Christian Keglevits im Gespräch
 

Interview vom 5. Mai 2011 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Mein Motto: Sterben für den Fan!" ein meines Lebens"

Christian Keglevits wurde am 29. Jänner 1961 im Burgenland geboren. Die Karriere des “weißen Blitz” verlief zunächst wie im Bilderbuch und brachte den pfeilschnellen Angreifer bereits im zarten Alter von 18 Jahren zu Rapid. In Hütteldorf avancierte der Newcomer aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes zum Fan-Liebling. Unzählige Assists und 49 Tore taten ihr Übriges für die Popularität des quirligen Stürmers. Legendär ist das 5:0 gegen Wacker Innsbruck im mit 25.000 Zuschauern bestgefüllten Hanappi-Stadion aller Zeiten – „Kegerl“ war der Matchwinner in jenem Spiel, das den ersten Meistertitel seit 14 Jahren unter Dach und Fach brachte. Er erzielte die ersten beiden Tore selbst und war an den restlichen drei Treffern beteiligt. Nach fünf Spielzeiten beim SCR wechselte die Nummer 11, die am Gewinn von jeweils zwei Meistertiteln und Cupsiegen stark mitbeteiligt war, aus Gründen des Selbstschutzes zum Sportclub. Fünf Saisonen später kehrte Keglevits aus Dornbach zurück zu den Grünweißen und begeisterte das Publikum des Rekordmeisters – jetzt mit der Nummer 7 und aus dem Mittelfeld kommend – mit 25 weiteren Treffern. Ein neuerlicher Titel blieb dem ehrgeizigen Flügelspieler versagt, und es war auch die „peinliche“ Cup-Niederlage gegen Stockerau, die den Charakter-Menschen zum abermalig selbstgewählten Abschied aus Hütteldorf bewegte. Via Salzburg, LASK und noch einmal Sportclub bewegte sich die Spielerkarriere des Ausnahmekönners dem Ende entgegen. Mit 33 Jahren war endgültig Schluss und Christian Keglevits konnte auf eine bewegte Rapid-Karriere und 74 Ligatreffer für andere Vereine zurückblicken. Ein Highlight in der Laufbahn des 18fachen Teamspielers (3 Tore) war die Teilnahme an der WM-Endrunde 1990 in Italien.
Als Trainer „lernte“ der inzwischen in Schwechat lebende Keglevits im Rapid-Nachwuchs und war danach in Gerasdorf und beim FAC als Chefcoach tätig. Nach Stationen als Co-Trainer beim LASK und dem GAK erlebte der Jungtrainer eine kurze, aber umso turbulentere Zeit als Trainer der Rotjacken. Nach der Ablösung durch Walter Schachner endete seine vielversprechende Laufbahn als Bundesliga-Trainer abrupt. Aber Christian Keglevits hat inzwischen seinen Frieden mit dieser aufwühlenden Zeit geschlossen und will noch einmal als Trainer in die oberste Spielklasse Österreichs zurückkehren.


?????????Sein Alter sieht und merkt man Christian Keglevits, der im Jänner seinen Fünfziger gefeiert hat, nicht an. Aus dem Jubilar sprudeln die Worte mit derselben Leidenschaft, mit der er sich einst am Fußball-Rasen einen großen Namen gemacht hat. Unser Gespräch findet an jenem Platz statt, an dem ich bereits Walter „Schani“ Skocik interviewen durfte. Die ausgezeichnete Weinkarte der Kellerschank Frank macht offensichtlich redselig, denn Christian Keglevits pulverisiert den Jahrhundert-Rekord seines Ex-Trainers! Nach einem zweieinhalbstündigen Gespräch ist die alte Marke um zwanzig Minuten verbessert und ich staune, wie viel Gehaltvolles in mein Aufnahmegerät gewandert ist! Christian Keglevits, der mir sofort das Du-Wort angeboten hat, plaudert mit mir, nachdem ich meine Fragen gestellt habe, noch länger „off the record“ weiter. Am Ende bin ich dankbar für ein Interview, das in seiner Offenheit ganz außergewöhnlich war! Wobei – der selbstkritische Christian Keglevits ist alles andere als ein Anpatzer, „aber vernünftige Kritik wird man ja wohl noch äußern dürfen!“, sagt er selbst. „Soll man sogar!“, sage ich.

Christian, Du wurdest im Burgenland, in Weiden bei Rechnitz, geboren. Wie alt warst Du, als Du im zehn Kilometer entfernten Schachendorf vereinsmäßig mit dem Fußballspielen begonnen hast?

Bei Schachendorf bin ich mit sechs, sieben Jahren gelandet. Damals war ein vom Fußball besessener Bäcker in der Gegend unterwegs und hat sich beim Ausliefern seiner Ware auch die Buben beim Kicken angeschaut. Er hat den Verein wiederbelebt und die talentiertesten Burschen zum Probetraining eingeladen, darunter auch mich. Mein Interesse am Fußball war eigentlich ganz logisch, weil ich das Talent hatte und es zu meiner Zeit außer dem Kicken nicht sonderlich viele Freizeit-Beschäftigungen gegeben hat. Das Fernsehen war erst im Kommen, wir waren eine der wenigen Familien im Ort, die damals schon einen Fernseher hatten. Trendsportarten mussten erst „erfunden“ werden. Radfahren, Schwimmen und Skifahren gab es zwar schon, aber Fußball war die einfachste und billigste Art, miteinander einen Sport auszuüben. Wir haben mit Fetzenlaberln und alten, zerschundenen Lederbällen, die schon öfters geflickt worden sind, gespielt. Im Sommer haben wir bloßfüßig gekickt, weil die Schuhe zu teuer waren. Erst im Verein haben wir dann irrsinnig schwere Lederschuhe bekommen. Von der Entwicklung her waren wir damals richtige Bad-, Wiesen- und Straßen-Fußballer.

Stand es aufgrund Deiner Schnelligkeit jemals zur Debatte, dass Du eine andere Sportart ausübst?
Nein! Es war vom ersten Augenblick weg ganz offensichtlich, dass ich meine sportliche Karriere als Offensiv-Fußballer starten würde. Meine Schnelligkeit dürfte ich mit den Genen meines Vaters, der eine Zeit lang der schnellste Burgenländer überhaupt war, mitvererbt bekommen haben. Ich war sehr früh entwickelt und habe bereits mit zwölf Jahren in der Kampfmannschaft in der 2. Liga Süd gespielt. Meine Schnelligkeit, die Geradlinigkeit, der Zug zum Tor – das waren immer meine Markenzeichen und haben mich schon in jungen Jahren in dieser guten Mannschaft reüssieren lassen. Meine technischen Fähigkeiten haben unter der Fokussierung auf die vorhandenen Stärken meine ganze Karriere über gelitten. Zu lange hatte ich niemanden, der mich ausgebessert hätte. Besonders im Nachwuchs haben wir quasi unkontrolliert gespielt. Deswegen habe ich mich auf meine Vorzüge konzentriert – den Ball irgendwie am Gegner vorbeihauen, nachrennen, und dann entweder selbst den Abschluss suchen oder den besser postierten Mitspieler mit einem Stanglpass bedienen. Das hat sich bis zu meinem Karriere-Ende nicht mehr wesentlich geändert. Und es hat ja ganz gut funktioniert! (lacht)

Damals gab es aktuell keinen burgenländischen Erstligisten. Austria, Wacker Innsbruck und Rapid waren die bestimmenden Mannschaften in der Bundesliga. Für welche Mannschaft hat damals Dein Herz geschlagen?
Als mein Vater gemerkt hat, dass ich zum Fußball tendiere, hat er mich zu Spielen seines Lieblingsvereins, der Wiener Austria, mitgenommen. Wir haben uns hin und wieder ein Derby angeschaut. Auf der anderen Seite waren meine Brüder. Mein großer Bruder hat bei der Admira gespielt, weswegen wir einige Admira-Spiele mit Herzog, Strasser und Demantke angeschaut haben. Auch zu Matches des Nationalteams sind wir gefahren. Das alles hat mich natürlich geprägt, aber ausschlaggebend für meine Zuneigung waren die Zusammenfassungen im Fernsehen, wo ich Rapid gesehen und mich stark zu dieser Mannschaft hingezogen gefühlt habe. Vielleicht passierte das auch aus Opposition zu meinem Vater, aber das kann ich nicht mehr wirklich nachvollziehen. Die Szenen, in denen Hans Krankl seine Tore geschossen hat, sind mir noch immer in lebhafter Erinnerung. Das hat mich damals einfach irrsinnig stark fasziniert! Die Präzision in seinem Spiel und Abschluss waren gewaltig. Auch Geza Gallos war prädestiniert als Vorbild für einen Burgenländer. Wenn man selbst spielt, ist man meistens nicht so fanatischer Fan eines Vereins wie ein Passiv-Erlebender. Ich hatte mehr Leidenschaft für den Fußball an sich, als für einen speziellen Klub. Aber ich habe mich immer schon von Rapid angezogen gefühlt, und durch meine eigenen Erlebnisse in Hütteldorf ist ein großer Teil meines Herzens auch heute noch grünweiß! Aber ich muss auch sagen, dass ich immer darauf geachtet habe, wo ich meinen Job am besten erledigen kann. So gesehen hat die Vernunft oft über die Zuneigung gesiegt.

1976 bist Du zum SC Eisenstadt in die zweite Liga gewechselt. Wie waren die drei Jahre in der Landeshauptstadt?
(schmunzelt) Nicht nur ich selbst war schnell, auch in meiner Karriere ist immer alles wahnsinnig schnell gegangen. Ich habe sehr viel gewonnen, zum Beispiel die Burgenland-Meisterschaften. Weil ich auch mit den Auswahl-Mannschaften, in denen ich gespielt habe, sehr erfolgreich war, ist man schnell auf mich aufmerksam geworden. Gerhard Hitzel, der an der Installation der Nachwuchs-Zentren sehr stark mitbeteiligt war, war beispielsweise mein Trainer. In Eisenstadt hatten wir das erste Zentrum, und mit mir haben sie gleich die erste Meisterschaft gewonnen. Ich bin mit gut 15 Jahren als vielversprechender Spieler nach Eisenstadt geholt worden und hatte großes Glück, weil ich aufgrund von Verletzungen mehrerer Stammspieler schnell in deren große Fußstapfen treten durfte. Der Trainer hat mein Potential erkannt und mich gleich ins kalte Wasser geworfen. Wieder hat von Anfang an alles geklappt und ich habe mich sofort in der damaligen 2. Division durchsetzen können. Ich habe gleich in meinem ersten Spiel ein Tor zum Sieg beisteuern können und war von diesem Zeitpunkt weg mehr oder weniger Stammspieler. Das war eine ganz wichtige Zeit für mich, weil ich profimäßig trainieren konnte, sehr gute Mitspieler und Kameraden hatte und mit „Gigsl“ Kaltenbrunner später einen sehr guten Trainer. Meine Kollegen haben sich um mich gekümmert und mich mit vielen Tipps versorgt, weil sie gesehen haben, dass aus mir etwas werden könnte. Oft waren wir nach den Trainings in Wirtshäusern, um nachzubesprechen. Bei diesen Gesprächen mit den Routiniers konnte ich als Frischling sehr viel Wertvolles für mich mitnehmen – fußballerisch und menschlich gesehen. Außerdem habe ich einen Eindruck bekommen, wie es bei Vereinen zugeht und man Verträge aushandelt. Die Wissbegier habe ich von zuhause mitbekommen. Mein Vater war Volksschul-Direktor und hatte innerhalb des Orts-Verbands viele wichtige Aufgaben. Von ihm und meiner Mutter habe ich gelernt, was man tun muss, um irgendwo hinzugelangen. Der Nachteil war, dass ich auch aufgeschnappt habe, wie man Dinge intern regelt. Das hat mich insofern geprägt, als ich in manchen Situationen zu vorsichtig gewesen bin.

1979 holte Dich Walter Skocik nach Hütteldorf. Warst Du sein Wunschspieler?
Wir haben mit Eisenstadt oft gegen Bregenz gespielt, wo „Schani“ Skocik Spielertrainer war. Dort hat er meine Qualitäten hautnah mitbekommen. Und als er dann den Auftrag bekommen hat, eine neue Rapid-Mannschaft aufzubauen, hat alles seinen Lauf genommen. Ich war eigentlich von Beginn weg als rechter Flügelstürmer gesetzt. Die Kombination Keglevits-Rapid hat sehr schnell sehr gut gepasst!

Du hast in der dritten Runde der Saison 1979/80 Dein erstes Tor für den SCR erzielt (2:0 vs GAK) , obwohl Du in der zweiten Runde ausgeschlossen und für ein Spiel gesperrt wurdest. Wie ging das?
Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, glaube aber, dass ich damals freigesprochen wurde. Wahrscheinlich haben mir meine Jugend und der Umstand, dass ich noch unbelastet war, geholfen, erfolgreich gegen den Ausschluss Einspruch zu erheben. Sie werden wohl gedacht haben: „Den jungen Burgenländer holen wir uns, wenn er ein zweites Mal deppert ist.“ (lacht)

In der zehnten Runde hast Du dann VOEST Linz mit einem späten Doppelpack im Alleingang ausgeschaltet. Was war Dein persönliches Highlight in dieser Spielzeit, in der Rapid „nur“ Fünfter wurde?
Vor Saisonbeginn ist unsere junge Mannschaft als Absteiger gehandelt worden. Rapid war wieder einmal, wie bereits des Öfteren, total bankrott – der Neuaufbau war die einzige Möglichkeit, dem Ruin zu entkommen. Die meisten Spieler waren billig, jung und hungrig. Walter Skocik hat dann eine Mannschaft zusammengestellt, die Anlass zur Hoffnung gegeben hat, dass Rapid in drei bis fünf Jahren wieder um die Meisterschaft mitspielen kann. Trotz Hans Krankl gab es eine längere Durststrecke, weil man keine Mannschaft mit großem Format hatte. Holzbach und Grassi haben dann – auch aus den bereits erwähnten finanziellen Gründen – beschlossen, wieder bei Null zu beginnen. Die große 85er-Mannschaft hatte hier ihren Ursprung.

In der nächsten Saison warst Du gemeinsam mit Hans Krankl bester Torschütze im Verein (je 16 Treffer) und Zweiter der Torschützenliste. Rapid wurde Dritter. Spürte man damals schon, dass etwas Großes im Entstehen war?
Ja! Es war auch das erklärte Ziel, undWalter Skocik hat nur diejenigen Spieler forciert, die den Ehrgeiz gehabt haben, nach oben zu streben. Wer die Rapid-Tugenden auf dem Platz umgesetzt hat, der hatte es gut unter seiner Führung. „Sterben für den Fan“ – so lautete unser Motto. Das bedeutet, dass wir immer gearbeitet und bis zur letzten Sekunde nie aufgegeben haben. Diese Tugenden haben neben den Titeln Rapid zu dem gemacht, was es damals war und auch heute noch ist. Leider war es Walter nicht vergönnt, die Mannschaft bis zum Ende seiner Meister-Mission zu betreuen. Gerade mich hätte es gefreut, weil er mein Mentor war. Wenn der „Schani“ einen Fehler gehabt hat, dann den, dass er manchmal zu verbissen war, zuviel trainiert hat. Aber jeder hat zumindest einen Fehler! (lacht) In der Mannschaft hat es damals jedenfalls ein paar Strömungen gegen den Trainer gegeben, und vielleicht war es befreiend, als das Team unter Nuske mehr auf sich alleine gestellt war. Mir hat Walter damals trotzdem leid getan, weil er mich gefördert hat und genau wusste, wie gut ich zu Rapid passe. Da er aber eine derart große Ahnung vom Fußball gehabt hat, war er ja auch danach extrem erfolgreich, hat alle Top-Vereine in Österreich trainiert, und im Ausland war er auch anerkannt und konnte diverse Titel gewinnen.

In der Saison 1981/82 bist Du mit Rapid Meister geworden, hast im entscheidenden Spiel in der letzten Runde gegen Innsbruck die ersten beiden Tore (2., 16.) zum 5:0-Triumph erzielt und warst auch an den restlichen drei Toren beteiligt. Wie war dieses Gefühl, im pickepackevollen Hanappi-Stadion zum Matchwinner und Helden zu avancieren? Ihr seid ja nach dem Spiel von den Souvenirs jagenden Fans bis auf die Unterhose ausgezogen worden...
(grinst) Das war Champagner pur! Dom Perignon pur! Es war bereits im Vorfeld für jeden einzelnen Spieler eine prickelnde und herausfordernde Situation, so nahe an dem Ziel, von dem man ein ganzes Leben geträumt hat. Dann geht es um dieses eine Spiel und du brauchst immer wieder stundenlang, um dich herunterzuholen von dieser Welle der Bilder und Selbsterwartung. Die Vorstellungen, wie dieses Spiel ablaufen könnte, auszublenden, war fast unmöglich! Wirklich vergessen konnte ich nur beim Training, das waren die einzigen Ruhephasen. Gleich nach dieser körperlichen Verausgabung ist die Wiederholungsmaschine im Kopf aber sofort wieder am Laufen gewesen. Es war spannend und herausfordernd, diese Chance zu nützen! Ich konnte mich mit der Aufgabe nicht immer, aber oft steigern. Diese Top-Qualitäten sind immer wieder bei mir zum Vorschein gekommen. Die Gefühle zu diesem Spiel sind unbeschreiblich! Vorher, währenddessen, danach – diese Erinnerungen und Emotionen leuchten in mir noch immer ganz hell, obwohl es dreißig Jahre her ist.

Bei Deinem Teamdebüt im Oktober 1980, einem freundschaftlichen 3:1-Sieg gegen Ungarn, hast Du gleich einen Doppelpack erzielt! Besser geht's nicht, oder?
Naja, es war ein zweischneidiges Schwert. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, dass mein Aufstieg etwas langsamer passiert wäre. Durch meine beiden Tore ist eine Erwartungshaltung entstanden, der ich niemals gerecht werden konnte. Nach dem Spiel haben die Leute geglaubt, dass ich der nächste Goalgetter bin. Das war aber nie meine „Profession“! Ich habe mich selbst immer als „Dosenöffner“ bezeichnet – ich reiße die Verteidigung auf und gehe zum Tor. Ich war ein sehr guter Vorbereiter, der aber auch entscheidende Tore schießen konnte. Ein Goalgetter im klassischen Sinne war ich aber nie! Ich war eher der Kämpfer, der weite Wege gegangen ist, Standards herausgeholt hat, den Gegner müde gemacht und verunsichert hat. Andere haben durch meine Spielweise ihre Freiräume bekommen. Bei den nachfolgenden Teamspielen sind manchmal Pfiffe von den Rängen gekommen, die mich verunsichert haben. Ich habe mir nur gedacht, dass ich ohnehin alles gebe, mir die Seele aus dem Leib renne – „Was wollt ihr von mir?!“ Die zwei Tore beim Debüt haben mich so gesehen nicht beflügelt, sondern eher gebremst.
Trotzdem war der Sieg gegen Ungarn ein Highlight. Auch wenn es heute vielleicht nicht mehr so ist – die Rivalität dieser beiden Länder war zu meiner Zeit noch sehr groß und ein Sieg hat viel Prestige gebracht. Beide Mannschaften sind damals schon in der Länderwertung abgerutscht gewesen, aber ein „Nationalteam-Derby“ war es trotzdem. Für mich war es von der Wertigkeit her genauso wichtig wie ein Duell mit der Austria.

Du warst bei zwei Spielen der WM-Qualifikation dabei. Warst Du sehr enttäuscht, nicht nach Spanien mitfahren zu dürfen?
Das war eine große Enttäuschung! Ich war eigentlich fix eingeplant, war sogar im Panini-Album mit dabei. Ich habe mit Georg Schmidt öfters telefoniert und er hat mir mehrfach versichert, dass ich mitgenommen werde. Letztlich ist Max Hagmayr statt mir nach Spanien gefahren, was natürlich wie ein Schlag ins Gesicht war. Die genaueren Gründe habe ich nie erfahren. Das Trainerteam ist für diese Aktion noch bestraft worden, denn Hagmayr ist wegen Problemen vorzeitig aus dem WM-Quartier entlassen worden. So war es halt, und in Wirklichkeit muss man solche Entscheidungen akzeptieren. Latzke-Schmidt – das war damals die Beginnstunde der Trainer-Teams, kann man sagen. Auch wenn es sehr lange gedauert hat, bis sich dieses Modell breitflächig durchgesetzt hat. Für mich war es extrem schade, dass ich mir diesen Bubentraum noch nicht erfüllen konnte. Sehr schade, denn ich war bereit für große Aufgaben.

Im UEFA Cup hat Rapid PSV Eindhoven ausgeschaltet, und man ist gegen Real Madrid nur knapp unterlegen. Waren die internationalen Auftritte Erfüllungen Deiner Bubenträume?
Ganz eindeutig! Weihnachten und Ostern sind bei diesen Spielen zusammengefallen, weil das hat bedeutet: volles Stadion, Emotion, Hysterie. Es war eine Stimmung, die wir auf den heimischen Fußballplätzen ja nicht so oft gehabt haben. Beim Derby vielleicht und beim einen oder anderen Länderspiel, wenn es ausverkauft war. So, wie es jetzt Runde für Runde im Hanappi-Stadion abgeht, dafür sind die aktuellen Spieler zu beneiden! Von so einer tollen Stimmung konnten wir damals nur träumen. Insofern war der Europacup etwas ganz Besonderes!
Die größte Motivation war für mich immer das Glücklichmachen der Fans. Medien haben mich nicht annähernd so interessiert, weil ich ohnehin mein schärfster Kritiker war und bin. Das Wichtigste war der Zuschauer, der sich für mich und meinen Verein ein paar Stunden Zeit nimmt. Ich wollte nie der Grund dafür sein, dass er nicht mehr ins Stadion kommt. Das konnte ich nur damit garantieren, indem ich immer alles gegeben habe und jeden Ball erkämpfen wollte. Dass ich Fehler gemacht habe, nicht jede Torchance genützt habe oder hin und wieder spielerisch eine Enttäuschung war – das ist Fußball. Aber ich habe durchwegs 90 Minuten versucht, die Philosophie von Rapid auf dem Rasen auszuleben.

Unter Otto Baric erreichte Rapid 1982/83 das Double (der Titel wurde in Eisenstadt fixiert!), gegen Widzew Lodz schied man nur knapp im Europacup der Landesmeister aus. Wie glücklich warst Du zu diesem Zeitpunkt in Hütteldorf?
Bei Rapid zu sein, war eine absolute Traumerfüllung! Aber drei Dinge haben mich ein wenig aus dem Konzept gebracht:
Zum einen habe ich Otto Baric einen Titel gestohlen, als ich im letzten Spiel der Saison 1980/81 in Graz zwei Tore zum 4:1-Sieg gegen Sturm beigesteuert habe und so den ersten Sturm-Meistertitel unter Baric stark mitverhindert habe. Das hat er mir bis heute nicht verziehen, obwohl wir uns immer wieder treffen. Ich hatte also nicht die Rückendeckung, die ein Spieler braucht, um konstant Top-Leistungen abrufen zu können.
Die zweite Situation war der ständige Konflikt zwischen Heri Weber und Hans Krankl, bei dem ich zwischen den beiden gestanden bin und der Stoßdämpfer war. Heri war enorm wichtig für die Weiterentwicklung Rapids, weil er Hans immer wieder in die Schranken gewiesen hat. Man weiß, wie gut und wichtig Hans Krankl war, aber er hatte auch mehr als nur den gesunden Egoismus, um seine permanente Torgefahr zu entwickeln. Ich habe mich mit ihm ganz gut verstanden, weil wir uns über gemeinsame Themen wie Musik, Kino und Mode verständigt haben. Außerdem waren wir Sturm-Partner und haben als solche miteinander kommuniziert. K & K war legendär und ist auch heute noch immer wieder einen Nebensatz wert! Auf der anderen Seite habe ich erkannt, dass die Mannschaft darunter leidet, wenn wir zu sehr auf den Hans schauen. Er hätte noch fünfmal den Goldenen Schuh gewinnen können, aber dann wären die Titel-Erfolge ausgeblieben. Er hat geglaubt, dass er das alleine mit 50 Toren bewerkstelligen kann, aber das stimmt nicht. Jeder in der Mannschaft hat seine Wertschätzung und seine Rolle gebraucht! Auch wenn Krankl ein Weltklasse-Stürmer war. Ich war damals jedenfalls wie ein McDonalds-Fleischlaberl, das im Sandwich zwischen diesen beiden Teamleadern „gelegen“ ist. Ich habe also meinen laufenden Vertrag selbst aufgelöst, weil es mir am Arsch gegangen ist, immer den Prellbock spielen zu müssen! Ich war zu jung, um diese Situation bewältigen zu können, und so bin ich in eine Formkrise geschlittert. Mich hat diese miese Stimmung, die mal mehr, mal weniger vorhanden war, enorm belastet. Ich konnte den Begriff „Kalter Krieg“ sehr gut begreifen, weil es sich bei Rapid ganz ähnlich abgespielt hat. Dabei war dieser Konflikt notwendig, um Rapid zu einer absoluten Spitzenmannschaft zu machen. Er hat eine wichtige Balance innerhalb der Truppe hergestellt. Leider hat mir die Leichtigkeit gefehlt, diese Situation mit der österreichischen Wirtshausschmäh-Mentalität zu entschärfen. Ich bin eher ein schwerer Typ, der sich Sachen sehr zu Herzen nimmt, bei dem gewisse Dinge nachbohren. Aber ich gebe weder Heri Weber noch Hans Krankl die Schuld! Ich alleine konnte mit dieser Situation nicht umgehen, weil ich überfordert war. Es ging sogar so weit, dass ich nicht mehr zum Training gehen wollte, weil ich es einfach nicht mehr gepackt habe. Ich musste die Reißleine ziehen! Und so habe ich Heinz Holzbach schweren Herzens darum gebeten, meinen Vertrag aufzulösen. Im Sommer 1984 ist es dann zum Tausch Pacult-Keglevits gekommen und ich bin beim Sportclub gelandet. Ich glaube, dass ich mich kaputt gemacht hätte, wenn ich weiter bei Rapid geblieben wäre. In der darauffolgenden Europacup-Saison bin ich aber bei ein paar Spielen im Stadion oder vor dem Fernseher weinend dagesessen und war unendlich traurig, diesen „Final-Wahnsinn“ nicht miterleben zu können.
Die dritte Sache war die, dass ich damals – inzwischen bin ich zum zweiten Mal verheiratet – mit einer Roma verheiratet war. Mein Vater hat sich total gegen diese Verbindung ausgesprochen. Es war eine zusätzliche Bürde, dass sich mein Elternhaus gegen meine erste Frau gestellt hat. Ich musste mich für eine der beiden Seiten entscheiden. In Summe waren das zu viele Themen, die damals auf mich hereingestürzt sind. Ich wollte nur mehr weg und meine Ruhe haben. Ich wollte wieder Spaß am Fußball haben und mit meiner Frau in jungen Jahren die Liebe ausleben! Dass ich mich zum Abgang in Hütteldorf entschieden habe, hat mich wahrscheinlich eine große, internationale Karriere gekostet. Aber schlussendlich hat es mir weitergeholfen und positive Erfahrungen gebracht. Und obwohl es einige Jahre gedauert hat, konnte ich die Fehde mit meinem Elternhaus schließlich beenden.

Du hast in fünf Saisonen beim WSC drei Tore gegen Rapid erzielt, noch viel mehr gegen andere Mannschaften. Wie war Deine Zeit in Dornbach?
Damals gab es ein paar fragwürdige, konstruierte Reformen, wie zum Beispiel das „Mittlere Playoff“. Man hat in der Liga Probleme, die sich damals schon abgezeichnet haben, an der falschen Seite angepackt. Von der menschlichen Seite her war es jedenfalls die absolut richtige Entscheidung von mir, zum Sportclub zu gehen. Diese Wärme, das Geborgensein, das Miteinander – das alles habe ich dort in seiner pursten Form erlebt! Im familiären Dornbach habe ich die „Sonntagvormittags-Termine“, die ich ursprünglich gehasst habe, lieben gelernt. Wir wurden von Präsident Nouza dazu verpflichtet, nach Heimspielen mit unseren Familien in einem Stammlokal gemeinsam Mittagessen zu gehen. Dadurch haben sich sehr viele schöne Erlebnisse ergeben. Und die Leichtigkeit des Lebens ist wieder zurückgekehrt! Der sportliche Erfolg ist zwar etwas in den Hintergrund getreten, dafür habe ich in dieser Zeit gelernt, dass das eiserne Verfolgen von Zielen nicht das Wichtigste im Leben ist! Menschlich habe ich mich damals extrem weiterentwickelt.

Wie hat die „Friedhofs-Tribüne“ damals ausgeschaut?
Wahrscheinlich nicht so, wie sie heute vorhanden ist. Aber sie war da! Und wir hatten damals einen Zuschauerschnitt von 4.000 bis 5.000.

Und wie war der legendäre Präsident Hannes Nouza?
Er war ein ganz toller Mann! Der Fußballsport war sein Ausgleich zum harten Business-Leben bei Avanti. Am Platz konnte er sich verwirklichen und seine Probleme vergessen. Er war ein Querdenker im positiven Sinn. 1989 hat er die Idee mit Amateur-Mannschaften aufgebracht, weil er gemerkt hat, dass ein Budesliga-Klub für ihn alleine zuviel ist. Ohne Partner konnte auch er beim Sportclub auf längere Sicht nichts bewirken, weil das alles eine Nummer zu groß für ihn war. Aus dieser Situation heraus hat er mit vielen Spielern und Beratern gesprochen und eine Kooperation mit Rapid angestrebt. Als erste Tranche sind im ersten Drittel der Saison 1989/90 Reisinger, Poiger und ich nach Hütteldorf gewechselt und die Talente Karoly, Griessler und Wallner sind im Gegenzug nach Dornbach gekommen, um dort zu reifen, wo das Leistungsniveau nicht ganz so hoch war. Barisic und Huyer waren schon dort. Das war praktisch der Vorgedanke zu Amateur-Mannschaften, die man als Top-Verein einfach braucht. Dass der Wiener Sportclub aus dieser Situation heraus „gestorben“ ist, ist eine andere Geschichte. Es ist auch heute noch das Problem dieses Vereins, dass man ein massives Problem in der Führungs-Ebene hat. Kaum, dass man einen Sponsor, Mentor oder Geldgeber bei der Hand hat, vergrault man diesen auch schon wieder. Das ist das Dilemma der Schwarz-Weißen!

Dein ehemaliger Sturmkollege und Coach beim Sportclub, Hans Krankl, hat Dich, nachdem Du beim WSC in der Saison 88/89 22 Tore geschossen hast – zu Beginn seiner Trainerzeit bei Rapid (ab 1989/90) zurück nach Hütteldorf geholt. Warst Du happy, wieder bei den Grünweißen gelandet zu sein?
Eine Vorgeschichte: Mich hat Hannes Nouza sogar gefragt, was ich zu einer Verpflichtung von Hans Krankl sage. Ich habe ihn als für den Sportclub sehr wertvoll eingeschätzt, weil er der beste Spieler war, den man bekommen konnte. Und ich wollte immer mit den besten Spielern kicken! Die Torquote von Hans war wieder top, aber der Erfolg hat leider trotzdem gefehlt, da keine gleichwertige Defensive vorhanden war.
Eine Anekdote noch, bevor ich zu meinem Rapid-Comeback komme: Im letzten Meisterschaftsspiel der Saison 1986/87 haben wir im Hanappi-Stadion gespielt und Rapid konnte mit einem Sieg noch eventuell Meister werden. Unsere Gegner, wie zum Beispiel Reinhard Kienast, haben ständig herumgeraunzt, dass wir sie gewinnen lassen sollen, weil es für den Sportclub um nichts mehr geht. Das alles ist am Rasen während dem Spiel passiert! Wir wollten zwar nicht zurückstecken, aber die ständige Jammerei hat uns dann doch beeinflusst! (lacht) Letztlich hat uns die Dauer-Raunzerei gefügig gemacht.

Bei Deiner Rückkehr nach Hütteldorf warst Du ein Routinier unter vielen Talenten. Hattest Du ein besonderes Standing innerhalb der Mannschaft?
Damals ist die Weltmeisterschaft vor der Türe gestanden. Ich war in guter Form, wäre aber als Sportclub-Spieler nicht nominiert worden. Also hat mir Pepi Hickersberger geraten, zu einem Top-Verein zu wechseln. Ich wollte unbedingt bei einer Endrunde dabei sein und habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um wieder zu einem Spitzenklub zu kommen. Dass das Trainer-Duo bei Rapid Krankl/Constantini geheißen hat, war sicher kein Nachteil. Andererseits hatte ich absolut keine Vorzugsstellung, im Gegenteil! Ich musste in Wirklichkeit bei Null beginnen, weil Hans Krankl den Konkurrenzkampf über alles gestellt hat. Wir Neuen mussten uns die Anerkennung erst im Training erarbeiten, hatten eine Durststrecke zu durchleben, bis wir Stammspieler werden konnten. Die Rollen waren bereits anders verteilt, weswegen es doppelt schwer war, in die Mannschaft zu finden. Auch wenn ich keinerlei Privilegien hatte, wusste ich, dass ich es schaffen werde! Von meinem Leistungspotential war ich immer überzeugt. Die Frage war eher, ob der Trainer das anerkennt und sieht.

Aber Hans Krankl muss als Dein zweimaliger Sturmpartner und Trainer beim Sportclub doch besser gewusst haben als jeder andere, was in dir steckt!
Wir haben auch heute, trotz unserer gemeinsamen Zeiten, immer noch ein kollegiales, aber auch distanziertes Verhältnis zueinander. Respekt ist vorhanden, aber bei Weitem keine Freundschaft. Anfang der Neunziger war es wie schon vorher und danach – der Trainer muss entscheiden, was und wen er braucht. Das hatte ich zu akzeptieren, gar keine Frage!

Den „Dosenöffner“ hast Du damals von weiter hinten gespielt, im rechten Mittelfeld. Trotzdem warst Du in den folgenden zwei Saisonen hinter Fjörtoft und Pfeifenberger der mit Abstand beste Torschütze. In der Liga reichte es knapp nicht zum Titel, im Cup zweimal noch knapper nicht. Waren das Enttäuschungen oder logische Folgen für eine junge, umgebaute Mannschaft?
Unsere Erfolge haben wir großteils in Derbys und international erzielt. Wir waren ja 1989/90 mit einem Bein schon im UEFA-Cup-Viertelfinale. Schlussendlich muss man den Schwarzen Peter sicher Hans Krankl zuschieben, weil er diese kontroverse Mannschaft nicht führen hat können. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass da mehr möglich gewesen wäre. Eigentlich war das Spielermaterial für Titel da – sehr gute Routiniers, sehr gute Junge. Die Ausgangsposition war hervorragend, besser konnte man es sich nicht wünschen. Sogar der Manager von Hans Krankl, Skender Fani, hatte eine ganz wichtige Position im Verein! Aber Hans hat, auch wenn ich das Allheilmittel selbst nicht gewusst hätte, die Bedürfnisse dieser Mannschaft nicht erkannt und dementsprechend nicht befriedigen können. Der Funke zwischen Trainer und Mannschaft hat sich zu selten entzündet. Es gibt viele kleine Dinge zu kritisieren. Dort, wo Hans Krankl als Trainer anerkannt wurde, wie in Mödling, ist er auf Spieler getroffen, die ihr Glück nicht fassen konnten, von so einer Ikone trainiert zu werden. Aber dort, wo er nicht mit seinem Namen, sondern mit den richtigen Entscheidungen beeindrucken musste, hat er sich schwerer getan. Um uns Spieler aber auch selbst zu kritisieren, muss man sagen, dass wir als Persönlichkeiten zu schwach waren, um den Trainer auf seine Fehler hinzuweisen. Da nehme ich mich nicht aus! Wir haben uns ein wenig in unsere Schneckenhäuser zurückgezogen und darauf verlassen, dass es Hans Krankl schon richten wird. Diesen Vorwurf müssen wir uns machen.

Es gab drei Derby-Triumphe gegen die Austria, zu denen Du drei Tore beigesteuert hast. War diese unglaubliche Serie ein ganz außergewöhnlicher Run?
Ja, schon. Aber wie gesagt – bei den großen Matches waren wir da, weil Hans Krankl in diesen Situationen auch ein guter Motivator war und wir Spieler auch um die Bedeutung dieser Begegnungen wussten. Aber man muss auch gegen St. Pölten unbedingt gewinnen wollen und eine Strategie bei der Hand haben. Das war der springende Punkt! Vielleicht waren wir Spieler auch zu unreif, zu selbstverliebt, zu schwach und zu überheblich – der ganze Mix, er hat letztlich nicht gepasst, um wirklich Großes zu erreichen.

Zwischen diesen beiden Saisonen lag die WM in Italien. Deine Erinnerungen an die Quali und die Endrunde selbst?
Das 3:0 gegen die DDR war eine der besten Partien in meinem Leben! Aber wie schon beim 5:0 gegen Innsbruck, wo mich Antonin Panenka mit seinem „Tor des Jahres“-Lupfer in den Schatten gestellt hat, hat es der Toni Polster hier getan und mir mit seinen drei Toren die Sonne geklaut. (lacht) Mir ist schon öfters die Show gestohlen worden! Anscheinend ist es mein Schicksal, der Leidende zu sein. (beiderseitiges Lachen) Pepi Hickersberger hat damals die Devise ausgegeben, dass der Schiedsrichter gekauft ist, wir nur in den Strafraum gehen müssen, um uns dort fallen zu lassen. Und so war es dann auch! Ich habe das sehr effektvoll gemacht.

Ein Schmäh, oder?
Ja, klar! (lacht) Aber mit diesem Schmäh hat uns „Hicke“ gepackt, und dann habe ich nach gut 20 Minuten daran gedacht, als ich in den Strafraum gesprintet bin. Ich war ja so schnell, dass niemand mehr nachvollziehen konnte, was da passiert! (lacht)

Und dann die WM?
Das war genial! Obwohl ich „Pepi“ Hickersberger den Vorwurf machen muss, dass er vielleicht zu viel wollte. Es waren wohl auch die falschen Leute gesetzt und der Mix hat nicht gepasst. Österreich war zu vorsichtig, zu bremsend. Das Potential war viel größer! Wir sind viel zu ängstlich an die Spiele herangegangen. Die Italiener waren mehr verunsichert als wir, da haben wir zu zögerlich gespielt. Es ist immer in unseren Köpfen herumgegeistert, dass wir nur ja keine Schleif'n bekommen. Die Partie gegen die Tschechoslowaken war von Haus aus auf ein X ausgelegt, und wer gegen die USA mehr Tore erzielt, steigt auf. Das war ja aufgelegt, dass so ein Scheiß passiert, wie ihn der Pfeffer gemacht hat. Keine Kritik an Toni, aber in genau solchen Situationen passiert so etwas. Wir hätten riskieren müssen, und ob man mit 0:1 oder 0:5 verliert, ist doch scheißegal! Das, was Hickersberger so auszeichnet, die taktische Überlegenheit, diese Schach-Mentalität – das war wichtig und hat ihn zu einem erfolgreichen Trainer werden lassen, aber in Italien war das zu sehr im Vordergrund. Das Erlebnis selbst war aber genial, genau das, was ich mir immer gewünscht habe. Das Rundherum war einzigartig, genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.

Zurück zum nationalen Fußball. Nach zwei sehr erfolgreichen Saisonen in Hütteldorf hat Dich Dein Weg für die Saison 1991/92 nach Salzburg geführt. Wie ist es dazu gekommen?
Ich habe wieder darum gebeten, meinen Vertrag aufzulösen. Nach der bitteren Pleite im Cup-Finale gegen Stockerau habe ich mich als Versager gefühlt, dieses Finale nicht gewonnen zu haben. Bis heute habe ich diese Geschichte noch nicht ganz verarbeitet, obwohl es so weit weg ist. Ich habe Hans Krankl um seine Meinung gefragt, und er hat gemeint, dass ich mir einen Verein suchen soll, wenn ich weg will. Dann ist alles Schlag auf Schlag gegangen! Herbert Prohaska wollte mich zur Austria holen und es gab eine erste Verhandlungsrunde. Ich war letztlich total happy, dass mir der Geistesblitz gekommen ist, meinen Freund Kurt Garger anzurufen und ihn zu bitten, dass er mit Otto Baric darüber redet, ob ich nach Salzburg kommen kann. Es war das einzige Mal in meiner Karriere, dass ich mich irgendwo angeboten habe, weil ich nicht damit leben hätte können, zur Austria zu gehen! Zum Glück wollte mich Otto Baric, der mit Rudi Quehenberger etwas entstehen lassen wollte. Und eigentlich war es eine Rapid-Mannschaft, die ich dort vorgefunden habe – Heri Weber, Kurt Garger, Leo Lainer, Peter Hristic, Gerry Willfurth und ich. (lacht) Rapid hat von meinem Wechsel nur wenig profitiert, auch wenn ich nicht zur Austria gegangen bin: Im ersten Spiel gegen Rapid habe ich als Einwechselspieler in der 89. Minute das Siegestor zum 3:2 gemacht.

In Salzburg warst Du gemeinsam mit Nikola Jurcevic bester Vereins-Torschütze (je elf Treffer) und hast den Meistertitel nur sehr knapp verpasst. Trotzdem bist Du 1992/93 zu Aufsteiger LASK Linz gewechselt. Warum?
Es war eine absolut einzigartige Situation! Meister Austria, Vizemeister Salzburg und der Dritte Tirol – alle hatten die gleiche Punktezahl! Und es war so, dass im Herbst die Punkte aufgrund einer blöden Regelung halbiert wurden. Die Austria ist nur deswegen Meister geworden, weil bei ihrer ungeraden Punktezahl aufgerundet wurde! Eigentlich hat Salzburg mehr Punkte gemacht, der Austria ist aber einer geschenkt worden. Damals ist diese kuriose Regelung entstanden, weil es das eine oder andere Mal Meister gegeben hat, die den Titel mit großem Vorsprung geholt haben. Die Verantwortlichen wollten künstlich eine Spannung herstellen. Wenn man heute zum Europäischen Gerichtshof ginge, könnte man diesen Titel noch einklagen, glaube ich! (beiderseitiges Lachen) Eigentlich hatte ich mit Rudi Quehenberger einen mündlichen Vertrag für ein zweites Jahr abgeschlossen. Damals habe ich noch immer dem Sportclub gehört und die Vereine konnten sich nicht auf eine Leihgebür oder Ablöse einigen. Während Salzburg bei einem Intertoto-Spiel war, bin ich nach Wien gefahren, um mit der Vereinsspitze des Sportclub zu sprechen. Ich konnte die Leihgebühr im Vergleich zum Vorjahr um 50.000 Schilling herunterhandeln, aber Salzburg-Manager Wiebach war trotzdem nicht interessiert. Und das nach all den Erfolgen und meinen Leistungen in der Saison zuvor! Ich war so enttäuscht, dass sie noch immer pokern wollten und meiner Leistung keine Wertschätzung entgegengebracht wurde, dass ich gegangen bin. Senekowitsch vom LASK hatte mir bereits vorher angeboten, dass ich nach Linz kommen könnte. Und das habe ich dann auch getan, obwohl ich ihm noch kurz davor abgesagt hatte, weil ich von zwei weiteren Jahren in Salzburg ausgegangen bin. Der LASK hat sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt.

Nachdem der LASK abgestiegen war, ging es wieder zurück zum Sportclub. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten war auch hier der Abstieg nicht zu verhindern und Du hast mit 33 Jahren Deine tolle Karriere beendet. Konntest Du nicht mehr oder hattest Du einfach die Nase voll?
Das war wieder eine falsche Entscheidung, eine, die ich gegen mein Bauchgefühl getroffen habe. Am Ende meiner Zeit beim LASK hatte ich massive Achillessehnen-Probleme. Damals war schon Didi Constantini LASK-Trainer, weil Helmut Senekowitsch bei der Mannschaft nicht gut angekommen ist. Auch der Didi konnte nichts mehr retten und hat danach für drei Jahre bei der Admira unterschrieben. Im gleichen Atemzug hat er mir gesagt, dass ich mit ihm in die Südstadt mitkommen soll. Ich habe aus moralischen Gründen abgesagt, eben wegen meiner Achillessehnen-Probleme. Ich wusste, dass das eine längere Geschichte werden würde und wollte Didis Vertrauen in mich nicht ausnützen und ihn gleichzeitig in die Bredouille bringen. Ich war damals vielleicht zu ehrlich, zu ländlich, zu viel Landpomeranze! (lacht) Und während die Admira Dritter geworden ist, habe ich halb verletzt, halb fit die Saison beim Sportclub fertig gespielt. Der Draxler hat dann den Verein übernommen und ist mit dem „Clou“, einem Pyramidenspiel, gekommen. Die versuchte Ausnehmerei der Anhängerschaft ist aber nicht geglückt und so ist der Sportclub in Konkurs gegangen. Es war alles derart in Unordnung, dass sportlicher Erfolg nicht möglich war. Den Zeitpunkt, am Höhepunkt aufzuhören, hatte ich bereits versäumt, also habe ich am Negativ-Höhepunkt aufgehört! Ich habe mich zurückgezogen und bin ein halbes Jahr durch die Welt gereist. Malediven, Sri Lanka und so weiter – ich war an vielen Plätzen, für die ich zuvor keine Zeit gehabt habe. Ich habe das Leben genossen, aber nach einem halben Jahr ist mir stinkfad geworden. Ich hatte große Sehnsucht nach einer Aufgabe, und plötzlich hat mich „Funki“ Feurer angerufen. Er hat mich gefragt, ob ich nicht die 13-, 14-Jährigen von ihm als Trainer übernehmen möchte. Ich wollte ohnehin die Trainerprüfung machen und habe sofort zugesagt. Wieder zurück bei Rapid zu sein, ständig unter grünweißen Leuten – das war genau der geschützte Bereich, den ich damals gebraucht habe!

Du hast dann zwei Jahre im Rapid-Nachwuchs gearbeitet, genau in der Zeit von Rapids Wiederauferstehung. Wie war es damals in Hütteldorf? Hast Du auch Spieler betreut, die später groß herausgekommen sind?
Ich habe damals eine sehr gute Mannschaft übernommen und drei Ergänzungen getätigt. Ich war davon überzeugt, dass ich fünf bis sechs Spieler davon in der Kampfmannschaft wiedersehen werde. Ein Jahr später war nur mehr die Hälfte dieser Spieler übrig, und ein weiteres Jahr später war gar keiner mehr dabei. Wahnsinn!
Dafür war das Rundherum einmalig! Bei Rapid hat eine Aufbruchstimmung geherrscht. Dokupil als junger Trainer und die Bank Austria wollten Rapid wieder nach oben bringen. Auch Herr Nouza, der damals mein Arbeitgeber war, weil ich eine Avanti-Tankstelle hatte, ist mit ins Boot gestiegen. Bei den ganzen Erfolgen war ich hautnah mit dabei! An eines kann ich mich noch gut erinnern: Auch wenn ich damals keinen Einfluss auf die Kampfmannschaft hatte – ich habe mit Didi Kühbauer gesprochen und ihm geraten, sich als Führungsspieler viel mehr mit dem Trainer zu beschäftigen, viel mehr mit dem Trainer zu reden, als ich es in meiner Spielerzeit selbst gemacht habe. Ob das irgendeine Wirkung auf irgendwen oder irgendwas gehabt hat, kann ich nicht sagen. Aber ich wollte Didi vom größten Fehler meiner Karriere erzählen, ihm etwas weitergeben.

Du hast dann nach einer Station in Gerasdorf beim FAC gemeinsam mit Trifon Ivanov gearbeitet. Wie war diese Zeit? Und wie schwierig war der Umgang mit dem bulgarischen Superstar?
Gar nicht so schwierig! Herr Nouza hat damals meine Meinung zu dieser Verpflichtung eingeholt. Nouza wollte auf absehbare Zeit die drittstärkste Kraft in Wien werden. Für mich als Jungtrainer war es in jedem Fall eine Herausforderung, einen schwierigen Spieler wie Ivanov zu handlen. Ich hatte einen intensiven Austausch mit ihm, weil ich die Fehler meiner Spielerkarriere nicht wiederholen wollte. Auch privat hatten wir viel Kontakt, damit er sich wohl fühlt und eine Ansprechperson hat. Das hat super funktioniert! Ernst Dokupils Probleme, dass Trifon gespielt hat, was er wollte, habe ich nicht gehabt. Wir haben ein Kommando vereinbart, das er auch eingehalten hat.

Danach warst Du Co-Trainer beim LASK und dann beim GAK. In Graz warst Du auch kurze Zeit Cheftrainer...
Werner Gregoritsch hat mich zum GAK geholt, weil er einen Kontrapunkt zu seiner Impulsivität gebraucht hat. Er ist dann aber bald durch Thijs Libregts ersetzt worden, mit dem wir eine tolle Zeit gehabt haben. Wir sind Cupsieger und Supercupsieger geworden und haben Sturm praktisch in die Knie gezwungen. Während es zwischen Kartnig und Osim zu kriseln begonnen hat, hat sich der GAK im Aufschwung befunden. Ich bin dann für neun Meisterschaftsspiele Cheftrainer geworden und hatte vor allem im Europacup riesiges Pech. In der Champions-League-Qualifikation haben wir gegen Lokomotive Moskau zuhause 0:2 verloren und auswärts 3:3 gespielt. Gegen Apoel Nikosia haben wir auswärts auch mit 0:2 verloren und zuhause ein irres 1:1 abgeliefert, wo wir mit einem Stangen- und einem Querlatten-Schuss auf das 2:0 und die Verlängerung gedrückt haben, schlussendlich aber ausgeschieden sind. Innerhalb des Vereins gab es aber derartige Unruhen, dass ich als Jungtrainer überfordert war, diese Probleme zu lösen. Der Verein hat dann die Notbremse gezogen und mich durch Walter Schachner ersetzt. Das hat auch wunderbar funktioniert. Wobei man auch sagen muss, dass ich bei der Planung des Trainingszentrums stark involviert war und für Walter Schachner in puncto Ausmisten und Vorarbeiten den Weg vorbereitet habe. Ich habe viele Arbeiten für ihn erledigt, die er nicht mehr machen musste. Das will ich für mich beanspruchen. Aber ich möchte betonen, dass Walter ein Top-Trainer mit einem Top-System ist! Das hat er jetzt auch beim LASK bewiesen, wo er der Mannschaft sehr schnell Stabilität und Perspektive geben konnte.

Welcher Job ist schwieriger – der als Trainer oder der als Spieler?
Das ist schwer zu vergleichen. Beinharte Arbeit ist bei beiden Jobs notwendig, um erfolgreich sein zu können. Das Anforderungsprofil als Trainer ist aber sicher anspruchsvoller und vielschichtiger, wodurch es relativ leicht ist, Fehler zu machen. Du hast die Zuschauer, das Präsidium, die Spieler, die Medien – jeder dieser Faktoren ist ein Job für sich. Man muss sich praktisch vierteilen. Wer diese Gabe hat und das hohe Niveau, auf den Verein Einfluss nehmen zu können, der hat am Ende auch meistens das erforderliche Glück. Wer jedes Spiel professionellst einschätzen kann und seine Spieler optimal darauf einstellt, wird reüssieren. Durch ein Mehr an Intensivität und Training gehen dann auch Bälle oft von der Stange ins Tor, anstatt ins Feld zurückzuspringen. Man ist den berühmten einen Schritt voraus. Menschenführung, Analyse, Taktik, Gespür für die Trainingsintensität – das sind Bereiche, die man als erfolgreicher Trainer beherrschen muss!

Wie ist Deine Trainerkarriere weitergegangen? Ich weiß nur, dass Du Trainer in Stockerau und beim SV Haitzendorf warst.
Nach der Zeit beim GAK war meine Enttäuschung riesengroß, weil ich mein Ziel, Bundesliga-Trainer oder Coach im Ausland zu sein, nicht erreicht habe. Meine Vision war dahin. Ich habe erst in der jetzigen Saison meinen Frieden mit diesem Teil meiner Vergangenheit schließen können. Nach fast zehn Jahren bin ich erstmals wieder ins Grazer Stadion zurückgekehrt und habe dieses Trauma abhaken können. Ich habe das 3:3 zwischen Sturm und Rapid gesehen, bin zittrig und mit Schweißausbrüchen in den VIP-Bereich gegangen, vor lauter Angst, dass die alten Erinnerungen wieder aufleben werden. Aber es war gut so, weil dieses Thema jetzt erledigt ist!

Was bedeutet das konkret für Deine Zukunft?
Dass ich wieder offener bin. Ich habe für mich den Entschluss gefasst, wieder als Trainer in die Bundesliga zurückzukehren, auch wenn es die eine oder andere Zwischenstation brauchen sollte. Ob es mir gelingt, wird die Zukunft zeigen. Es gibt immer wieder Gespräche, aber noch ist nichts Konkretes passiert.

Wie war der Kontakt zu Rapid in all diesen Jahren?
Der Legendenklub ist eine Top-Einführung und ich bin dort ein regelmäßiger Besucher. Schön, dass der Verein das zulässt und die Sponsoren und Legenden selbst so gut darauf ansprechen! Ein Verein besteht aus vielen Generationen, und die sind im Legendenklub sehr gut zusammengefasst. Außerdem ist es ein besonderes Gefühl, am Weg ins Stadion oder bei einer Veranstaltung zu hören, wie sehr einen die Leute einst bewundert haben. Zu einem „Europa-Klub“ wie Rapid gehört das einfach dazu. Und ich bin stolz darauf, Mitglied dieser Familie zu sein!

Mit wem Deiner ehemaligen Kollegen verstehst Du Dich am besten?
Ziemlich viel Kontakt habe ich mit dem Kurt Garger, in letzter Zeit auch mit Gerry Willfurth. Und zu Antonin Panenka fahre ich mindestens einmal pro Jahr nach Prag, um ihn zu besuchen.

Wird Österreich wieder einmal das Leistungspotential der Tschechen erreichen?
Wir alle, die wir den österreichischen Fußball lieben, haben in der Vergangenheit viele Fehler gemacht. Dafür, was international – egal, ob im Vereins- oder Team-Fußball – aktuell passiert, sind wir alle verantwortlich, die sich hierzulande um den Fußball kümmern. Weil wir falsch kritisieren, weil wir falsch auswählen, weil wir falsch trainieren, weil wir falsch miteinander umgehen. Weil wir so viele Fehler begehen, sind wir dort, wo wir sind. Nicht, dass zu meiner Zeit alles gut gewesen wäre. Aber wir haben mit Prohaska, Krankl, Kreuz, Pezzey, Jara und anderen phasenweise wirkliche Weltklassespieler gehabt, wovon wir heute Lichtjahre entfernt sind. Trotzdem ist eine Entwicklung nach oben da! Bei der Heim-Europameisterschaft ist schon jeder einberufen worden, der einen geraden Schuss auf das Tor zusammengebracht hat. Heute gibt es immerhin 15, 20 Legionäre. Der erste Schritt war, dass sie ins Ausland gekommen sind. Der zweite Schritt war, dass sie dort jetzt regelmäßiger spielen. Wenn sie das länger tun, werden sie sich meiner Meinung nach auch auf einem höheren Leistungsniveau stabilisieren. Für die WM in Brasilien könnte es einen Höhepunkt geben, dann sollte der Teamchef eine schlagkräftige Mannschaft für die Quali formen können.

Du hast unter dem Co-Trainer Constantini gespielt. Was hältst Du von ihm?
Ich habe mit Didi beim Sportclub auch zusammen gespielt. Ich mag ihn sehr gern! Er ist eine freundliche und lustige Figur. Für mich war er enorm wichtig und als Teamchef die richtige Wahl, weil er viele Meinungen eingebunden hat. Ich würde als ÖFB-Präsident bis Ende des Jahres beobachten, was weiter passiert. Nach der Quali kann man dann beurteilen, was die richtigen Maßnahmen für die Zukunft sind. Kann Constantini die kurzzeitige Rückentwicklung der Mannschaft aufholen? Kann er die taktische Cleverness umsetzen? Es ist die Aufgabe des Trainers, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Er muss die Form der Spieler richtig einschätzen, sie dementsprechend einsetzen und dem Gegner das bestmögliche Resultat abverlangen. Gegen Belgien und die Türkei hat das nicht funktioniert. Aber er hat sich eine zweite Chance verdient.

Siehst Du momentan in der österreichischen Liga ein Talent, das für höhere Aufgaben bestimmt sein könnte?
Eigentlich nicht. Keiner verdient sich das Prädikat „internationales Spitzentalent“. Aber ich habe meine Lehren daraus gezogen, dass ich beispielsweise bei Marc Janko niemals mit einer derartigen Entwicklung gerechnet habe. Als er bei Red Bull explodiert ist, war ich sehr überrascht. Das war nicht vorhersehbar. Insofern ist es schwer, in die Kristallkugel zu schauen und so etwas objektiv zu beurteilen. Ich habe als Nachwuchstrainer eine Regel kennengelernt, die zu jeder Zeit gilt: Solange nicht überall in Österreich die gleichen Kriterien gelten, welche Qualitäten ein Talent für eine spezifische Position mitzubringen hat, werden immer Fehler und Überraschungen passieren. Aber ich bin wegen der positiven Entwicklung in diesem Bereich zuversichtlich, dass Österreich in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wieder unter die Top 30 kommt!

Vielleicht kann wieder einmal ein Keglevits helfen! Ist Dein Sohn Lucas ähnlich talentiert wie sein Herr Papa?
Es ist noch zu früh, um das sagen zu können. Aber er entwickelt ein Interesse für den Fußball und war auch schon zweimal mit mir im Hanappi-Stadion. Eines ist aber klar, nämlich dass er das Gewinner-und das Begeisterungs-Gen in sich drinnen hat.
Wir kommen darauf, dass Christians Sohn um sechs Tage älter ist als meiner. Leider muss ich zugeben, dass mein Spross die Talente seines Vaters geerbt hat, was bedeutet, dass er fußballerisch gesehen keines hat...

Bist Du mit einem Austrianer in Kontakt?
Ja. Ich habe einmal zusammen mit Toni Polster ein Fußball-Jugendcamp organisiert. Das DDR-Spiel verbindet uns. Er hat sich zwar stärker in den Vordergrund gespielt als ich, aber immerhin habe ich ihm zwei Tore aufgelegt. Daraus ist ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Beim Aufwärmen wurde Toni ja noch vom ganzen Stadion ausgepfiffen und war unten durch. Aber durch meine Mithilfe hat er innerhalb kürzester Zeit sein Image wieder gedreht. Es taugt mir, dass ich einem Spieler, der die meisten Länderspiel-Tore erzielt hat, in einer brenzligen Situation helfen konnte. Darüber, dass er Austrianer ist, muss ich in diesem Fall ausnahmsweise hinwegsehen. (lacht) In den letzten beiden Legenden-Derbys in der Stadthalle haben wir immer gewonnen, und über das freue ich mich heute noch sehr intensiv! Sie haben sogar den Herbert Prohaska als Verstärkung auf die Trainerbank geholt. „Schneckerl“ hat gemeint, dass Rapid in der Stadthalle noch nie etwas gewonnen hat, wenn er mit von der Partie war. So kann man sich täuschen! Und umso intensiver ist meine innere Befriedigung... (lacht)

Interview vom 05.05.2011 (grela)

10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Deine Lieblings-Elf aller Zeiten?

Die 84/85er-Truppe von Rapid. Ich war zwar leider nicht mehr mit dabei, habe aber immerhin beim Aufbau eine Rolle gespielt. Das Team der Vorsaison war die beste Mannschaft, in der ich je gespielt habe!

Das beeindruckendste Stadion, in dem Du je gespielt hast?
Schlussendlich das Bernabeu-Stadion. Aber von der Intensität her war der Pittodrie-Park in Aberdeen einmalig! Dort war die Stimmung sogar noch extremer als im Hanappi-Stadion. 60 Minuten haben sie wie auf einer schiefen Ebene unser Tor berannt, und wir haben kein Mittel dagegen gefunden. Am Ende hat es dann aber doch ein Happy End gegeben.

Deine größte Niederlage auf dem Fußball-Platz?
Die Final-Niederlage im Cup gegen Stockerau. Danach wäre ich am liebsten im Boden versunken! Dieses Gefühl hatte ich nur einmal in meinem Leben.

Rapid ist...
... fantastisch! Ich habe so viel Schönes mit dem SCR erlebt – als Spieler und als Erfinder der Jugendcamps, mit denen sie heute noch viel Geld verdienen. Ich war in Rotterdam, Brüssel und in Moskau mit nacktem Oberkörper mit dabei. Was mir Rapid schon gegeben hat, das kann man gar nicht in Worte fassen. Mir bleiben nur mehr die Positionen als Einser-Trainer und Präsident übrig – das sind meine nächsten Ziele mit Rapid! (lacht) Ein wenig enttäuscht bin ich, dass sich der Verein bei der Trainer- und Sportdirektor-Suche nicht bei mehr verdienten Ex-Spielern gemeldet hat, die Rapid durchaus etwas zurückgeben könnten. Nur die Frage, ob man prinzipiell Interesse hätte, wäre sehr schön gewesen. Bei einem Top-Verein wie Rapid muss man sorgsam sein – mit der Geschichte genauso wie mit Pressemeldungen! Viele Legenden, nicht nur ich, hätten Interesse gehabt. Man vergrault wichtige Leute leichter, als es sich Rapid vielleicht denkt.
Eines noch: Der Rapid-Anhang zaubert bei jedem Heimspiel Weihnachten, die optimale Atmosphäre, ins Stadion! Aber ich verwehre mich dagegen, dass die Fans soviel Einfluss bei der Findung von Entscheidungen haben. Da müssen die Verantwortlichen einen Riegel vorschieben. Diskutieren ja, aber irgendwo muss eine Grenze gezogen werden.

Was fehlt in Deinem Kühlschrank nie?
Butter und Milch. (lacht)

Dein liebster Platz außerhalb von Österreich?
Dort, wo die Sonne zuhause ist. Speziell im Winter habe ich meine Phasen, in denen mich das österreichische Grau-in-Grau so niederdrückt, dass ich gerne als Zwischen-Highlight ans Meer fliehe.

Wohin würdest Du reisen, wenn Du eine Zeitmaschine hättest?
Ich würde mir gerne anschauen, ob meine Ideen bei bereits vergangenen Situationen ein anderes Ergebnis bewirken würden, als es tatsächlich der Fall war.

Eine Marotte?
Heute habe ich eigentlich keinen Spleen mehr. Als Spieler habe ich gerne die linke Socke zuerst angezogen und bin noch möglichst knapp vor Spielbeginn aufs Klo gegangen. Das hat sich aber abgewechselt und war nie ein durchgehend fixes Ritual.

Der beste Verteidiger, gegen den Du je gespielt hast?
Erich Obermayer. Der war so schnell, dass ich mir vorher immer dessen bewusst war, dass ich Situationen nicht nur mit meinem Tempo lösen konnte.

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Im Fußball haben mich Johan Cruyff und Diego Maradona am meisten geprägt. Im österreichischen Sport sind für mich Niki Lauda und Hermann Maier die beeindruckendsten Persönlichkeiten.