Carsten Jancker im Gespräch
 

Interview vom 7. Mai 2010 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

" Rapid ist der Anfang von allem gewesen!" ein meines Lebens"

Carsten Jancker wurde am 28. August 1974 in Grevesmühlen in der DDR geboren. 21 Jahre später startete der stürmische Koloss in Hütteldorf durch, denn seine insgesamt 16 Tore waren Hauptbestandteile der 30. Meisterschaft Rapids und des sensationellen Vordringens in das Europacup-Finale 1996. In Brüssel holte der 193cm große Angreifer zwar nicht die Schüssel, dafür aber den Champions League-Pot nach München, wohin Jancker nach seiner Erfolgs-Saison im grünweißen Gewand wechselte. Bei den Bayern küsste Jancker seinen Ehering 48 Mal, gewann vier Meisterschaften, zwei Cup-Titel und nach dem CL-Final-Trauma von 1999 auch den höchsten Titel im europäischen Klubfußball (2001). Die Wahnsinns-Karriere Janckers erhielt danach bei Udinese Calcio, dem 1. FC Kaiserslautern und Shanghai Shenhua (insgesamt sechs Tore in 77 Spielen) einige Schrammen, ehe der „Turban-Bomber“ in Mattersburg seine Treffsicherheit (21 Tore in 76 Spielen) wiederfand. Heuer wurde der deutsche Weltpokalsieger, der im DFB-Team in 33 Einsätzen zehnmal jubeln konnte und zum Vize-Weltmeister avancierte, von den Dorf-Chefitäten für zu alt zum Toreschießen befunden. Carsten Jancker ist aber nicht zu alt, um ab der kommenden Saison die U15 Rapids mitauszubilden.

Ich treffe die einstige Kurzzeit-Größe Rapids am Neusiedler See im Café-Restaurant Mole West . Der zweifache Familien-Vater wird im Lokal sofort von Gästen erkannt. Kein Wunder bei der Statur und dem markanten Aussehen... außerdem ist Neusiedl ja auch ein Zündholzschachterl, wenn die Welt ein Dorf ist!
Carsten Jancker hat sich im Burgenland gut eingelebt. Beim Interview kann er die angeborene deutsche Präzision mit seinen exakten Antworten aber nicht verheimlichen. Auf Wikipedia kursiert folgender Jancker-Witz: Carsten Jancker steht vor dem Himmelstor. Macht Petrus auf und sagt: "Mensch, Jancker, wie hast du denn das Tor gefunden?" Auf seine gesamte Karriere kann dieser Ausflug ins Schelmentum aber nicht übertragen werden. Denn seit „Popeye“ am 22. Oktober 1995 beim Spiel gegen den GAK in der 55. Minute eingewechselt wurde und 15 Minuten später zum siegbringenden 2:1 traf, ja seither hat der Vollblut-Angreifer das Tor noch ganz schön oft getroffen. Gell, Petrus!


Willkommen zurück bei Rapid, Carsten! Wie ist es dazu gekommen, dass Du wieder in Hütteldorf gelandet bist?
Die Gespräche sind schon länger gelaufen, weil ich ja wusste, dass spätestens im Sommer Schluss ist. Vor einem dreiviertel Jahr habe ich mit Ali Hörtnagl zum ersten Mal besprochen, ob Interesse von Seiten Rapids besteht. Vor vier, fünf Monaten haben wir uns dann wiedergesehen und einen Termin ausgemacht, bei dem ich meine Vorstellungen präsentiert habe. Ich bin jetzt in Neusiedl zuhause und will nicht mehr großartig herumreisen. Mein Wunsch, junge Spieler zu trainieren, sie für den Weg nach oben vorzubereiten und meine Erfahrungen an sie weiterzugeben, hat offenbar Anklang gefunden.

Stimmt es eigentlich, dass Du fast anstatt Stefan Maierhofer bei Rapid gelandet wärst?
Es sind Gespräche gelaufen, aber es ist nichts zustande gekommen. Stefan hat ja in der Schlussphase der Saison 2007/08 einen großen Anteil am Gewinn des Meistertitels gehabt. Am Geld oder der Vertragslänge ist es nicht gescheitert, sondern an der Verpflichtung von Stefan Maierhofer.

Zurück zu Deiner Tätigkeit ab der kommenden Saison. Was sind Deine genauen Aufgaben im Nachwuchs?
Ich gehöre zum Trainerstab der U15. Die Aufgabe ist natürlich, Spieler auszubilden und an die Kampfmannschaft heranzuführen.

Kann man Jung-Angreifern Torinstinkt lernen oder muss man den „eingebaut“ haben?
Es geht eher um die Schulung der technischen Fertigkeiten und das Verrhalten der Spieler. Den Torinstinkt muss ein Spieler schon von alleine haben.

Wie wichtig ist Deiner Meinung nach die Arbeit mit Talenten?
Das kommt vor allem auf die Zielsetzungen des Vereins an. Nicht jeder Klub hat Unsummen Geld. Insofern muss ein Verein wie Rapid versuchen, junge Spieler an den Profibetrieb heranzuführen und sie irgendwann gewinnbringend zu verkaufen.

Mit elf Jahren bist Du von Deinem Heimatverein Wismar zu Hansa Rostock gewechselt. War da schon klar, dass aus Dir ein Stürmer wird?
Ich habe immer vorne gespielt. So gesehen war ich ein Leben lang Stürmer. Ich bin auf das Internat in Rostock gegangen, weil ich es unbedingt schaffen wollte. Da gab es einen Aufnahme-Test, den ich bestehen musste, bevor ich nach Rostock gehen konnte. Ich hatte ein klares Ziel vor Augen, weshalb der Abstand zum Elternhaus nicht so schlimm war. Aber es gab schon einen schwierigen Tagesablauf, wo man um sechs Uhr aufstehen musste. Ich bin um halb sieben nachhause gekommen, und konnte erst dann die Hausaufgaben machen. Aber ich wollte das unbedingt machen und habe mich dafür entschieden – deswegen war es auch okay.

Deine Mutter war eine erfolgreiche Handballspielerin. Wie war es eigentlich damals in der DDR in puncto Sport – Paradies, Zwang, eine Mischung von beidem oder ganz anders?
Zwang war gar nicht da! Man wurde mehr gefördert, wahrscheinlich, weil man zeigen wollte, dass der Sozialismus den besseren Sport herausbringt. Ein Paradies war es nicht, aber ich konnte immerhin mein Hobby täglich ausüben. Fußball stand in der Sport-Hierarchie der ehemaligen DDR sicher nicht an erster Stelle, aber nach dem Kindergarten und der Schule habe ich immer schon gekickt. Als ich sechs Jahre alt war, hat mich meine Mutter beim Verein angemeldet. Dabei bin ich dann auch geblieben, obwohl ich auch Volleyball und Handball gespielt und Leichtathletik betrieben habe. Fußball hat mir aber am meisten getaugt.

Wer war in der Jugend Dein Traumverein, Dein Idol?
Der AC Mailand war damals mein absolut liebster Verein, Marco van Basten und Ruud Gullit waren meine Vorbilder.

Wie hast Du den Mauerfall miterlebt?
Ich war 15 Jahre alt und gerade wegen einem Länderspiel in Bulgarien. Als ich zurückkehrte, kam meine Mutter zu mir und fragte mich, ob wir zu meinem Onkel fahren wollen, weil die Grenzen offen seien. Das war schon sehr überraschend, aber natürlich eine tolle Sache!

1991 bist Du nach Köln gewechselt.
Zuerst wollte ich noch unbedingt meinen Schulabschluss machen. Vorher wollte ich nicht aus Rostock weggehen.

Bei Deinem Liga-Debüt gegen Leipzig im September 1993 hast Du gleich den Endstand zum 3:1-Sieg Kölns fixiert. Warum geriet Deine Karriere bei den „Geißböcken“ nach diesem genialen Einstand ins Stocken?
Das Debüt war top, aber dann ist es gar nicht mehr gut gelaufen. Mein Trainer Morten Olsen hat mich einfach nicht mehr berücksichtigt. Beim nächsten Auswärtsspiel nach diesem Tor hat er mich gleich zuhause gelassen, obwohl er auf der Bank keinen Stürmer mehr hatte! Die nächsten knapp zwei Saisonen hat er mich dann spüren lassen, dass ich nicht auf seine Unterstützung zählen kann. Ich würde im Nachhinein ehrlich sagen, wenn ich schlecht gewesen wäre. Aber so war es nicht! Ich kann mich noch genau erinnern – der Toni Polster hatte gerade eine rote Karte und acht Spiele Sperre bekommen und es herrschte akuter Stürmer-Mangel. Trotz alledem hat er mich nicht mehr berücksichtigt, was doch einiges aussagt. Offensichtlich wollte er mich nicht. Für einen jungen Spieler wie mich war das schon hart. Mir fehlte das Verständnis, den anderen Spielern auch. Das war ein Schnittpunkt in meinem Leben, wo es auch leicht in eine andere Richtung gehen hätte können. Damals war ja noch nicht klar, wohin mich mein Weg führen wird.

Toni Polster empfahl Dich ja bei Trainer Ernst Dokupil. Lästige Konkurrenz wollte er sich Deinen Ausführungen zufolge nicht vom Hals schaffen.
Toni hat mich im Training gesehen und offensichtlich bemerkt, dass ich auch ein Talent habe. Er wird auch gesehen haben, dass es trotz meiner Einstellung in Köln kaum mehr weitergegangen wäre. Er hat mir dann Rapid schmackhaft gemacht, mir erzählt, dass der SCR international spielt und DER Traditionsverein in Österreich ist. Er hat mich gefragt, ob er mich seinem Ex-Trainer vorschlagen solle, und so bin ich dann beim Probetraining in Hütteldorf gelandet.

Konntest Du etwas von Toni Polster lernen?
Natürlich, weil man sich überall, wo man spielt, etwas von erfahreneren Spielern abschaut und mitnimmt. Das war bei Toni Polster so, aber auch bei Jürgen Klinsmann und Lothar Matthäus in München. Ich wollte nie eine Kopie von irgendwem werden, aber gewisse Dinge habe ich schon abgespeichert.

Wie war es zu Beginn in Wien? Die Medien brachten Dir ja anfangs eine Riesenportion Skepsis entgegen.
Die Mannschaft war top und hat es mir sehr leicht gemacht. Ich habe auch als Joker viele Chancen gehabt, weil wir sehr offensiv ausgerichtet waren. Leider habe ich sehr viele dieser Möglichkeiten versemmelt. Die Vorurteile der Medien habe ich aber nicht persönlich genommen, weil die bei großen Spielern ja immer da sind und ich ja auch nicht so getroffen habe, wie ich mir das selbst vorgestellt hätte. Ich habe mir trotzdem keinen Kopf gemacht, weil ich gewusst habe, dass ich mit der Kugel umgehen kann.

Mit Deinem ersten Tor gegen den GAK hast Du dann den Bann gebrochen, gleich im nächsten Spiel in Tirol und gegen Sporting jeweils ein Tor nachgelegt. Ab jetzt begann ein kleines Märchen, oder?
Es ist für uns alle sehr gut gelaufen. Das Finale im Europacup der Pokalsieger und die Meisterschaft – das waren schon tolle Erlebnisse, die nicht alltäglich sind.

Du hast in dieser Zeit viele wichtige Tore geschossen. Was war für Dich persönlich das Highlight? Die Semifinal-Begegnung mit Feyenoord Rotterdam?
Die erste Halbzeit zuhause gegen Feyenoord war schon legendär! Aber das Liga-Finale gegen Sturm im ausverkauften Happel-Stadion mit dieser genialen Konstellation, dass der Erste gegen den Zweiten spielt und beide Teams den Titel holen können – das war schon etwas ganz Besonderes! Die Stimmung war ein Traum, auch wegen der langen Durststrecke Rapids, der Fast-Insolvenz undsoweiter. Es war mein erster Titel und extrem einprägsam! Diese beiden Erlebnisse waren sicher die einschneidensten einer Super-Saison.

Konnte Dich der Meistertitel über das verlorene Europacup-Finale hinwegtrösten?
Natürlich ist es angenehm, wenn man nach so einem Ereignis doch noch einen Titel holt. Aber man steht nicht so oft in einem internationalen Finale. Rapid ist wohl an der eigenen Zufriedenheit, das Finale erreicht zu haben, gescheitert. Wir hätten den Bewerb nämlich gewinnen können, wenn wir uns so präsentiert hätten, wie in den Spielen zuvor. Es hat aber nicht sein sollen und war sicher eine Negativ-Erfahrung, die einen als Spieler auch weiterbringt. Der Meistertitel war dann ein Trostpflaster, klein und groß gleichzeitig.

Was war das Besondere an dieser Mannschaft?
Damals waren die besten Spieler Österreichs bei Rapid versammelt. Die Legionäre waren eine perfekte Ergänzung, und so hat das Ganze dann auch super funktioniert. Die Fans haben registriert, dass wir immer nach vorne spielen wollten und uns nie hängen haben lassen. Wir haben alle unsere Leistung gebracht, und das war das Wichtigste.

Wie hast Du davon erfahren, dass die Bayern an Dir Interesse haben?
Als ich eines Tages nachhause kam, da hatte mir Franz Beckenbauer auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ich dachte, dass es sich um einen Schmäh handeln würde und habe die Nachricht noch ein paar Mal abgehört. Meine Frau und ich sind dann zu dem Ergebnis gekommen, dass es wirklich der „Kaiser“ sein muss – wegen der unverkennbaren Stimme. Ich habe zurückgerufen und wurde mit dem Interesse der Bayern konfrontiert. Ich habe gesagt: „Toll! Mein Berater regelt solche Sachen.“ Dann haben wir nicht mehr viel miteinander gesprochen, bis der Vertrag unterschriftsreif und alles andere abgeklärt war. Mir ist der Abschied sehr schwer gefallen, auch wenn es „nur“ zehn Monate waren. Die waren dafür umso intensiver – die sportlichen Erfolge und das Kennenlernen meiner Frau (ehemalige Rapid-Sekretärin, Anm.) hatten schon eine große Wertigkeit. Aber es war auch nicht irgendein Verein, der da nach mir gerufen hat! Kleinere Schwierigkeiten gab es, weil ich von Rapid ja nur ausgeliehen war. Aber zum Glück wurde alles geregelt und ich bin schlussendlich nach München gegangen.

Wieviel haben die Münchener denn für Dich gezahlt?
Ich glaube 1,5 Millionen D-Mark.

Bei den Bayern hast Du nach einem „Anlaufjahr“ alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Trotzdem war der „Sekunden-Tod“ gegen Manchester United im Champions League-Finale 1999 eine Deiner markantesten und berühmtesten Auftritte, bei dem Du das Spiel beinahe mit einem spektakulären Fallrückzieher an die Querlatte entschieden hättest. Haben sich die ManU-Spieler nach diesem Spiel eigentlich korrekt verhalten?
Die Engländer waren absolut korrekt, sehr sportlich – so, wie man sie halt kennt. Klar waren sie happy, weil man die Champions League schließlich nicht jeden Tag gewinnt. Schon gar nicht unter solchen Umständen! Viele Bayern-Spieler, auch ich, hatten beim angebotenen Handshake noch gar nicht realisiert, was da eigentlich passiert ist. Wir sind wie von Sinnen am Platz gelegen. Bei mir waren die Wunden sehr groß, und es hat sicher drei bis vier Monate gedauert, bis sie wieder einigermaßen verheilt waren. Das Realisieren hat schon sehr lange gebraucht und das Verarbeiten umso länger. Ich wurde dann auch an den Leisten operiert. Lange Zeit war es so, dass ich, wenn ich ins Bett gegangen bin, immer an den Fallrückzieher denken musste. Andere konnten das einfacher abschalten, aber ich nicht. Beispielsweise habe ich am Abend der Niederlage zwei Biere getrunken, bin auf das Zimmer und habe dort den Teletext angemacht. Mir ist beim Anblick des Ergebnisses so schlecht geworden, dass ich kotzen musste! Mich hat das schon sehr extrem getroffen, auch weil es das zweite verlorene Finale war.
Trainer Hitzfeld hat das nie wirklich angesprochen. In der kommenden Saison sind wir im Halbfinale gegen Real Madrid rausgeflogen, und dann war es im Unterbewusstsein ganz klar, dass du nur noch dieses eine Jahr, die Saison 2000/01 hast. Wir hatten 2001 ja fast den gleichen Kader wie 1999, nur zwei, drei Spieler sind dazugekommen. Viele Leistungsträger standen am oder auch schon über dem Zenit, wie unser Leitwolf „Effe“ zum Beispiel. Zum Glück hat es dann gut gepasst, weil in der darauffolgenden Saison wohl nix mehr gegangen wäre.

Die Bayern-Fans haben Dir eine eigene Bewunderungsseite im Internet gestaltet. Dort steht zum Beispiel, dass Du sagst, was Du denkst. Uli Hoeneß ist ja auch ein direkter Typ. Kam es zu verbalen Kollissionen?
Diese Bewunderungsseite kenne ich gar nicht! Zu Reibereien kam es aber nicht, denn immerhin war ich Angestellter und der Uli Hoeneß quasi mein Chef. Uli hat sein Bekritteln damals nie an die Öffentlichkeit gebracht, und seine Kritik war auch genauso positiv. Er hat getadelt UND gelobt! Das konnte er auch, weil er sehr dicht an der Mannschaft dran war. Ohne ihn wären die Bayern sicher nicht dort hingekommen, wo sie jetzt stehen.
Ich persönlich hatte im ersten und letzten Jahr bei den Bayern meine Probleme, aber die vier Saisonen dazwischen waren ein Wahnsinn! Wir hatten eine Super-Truppe, und das wird auch jeder bestätigen können, der 2001 Teil dieser Mannschaft war. Das war kein großes Wunder, weil wir ein gewachsenes, gut entwickeltes Team waren. Unter Giovanni Trapattoni haben wir in meinen ersten zwei Bayern-Jahren soviel Technik-Training gemacht, dass es irgendwann auch etwas bringen musste.

In Deiner Bayern-Glanzzeit muss es ja irgendwann ein Angebot für Dich gegeben haben, oder?
Gab es auch.

Verratest Du von wem?
Ich hatte ein Angebot von meinem Traumverein. 2001 war das.

Warum bist Du nicht nach Mailand gewechselt?
Uli Hoeneß hat das verhindert. Und ich musste das akzeptieren, denn immerhin hatte ich einen Vertrag. Ich konnte ja schwer sagen, dass ich nicht mehr bleiben wollte, weil ich schließlich bei den Bayern war. Meinem Berater hat Uli Hoeneß gesagt, dass er Deutschlands besten Stürmer nicht ziehen lassen wolle, und das war's dann auch schon. Im Nachhinein ist es natürlich ärgerlich, wie diese Sache gelaufen ist. Die Anfrage des AC kam im Februar oder März 2001, zu einer Zeit also, in der alle großen Klubs für die kommende Saison planen. Im Juni, Juli hätte ich gehen können, aber zu diesem Zeitpunkt war das Angebot nicht mehr da. In der nächsten Spielzeit lief es dann nicht mehr so gut. Alle Spieler waren satt. Man hatte psychisch soviel investiert, und dann war man auf einmal Champions League- und Weltpokal-Sieger. Klar, dass man dann die Zügel nach dem Erreichen so großer Ziele etwas schleifen lässt.

(Ich zeige auf mein St. Pauli-Shirt) Warst Du bei der Weltpokalsiegerbesieger-Partie am Millerntor dabei?
Ja. Das kleine Pauli schlägt die großen Bayern, das war schon eine große Sache für die Kiez-Kicker. Sowas passiert halt – es sind immer noch elf gegen elf!

Dann bist Du als Vize-Weltmeister nach Italien zu Udinese gewechselt und Dein Aufwärtstrend wurde nach all den Erfolgen und den vielen Toren bei den Bayern jäh gestoppt. Was waren die Gründe?
Eines vorweg: Ich bin froh und stolz darauf, für Deutschland gespielt zu haben. Aber es hätten schon mehr Spiele als die 33 Spiele sein können. Allerdings habe ich im Team nicht immer die allerbesten Leistungen gezeigt.
In Udinese habe ich die ersten zehn Spiele von Anfang an gespielt, und ich habe schlecht gespielt. Ich bin – das muss man so sagen – mit der Art des Fußballs nicht so klargekommen. Danach war ich wegen einer Schambein-Entzündung ein halbes Jahr lang verletzt, und dann war es für mich sehr schwer, wieder in die Startelf reinzukommen. In der zweiten Saison lief es auch nicht besser, weil ich wieder schlecht gespielt habe. Es ging einfach nicht weiter.

Bei Deiner Rückkehr nach Deutschland zu Kaiserslautern fing aber alles sehr vielversprechend an, endete dann aber eher unbefriedigend. Kannst Du von dieser Zeit berichten?
Das erste Jahr war zufriedenstellend, dafür, dass ich anderthalb Jahre nicht gespielt hatte. Wir haben den Liga-Verbleib relativ früh sichergestellt und meine persönlichen Leistungen waren auch durchschnittlich bis gut. Der Kurt Jara ist dann gegangen und Michael Henke ist gekommen, unter dem es nicht mehr so gut lief. Auch ich konnte nicht mehr an vergangene Leistungen anschließen, egal ob die beim FCK oder Glanzzeiten von viel früher. Im November ist dann Henke beurlaubt worden und Wolfgang Wolf wurde unser neuer Trainer. Ich war gerade wegen einem Knorpelschaden verletzt. Als ich im Jänner wieder fit war und ein paar Wochen mittrainiert hatte, kam ich trotzdem nicht in den Kader für das nächste Ligaspiel. Ich hatte dann ein Gespräch mit dem Trainer und er teilte mir mit, dass er nicht mehr mit mir plane. Das war eine klare Aussage, mit der ich leben musste. Wolf war auch nicht mein Fall. Würde ich ihn jetzt sehen, dann würde ich ihn nicht mehr grüßen. Bei Kurt Jara ist das anders. Im Zuge der Euro haben wir uns gesehen und uns sehr über dieses überraschende Treffen gefreut.

Dann kam der Wechsel nach China zu Shanghai Shenhua. Was waren die Beweggründe für den Gang nach Asien? Flucht, Geld, Interesse an einer neuen Kultur?
Es war sicher keine Flucht! Das Angebot war aber sehr gut.

Wie war es dort?
Ziemlich anstrengend. Ich hatte ein eigenes Haus in der Nähe des Trainings-Geländes, weil ich nicht zu weit hin- und herfahren wollte. Der Trainer konnte zu meinem Glück Deutsch, weil er in Köln studiert hatte. Ein Mitspieler konnte auch Deutsch. Und Englisch war auch eine Kommunikations-Möglichkeit. Wenn das nicht so gewesen wäre, dann wäre ich sicher noch früher gegangen.

Wie steht die österreichische Liga im Vergleich zur chinesischen da – sportlich, finanziell und vom Publikums-Interesse her?
Das kann man nicht vergleichen. Im Endeffekt war es so, dass es gemessen an der Population und der Fußball-Verrücktheit nicht so wahnsinnig toll war. In Shanghai hatten wir ein 20.000er-Stadion, das immer sehr gut besucht war, aber auswärts haben wir dann oft vor 5.000 bis 10.000 Menschen gespielt. Von der Realtion her war es also eher enttäuschend. Ansonsten kann ich China und Österreich aber nicht vergleichen.

Nach einem halben Jahr und keinem Tor kam dann der Wechsel nach Mattersburg zustande. Warum? Wieso? Weshalb? Hat Dein Ex-Kollege Didi Kühbauer diesen „Sensations-Transfer“ eingefädelt?
Nachdem ich meinen Vertrag in China, wo ich Mitte der Saison hinwechselte und bis zum Ende der Spielzeit im Oktober spielte, erfüllt hatte, kam ich nach Österreich. Meine Frau und die beiden Kinder haben zu diesem Zeitpunkt schon hier gelebt. Es gab dann zahllose Gespräche, aber ein Wechsel zu Rapid stand nicht zur Debatte. Als dann Mattersburg kam, dachte ich mir: „Warum nicht?!“ Der ausschlaggebende Grund war aber nicht Didi, sondern dass ich noch einmal in einer ersten Liga spielen konnte.

Gegen Rapid hast Du mit der Ferse einen Last Minute-Siegestreffer erzielt. Gab's böse Reaktionen der Rapid-Fans oder bist Du ihnen dafür einfach zu „heilig“?
Ich habe aus Respekt vor den Fans nie gejubelt, wenn ich gegen Rapid getroffen habe. Die ganz jungen Anhänger, die mir den Stinkefinger gezeigt haben, hatten ja keine Verbindung zu mir als Rapid-Spieler. Aber abgesehen von diesen unerheblichen Ausrutschern war alles sehr korrekt. Andy Marek hat mir sogar gesagt, dass es die Ultras gut fanden, dass ich nach meinen zwei Toren gegen Rapid nicht gejubelt habe.

Dein Abschied aus Mattersburg war eine unfeine Sache. Von wem ging der Impuls aus, Dich vorzeitig aus Deinem Vertrag zu entlassen?
Ich bin vertraglich noch immer an Mattersburg gebunden. Den Rest musst Du Dir selbst zusammenreimen. Es gibt da aber nur einen Mann, der etwas zu sagen hat... Mir wurde mitgeteilt, dass ich zu alt bin.

Ich will Dich nicht zum Schimpfen überreden. Aber kannst Du mir und den LeserInnen von Forza Rapid den Wahnsinn des Ilco Naumoski erklären?
Nein, kein Kommentar.

Eine Deiner Lieblingssportarten ist Beachvolleyball – perfekte Bedingungen hier in Neusiedl. Wie bist Du sonst zufrieden mit Österreich, der Landschaft und den Menschen? Gibt es Probleme mit der Mentalität?
Schon in Wien habe ich mich immer sehr wohl gefühlt. Als ich mit meiner Familie bei den Bayern war, haben wir uns gar nicht vorstellen können, wieder nach Österreich zu gehen und wollten in München bleiben. Aber irgendwann später habe ich meine Frau gefragt, wo sie leben möchte, und Österreich und Neusiedl kamen ins Spiel. Man hat uns hier sehr gut aufgenommen und wir fühlen uns auch sehr wohl. Für die Kinder ist es auch perfekt. Es ist, glaube ich, das letzte Mal, dass ich ein Haus gebaut habe.

Deine beiden Töchter haben Namen wie dahingemalt – Laura-Larissa und Naomi-Noelle. Was haben Deine beiden Töchter in Deinem Leben verändert?
Sichtweisen auf jeden Fall! Bis zur Geburt meiner ersten Tochter stand Fußball immer an erster Stelle, aber das hat sich dann automatisch geändert. Das ist wohl für jeden Mann ein einschneidendes Erlebnis, wenn er bei der Geburt seines Kindes live mit dabei ist!

Welche Freunde sind aus Deiner Fußballer-Karriere übriggeblieben?
Es ist ein so schnelllebiges Geschäft. Nach einem Wechsel bleibt der Kontakt oft noch erhalten, aber dann wird er rapide weniger. Oft freut man sich, sich wiederzusehen. Großen Kontakt zu ehemaligen Kollegen gibt es aber nicht.

Strebst Du eine Karriere als Trainer an?
2011 werde ich die A-Lizenz in der Tasche haben. In den nächsten drei bis sechs Jahren kann ich mir aber nicht vorstellen, im Ausland Erstliga-Trainer zu werden. In Österreich, in der Nähe von Neusiedl wäre es keine Frage! Ansonsten will ich nicht mehr reisen, die Kinder nicht aus Neusiedl herausreißen. Aber den Schein mache ich sicher nicht zum Spaß! Jetzt bei Rapid in der Akademie anzufangen ist sicher gut, um in dieses Geschäft reinzufinden und weil die Qualität der Spieler sehr gut ist. Wenn es Spaß macht, wovon ich wegen meiner Erfahrungen als Individualtrainer für die Stürmer und als U14-Trainer hier in Neusiedl ausgehe, dann wäre es schon ein Riesenziel, irgendwann auch eine Kampfmannschaft in einer guten Liga zu trainieren.

Was ist Deine Meinung zu Nikica Jelavic?
Er ist der Top-Angreifer Rapids. Nikica gibt nie auf, hört nie auf, weiterzumarschieren. Wenn er eine Chance vergeben hat, dann macht er weiter, bis er wieder welche vorfindet.

Gartler, Trimmel, Konrad, Salihi – wer ist für Dich persönlich die Nummer 2 im Rapid-Angriff?
Ich denke, dass Gartler und Trimmel zwei sehr interessante, junge Spieler sind. Sie müssen und sie werden auch zu ihrer Spielpraxis kommen, weil sie sich nur so weiterentwickeln können.

Ein talentierter Bub will Fußballer werden – was empfiehlst Du ihm?
Dass er, wenn es nicht weitergeht, trotzdem weitermacht. Immer Spaß haben und niemals aufstecken, egal wo – das ist das Geheimnis.

Interview vom 07.05.2010 (grela)


10 Fragen zum besseren Kennenlernen:
Lieblings-Elf aller Zeiten?

Die Rapid-Mannschaft von 1995/96 und die Bayern-Mannschaft von 2000/01.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Du je gespielt hast?
Das Bernabeu und das Nou Camp.

Deine größte Niederlage am Fußball-Platz?
Das Champions League-Finale 1999.

Rapid ist...
...der Anfang von allem gewesen! Hier hat für mich karrieretechnisch alles begonnen. Außerdem ist Rapid Legende und DER Verein in Österreich.

Kottan oder Columbo?
Columbo... weil Kottan kenne ich nicht.

Dein liebster Platz außerhalb von Österreich?
Malediven.

Wovor hast Du Angst?
Zecken.

Eine Marotte?
Während meiner Karriere als Aktiver musste der rechte Schuh immer zuerst angezogen werden.

Welches Talent hättest Du gerne, hast es aber nicht?
Ich würde gerne viele Sprachen verstehen und sprechen können.

Der härteste Verteidiger, gegen den Du je gespielt hast?
Jaap Stam war schon sehr hart, aber auch fair.