Egon Pajenk im Gespräch
 

Interview vom Mai 2013 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

„Ohne Springer wäre ich bei Rapid untergegangen!“

Hütteldorf in den 1970er-Jahren: Liberos kamen und gingen, aber ihr Vordermann war stets der gleiche – Egon Pajenk. Als eisenharter Vorstopper ein Bollwerk, absolvierte der „Kraftlackel“ 322 Pflichtspiele in der Rapid-Dress. Seinen Kopf hielt der am 28. Juli 1950 geborene Steirer in der Defensive, aber auch in der Offensive hin – immerhin gelangen dem dreifachen Teamspieler 20 Pflichtspieltreffer für den SCR, zu dem er in der Saison 1970/71 vom WSV Fohnsdorf wechselte. Pajenk wurde mit Rapid zweimal Cupsieger und erreichte drei Europacup-Achtelfinali. Ein Ligatitel blieb dem dreifachen Vizemeister und fünfmaligen Dritten verwehrt. 1979/80 wechselte Pajenk zu Admira/Wacker, 1981 machte ihm eine schwere Adduktorenverletzung zu schaffen und er beendete seine Profi-Karriere im „zarten“ Alter von gut 30 Jahren bei der SPG Innsbruck und agierte schlussendlich noch einige Zeit als Spielertrainer in Fohnsdorf.

In der „Seerose“ am Klopeiner See treffe ich den Wahlkärntner, um seine Laufbahn Revue passieren zu lassen. „Soviel wie der Gustl (Starek-Interview in Ausgabe 1) habe ich aber nicht zu erzählen“, meinte Egon Pajenk noch am Telefon. Eine Fehlinformation! Denn der jung gebliebene 62-Jährige, der mir sofort das sportliche Du-Wort anbietet, breitet seine Erinnerungen breit und lebhaft aus, zeigt sich beim ausführlichen Interview erfrischend offen. Pajenk stammt aus dem ehemaligen Kohlenpott-Gebiet in der Steiermark. Dass er 1998 in Kärnten sesshaft geworden ist, überrascht nicht – bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte er in einem Zeitungsartikel gesagt, dass hier sein liebstes Urlaubsziel zu finden sei. Des weiteren verriet der gelernte Maler und Anstreicher eine Vorliebe für Elvis Presley, Bauernschmaus und Ajax Amsterdam. Das ist allerdings nur ein Bruchteil dessen, was der begnadete Ex-Tackler mit der enormen Sprungkraft im vorliegenden Vier-Augen-Gespräch offenbaren sollte.

Du befindest Dich momentan mitten im Hausbau, Egon. Wer wird das fertige Produkt bewohnen?
Ich und meine Frau. Für mich ist der Hausbau ein Glücksfall, weil ich schon bei 126 Kilo angekommen war. In meiner besten Zeit bei Rapid habe ich bei 1,91 Meter Größe ungefähr 83 Kilo gewogen. Nachdem ich mit der Gallenblase Probleme bekommen hatte, habe ich vor ca. zwei Jahren radikal abgenommen. Als ich dann wieder zugelegt habe, ist mir der Hausbau gerade recht gekommen. Im vorigen Herbst habe ich begonnen und inzwischen steht der Rohbau, als nächstes kommt das Dach hinauf. Ich mache absichtlich langsamer, damit ich mein Gewicht länger halten kann. (lacht) Jeden Tag arbeite ich fünf bis sechs Stunden, auch am Sonntag. Mir macht es aber Spaß, nicht zuletzt wegen meiner Gesundheit. Wir wohnen hier gleich in der Nähe, ich schaue direkt auf die Petzen. Es ist herrlich ruhig und ich kann mich zurückziehen. In die Stadt gehe ich nie. Meine Hobbies, Wandern, Skifahren und Schwimmen, kann ich hier auch optimal ausleben.

Wie bist Du in Fohnsdorf zum Fußball gekommen?
Meine Eltern sind 1948 aus Kärnten der Arbeit wegen nach Fohnsdorf gezogen. Mein Vater hat im Bergbau gehackelt und immer nur geschöpft, geschöpft, geschöpft. Jedenfalls haben wir lange nur auf der Straße gekickt, in den Verein konnte man frühestens mit elf Jahren. Ich war eine Zeit lang aber sowieso eher auf's Tennisspielen narrisch, sogar die Holzschläger haben wir uns selbst gebastelt. Der Fußballverein war für uns kaum erreichbar. Dort haben die Kinder von Doktoren, Lehrern und Polizisten gespielt, wie auch Heinz Schilcher, aber wir Arbeiterkinder waren dort nicht erwünscht. Damals sind viele Kärntner in die Steiermark gezogen, um dort im Bergbau ihr Geld zu verdienen. 13.000 Menschen haben dort im Bau gehackelt, 3.000 waren in der „Gruabn“. Wir wurden damals abfällig behandelt wie Ausländer heutzutage. Ich war aber immer schon ein Ehrgeizler durch und durch. Auf einer abschüssigen Wiese haben wir als Buben gespielt und ich habe mich bemüht, möglichst viel zu tun. Mit knapp zwölf durfte ich, weil ich immer lästig gewesen bin, dann gnadenhalber in den Verein, wo Ernst Schilcher von den Schülern bis zur Kampfmannschaft alles trainiert hat. Für mich war er einer der besten Trainer, die ich je hatte! Das Ballstoppen und Passen habe ich bei ihm gelernt. Wir waren damals hundert Kinder im Verein und meine Gedanken waren ähnlich wie nach meinem Wechsel zu Rapid, als ich lauter Nationalspielern gegenüber gestanden bin: „Ich komme niemals in diese Mannschaft hinein!“ Wir waren die „Bergmanngassler“, die sich erst durchsetzen mussten. Ich habe aber kein einziges Training versäumt und binnen sechs Jahren bin ich in der Kampfmannschaft gestanden und habe fast immer vor 5.000 Zuschauern gespielt. Wir sind von der Landesliga in die Regionalliga Mitte aufgestiegen und wären fast in die oberste Klasse, die Nationalliga, weitermarschiert. Am Ende der Saison waren die Zweiten aus Radenthein zwei Punkte und sechs Treffer hinter Fohnsdorf, sie hatten aber noch ein Nachtragsspiel, das sie dann mit 7:0 gewonnen haben. Unsere Funktionäre haben sich bei Herrn Gerö in Wien beschwert, der Einspruch hatte aber keine Folgen.

Warst Du damals schon in der Verteidigung zuhause?
Mehr oder weniger. Anfangs habe ich noch im zentralen, defensiven Mittelfeld gespielt und bin dann weiter nach hinten gerückt. Eines noch: Die Trainingsbedingungen waren damals ein Wahnsinn – wir haben auf einer roten Erde, einem Schlackenplatz gespielt.

Hattest Du Vorbilder?
Das war eigentlich ein sechs Jahre älterer Bursche aus Fohnsdorf, ein Superkicker, der mit 16 Jahren nach Kapfenberg gewechselt ist – Hannes Roth. Ich wollte unbedingt schaffen, was er geschafft hat. Bewundert habe ich im Laufe der Jahre aber auch Jacare von Austria Wien und Hans Buzek, mit dem ich später noch bei Rapid spielen sollte. Mein Lieblingsverein war der Sportclub, von Rapid war eigentlich nie die Rede.

Wie bist Du von Rapid entdeckt worden?
Das ist eine interessante Geschichte. Dadurch, dass wir fast in die oberste Liga aufgestiegen wären, bin ich im Fokus mehrerer Vereine gestanden. Im letzten Spiel haben wir gegen Hönigsberg 3:3 gespielt und ich habe eine Hundspartie hinuntergeklopft. Ich hatte bereits einen Vorvertrag bei Sturm, weil ich aber zum Zeitpunkt der Unterschrift noch nicht volljährig war und mein Vater, der damals in Irland gearbeitet hat, nicht unterschreiben konnte, war der Vertrag für die Fische und auch andere Vereine haben um mich gebuhlt. Zum Beispiel ist der Herr Draxler, der damals noch beim Sportclub Präsident war, mit seinem Maserati vor dem Haus meiner Mutter auf der Schotterstraße aufgefahren. War das ein Auflauf! Alle sind auf die Straße gelaufen gekommen und haben seinen Wagen bewundert, 150 Kinder sind um seine Gurk'n gestanden. Und der Herr Präsident, der überall in der Obersteiermark seine Geflügelstationen gehabt hat, hat sich in seinem weißen Anzug vor meine Mutter gestellt, die wegen ihrer zittrigen Knie kaum stehen hat können. Er muss sich wie in Rumänien vorgekommen sein. (lacht) Ich habe damals beim Malermeister gelernt und in Seewiesen ein Schloss angemalt, weswegen ich nicht zuhause war. Draxler ist dann nach Seewiesen gefahren, hat dort aber nur sein Interesse bekundet. Wacker Innsbruck wollte mich auch. Und dann auch noch Rapid. Gerd Springer, der mich zu Sturm holen wollte, war gerade seit eineinhalb Monaten bei Rapid und hat alles versucht, um mich nach Hütteldorf zu lotsen. Ich wollte sofort zu Rapid und das Theater ist losgegangen: Ich hatte keinen Manager, nur ein Funktionär hat mich beraten. Im Klubhaus in Fohnsdorf hat der komplette Vorstand mit Gerd Springer bis drei Uhr in der Früh verhandelt. Ich konnte natürlich nicht schlafen und habe am frühen Morgen erfahren, dass ich bei Rapid gelandet bin. 45.000 Schilling Jahresgehalt hatte ich damals, eine Gratis-Wohnung und Punkteprämien. Und Rapid hat angeblich 250.000 Schilling Ablöse für mich bezahlt – eine große Summe Anfang der Siebziger. Kaum war ich in Wien wollte Sturm einen Spielerwechsel in Gang setzen, aber ich bin geblieben. Mein Präsident in Fohnsdorf hatte noch gemeint, dass ich bei ihnen bleiben soll. Ich habe nur geantwortet: „Ich schau‘ mir das einmal zwei Jahre an, weil bei Euch kann ich immer noch kicken!“ Dann war er still. (lacht) Das Beste war aber meine Anreise nach Wien. Ich habe meinen Zug versäumt. Unser Tischler in Fohnsdorf, ein Mords-Fußballanhänger, hat mich dann zur Bundesstraße gebracht und dort jemanden aufgehalten, der nach Wien unterwegs war und mich mitgenommen hat.

Und wie war die erste Zeit bei Rapid unter all den Stars? Wurdest Du akzeptiert?
Als ich zu Rapid gekommen bin, habe ich gleich den Pool, der hinter der Kabine seit Jahren außer Betrieb und sehr heruntergekommen war, selbst abgeschliffen, eine Farbe gekauft, ihn frisch angestrichen und wieder Wasser eingelassen. Wir haben alle Wellness gehabt und meine Kollegen hat es getaugt. Prinzipiell ist es so: Wenn du nicht auf die Goschn gefallen bist, kannst du dich auch wehren. Und eine Goschn habe ich immer gehabt! Ich habe immer meine Meinung gesagt, weil ich mit Falschheit noch nie umgehen konnte. Ich bin aber mit allen bei Rapid mehr oder weniger gut ausgekommen, nur einer hat mich nicht gemocht, der war eine richtige Grätzn. Ich will jetzt keinen Namen nennen, aber er hat öffentlich gefragt, was man mit dem „Gscherten“ bei Rapid wolle. Auch dem Trainer hat er gesagt, dass man mich nicht aufstellen kann. Das hat Gerdi Springer nicht akzeptiert und ihm gedroht, ihn nicht mehr aufzustellen, wenn er das noch einmal macht. Einmal habe ich ihn mir hergefasst, hochgehoben und habe ihm erklärt, dass er eine Watschn abkassiert, wenn er nicht aufhört. Dann war mehr oder weniger eine Ruh‘. Probleme gab es vielleicht noch während der Matches. Ich bin oft ohne Rücksicht auf Verluste in die Zweikämpfe gegangen, und wenn ich für jemanden ins Feuer gehen habe müssen, weil er sich blöd gespielt hat, habe ich schon auch heiß laufen können! Gerdi Springer war ja ursprünglich Eishockey-Spieler und auf gut Deutsch „a Wüdsau“, der genau so einen wie mich gesucht hat. Ohne ihn hätte ich bei Rapid aber in 100 Jahren nicht Fuß fassen können Wobei ich meinen Ellenbogen stecken habe lassen, nicht so wie es heute gang und gäbe ist. Fast jeder Zweite rennt schon mit einer Maske herum, oder?! (lacht)

Am 17. Oktober 1970 hast Du Dein Debüt auf der Hohen Warte vor 12.000 Zuschauern gefeiert.
Dieses Spiel ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sehr mich Gerdi Springer unterstützt hat: Ich hab‘ ein grausliches Foul gemacht, als ich einen Gegenspieler ungewollt am Standbein erwische, und sehr schlecht gespielt habe ich sowieso. 0:1 waren wir hinten, normalerweise hätte ich zur Pause ausgewechselt werden müssen. Es war fast ein Wunder, dass mich der Trainer drinnen hat lassen. Aber es hat sich ausgezahlt, denn in der zweiten Hälfte war ich der Turm in der Schlacht und wir haben letztlich mit 2:1 gewonnen. In der Zeitung haben sie den Mut von Springer bewundert, weil er mich nicht ausgewechselt hat. Die ersten Runden habe ich immer in der U-21 gespielt, aber ab diesem Moment war ich auf Jahre hin ständig dabei. Außer, wenn ich gesperrt war.

Apropos: Wieviele Verwarnungen und Platzverweise hast Du im Laufe Deiner Rapid-Zeit erhalten? Auf rapidarchiv.at habe ich gesehen, dass Du in einem Derby ausgeschlossen worden bist.
Naja, eigentlich war es so: Eine gelbe Karte war eher normal, deswegen musste ich auch immer wieder ein Spiel Sperre absitzen. Aber ich kann mich nur an ganz wenige Platzverweise erinnern, das war die totale Ausnahme. Vielleicht waren es drei in meiner gesamten Rapid-Zeit. Ich erinnere mich an eine in Salzburg, die komplett ungerechtfertigt war. Ich war mit vorne und musste nach einem Ballverlust zurücklaufen, und beim Umdrehen bin ich in einen Salzburger hineingelaufen. Durch die Sperre war ich dann bei acht Punkten nicht dabei und bin um eine riesige Prämie umgefallen. Ich war richtig zornig!

Warst Du immer Vorstopper?
Immer. Begonnen hat es mit Norbert Hof als Libero, ich war der Nachfolger von Ewald Ullmann, links war Erich Fak und rechts Walter Gebhardt oder Alois Jagodic. Meine Kollegen haben immer wieder gewechselt, ich bin aber fast neun Jahre geblieben.

Hattest Du einen Lieblingspartner als Libero?
Eindeutig Norbert Hof! Peter Persidis mochte ich als Menschen sehr, aber als Spieler war er mir im Gegensatz zu Hof ein wenig zu ruhig. Feurig und impulsiv war schon eher meine Kategorie. Mit Peter Werner war es, wie mit Persidis, auch sehr okay. Nur mit Gerhard Sturmberger konnte ich überhaupt nicht. Er hat jedem anderen die Schuld gegeben, nur sich selbst nicht.

Was waren Deine Stärken, was Deine Schwächen?
Ich habe immer den Zweikampf gesucht und war in dieser Kategorie eigentlich kaum zu schlagen. Mein Kopfballspiel war ziemlich gut, wie auch mein Tackling. Ich konnte den Ball gut stoppen und auch passen, problemlos links wie rechts, aber der große Techniker war ich nie. Ich war ein richtig geradliniger Fußballer, vielleicht vergleichbar mit Georg Schwarzenbeck. In Fohnsdorf habe ich noch wie ein Viech gespielt, ich war vorne und hinten, wohin der Ball halt unterwegs war. Das lag auch daran, dass es dort noch keine strikte Taktik gegeben hat. Natürlich hat es sein können, dass ich dadurch einmal in der Defensive gefehlt habe, aber dafür war ich in der Torschützenliste immer recht weit vorne. Mir ist es aber gar nicht so sehr ums Toreschießen gegangen, ich habe vielmehr den Auslauf gebraucht. (lacht) Ich war einer jener Typen, der sich bis über den toten Punkt hinaus verausgabt hat und dann wie in Trance weitergelaufen ist, so wie Roland Hattenberger. Bei Rapid ist das nicht gegangen, weil ich eine strenge Manndeckung verordnet bekommen habe. „Wenn Dein Mann auf's Klo lauft, läufst Du ihm hinterher“ hat es damals geheißen. Viele meiner Gegenspieler sind nicht so viel gelaufen, was sich auch auf mich ausgewirkt hat, weil ich ja dabei bleiben habe müssen. Das war schwer für mich. Unter Trainer Hlozek habe ich mich einmal nicht an die Anweisungen gehalten. Zweimal war ich mit vorne, beide Male hat uns der Willy Kreuz, mein Mann, ein Goal gemacht. Der Trainer hat mir dann gesagt, dass ich sofort draußen bin, wenn ich das noch einmal mache.

Hat es nach Deiner Zeit bei Rapid einen Verteidiger gegeben, der Dich an Dich selbst erinnert hat?
Robert Pecl! Einmal bei den Legenden ist Robert dahergekommen und Kurt Garger hat, mit Blick auf mich, zu ihm gesagt: „Schau, Robert – Dein Vater ist auch da.“ (lacht)

Kurz zurück zu Deinem ersten Rapid-Trainer. Hat Dich Gerdi Springer nur sportlich forciert oder auch bei der Eingewöhnung in Wien unterstützt?
Zweiteres. Er war eine Art Vaterfigur für mich, ohne die ich in dieser Stadt und bei diesem Verein wahrscheinlich untergegangen wäre. Springer hat mich forciert, obwohl ich manchmal schlecht gespielt habe. Auch im Privatleben habe ich auf ihn bauen können. Ich war hin und wieder bei ihm in der Wohnung, er hat mich, weil ich damals kein Auto hatte, auch das eine oder andere Mal chauffiert. Und bei meiner Wohnung hat er mir auch geholfen. Meine erste Wohnung, die ich von Sekretär Reisner bekommen habe, war ein Loch, eine nasse Bude in Hütteldorf, die nur mit einem Bett ausgestattet war. Ich habe dem Trainer gesagt, dass ich dort nicht wohnen werde. Zum Glück ist es gleich weiter auf Trainingslager nach Faak am See gegangen. Zwei Wochen später waren wir wieder in Wien, ein paar Tage später konnte ich in eine Garconniere in Neuwaldegg ziehen. Herrlich, im Grünen! Später bin ich mit meiner Frau nach Ottakring in eine größere Wohnung in der Pfenniggeldgasse gezogen. Damals war es noch Ottakring, heute ist es „Chicago 1928“. (lacht) Mein Neffe ist dort Polizist und hat mir das erzählt.

Nach Gerdi Springer kamen Robert Körner und Franz Binder kurz als interimistische Betreuer zum Zug.
Zwei tolle Menschen, mit denen ich eigentlich sehr gut ausgekommen bin. Aber einmal habe ich etwas gemacht, das mir grobe Probleme eingebrockt hat. Von Fohnsdorf her war ich es gewohnt, nach jedem Spiel zu singen. Egal ob nach einem Sieg oder einer Niederlage. Das habe ich bei Rapid auch einmal gemacht und bin damit in eines der größten Fettnäpfchen meines Lebens getreten. Haben die einen Schleim auf mich gehabt, ein Wahnsinn! Ich habe mir schon gedacht, dass ich es mir total vertan habe, wurde auch zusammengedonnert und habe bei der nächsten Partie nicht gespielt. Beim darauffolgenden Match war ich aber wieder dabei. (lacht)

1972 hast Du Deinen ersten Titel mit Rapid gewonnen, noch dazu in der Verlängerung des Rückspiels vor eigenem Publikum. Hat die Pfarrwiese gebebt?
Ja, es wurde schon ganz schön gefeiert. Aber etwas anderes ist mir viel mehr in Erinnerung: Beim Semifinale ist es gegen die Austria gegangen und wir waren kaserniert. Als wir zum Stadion kommen, sehen wir, dass alles violett angemalt ist – von den Zaunlatten bis hin zu den Torpfosten! (lacht) Das 6:2, das auf diesen Schock gefolgt ist, war ein Wahnsinn! Gewaltig. Wenn Real Madrid gegen Barcelona 0:5 verliert, ist es das Gleiche. Mit der Austria war es normalerweise immer ein Kampf auf Biegen und Brechen, es ist hin und her gegangen. Eindeutige Siege und Niederlagen sind nicht unbedingt auf der Tagesordnung gestanden, weswegen sich dieses Spiel tief in mein Hirn gebrannt hat. Das Finale so knapp zu gewinnen, war eine tolle Sache, keine Frage. Es war der erste Titel meiner Profi-Laufbahn und hat große Glücksgefühle ausgelöst. Das Highlight war aber trotzdem das Semifinale.

1976 konnten Sie den Cupsieg wiederholen.
Ja, der Pawlek Pauli hat in der 89. Minute das entscheidende Tor gegen Wacker Innsbruck gemacht. Ich erinnere mich deswegen so genau daran, weil ich, wenn er den Ball ausgelassen hätte, direkt hinter ihm gestanden und dann selbst der gefeierte Torschütze gewesen wäre. Ich vergönne es ihm aber natürlich.

Ohne Dein Tor im Semifinale wäre es aber wahrscheinlich sowieso nix mit dem Titel geworden...
1:1 ist es zuhause gegen VOEST Linz gestanden, als ich den Ball in der Rapid-Viertelstunde aus zehn Metern Entfernung volley unter die Latte gedonnert habe. Eine Wahnsinns-Krochn, unglaublich für einen Spieler wie mich! Gustl Starek hat dann noch den Deckel auf den Topf gegeben.

Du warst ungewöhnlich torgefährlich für einen kompromisslosen Vorstopper. Nur bis zu deinem ersten Tor am 22.08.1973 hat es länger gedauert, gemessen daran, wie oft Du danach getroffen hast. Warum eigentlich?
Wie bereits gesagt – ich war im Gegensatz zu Fohnsdorf bei Rapid in einem System drin, das nicht viel erlaubt hat. Ein Beispiel dafür ist auch Kurt Wiedmann. Der war ein Paradestürmer und hat einen Haufen Tore gemacht, aber in Wien war es plötzlich aus damit. Warum? Die Linie war sein Partner, er musste als Flügelstürmer außen kleben bleiben und den weißen Kalk auf seinen Schuhen haben. Vorher konnte er auch als Flügelstürmer in die Mitte ziehen und abdrücken. Bei Rapid war das anders, das System war halt so. Die Tore durfte nur Hans Krankl schießen, extrem ausgedrückt. Oder was glauben die Leute, warum er pro Saison gut 30 Tore machen konnte. Hans war saugut und hat immer wieder ein Goal gemacht, das nur er machen konnte. Aber seine Spitzenwerte hat er den Herren Gronen, Lorenz und so weiter zu verdanken. Und es wären noch viel bessere Statistiken gewesen, wenn er mehr gelaufen wäre, aber er war schon lauffaul. Ich war halt immer bei den Standardsituationen mit dabei. Offiziell habe ich in meinen besten Saisonen um die sechs, siebenTore gemacht. Ich meine, dass es noch mehr waren. Aber gegen die Statistiker ist kein Kraut gewachsen. Vielleicht haben ja die Zeitungsleute damals etwas verwechselt, weil ich dem Hans so ähnlich schaue. (lacht)

Erinnerst Du Dich an einen Deiner 20 Pflichtspieltreffer besonders gut?
An den berets erwähnten Volley und an zwei Freistoßtore – weil sie aus der Reihe getanzt sind.

Apropos Erinnerung: International hast Du in Zagreb und Split, bei Juve und im San Siri gegen Milan gespielt, warst zweimal im PAOK-Stadion gegen PAOK und Aris, bist in Istanbul gegen Galatasaray angetreten und hattest einen Auftritt im Estadio Vicente Calderón gegen Atlético. Welche Europacupsituation ist Dir am gegenwärtigsten?
Leider ist die eingeprägteste Erinnerung eine sehr schlechte. Es war das Heimspiel gegen Atlético Madrid im Praterstadion. Nach einem von mir verschuldeten Gegentor wäre ich am liebsten im Rasen versunken und hätte mich gleich weitergebuddelt, weit weg von den vielen Zuschauern. Es war ein schöner Pass auf mich zurück in der 88. Minute, ich hatte alle Zeit der Welt für alles, zum Tormann spielen, ausputzen – alles war möglich, denn der Stürmer war um die 40 Meter weg. Ich habe mir so unendlich viel Zeit gelassen, habe den Ball zurückgetragen, und als es eigentlich zu spät war, habe ich zu „Funki“ Feurer gespielt, zu schwach, und Ayala ist dazwischengespurtet und hat das Tor gemacht. In hundert Jahren macht das kein Fußballer, was ich gemacht habe! Ich habe mir gedacht, dass ich überhaupt zum Fußballspielen aufhöre, so sehr habe ich mich geschämt. Hätten wir zuhause nicht wegen mir 1:2 verloren, wären wir mit dem 1:1 auswärts zumindest in die Verlängerung gekommen. Es war ein komplettes Blackout, keine Ahnung warum. Ich habe sehr darunter gelitten und werde diese Situation mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Damit ich wieder etwas herunterkomme , erinnere ich noch schnell an das 0:0 in San Siro gegen den AC Milan. Zuhause haben wir zwar mit 0:2 verloren und sind ausgeschieden, aber die hatten auch unglaubliche Kracher in der Mannschaft! Oder gegen Velež Mostar haben auf der Pfarrwiese die Oberkrainer aufgespielt und von 14.000 Zuschauern waren 11.000 Jugoslawen.

Innsbruck und die Austria waren in den 1970er-Jahren extrem stark. Lag es an deren Dominanz, dass Rapid nicht Meister werden konnte oder war man durchaus in der Lage, die Liga zu gewinnen? 1973 war Rapid als Zweiter nur drei Punkte hinter Wacker Innsbruck, und 1974 haben als Dritter nur zwei Zähler auf VOEST Linz gefehlt. Da war doch was drin, oder?
Wir waren eine geradlinige, eigentlich fast englische Mannschaft. Und in manchen Phasen war das Gesamtpaket durchaus gut genug, um Meister zu werden! Wir haben einfach gewisse Partien verschnitten. 1973 haben wir in den letzten beiden Spielen gegen Eisenstadt und Bregenz nur einen Punkt gemacht statt vier. Und 1974 hat uns Hlozek knapp vor dem Ende der Saison in Salzburg vercoacht und ins offene Messer laufen lassen. Mit diesen zwei Punkten, mit diesem einen Spiel wären wir Meister geworden! Vom Torverhältnis her waren wir klar die Besten. Wir hätten nur ein wenig Geduld zeigen und abwarten müssen...

Es gab auch großartige Siege in Freundschaftsspielen, wenn ich an das 7:2 gegen Happels Brügge oder ein 2:1 gegen Real Madrid denke.
Brügge haben wir bei einem Turnier in Brügge kurz nach dem 7:2 mit 2:0 geschlagen, die waren damals Europaklasse! Gegen Merkels FC Sevilla haben wir 1970 auch mit 4:0 gewonnen. Oder 1:0 in Deutschland gegen den HSV, wo ich das Tor gemacht habe. Da waren schon Spiele dabei! Und ich bin mit Rapid richtig herumgekommen. Vor meiner Zeit in Wien bin ich ja keine zehn Kilometer von Fohnsdorf weg gewesen. In Gibraltar haben wir einen Pokal gewonnen. Ich hatte damals eine Fußverletzung und Gerdi Springer hat mich vom Bundesheer herausgenommen, nur damit ich auf Gibraltar Urlaub machen kann. Schön war's!

Nach drei Einsätzen im U-23-Team hast Du von September 1974 bis März 1975 auch drei Spiele für das A-Nationalteam absolviert und alle wurden gewonnen. War nicht mehr drin aufgrund der Konkurrenz?

Es war rein mein Fehler, dass ich nicht öfters zum Zug gekommen bin. Ich habe immer gesagt, dass ich nur mit Norbert Hof spielen kann. Leopold Stastny hat daraufhin gemeint, dass er mich nie nominieren wird, aber er hat es doch getan, weil ich mich nicht aufhalten habe lassen. Ich habe alle drei Partien tadellos gespielt. Aber dann sind Obermayer und Pezzey gekommen, beide Patzen-Kicker, beide aber vor allem auch sehr ruhig. Ich hingegen war eher laut und aggressiv. Ich war drinnen im Team und hätte drinnen bleiben können. Daran, dass es nicht so geblieben ist, gebe ich mir selbst die Schuld. Nach meinem Teamdebüt, dem 1:0-Heimsieg gegen Ungarn habe ich auch gesagt, dass mein erstes Spiel für Rapid aufregender war. Ich habe die Wahrheit gesagt, hätte sie aber auch für mich behalten können.

Wer war Dein liebster Trainer als Profi?
Viele waren feine Kerle, aber keiner ein Trainer, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Und manche waren richtige... ich red‘ nicht weiter. Hlozek? Zum Vergessen! Brzezanczyk? Aua! Und erst der Schlechta! Ich könnte Dir jetzt unzählige Episoden erzählen und tue es nicht, weil sie nicht ein jeder zu wissen braucht. Nur so viel: Am Ende unserer Rapid-Zeit haben Schlechta und ich uns quasi gegenseitig abgeschossen. Ich habe Karl Schlechtas Trainingsmethoden kritisiert, habe deswegen auch einen Riss in der Leiste gehabt. Ich bin zu Heinz Holzbach gegangen und habe mich beschwert, dass er mich kaputt macht. Dann kommt Schlechta bei Holzbach ins Büro und behauptet, ich sei das „Krebsgeschwür“ der Mannschaft. Am Ende waren wir beide weg. Walter Skocik wollte mich zwar haben, aber Holzbach hatte bereits mit mir abgeschlossen. Zuhause haben wir gegen den HSV ein Freundschaftsmatch gespielt (10.10.1979) , ich gegen Horst Hrubesch, aber das war meine letzte Partie für Rapid. Schon in den letzten ein bis eineinhalb Jahren ist es für mich bei Rapid stetig bergab gegangen.

Du bist zur Admira gewechselt und hast drei von acht Halbzeiten gegen Rapid gespielt, davon auch die zwei beim 2:1-Auswärtssieg im Weststadion. Wie war die eine Saison bei der Admira?
Felix Latzke war ein guter, ein rescher Trainer, immer geradeaus. Ansonsten gab es ziemlich viel Neid. Ich habe bei Rapid recht schön verdient. Bei der Admira musste ich zwar Abstriche machen, war aber noch immer gut versorgt und ein Besserverdiener. Ich war aber trotzdem gut integriert, durch Geza Gallos und ein paar andere Spieler, die ich bereits gekannt habe. Wir waren kein schlechter Haufen. Beim angesprochenen Sieg im Weststadion bin ich nach dem Treffer zum 2:1 gemeinsam mit Geza Richtung Heinz Holzbach gelaufen und wir haben ihm angezeigt, dass er uns nicht verkaufen hätte sollen.

Wie ist es zum Wechsel zur SPG Innsbruck gekommen?
Bei der Admira hatte ich schon eine Leisten-OP und wollte eigentlich meine Karriere beenden, auch weil die Admira nicht mehr verlängern wollte. Dann kam ein Anruf aus Innsbruck und ich habe doch noch einmal für eine Saison weitergemacht. Wir waren eigentlich eine sehr gute Truppe – Heinz Pfister war unser Trainer, Peter Koncilia, Max Gartner, jetzt Ski-Präsident in Kanada, Didi Constantini, Hans Pirkner und der talentierte Ballesterer Andreas Gretschnig. Letztlich sind wir Vierter geworden, aber es wäre sicher mehr drinnen gewesen. Ich hatte immer wieder Schmerzen und irgendwann hat es dann einen Klescher gemacht und ich hatte einen Adduktorenabriss. Ich hab‘ das in Wien operieren lassen und bin danach wieder zurück nach Fohnsdorf. Es wurde super operiert, kracht aber heute noch immer wieder. Kurze Zeit war ich noch Spielertrainer in Fohnsdorf. 1981 habe ich in Fohnsdorf ein Gasthaus aufgemacht, bis 1997 war ich Wirt.

Hat es Dich nie interessiert, weiter Trainer zu sein?
Als ich einmal beim Nationalteam war, gab es einen Trainerlehrgang, den ich versäumt habe. Ich bin lieber eine Woche auf Urlaub gefahren! (lacht) Eigentlich habe ich mich vom Fußball komplett zurückgezogen. Ich war in den letzten zwei Jahren auch selten in Wien bei Matches, obwohl Rapid nach wie vor mein „Lebensverein“ ist. Am ehesten verfolge ich noch die Deutsche Bundesliga. Mir tut es einfach weh, wenn ich der Rapid zuschaue: Alar und Sabitzer sind sehr gut, haben aber niemand, der sie führt. Hofmann kann nicht mehr, der ist ausgebrannt. Der Rest hat teils Regionalliga-Niveau. Man kann ja mit den Jungen spielen, aber es braucht auch ein paar gute Routiniers. Präsident Edlinger muss sich den Vorwurf schon gefallen lassen, dass er viele gute Spieler ziehen hat lassen und ungenügsam nachgekauft hat. Ich war oft im Legendenklub, aber momentan kann ich wegen dem Hausbau nicht, und eigentlich will ich auch gar nicht...


10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Deine Lieblings-Elf aller Zeiten?
Die brasilianische Nationalmannschaft um Pelé und Garrincha habe ich verehrt. Aber heute muss ich sagen, dass das, was Barcelona in den letzten fünf, sechs Jahren gespielt hat, so nahe an der Perfektion war, wie nichts zuvor.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Du je gespielt hast?
Camp Nou oder San Siro, das kann man sich eigentlich aussuchen. Ersteres habe ich zwar „nur“ beim Joan-Gamper-Turnier 1978 kennengelernt, aber immerhin haben wir dort Barcelona 1:0 geschlagen. Die Kapelle, alle Pokale und dazwischen irgendwo der Rapid-Wimpel – meine Knie haben geklappert! Ich habe Hans, der für Barca gespielt hat, einen Ball mit einem Fehlpass am Zwanziger aufgelegt. Weil er sich nicht getraut hat, mich zu überspielen, hat er abgezogen und es hat einen Klatscher auf die Latte gegeben. Gegen mich hat er nie gerne gespielt, auch als er bei der Vienna war. Wahrscheinlich hat er vom Rapid-Training her gewusst, was ihm blüht. (lacht)

Deine größte Niederlage am Fußball-Platz?
Ein 0:6 gegen Hajduk Split beim Turnier in Brügge 1975. Schlimm war auch das 0:5 in Innsbruck, als Gustl Starek ausgeschlossen wurde und seine Hose hinuntergezogen hat. Die haben mit uns Dodel gespielt! Und dann natürlich mein schwerer Patzer im Heimspiel gegen Atlético Madrid.

Rapid ist...
... in Österreich die Nummer 1 und international gar nicht so schlecht.

Was fehlt in Ihrem Kühlschrank nie?
Eine Jause.

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich?
Den habe ich jetzt hier gefunden. Es ist das Nonplusultra! Ich bin absolut kein Stadtmensch, war auch kein großer Wien-Fan.

Wohin würden Sie gehen, wenn Sie in der Zeit reisen könnten?
Noch einmal 1970 neu anfangen. Ich würde meine Fehler nicht wiederholen und nur für den Fußball leben. Weil ich nicht auf ein Telegramm von Twente Enschede warten wollte und lieber früher auf Urlaub gefahren bin, habe ich mir beispielsweise selbst einen Wechsel nach Holland versaut.

Eine Marotte?
Ich bin ehrlich und impulsiv, was eine vorlaute Art ergibt.

Der beste Stürmer, gegen den Du je gespielt hast?
Da gab es einige! Gerd Müller war wohl der Beste. Aber ich erinnere auch an Bettega und Klaus Fischer. Santillana war ein Wahnsinn – nur 1,75 Meter groß, aber bei seiner Sprungkraft hast du beim Kopfball trotzdem fast keine Chance gehabt. In Österreich war der Däne Ove Flindt mein unangenehmster Gegenspieler, er war überall am Feld unterwegs.

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Lionel Messi irgendwie, aber eigentlich hat mir Zinédine Zidane noch besser gefallen!