal der elterlichen Bäckerei Platz und starten eine extrem interessante und auch amüsante Reise in seine Vergangenheit als Fußballer. Nach der fast zweistündigen Plauderei werde ich auch noch mit einer Flasche Wein beschenkt, als ob ich mich an den Erzählungen des rüstigen Mitsiebzigers nicht schon genug berauscht hätte.

Herr Höltl, wo sind Sie aufgewachsen? Und wie sind Sie zum Fußball gekommen?
Hier in Rohrendorf. Zu dieser Zeit habe ich nach der Schule auf dem Platz eines Freundes gekickt. Wir waren alle Straßenfußballer. Ich bin, nachdem ich hier im Ort in die Volksschule gegangen bin, nach Krems in die Mittelschule gewechselt. Dort habe ich einen Freund kennengelernt, der beim KSC in der B-Jugend gespielt hat. Damals gab es die Unterteilung in die verschiedenen U-Mannschaften noch nicht, sondern nur eine A- und eine B-Jugend. Mein Freund hat mich jedenfalls beim Kremser SC angemeldet, und weil ich bei keinem Verein war und in Krems zur Schule gegangen bin, habe ich es halt probiert. Damals war ich ca. 13 Jahre alt.

Wie hat das Leben eines Jugendlichen in der Nachkriegszeit ausgeschaut?
Man hat damals kaum etwas anderes als den Fußball gehabt. Und im Gegensatz zu heute, wo die Kinder zum Training hingeführt und wieder abgeholt werden, haben wir das alles selbst mit dem Fahrrad gemacht. Ich würde sagen, dass wir damals viel selbstständiger waren als die Jugendlichen heutzutage.

Und wie ist Ihre Karriere in Krems weiterverlaufen?
Gut! (lacht) Nach zwei, drei Spielen bin ich so positiv aufgefallen, dass ich in die A-Jugend gekommen bin. Dort waren meine Kollegen fast durchwegs um drei, vier Jahre älter als ich, und ich habe gelernt, mich durchzusetzen. Über die Reserve bin ich dann mit 16 Jahren in die Kampfmannschaft gekommen. Ein paar Leute haben gesagt, dass man mich jungen Buben nicht verheizen soll. Aber gleich in meiner ersten Saison sind wir Meister in der Landesliga, die damals die dritthöchste Spielklasse war, geworden. In der B-Liga habe ich schon gegen sehr gute Mannschaften gespielt und bin auch in die damaligen Auswahlteams einberufen worden. Die Jugend-Auswahlen hat man damals FIFA-Teams genannt. Ich habe da wie dort auf mich aufmerksam machen können. Und 1955 ist dann plötzlich Wacker Wien auf mich zugekommen. Dort hat der berühmte Theodor „Turl“ Wagner gespielt. Ich bin also nach Meidling gefahren, aber es ist nichts aus einem Wechsel geworden. Knapp danach ist Leopold Gernhardt, der eben seine Spielerkarriere beendet hatte und zum Sektionsleiter Rapids ernannt worden ist, zu mir nach Krems gekommen. Eine lustige Nebengeschichte ist, dass ich damals eigentlich Austrianer war, weil mein Vorbild Ernst Ocwirk war. Das war ein Bombenfußballer! Als ich nach Hütteldorf gewechselt bin, war ich aber natürlich im Handumdrehen ein Rapidler.

Ist das so ohne weiteres gegangen?
Damals war das mehr Rivalität als Feindschaft. Ich und der Walter Glechner sind in der Herbststraße oft mit dem Horst Nemec und dem Oskar Fischer von der Austria in einem Lokal gesessen. Im Match ist es dann schon öfters heiß hergegangen, aber nach dem Schlusspfiff waren wir wieder gut. Wenn man sich heute ein Derby anschaut, ist das ja fast schon wie im Krieg. Ich erinnere mich an ein Legendentreffen im Parkhotel Schönbrunn. Dort habe ich zwei jüngere Männer getroffen, mit denen ich mich unterhalten habe, weil sie mich nach den alten Zeiten gefragt haben. Sie haben mich eingeladen, dass ich bei einem Derby ins Gasthaus hinter der Ost kommen soll, weil mich auch andere Leute kennenlernen wollen. Das habe ich auch gemacht. Als dann ca. 1.000 Austria-Fans vorbeimaschiert sind, hat der Chef sofort gesagt, dass die Türe zugesperrt werden soll. Da ist es zugegangen! Flaschenwürfe und so weiter, gerade, dass niemand erschlagen worden ist. Ein Wahnsinn! Das hat ja alles mit dem Sport nichts mehr zu tun. Was müssen sich Kinder denken, wenn sie solche Bilder sehen?

Wie hat der Kremser SC darauf reagiert, dass Rapid ihr 18-jähriges Supertalent haben wollte?
Das war ihnen ganz und gar nicht recht! Sie wollten einen Wechsel blockieren, indem sie für mich 100.000 Schilling verlangt haben. Das war damals fast unvorstellbar viel Geld. Als der Transfer zu scheitern drohte, bin ich zu den Herren gegangen und habe gesagt, dass ich unbedingt zu Rapid gehen will und im Notfall eine halbjährige Sperre abwarte und dann weg bin. Also hat man sich auf eine bestimmte Summe und ein Ablösespiel geeinigt und ich bin zu Rapid gewechselt. Manager hat es damals noch nicht gegeben. Abgesprochen habe ich mich nur mit meinen Eltern. Mein Vater und meine Mutter haben eine Bäckerei geführt und ich war der einzige Sohn. Genau hier, wo wir jetzt sitzen, war früher das Verkaufslokal.

Wie war das, als Jungspund zu einer berühmten Rapid-Mannschaft zu stoßen?
Heute wird sofort ein Wetter gemacht, wenn ein Spieler 19, 20 oder 21 Jahre alt ist. Ich war damals 18! Rapid war damals gerade auf Tournee in Australien. Als sie zurückgekommen sind, hat es geheißen, dass ich um 13 Uhr am Rapid-Platz sein und in der Reserve spielen soll. In der Zeitung habe ich dann gelesen, dass mein Name bei der Aufstellung der Kampfmannschaft gestanden ist. Als ich zur vereinbarten Zeit auf der Pfarrwiese angekommen bin, hat es tatsächlich geheißen, dass ich noch Zeit habe, weil ich in der Ersten spielen soll. Von meinem Debüt gegen Simmering (4:2 am 28. August 1955) weg war ich im erweiterten Kreis der Stammspieler! Natürlich gab es auch Unterbrechungen, aber eher wegen kleinerer Verletzungen.

Sie haben sich nicht in irgendeiner Mannschaft durchgesetzt!
Die stärkste Rapid war das damals nicht mehr. Happel war gerade in Paris und ist erst etwas später wieder zur Rapid gekommen, Gernhardt hatte aufgehört, aber ansonsten war das schon die legendäre Mannschaft der Fünfziger-Jahre. Ich hatte damals unheimlichen Respekt vor meinen Mitspielern! Als Provinzler hatte ich es auch schwer in Wien. Aber nach einer gewissen Zeit des gemeinsamen Trainierens haben die Stars bemerkt, dass ich auch etwas kann und haben mich akzeptiert. Zu Beginn war ich noch per Sie. Nach ungefähr einem halben Jahr hat man mir dann der Reihe nach das Du-Wort angeboten. Wenn der Arnautovic damals auf den Happel getroffen wäre, hätte er das sportlich nicht überlebt! (lacht) In der Presse wäre nix gestanden, aber weg wäre er mit Sicherheit gewesen.

Haben Sie damals einen Ihrer neuen Mitspieler besonders bewundert?
Ernst Happel! Er war einer der besten Verteidiger überhaupt – beidbeinig, taktisch unglaublich stark und ein Wahnsinns-Schuss! Aber es gab damals so viele Stars, von denen man heute nur träumen kann. Wenn ich jetzt ein Spiel anschaue, kommen oft fünf von zehn Passes nicht an. Das hat es damals nicht gegeben! Natürlich haben sich die Geschwindigkeit und die körperliche Stärke der Spieler extrem entwickelt. Dafür waren die Materialien, mit denen wir damals spielen mussten, auch um Lichtjahre von der heutigen Qualität entfernt. Mit dem entsprechenden Material wäre Armin Hary damals wahrscheinlich genauso schnell gelaufen wie ein Usain Bolt. Aber das sind Diskussionen, die zu nichts führen. Der Vergleich hinkt vielleicht, aber das tut er in die andere Richtung auch. Ich sehe viele Rapid-Spiele live im Stadion und bin richtig froh, dass ich heute nicht mehr spielen muss. Was da hineingehauen wird – unvorstellbar! Ich hatte in meiner Karriere auch Glück, dass mir nichts Gröberes passiert ist, aber heute wimmelt es ja nur so vor lauter Kreuzbandrissen und ähnlich schweren Verletzungen. Mir werden die Spielgestalter, wie ein Steffen Hofmann, von den Schiedsrichtern viel zu wenig geschützt! Normalerweise gehört beim ersten groben Foul gleich die gelbe Karte gezeigt, und eine Ruh‘ ist. Diese Verwarnerei ohne Karten ist die Basis für viele Vergehen.

Sie waren sofort Stammspieler, wurden als Verteidiger und Läufer auf der linken und rechten Seite eingesetzt. Waren Sie so universell oder hat man damals noch nach der „richtigen“ Formation gesucht?
Ich war beidbeinig. Bei mir hat keiner gewusst, ob ich ein Linker oder Rechter bin. (lacht) Ich wurde anfangs auch oft als rechter Aufbauspieler neben Gießer aufgestellt, wenn Hanappi im Sturm gespielt hat. Aber ansonsten war meine Lieblingsposition vergeben, da war nichts zu machen. Ich war oft der Lückenbüßer und Einspringer, wenn etwas in der Grundaufstellung aus der Ordnung geraten ist. Ich konnte selten dort spielen, wo ich es am liebsten gewollt hätte, aber dafür habe ich fast immer irgendwo eine Verwendung gefunden.

Was waren Ihre großen Stärken?
Die eben erwähnte Beidbeinigkeit und meine Ballbeherrschung haben sicher zu meinen größten Waffen gehört. Ich war zwar nicht der Schnellste, habe aber mit meinem taktischen Verständnis vieles wettmachen können. Von der Happel-Schule, durch die ich gegangen bin, habe ich ungemein profitiert. Wir haben eigentlich damals schon eine Viererkette gespielt, weil ein Läufer, meistens der Gießer, in der Rückwärtsbewegung neben dem Happel gespielt hat. Wie Happel die Abseitsfalle dirigiert hat, war Weltklasse. Aber wehe, man hat sich nicht an ihm orientiert – da hat man sich etwas anhören können! Hanappi oder Happel wären auch heutzutage absolute Spitze! Damals waren sie ja keine Profis, sondern die meisten Vertragsspieler, die nebenbei gearbeitet haben. Eine Schwäche von mir war das Kopfballspiel. Oft habe ich nur angedeutet, und wenn mein Gegenspieler zurückgezogen hat, ist der Ball zu mir heruntergefallen. Diese Schlitzohr-Taktik hat oft geholfen. Pech hatte ich insofern, als ich kein Liebling der Presse war. Wenn wir gewonnen haben, wurde geschrieben, dass die Verteidigung gut war und Happel und Zeman die Besten. Wenn wir verloren haben, hat es geheißen, dass die Verteidigung schlecht und ich der Schwächste war. (lacht) Es war immer das Gleiche!

Hat Sie das sehr gewurmt?
Es geht so. Ein Resultat der negativen Presse dürfte aber gewesen sein, dass ich eigentlich als einziger Rapidler nie im Nationalteam spielen durfte. Jeder hat gespielt, nur ich nicht! Meine Enkerln, die auch beide Fußball spielen, fragen mich, warum ich in zwölf Saisonen bei Rapid nie im Nationalteam gespielt habe. Was soll ich denen sagen?! (lacht und steht auf, um mir einen Zeitungsausschnitt zu bringen) Damals haben wir im Mitropacup gegen Slovan Bratislava gewonnen. Lesen Sie selbst – „Höltl brachte den Umschwung“. Das war eine der wenigen positiven Kritiken. Ich war der beste Mann am Platz. Normalerweise bist du danach im A-Team, aber ich habe im C-Team gespielt! Damals hat es noch geheißen, dass man den Jungen Zeit geben muss. Die Sache war natürlich auch die, dass es damals viele starke Vereine, aber kaum Ausländer gegeben hat. Die Konkurrenz auf jeder Position war also viel größer als heute. Als Ausländer musste man erst einmal gut genug für Rapid sein! Johnny Bjerregaard war so einer. Ansonsten sind viele Spieler nach ein paar Probetrainings wieder nachhause geschickt worden. Ich erinnere mich da beispielsweise an den Brasilianer Giovanni Luckmann. Ein anderer Möchtegern-Rapidler hat zwar nie in der Kampfmannschaft gespielt, uns aber gesagt, dass er für das Geld, das wir bekommen, ohnehin nicht auflaufen würde. Wir hatten damals keine Sponsoren und mussten im Winter und im Sommer wegfahren, um Geld für den Verein zu verdienen.

Welchen Wert hatten die Tourneen für Sie?
Einen großen! Wir sind an Plätze gekommen, die kaum jemand zu dieser Zeit gesehen hat. New York ist mir in besonderer Erinnerung. Viermal war ich dort! Südamerika war auch sehr beeindruckend, aber der Big Apple hatte es mir außerordentlich angetan. Heute ist das natürlich anders, weil es sich die Spieler mit ihren hohen Gehältern leisten können, selbst überall hinzufliegen. Die heutige Kicker-Generation wäre deppert, wenn sie das Geld nicht nehmen würde, aber der Gagen-Unterschied ist im Vergleich zu meiner Zeit ein Wahnsinn! Der „Jimmy“ Hoffer, so sympathisch mir der Bursche ist, hat einen Ferrari. Wenn ich mit meinem Suzuki in die Hanappi-Garage fahre, müssen die Spieler ja glauben, dass der „Sandler von Rohrendorf“ kommt. Dabei: 68 PS, fünf Liter Verbrauch – mehr brauche ich nicht. Und der Herr Hoffer hat neben seinem Audi Q7 einen Ferrari, dafür hat er seine geschwängerte Freundin stehen lassen. Aber bitte, das ist der Wandel der Zeit. Bei der Partie gegen Wr. Neustadt bin ich mit meinen Enkerln, die auch Rapidler sind, in die Tiefgarage gegangen, und der „Jimmy“ hat seinen Boliden gestartet. Momentan habe ich gedacht, dass ich mich mitten auf einer Formel-1-Strecke befinde. Die beiden Buben waren ganz narrisch nach diesem Auto! (lacht)

Rapid hat sich 1955/56 mit einem sensationellen Saison-Finish den 20. Meistertitel geholt. Wie wurde das gefeiert? Wie war das Gefühl für einen 19-jährigen Rapid-Debütanten?
Unglaublich! Wir haben in der letzten Runde am Samstag Austria Graz mit 7:1 geschlagen und am Sonntag hat die Austria gegen Wacker Wien mit 3:1 gewonnen – so sind wir Meister geworden! Heute gibt es einen Auto-Corso und Feierlichkeiten im Stadion und am Rathausplatz. Wir waren einfach Meister, ganz ohne Tamtam, weil das damals für Rapid ganz normal war. Trotzdem war es für mich persönlich eine Patzensache!

Nach diesem großen Erfolg erreichte Rapid das Mitropacup-Finale und verlor das dritte Entscheidungsspiel gegen Vasas Budapest mit 2:9. War die Monster-Kulisse von 104.000 Zuschauern im Nep-Stadion der Grund für diese klare Niederlage?
Nur kurz zur Vorgeschichte: In der ersten Runde haben wir Slovan Bratislava eliminiert. Vom Hinspiel habe ich Ihnen gerade den Zeitungs-Artikel gezeigt. Im Semifinale ist es gegen Vörös Lobogo Budapest gegangen. Zuhause haben wir 3:0 geführt, Endstand 3:3. In Budapest haben wir wieder mit 3:0 geführt, die Ungarn haben ausgeglichen und Bruno Mehsarosch, der leider bereits verstorben ist, hat knappe zehn Minuten vor Schluss das 4:3 gemacht und wir sind im Finale gestanden. Gegen Hidegkuti & Co. in Budapest zu gewinnen, ist damals kaum einer Mannschaft gelungen. Es war eines der besten Spiele, die Rapid in meiner Zeit abgeliefert hat! Gegen Vasas haben wir 3:1 geführt und wieder nur 3:3 gespielt. Das Rückspiel ist 1:1 ausgegangen und ein drittes Spiel musste her. Robert Körner hat in Budapest einen Elfer verschossen, was er normalerweise nie getan hat. Wäre der Strafstoß drinnen gewesen, wären wir Mitropacupsieger gewesen! Nur eine Woche später beim Entscheidungsspiel in Budapest sind die gleichen Mannschaften gegeneinander angetreten, aber wir haben mit 2:9 verloren. Unvorstellbar! Fast jeder Schuss, der aufs Tor gegangen ist war ein Goal! Der Hansi Riegler hat bei 1:8 sein zweites Tor geschossen und ein Patzentheater gemacht, so, als ob er gerade den Ausgleich erzielt hätte. (lacht) Dabei war das die herbste Niederlage, die ich jemals einstecken musste. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich heute noch an den verschossenen Elfer denke. (lacht)

In der Saison 1956/57 wurde Rapid erneut Meister. Der neue Trainer hieß Max Merkel, der Franz Wagner abgelöst hatte. Wie war das Verhältnis zwischen Merkel und Rückkehrer Ernst Happel? Beide hatten ja wenige Jahre zuvor die Abwehr des SCR gebildet...
Ich weiß nicht, welches Verhältnis sie vorher hatten, aber im Großen und Ganzen haben sie sich schon gut verstanden. „Zapferl“ Wagner wurde nach dem eben besprochenen 2:9 gegen Vasas abserviert und Merkel als neuer Trainer geholt. Auf mich hat er einen sehr guten Eindruck gemacht – er war fachlich gut, hat sich um uns gekümmert. Eine fragwürdige Eigenart von Merkel war aber, dass er Spieler, die er brauchte, gestreichelt hat, während er den anderen in den Hintern getreten hat. Irgendwie dürfte es aber nicht ganz falsch gewesen sei, immerhin war er ja später ein Erfolgstrainer. Aber bei Happel und Hanappi, die früher am Platz seine Chefs gewesen sind, hat er sich quasi die Zähne ausgebissen. Wenn er dem Happel etwas erzählen wollte, hat der gesagt: „Was willst denn, Langer? Was du früher gespielt hast, haben wir schon vergessen!“ Sie haben es zwar nicht gezeigt, aber in Wirklichkeit war der Happel der Chef, obwohl er noch Spieler war. Als der Erfolg gefehlt hat, wurde auch Merkel abserviert, und nach einem Jahr hat ihn sein bester Freund, der Robert Körner, beerbt.

Sie spielten fast überall, sogar am linken Flügel und als Linksverbinder. Im legendären Europacup-Duell mit Real Madrid beispielsweise als rechter Läufer in Madrid und als linker Flügel in Wien. Beim dritten und entscheidenden Duell in Madrid fielen Sie und Gerhard Hanappi aus. Hätte man mit Ihnen und Hanappi die Sensation schaffen können?
Ich muss richtigstellen: In den ersten Partien habe ich beide Male als linker Flügel gespielt. Auswärts haben wir vor allem darauf geschaut, die Niederlage in Grenzen zu halten. Deswegen bin ich vorne statt Josef Bertalan aufgestellt worden, um den Ball mit dem Fredl Körner in unseren Reihen zu halten. Beim Rückspiel waren wir kaserniert und es hat geheißen, dass Bertalan als linker Flügel spielt. Er hat sich dann aber total unwohl gefühlt, weswegen doch wieder ich am Flügel eingesetzt worden bin. Und dort hatte ich die Chance meines Lebens! In der zweiten Hälfte ist Robert Körner auf der rechten Seite durchgegangen und hat einen Stanglpass gespielt. Der Goalie war im kurzen Eck, und als ich den Ball traf, rutschte der Atienza in den Schuss und fälschte ihn so ab, dass der Ball nur ein paar Zentimeter am langen Stangl vorbeigegangen ist. Ich war damals sehr jung. Fünf Jahre später hätte ich einen Haken gemacht und den Ball ins leere Tor geschoben. An diesem Tag hätte ich berühmt werden können wie der Krankl mit Cordoba! Und anstatt aufzusteigen, hat Di Stéfano zum 1:3 eingeköpfelt und ein drittes Spiel war notwendig. So gesehen war es schon ein Pech, dass es die Auswärtstor-Regel damals noch nicht gegeben hat! Das Spiel wurde jedenfalls nach Madrid verkauft und wir hatten eigentlich keine Chance. Auch mit Hanappi und mir hätte es nicht viel besser ausgeschaut. Die große Möglichkeit, Real ein Haxl zu stellen, hatten wir im Retourmatch. Wenn ich das Tor mache oder wir das von Di Stéfano nicht bekommen, sind wir weiter. Hätte ich statt Hanappi rechter Aufbauläufer gespielt, Hanappi dafür Linksverbinder und Körner II linker Flügel – wir wären aufgestiegen. Im Nachhinein ist man oft gescheiter, aber nicht nur ich war nach dem Match der Meinung, dass es so funktioniert hätte.

Im Mitropacup-Semifinale hätte es ein drittes und entscheidendes Spiel gegen Vojvodina Novi Sad gegeben, aber Rapid trat nicht an. Wissen Sie noch warum?
Naja, damals ist es am Balkan noch zugegangen! Die Spieler, die Fans, die beeinflussten Schiedsrichter – es war eine schmutzige Partie dort! Das alles zusammen war der Grund, warum man auf ein drittes Match in Novi Sad verzichtet hat.

In der Saison 1957/58 erzielten Sie am 23. Februar 1958 beim 2:1-Sieg gegen ÖMV Olympia ihren einzigen Pflichtspieltreffer für Rapid. Können Sie sich noch genau an dieses Tor erinnern?
(lacht) Jaja. Ich habe damals Linksverbinder gespielt. Ich bin jedenfalls von der linken Seite gekommen und habe den Ball aus ca. 15 Metern und schräg zum Tor stehend in den Kasten von Olympia-Goalie Mayer gehaut. Und Bertalan habe ich das 2:0 aufgelegt. Ich war der Matchwinner – eine Seltenheit! (lacht)

Im Europacup der Meister waren Sie bei zwei Spielen gegen den AC Milan mit dabei, aber beim legendären 5:2-Sieg im Rückspiel nicht. Warum?
Damals war ich krank und hatte hohes Fieber. Wir haben uns einen Fernseher ausgeborgt und das Match hier in Rohrendorf angeschaut. War das eine Bombenpartie! Unten in Mailand haben wir 1:4 verloren, daheim 5:2 gewonnen. Beim Entscheidungsspiel in Zürich hatten wir leider Pech. Damals hat es eine Karambolage zwischen Tormann Herbert Gartner und Rechtsverteidiger Lambert Lenzinger gegeben, der sich ein Bein gebrochen hat. Und weil es damals noch keine Wechselspieler gab, mussten wir mit zehn Mann weiterspielen! Zu Beginn der Rapid-Viertelstunde waren wir trotzdem auf 2:3 heran, haben aber letztlich gegen diese Klassemannschaft mit 2:4 verloren.

In der Liga reichte es „nur“ zum zweiten Platz. War das für Euch Spieler schon eine Niederlage?
Ja! Der zweite Platz war damals für Rapid nicht gut genug. Es war auch keine Tragödie, aber der Anspruch war es damals immer, Meister zu werden. Eine kleine Krisenstimmung hat sich in jedem Fall breitgemacht. Ein zweiter Platz hat niemandem gefallen, aber am allerwenigsten der Presse. Und das, obwohl wir knapp hinter dem Sportclub Vize geworden sind und der Dritte einen Riesenabstand hatte. Die Konkurrenz damals war sehr stark!

Merkel ging und Rudolf Kumhofer übernahm den Trainer-Posten. Können Sie etwas über diesen Mann erzählen, von dem man so wenig weiß?
Als Spieler hat er in der Rapid-Reserve gekickt. Zuerst hat er die Jugend betreut und sich nach oben gekämpft. Er war ein solider Mann. Aber ich sage es Ihnen ganz ehrlich: So wie Rapid damals aufgestellt war, hat man eigentlich gar keinen Trainer gebraucht! Kumhofer war in diesem Sinn eher ein Übungsleiter. Denn bei Leuten wie Happel und Hanappi hat man keine taktischen Besprechungen gebraucht. Nach zehn Minuten jeder Partie haben die beiden, wenn es notwendig war, intern neue Zuordnungen ausgegeben. Solche Klassespieler waren das! Heute wissen die Spieler ohne den Trainer gar nicht mehr weiter, können am Feld kaum reagieren. Happel war einfach ein Bombentrainer, schon als Spieler! Pech hat er bei der WM 1978 mit dem Stangenschuss von Rensenbrink gehabt. Wenn die Wuchtel reingeht, ist der Happel Weltmeister und wird nicht nur so genannt. Aber so ist der Fußball! Ich werde das Real-Match und den verschossenen Elfer gegen Vasas nie vergessen, das ist sicher. (lacht)

Rapid wurde 1958/59 erneut knapp hinter dem Sportclub Vizemeister und verlor das Cup-Finale gegen den WAC. Und Trainer Kumhofer wurde durch Robert Körner ersetzt, der sieben Saisonen lang Betreuer des SCR bleiben sollte. Wie würden Sie Ihren „Lebens-Trainer“ beschreiben?
Er war ein sehr guter Mann. Ich habe ihn gedutzt, weil wir noch zusammen gespielt haben. Vorteil hatte ich dadurch aber keinen. Meiner Meinung nach hätte er damals halt mit Sektionsleiter Ernst Happel den Posten wechseln sollen. Das hätte besser gepasst!

Ernst Happel war drei Jahre Sektionsleiter, Franz Binder danach vier Jahre lang. Welchen Einfluss und welche Macht hatten diese beiden Sektionsleiter in puncto Training, Aufstellungen etc.?
Sicher einen großen. Sowohl Happel als auch Binder waren die Chefs! Wenn man etwas gebraucht hat, ist man als Spieler zum Sektionsleiter gegangen, weil der Trainer das nicht entscheiden konnte. Als man mir die Zugspesen nicht mehr geben wollte, bin ich zum Binder gegangen, der das für mich geregelt hat. „Bimbo“ Binder war die Persönlichkeit schlechthin! In puncto Aufstellungen und Taktik hat man sich gemeinsam mit dem Trainer abgesprochen, aber das letzte Wort hatten diese beiden Sektionsleiter. Ich habe eines der letzten Matches von Binder gesehen, ein Derby – was der für einen Mordsschuss gehabt hat! Mit seiner Wucht hat er den Ball zum Flattern gebracht, bevor die neumodischen Bälle erfunden worden sind. Binder hat aus 30, 35 Metern mitten auf das Tor geschossen und normalerweise hätte ihn der Goalmann haben müssen, aber durch die unglaubliche Hebelwirkung hat der Ball noch einmal eine Kurve gemacht. Unvorstellbar!

Sie wurden von Robert Körner fast durchgehend als linker Verteidiger eingesetzt. Hat er Ihre Stärken gut erkannt, oder wäre Ihnen eine andere Position lieber gewesen?
Es hat damals einfach einen Bedarf auf der linken Verteidiger-Position gegeben, und ich bin in der Körner-Ära fast durchwegs dort aufgestellt worden. Aber wie bereits gesagt – meine Lieblings- und wohl auch Optimalposition wäre die des rechten Aufbauläufers gewesen.

Während das Cupfinale erneut verloren ging, holte Rapid den Meistertitel 1960 wieder nach Hütteldorf zurück. Wie waren die „Neuen“ – Glechner, Flögel und Skocik – aus Ihrer Sicht?
Sie sind alle von der Rapid-Jugend gekommen und hatten es insofern etwas leichter als beispielsweise ein Nobody aus Krems. Außerdem mussten sie sich nicht mehr mit den alten Klassespielern um ihre Position duellieren, sondern waren deren Nachfolger. Aber man muss schon auch betonen, dass alle Genannten Patzenkicker waren!

Ist ein Kicker dieser Generation besonders hervorzuheben?
Für mich Franz Hasil! Wenn er nicht auch ein paar Dinge falsch gemacht hätte mit der Presse etcetera, müsste er heute eigentlich bei Rapid eine Position einnehmen wie Hans Krankl. Er war einer der besten Fußballer, die Österreich jemals hatte! Leider hat er sich zu schlecht verkauft. In fast der gleichen Kategorie hat für mich der Gustl Starek gespielt. Herbert Prohaska ist „Österreichs Fußballer des Jahrhunderts“? Bei allem Respekt – aber da muss sich der Ernst Ocwirk ja im Grab umdrehen! Ähnliches gilt für Hasil und Starek. Aber der Ocwirk hat für mich alles in Österreich überstrahlt. Seine Persönlichkeit, seine Passes – das war Weltklasse. Ich habe ihn auch persönlich kennenlernen dürfen, weil er uns bei Krems nach meiner Rapid-Zeit ein paar Mal unentgeltlich trainiert hat. Er war Kapitän der FIFA-Weltauswahl! Mehr braucht man dazu nicht sagen. Hanappi war noch universeller einsetzbar. Und Zeman war auch eine Persönlichkeit wie aus dem Märchenbuch. Aber Ocwirk war für mich einsame Klasse. Wenn es nicht bis 1954 die Ausländer-Sperre gegeben hätte, wären alle Genannten auch in anderen Ligen Superstars geworden. Dritter bei der WM zu werden, war eine Glanzleistung, die heutzutage viel zu wenig gewürdigt wird. Das Pech war halt, dass wir das Semifinale gegen Deutschland mit 1:6 verloren haben. Bei einem knapperen Ergebnis hätte diese einmalige Endrunde vielleicht mehr Anerkennung gefunden. Die größte Ungerechtigkeit war aber, dass Ungarn nicht Weltmeister geworden ist. (zählt die Stammformation der Ungarn komplett auf!) Das war die beste Mannschaft, die ich jemals gesehen habe. Im Normalfall ist kein Team aus Budapest weggekommen, ohne vier, fünf Trümmer zu kassieren.

1960/61 wurde Rapid zwar nur Sechster, gewann aber den Cup und erreichte das Semifinale im Europacup der Meister.
Im Europacup der Landesmeister hat Rapid nie mehr einen solchen Erfolg feiern können. Wir waren unter den letzten vier Mannschaften mit Benfica, Barcelona und dem HSV. In Lissabon haben wir mit Pech 0:3 verloren, und in Wien wurde in der 89. Minute beim Stand von 1:1 abgebrochen. Der Schiedsrichter war ein „Kopfschüssler“ und hat ein ganz klares Elferfoul an Robert Dienst nicht gegeben. Und das, obwohl die Stimmung ohnehin schon so aufgeheizt war!

Nach dem nicht gegebenen Elfer in der 89. Minute kam es zu einem Platzsturm. Laut Zeitungen wollten die Rapid-Fans die Benfica-Spieler aus ihrer Kabine holen. Wie erinnern Sie sich an diesen Skandal?
So schlimm war es nicht! Ein paar hundert Leute sind auf den Platz gelaufen und wollten vielleicht auch in die Kabine hinein. Aber die Polizei hat das abgeriegelt und gut unter Kontrolle gehabt.

Kann man die Geschehnisse von damals mit denen vom Derby-Platzsturm im Mai vergleichen?
Nein, weil die Bilder ganz andere waren. Außerdem hat sich der Zorn damals gegen den Schiedsrichter und die unfaire Spielart der Portugiesen gerichtet, letztens aber gegen den Verein und die eigenen Spieler. Untereinander haben sich die Fans anscheinend weniger koordiniert als mit den Ausländern, wie dem Griechen von Panathinaikos. Man will ja niemanden verteufeln, aber wegen der wenigen schwarzen Schafe wurden andere auch in Misskredit gebracht. Ein paar Leuten geht es offensichtlich mehr um die Action als um Rapid. Wenn ich ins Hanappi-Stadion gehe, sehe ich viel zu viele Betrunkene. Aber was soll man machen? Ich bin eigentlich ratlos und hoffe wieder auf volle Unterstützung ohne Übergriffe. Für mich sind aber auch beim Verein und der Polizei Fehler passiert. Immerhin war ja schon vorher bekannt, dass es beim Stand von 0:2 zu einem Platzsturm kommen wird.

Zurück zu Ihnen. Rapid befand sich Anfang der Sechziger-Jahre personell gesehen im Umbruch, wurde nur Fünfter in der Liga. Hatten der Vereinsvorstand und die Fans Geduld und Verständnis?
Glücklich war niemand mit der Situation, auch wir Spieler nicht. Aber es war eine neue Mannschaft im Entstehen, und das dauert einfach seine Zeit.

Immerhin stimmte die Richtung der Entwicklung. Nachdem Rapid 1962/63 Vierter wurde, gelang in der Saison 1963/64 mit dem Meistertitel (großer Vorsprung auf „Vize“ Austria) wieder ein großer Wurf. Passte einfach die Mischung so gut oder war es eine logische Folge aufgrund der größeren Routine der Youngsters?
Ja, genau! Damals war die Mannschaft schon zusammengewachsen. Und mit Andrija Veres hatten wir einen der besten Tormänner, die ich je bei Rapid gesehen habe. Die Mannschaft der Fünfziger-Jahre war nicht erreichbar, aber die individuelle Klasse mancher Spieler in den Sechzigern war auch beeindruckend!

1964/65 hatte man den Meistertitel so gut wie in der Tasche, verlor aber die letzten beiden Spiele und „schenkte“ den Titel dem LASK. Warum hat sich Rapid damals so knapp vor dem Ziel die sichere Beute wegschnappen lassen?
Wahnsinn! Wir haben uns die ganze Zeit auf den Sportclub konzentriert, dann ist aber plötzlich der LASK aufgetaucht. Zwei Runden vor Schluss waren wir drei Punkte vorne und hatten das bessere Torverhältnis. Einen Punkt hätten wir nur noch gebraucht! Körner und Binder haben sich dazu entschieden, das vorletzte Match im Praterstadion zu spielen. Im Nachhinein kann man leicht reden, aber das war mit Sicherheit ein Fehler! Auf der Pfarrwiese wären wir Meister geworden, behaupte ich. So ist der kleine Ersatz-Goalie der Admira, Draxelmayer, über sich hinausgewachsen und hat der Admira praktisch das Spiel gewonnen. Vor 6.000 Menschen! Und beim letzten Match haben wir in Graz gegen einen GAK gespielt, der mit aller Macht den Abstieg verhindern wollte. Wir waren in Hartberg kaserniert, was aber leider nichts geholfen hat. Bereits nach fünf Minuten haben wir das erste und entscheidende Tor bekommen. Wir haben 80 Minuten angegriffen, den Ball aber nicht ins Tor gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hatte der LASK bereits auf der Hohen Warte den Titel gefeiert, obwohl unser Spiel noch gar nicht zu Ende war! Zwei Minuten vor dem Abpfiff ist der Wolny alleine vor dem GAK-Tor gestanden und hat einen Patzenschuss auf das Tor abgefeuert, aber der GAK-Goalie hat die Wuchtel noch über die Latte drehen können. Die Heimfahrt war dann eine Katastrophe! Die Stimmung war furchtbar, jeder hat einen anderen beschuldigt.

1965/66 war es ähnlich – das Double wäre möglich gewesen, aber es wurden zwei zweite Plätze. Hat dieser hochveranlagten Mannschaft vielleicht doch die Routine gefehlt?
Schwer zu sagen. Ich glaube, dass – ohne nach Ausreden zu suchen – viel Pech dabei war. Das „Vierpunktspiel“ gegen die Admira, die dann Meister geworden ist, haben wir recht unglücklich verloren. In den letzten sechs Spielen haben wir fünfmal gewonnen und einmal unentschieden gespielt, aber es hat nicht mehr gereicht.

1966/67 wurde Rudolf Vytlacil Trainer bei Rapid und Sie kamen nur noch zu neun Einsätzen und wurden zusehends durch Erich Fak ersetzt. Warum?
Damals ist Robert Dienst Sektionsleiter geworden und hat von Schwechat einen Linksverteidiger namens Walter Baier mitgenommen. Ich war für ihn zu langsam geworden. Gleichzeitig war Erich Fak von der Reserve am Nachrücken. Den Baier haben sie mit Gewalt hineingedrückt und spielen lassen. Weil er aber seine Leistung nicht gebracht hat, bin ich wieder in die Mannschaft gekommen. Ich hatte aber das Pech, dass ich verletzt worden bin. Dann hat man Fak ausprobiert. Und so hatten wir in der zweiten Saisonhälfte einen Dreikampf um ein Leiberl. Irgendwann bin ich zu Trainer Vytlacil gegangen und habe gefragt, ob ich noch ein Jahr dranhängen kann. Danach hätte ich ohnehin die Meisterprüfung gemacht und die Bäckerei meiner Eltern übernommen. „Selbstverständlich!“ hat der Coach gesagt. Es war eine fixe Zusage. 14 Tage später hat mir Robert Dienst mitgeteilt, dass ich mir einen neuen Verein suchen muss, weil Vytlacil ihm gesagt hat, dass er mich nicht mehr braucht. Zu mir hat er nichts gesagt, mir nur ins Gesicht gelogen. Am Ende der Saison habe ich beim Rappan-Cup sehr gut gespielt und plötzlich war es nicht mehr sicher, ob man mich nicht vielleicht doch wieder will. Das Hin und Her wollte ich aber nicht unterstützen und habe klipp und klar abgesagt.

Sie wurden mit Rapid in Ihrer 12. und letzten Saison zum fünften Mal Meister. Konnten Sie diesen Erfolg überhaupt noch genießen?
Jein. Ich schreibe mir diesen Erfolg schon auch auf meine Visitenkarte, aber die Art und Weise des Abschieds war nicht schön. Nach zwölf Jahren hätte ich mir etwas mehr Ehrlichkeit verdient gehabt.

Ab diesem Zeitpunkt habe ich Ihre Spur verloren. Sie waren aber erst 30 Jahre alt. Wo haben Sie noch weitergekickt?
Es war einer meiner größten Fehler, dass ich zum Kremser SC zurückgegangen bin, anstatt nach Rapid meine Karriere zu beenden. Ein bisserl Geld war es doch auch, aber deswegen hätte ich nicht weitermachen sollen. Ich habe weitergekickt, bis ich 1969 die Bäckerei übernommen habe.

Wie haben Sie Rapid weiterverfolgt? War noch eine Verbindung da?
Ja! Weil ich meine Kurse in Baden hatte, habe ich bei Rapid angefragt, ob ich ein-, zweimal in der Woche mittrainieren darf. Das wurde mir erlaubt und es war immer wieder ein großes Hallo mit meinen Ex-Kollegen. Irgendwann ist der Herr Vytlacil gekommen und hat gesagt: „Pepi, was ist los mit Dir? Warum bist Du weggegangen? Ich könnte Dich noch brauchen!“ Normalerweise hätte ich ihm eine betonieren müssen. (lacht) Aber was soll's. So hatte ich noch eine Zeit lang einen Draht zu Rapid, und wenig später ist sowieso eine neue Generation an der Reihe gewesen.

Hat man erst wieder bei der Gründung des Legendenklubs mit Ihnen Verbindung aufgenommen?
Ich bin immer wieder zu einem Match gefahren. Und dann hat „Funki“ Feurer mit mir Kontakt aufgenommen. Die Stimmung bei den Spielen hat mir eine unbeschreibliche Ganslhaut beschert. Man kümmert sich sehr gut um uns und ich fühle mich sehr wohl im Legendenklub!

Verglichen mit der heutigen Stimmung im Hanappi-Stadion – wie war es damals auf der Pfarrwiese?
Auf der Pfarrwiese war alles enger. Die Gegner sind schon mit vollen Hosen aus dem Tunnel herausgelaufen. Gegen die großen Vereine haben wir fast immer im Praterstadion oder auf der Hohen Warte gespielt, aber die kleineren Klubs haben wir beinahe durchgehend weggeschossen.

Gab es nach Ihnen einen Spieler bei Rapid, den man mit Ihnen vergleichen könnte?
Erich Fak. Ein sehr guter Mann, der mir vor allem technisch sehr geähnelt hat. Er war schneller als ich, dafür habe ich taktisch die Nase vorne gehabt.

Interview vom 28.06.2011 (grela)

10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Ihre Lieblings-Elf aller Zeiten?
Das ungarische Nationalteam der Fünfziger-Jahre!

Das beeindruckendste Stadion, in dem Sie je gespielt haben?
Das Bernabeu.

Ihre größte Niederlage auf dem Fußball-Platz?
Das 2:9 gegen Vasas.

Rapid ist...
... nach wie vor ein legendärer Verein. Wir haben einen Weltruf genossen.

Was fehlt in Ihrem Kühlschrank nie?
Das Erdbeer-Joghurt von Landliebe.

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich?
Bibione. Durch meine Frau.

Wohin würden Sie reisen, wenn Sie eine Zeitmaschine hätten?
Noch einmal zurück nach New York.

Eine Marotte?
Wenn eine Siegesserie begonnen hat, bin ich solange mit dem gleichen Sakko zum Match gefahren, bis wir wieder verloren haben.

Der beste Spieler, gegen den Sie je gespielt haben?
Alfredo Di Stéfano. Er war einfach kompletter als Ferenc Puskás und immer der Chef am Platz.

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Pelé.