Antonin Panenka im Gespräch
 

Interview vom 28. März 2009 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Bei Rapid war alles wunderschön!" ein meines Lebens"

Antonín Panenka war ein Poet am Spielfeld, ein Künstler. Und er war ein Grün-Weißer wie aus dem Bilderbuch. 23 Jahre spielte er bei Bohemians Prag und von 1981 bis 1985 beim österreichischen Klubfarben-Äquivalent aus Hütteldorf. Als der „Mann mit den Radaraugen“ zu Rapid wechselte, war er bereits ein Weltstar. 17 Tore schoss Panenka in 59 Spielen für die CSSR, eines davon machte ihn 1976 über (Belgrader) Nacht zur Berühmtheit, als er sein Land mit einem noch nie dagewesenen Elfer-Schupfer gegen Sepp Maier zum EM-Titel schoss. Beim SCR kehrte mit dem Engagement von Panenka der Erfolg zurück. Innerhalb von viereinhalb Saisonen gewann der Tscheche zwei Meistertitel, dreimal den Cup und zog ins EC-Finale 1985 ein. Und das 178cm große Genie aus Prag hatte mit 77 Pflichtspiel-Toren, seiner überragenden Pass-Qualität und den brillanten Standards einen Riesenanteil an der Rapid-Hochzeit Anfang/Mitte der Achtziger. Antonín Panenka, geboren am 2. Dezember 1948, wurde 1999 ins „Rapid-Team des Jahrhunderts“ gewählt und gilt als bester SCR-Legionär aller Zeiten. Aktuell ist er der Präsident seines Lebens-Vereins Bohemians Prag 1905, der nur mehr aufgrund einer unvergleichlichen Fan-Initiative und dank Panenkas Mithilfe existiert.

Das Interview mit Antonín Panenka ist gleichzeitig ein Hopping-Ausflug mit einem guten Bekannten. In Prag angekommen führt uns der Navigator direkt in den Stadtteil, in dem das „Dolícek“, Heimstätte der Bohemians 1905, liegt. Im Café „Bohemka“ trinken wir zwei frisch gezapfte Gambrinus und zumindest ich befinde mich jetzt im Bierhimmel. Eineinhalb Stunden vor Spielbeginn bin ich mit Panenka verabredet. Beim Einlass ins Stadion wird mir der Muskateller, den ich dem bekennenden Weinliebhaber als Geschenk mitgebracht habe, abgenommen... ich hole ihn mir aber etwas später wieder mit Hilfe einer VIP-Betreuerin zurück. Ein VIP ist Präsident Panenka im Stadionareal ohne jeden Zweifel. Er ist quasi omnipräsent, sei es auf Erinnerungstafeln, im Museum oder im Fanshop. Als er dann endlich ankommt, begrüßt er mich, nachdem er von fünf Menschen gleichzeitig bestürmt wurde. Antonín Panenka ist freundlich, zuvorkommend und ein Mensch des Volkes geblieben – und wahrscheinlich deswegen bei selbigem so beliebt. In seinem kleinen, aber feinen Büro wird uns ein Kaffee serviert, und dann geht es los. Das Telefon des Präsidenten bimmelt immer wieder, aber „Fußballgott“ Panenka nimmt sich bis eine Viertelstunde vor Spielbeginn Zeit für mich. Über den Muskateller freut er sich übrigens sehr und hofft, mit dem Tropfen nach dem Spiel gegen Titelkanditat Teplice auf einen Sieg anstoßen zu können.


Sie kamen im Alter von neun Jahren zu Bohemians Prag. Wie verlief der Weg dorthin? Waren Sie schon als Kind mit einem besonderen fußballerischen Talent gesegnet?
Das ist eine ziemlich schwierige Frage, weil ich das selbst eigentlich nicht sagen kann. Aber ich glaube schon, dass ich von Gott ein Talent geschenkt bekommen habe. Denn als ich als kleiner Bub mit Burschen, die bis zu fünf Jahre älter waren als ich, Fußball spielte, da bildete ich alleine mit einem Tormann ein Team, während die andere Mannschaft aus vier bis fünf Feldspielern bestand. Und meistens gewann mein Team.

Und Ihr Werdegang bei “Bohemka” selbst?
Mein Weg war eigentlich ein ganz normaler. Meistens war ich ein Jahr älter als meine Kollegen, aber ansonsten habe ich alle U-Auswahlen durchschritten. Als ich 17, 18 Jahre alt war, spielte ich noch in der U18, nur manchmal in der Reserve-Mannschaft von Bohemians. Und wenn sich jemand aus der Kampfmannschaft verletzt hatte, dann spielte ich hin und wieder im ersten Team. Dann ist mein Trainer Rubaš, ein berühmter ehemaliger Fußballspieler, eines Tages zu mir gekommen und hat mich endgültig in die Kampfmannschaft geholt. Leider spielten wir damals viel in der zweiten Liga und waren eine echte „Fahrstuhl-Mannschaft“. Wir sind aufgestiegen, sofort wieder abgestiegen, so ging das – glaube ich – dreimal hintereinander.

Wieviel Übung und wieviel Talent standen hinter Ihren genialen Freistößen?
Das waren meine Lieblingssituationen, die Freistöße, Eckbälle und Elfmeter. Ich habe diese Standards zwischen 16 und 18 Jahren sehr stark trainiert. Nach jedem Training habe ich noch cirka eine Stunde weitergemacht und geübt. Als ich dann in der A-Mannschaft war, habe ich nur mehr zweimal pro Woche Extra-Schichten eingelegt.

Was bedeutet Ihr Spitzname “Tonda”?
Das ist einfach eine Abkürzung von Antonín, wie wenn man zu einem Josef „Sepp“ sagt. Ich habe aber einen anderen Spitznamen gehabt – „vous“, was auf tschechisch soviel wie Bart bedeutet. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich der erste Fußballspieler mit einem Oberlippenbart war.

Wie war das Leben als Fußballer in der CSSR?
Es war so: Wir waren schon so etwas wie Profis, weil wir nicht arbeiten gehen mussten. Wir hatten zwar mehr Geld, aber nicht sehr viel mehr. Zum Beispiel hat ein normaler Arbeiter im Monat ungefähr 2.000 Kronen verdient und ich als Fußballer habe zwischen 3.000 und 3.500 Kronen bekommen, mehr nicht. (lacht) Leider ist es erst jetzt so, dass die Kicker 200, vielleicht tausend Mal so viel verdienen wie ein einfacher Arbeiter. Es ist halt eine andere Zeit.

Sie durften nicht zu Slavia oder Sparta Prag, die damals oft in internationalen Bewerben spielten, wechseln. Wären Sie, hätte die Möglichkeit bestanden, zu einem der Lokalrivalen von Bohemians gegangen?
In der Zeit, als Bohemians in der zweiten Liga gespielt hat, hatten Slavia und Sparta ein starkes Interesse an mir. Mich hätte das sehr gereizt, weil es schwer war, als Zweitliga-Fußballer in das Nationalteam zu kommen. Zuerst wollte mich Sparta haben, und die Bohemians-Funktionäre haben gesagt, dass ich in die erste Liga wechseln darf, nur nicht zu Sparta, weil das unser Stadtrivale war. In der nächsten Saison, die wir in der zweiten Liga gespielt haben, wollte mich Slavia. Die Funktionäre haben aber wieder das gleiche gesagt und ich habe gewusst, dass ich keine Chance habe, zu einem anderen Prager Verein zu wechseln. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich 23 Jahre durchgehend bei Bohemians war.

Ihre Beziehung zu den Fans war immer einzigartig, weil Sie den Zuschauern ein Spektakel bieten wollten. Woher kam diese innige Art des Zurückgebens?
Das ist leicht zu beantworten. Fußball war und ist mein Leben. Und zuallererst wollte ich den Fußball wie ein Spielzeug verwenden. Immer, wenn ich selbst mit meiner Leistung am Platz zufrieden war, dann waren das auch die Fans. Eine weitere Motivation war, dass die Zuschauer die ganze Woche arbeiten mussten. Meine Idee war, dass die Fans, wenn sie nach dem Spiel ins Gasthaus gehen, um Bier zu trinken und zu plaudern, sich über einen meiner Tricks unterhalten und sich auch an meinem Spiel, an einem schönen Tor erfreuen sollen.

Sie feierten Ihr Länderspiel-Debüt 1973 in Glasgow gegen Schottland. In welchem Zustand war das Nationalteam damals im Vergleich zur Europameister-Mannschaft von 1976?
1973 war die Mannschaft schon sehr stark in puncto Individualität. Aber die Atmosphäre zwischen den tschechischen und den slowakischen Spitzenspielern war nicht so gut. Alle waren ausgezeichnete Fußballer, aber der Zusammenhalt hat gefehlt. Das war der Unterschied zur Mannschaft in Belgrad – dort hat die Stimmung gepasst und die Tschechoslowaken waren wie Brüder.

Mit Ihrem Elfmeter im EM-Finale 1976 haben Sie Fußball-Geschichte geschrieben. Seither wird diese Art des Penaltys immer wieder kopiert und mit dem Gütesiegel „Panenka-Elfer“ versehen – eine einzigartige Ehre im Fußball. War Ihnen das vor diesem legendären Schupfer bewusst?
(lacht) Dass ich mit diesem Elfmeter Geschichte schreiben werde, habe ich nicht gewusst. Aber die Idee hatte ich schon zwei Jahre vorher, als ich beim Training diese Technik entdeckt habe. Dann habe ich es auch bei Ligaspielen probiert, und es hat eigentlich immer funktioniert. Die Sahne kam dann bei der Europameisterschaft auf die Torte. Dass diese Aktion so eine große Reaktion nach sich ziehen würde, konnte ich aber nicht erahnen. Ich bin aber sehr stolz darauf, dass – wenn ein Star bei seinem Elfmeter meine Idee verwendet – die Reporter von einem „Panenka-Elfer“ sprechen.

Uli Hoeneß hat ja damals seinen Strafstoß vergeben und Sepp Maier war der von Ihnen Düpierte. Gab es Reaktionen von der goscherten Bayern-Fraktion?
Sie waren nicht böse. Aber die Enttäuschung war sicher riesig, weil sie als der große Favorit eigentlich gewinnen mussten und wir nur gewinnen konnten. Wir waren ganz ruhig und optimistisch. Als wir nach 90 Minuten nicht verloren hatten, war das für uns schon wie ein Sieg. Ich hatte bei meinem Elfmeter also nichts zu verlieren. Außer Sepp Maier waren die Deutschen alle ganz normal. Für ihn als großen Torhüter war mein Elfer natürlich ein Stoß ins Herz.

Nach diesem historischen Finale bekamen Sie Einladungen in diverse Weltauswahlen. Wie war es, mit den absolut Größten zusammenzuspielen?
Ja, das ist mir ein paar Mal passiert. Von der Wertigkeit her war das einer der absolut größten Erfolge meiner Karriere. Ich war ja in Europa und in der Welt unbekannt, nur in der Tschechoslowakei wusste man, wer ich bin. In den Auswahlen spielte ich dann mit so ausgezeichneten und weltbekannten Spielern wie Franz Beckenbauer, Bobby Charlton, Johan Cruyff undsoweiter. Für mich war das mehr als die Erfüllung eines Traums, weil ich mit soetwas nie spekuliert habe. Ich habe mit den Größen des Fußballs gespielt und bin mit ihnen in der Kabine gesessen – unglaublich! Sie alle waren auch Super-Kameraden, sehr freundlich, nicht mit der Nase weit oben – und ich war ein Teil dieser Mannschaften... schön war das.

Bei der EM 1980 wurde die CSSR Dritter, schlug Gastgeber Italien im Elfmeterschießen. Wie schossen Sie Ihren Elfmeter damals? Blieb Dino Zoff stehen?
In Belgrad hatte ich den Vorteil, dass niemand geahnt hat, dass man einen Elfer auch so wie ich schießen kann. Vier Jahre später war das ein bisschen anders, weil alle in Europa gewusst haben, dass ich das kann. Also habe ich den Strafstoß ganz normal verwandelt. Wenn ich mich jetzt daran zurückerinnere, dann war es so, dass Dino Zoff nur eine kleine Bewegung in eine Richtung gemacht hat. Hätte ich den Penalty also so geschossen wie in Belgrad, dann hätte ihn Dino Zoff gehabt. Er hat mit einer Wiederholung meines Elfers von Belgrad spekuliert.

1982, bei der WM in Spanien, spielten Sie schon als Rapid-Legionär im Team. Sie schieden damals wegen einer Vorrunden-Niederlage gegen England knapp aus dem Turnier aus, erzielten in den beiden anderen Gruppenspielen zwei Elfmeter-Tore. Wie war diese Weltmeisterschaft für Sie?
Für uns und auch für mich war diese Endrunde eine große Enttäuschung, weil wir nicht gut gespielt haben und keine gute Harmonie in der Truppe hatten. Es war wirklich eine sehr schlechte Atmosphäre im Kader, was auch am Trainer lag. Nach Spanien kamen nämlich zwei verletzte Spieler mit, die nicht spielen konnten. Der Trainer hat so entschieden, weil sie in der Qualifikation Teil der Mannschaft gewesen sind. Dabei hätten zwei fitte Spieler mitkommen können. Verrückt! Ein weiterer Punkt war, dass wir bis zum letzten Augenblick nicht wussten, wer die echte Nummer eins von unseren drei Torleuten ist. Das ist aber wichtig für das Team und die Mannschaft (gell, Herr Hickersberger ;-), Anm.) . Und wir waren die einzige Mannschaft bei der WM, bei der alle 24 Kaderspieler zum Einsatz gekommen sind. In drei Spielen! Es war keine Sicherheit da. Wir hätten ein paar fixe Schlüsselspieler gebraucht, die auch dann zum Einsatz gekommen wären, wenn sie einmal schlecht gespielt haben. Einen Tormann, einen Stopper, einen Regisseur und einen Stürmer. Gegen England habe ich zum Beispiel nicht gespielt, obwohl ich in einer Top-Verfassung war. Aber der Trainer hat gemeint, dass mir der englische, der physische Stil nicht entgegenkommt und hat mich nicht spielen lassen. Nach dem 0:2 gegen England ist der Trainer dann zu mir gekommen und hat gesagt, dass ich im letzten Spiel gegen Frankreich von Anfang an spielen werde. Aber es hat nichts mehr geholfen, wir haben 1:1 gespielt und sind ausgeschieden. Ich war wirklich sehr enttäuscht.

In der CSSR gab es die Bedingung, dass ein Fußballer erst mit 32 Jahren und mindestens 45 Länderspielen ins Ausland wechseln darf. Gab es trotz der strikten Beschränkungen Anfragen von Top-Klubs? Und warum haben Sie sich bei Ihrem ersten Auslands-Engagement für Rapid entschieden?
Ab der WM 1970 in Mexiko gab es die ersten Anfragen für Fußballer aus der CSSR. Es gab bereits sehr gute Angebote, aber wir durften ja leider nicht wechseln! Nach Belgrad sind diese Anfragen dann explodiert, aber der tschechoslowakische Sportminister hat klargestellt, dass das nicht geht und streng verboten ist. Der Druck aus dem Westen ist immer stärker geworden und so wurden dann diese Kriterien aufgestellt. Zuerst hat es noch geheißen: 32 Jahre und 50 Länderspiele, dann wurde es von Jahr zu Jahr ein wenig leichter. Viele Spieler hätten fast jederzeit ins Ausland wechseln können, durften es aber nicht.
In der Zeit, als ich zu Rapid wechselte, machte die Spezialfirma „Pragosport“ alle Verträge für Spieler, die ins Ausland gehen durften. Als ich für Rapid unterschrieben hatte, meinte der Chef von Pragosport, dass Panenka fast in jeder Liga interessant gewesen und für einen Transfer in Frage gekommen wäre. Ich wusste gar nichts von all diesen Angeboten, leider! Ich wusste nur von vier Offerten – Real Murcia, Lokeren, Djurgaarden oder AIK Stockholm in Schweden und eben Rapid. Für meinen Fußballstil war Österreich die beste Entscheidung. Was hätte ich mit meinen 32 Jahren zum Beispiel in Spanien, wo es eine derartige Spitzen-Qualität gibt, machen sollen?! In dieser Zeit spielte Murcia gegen den Abstieg und ich wusste, dass ich um 40 Prozent besser spielen hätte müssen, als die Spanier, um zu meinen Einsätzen zu kommen. Für Wien sprach auch die tschechische Schule für meine Kinder. Außerdem ist die Wiener Mentalität der in der Tschechei sehr ähnlich. Es ist auch keine große Entfernung da – nach drei Stunden mit dem Auto war ich zuhause. Ich bekam auch zusätzlich den Ratschlag der ehemaligen Rapid-Spieler Pepi Bican und Frantisek Vesely, die mir einen Wechsel nach Hütteldorf empfohlen haben. Und die Verhandlungen mit Herrn Grassi waren sehr korrekt – alles hat so geklappt, wie er mir das versprochen hat.

Stimmt es, dass Sie bis zu Ihrer Ankunft in der Rapid-Kabine gar nicht wussten, dass die Klubfarben die gleichen wie bei Bohemians sind?
Ja, das stimmt. Und das, obwohl ich im Intertoto-Cup zweimal gegen Rapid gespielt habe! Ich dachte, dass Rapid mit gelben oder blauen Dressen spielt, was ja auch sehr schön ist. Ich war dann aber trotzdem sehr positiv überrascht, dass ich mich bei Rapid farblich nicht verändern musste.

Als Sie im Winter 1980 als aktueller „CSSR-Fußballer des Jahres“ nach Hütteldorf kamen, konnten Sie wegen einer Bauchmuskelzerrung nicht Ihr Potential abrufen – Kritiker glaubten, dass Sie nicht ganz bei der Sache wären. Dank einem Gespräch mit Walter Skocik und der Hilfe des legendären Ossi Schwinger fanden Sie wieder zu Ihrer Form und wurden dann mit Rapid prompt Meister, zum ersten Mal nach fast 15 Jahren. Wie war der Weg hin zu diesem Titel für Sie?
Als ich nach Wien kam, war ich körperlich in Ordnung. Wir haben dann ein Trainingslager in Lindabrunn gehabt, wo ich Probleme mit meinen Bauchmuskeln bekommen habe. Ich konnte nicht mehr normal laufen und schießen. Ungefähr ein dreiviertel Jahr lang habe ich die Medikamente und Tabletten für das Training und die Spiele richtiggehend gefressen. Herr Schwinger hat mir dann nach einem Gespräch mit Trainer Skocik drei Spritzen gegeben und wenig später war ich wieder in Ordnung. Vorher war die Sprache ein zusätzliches Problem für mich, weil ich dem Trainer nicht sagen konnte, was mir fehlt und weh tut. Das war wirklich eine sehr schwierige Zeit zu Beginn. Als es mir wieder gut ging, da wollte ich für die Fans spielen und sie ein wenig versöhnen. Das ist mir glücklicherweise auch gelungen. Ich war dann immer sehr beliebt bei den Anhängern, die mich „Professor“ genannt haben. Das war mir sehr wichtig! Vorher, wenn Rapid in kleinen Städten und Dörfern gespielt hat, dann war das der „FC Krankl“. Für mich war es super und ein riesiges Kompliment, dass Rapid eine Zeit lang auch der „FC Panenka“ war. Es war für mich der größte Sieg, dass ich bei den Zuschauern beliebt war und sie mich gern gehabt haben!

Ende 1981 scheiterten Sie im UEFA Cup nur knapp an Real Madrid (Gesamt-Score 0:1). Wie war es, im Estadio Bernabeu ernsthaft um den Aufstieg mitzuspielen?
Es war für uns sehr schade. Rapid hatte damals eine Super-Mannschaft. Wenn ich die Typen hernehme – zwei, drei Spitzenkämper, zwei bis drei spielerisch gute Fußballer, Goleador Hans Krankl. Leider haben wir in Wien durch ein Santillana-Tor verloren. Aber in Madrid hätten wir das Match gewinnen können, vielleicht müssen. Wir haben sehr gut gespielt und hatten etwa drei hundertprozentige Chancen, aber der Ball wollte an diesem Tag einfach nicht ins Tor. Die Stimmung war natürlich ganz besonders, auch wenn ich mit meiner Nationalmannschaft schon vorher viele wichtige Spiele in berühmten Stadien hatte.

Dann kam Otto Baric zu Rapid. Wie war er denn, der Erfolgs-Trainer? Gibt es eine Anekdote, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Für mich war Otto Baric einer der besten Trainer, die ich je im Fußball miterlebt habe. Er war ein sehr guter Psychologe und wusste immer, wann er die Mannschaft locker und ruhig führen musste und wann er die Spieler wieder etwas härter anpacken musste. Bei Europacupspielen war er ein sehr guter Beobachter. Wegen seinem guten Auge konnte er uns immer perfekt auf unsere Gegenspieler einstellen. Er wusste alles und konnte uns so perfekt auf unsere Gegner vorbereiten.
In der Tschechei waren Rauchen, Trinken und Sex mit der Ehefrau vier Tage vor dem Spiel streng verboten. Bei Rapid lernte ich erstmals Spieler kennen, die privat geraucht haben. In der Nacht vor einem Auswärtsspiel, ich glaube es war in Innsbruck, klopfte es plötzlich an unserer Zimmertüre... ich war mit Anatoli Sintschenko in einem Raum. Als ich aufmachte, stand der Trainer vor der Türe, mit einem Bier auf einem Tablett. Er hat gesagt, dass ein Bier gut für meinen Schlaf sei und ich dann am nächsten Tag Gas geben sollte. Bei dem Spiel war ich dann wahrscheinlich der beste Mann auf dem Platz. Das ist eine psychologische Sache!

Ihr geniales Tor beim 5:0-Sieg gegen Innsbruck zur Meisterschaft 1982/83 wurde zum „Tor des Jahres“ gewählt. Stimmt es, dass Ihnen das Hans Krankl übel genommen hat?

In einer Live-Sendung wurde das „Tor des Jahres“ von Juroren gewählt, die Punkte verteilt haben. Ich habe diese Wahl dann gewonnen und Hansi war wirklich ein bisserl böse. (lacht) Aber ich war nicht schuldig!

Man sagt, dass Sie nach einem Spiel in Hütteldorf das Ritual hatten, genau ein Bier zu trinken...
Das stimmt nicht ganz. Ich konnte nach einem Spiel kaum in der Nähe des Hanappi-Stadions weggehen, weil ich wegen der Fans wahrscheinlich gar kein Bier trinken hätte können. Aber es stimmt, dass für mich als Prager Bier wie Wasser ist und ich hin und wieder drei, vielleicht auch einmal mehr davon getrunken habe. (lacht)

Sie wurden mit Bohemians in der Meisterschaft dreimal Dritter. War es für Sie sehr schmerzlich, dass Bohemians zwei Jahre nach Ihrem Wechsel zu Rapid zum ersten und letzten Mal Meister wurde?

Ich war nicht traurig, weil ich bereits zwei Meistertitel mit Rapid gewonnen hatte. Aber mit einem ehemaligen Kollegen bei Bohemians, der ein halbes Jahr vor mir gewechselt ist, habe ich gescherzt, dass Bohemians endlich einen Titel gewonnen hat... jetzt, wo wir beide weg waren.

In der darauffolgenden Saison trafen Sie dann nach drei Toren, die den Aufstieg gegen den FC Nantes erst möglich gemacht haben, im Achtelfinale des Europacups der Meister auf Bohemians Prag. Rapid stieg dank der Auswärtstor-Regel auf. Wie emotional war dieses Duell für Sie?
Das war sehr interessant. Es war immer mein Wunsch, mit Rapid gegen Bohemians im Europapokal zu spielen. Aber nach den beiden Spielen war ich sehr enttäuscht, weil ich mir nicht ausmalen konnte, dass die Funktionäre bei Bohemians so schlimm sein können! Es war so: Beim Spiel hier in Prag war noch alles super – da die eine Hälfte Bohemians-Fans, dort die andere Hälfte Rapid- und Panenka-Fans. Vor dem zweiten Spiel in Wien herrschte eine ganz schlechte Atmosphäre, weil die Funktionäre Stimmung gegen mich und Rapid gemacht haben. Den Bohemians-Spielern wurde es sogar verboten, mit mir zu sprechen! Eine Stunde vor dem Spiel ist dann ein österreichischer Fotograf gekommen, der ein Bild von mir und dem besten Bohemians-Stürmer, Nemec, machen wollte. Wir haben das dann gemacht, aber leider hat das der Trainer von Bohemians gesehen und Nemec zur Strafe nicht spielen lassen. Er hat seinen besten Torschützen wegen dieser Kleinigkeit auf die Bank gesetzt! Ich war sehr glücklich, dass ich mit Rapid aufgestiegen bin, aber es war trotzdem das schlimmste Spiel in meiner Karriere. Das war eine große Enttäuschung.

1984/85 waren Sie mit fünf Treffern Torschützenkönig im Europapokal der Cupsieger. Was waren für Sie die schönsten Momente in diesem Bewerb?
Für mich war es ein tolles Erlebnis, weil ich damals schon 36 Jahre alt war und das noch erleben durfte, was ja eher außergewöhnlich ist. Ich war glücklich über jedes einzelne Tor, jeden Assist. Das wichtigste Europacup-Tor in dieser Saison war aber sicher der Weitschuss-Treffer in Moskau gegen Dynamo im Semifinale.

Im Finale gegen Everton wurden Sie wegen einer Knieverletzung erst in der 68. Minute eingewechselt, als die Partie quasi schon entschieden war. War es richtig von Otto Baric, Sie auf der Ersatzbank zu lassen?

Ich hatte Probleme mit meinem Kreuzband. Otto Baric hat mich gefragt, ob ich anfangen oder als Joker eingesetzt werden will. Ich habe ihn dann gebeten, dass er mich auf die Ersatzbank setzen soll, damit ich mir nicht gleich zu Beginn mein Knie kaputt mache und dadurch schon früh ein Wechsel stattfinden muss. Es war schade, aber es war alles richtig so.

Athletik war nicht Ihre größte Stärke. Wieso konnten Sie auch als „Stehgeiger“ derart glänzen?
Das gelang mir aufgrund meiner Übersicht. Ich war in meiner Zeit bei Rapid schon sehr routiniert und konnte es mir erlauben, nicht mehr ganz soviel zu laufen. (lacht) Außerdem konnte ich in Österreich das Leben etwas mehr genießen, weil es nicht mehr soviele Verbote gab.

Zum Abschied Ihrer Rapid-Karriere wurden Sie gegen die Austria in einem legendären Derby noch Pokalsieger, verwerteten – nona – einen Elfmeter im entscheidenden Penaltyschießen. Was war Ihr größter Erfolg mit Rapid, das schönste Erlebnis?
Es war ein ganz anderes Leben in Wien als in Prag. Eigentlich glaubte ich immer, dass ich nirgendwo anders leben könnte als in Prag, aber Österreich ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Und, das darf man auch nicht vergessen, wir waren fast ständig erfolgreich, haben alle Titel mehrmals geholt, waren im Europacup-Finale und ich habe viele Super-Aktionen gehabt und war ein Liebling der Fans. Es war alles wunderschön!

Nach Ihrem Abschied von Rapid spielten Sie noch viele Jahre in St. Pölten, bei Slovan/HAC, in Hohenau und Kleinwiesendorf, beendeten Ihre aktive Karriere erst mit 45 Jahren. Hatten Sie noch so viel Spaß am Fußball, dass Sie die Unterklassigkeit dieser Vereine nicht störte, oder wollten Sie nachträglich noch ein gutes Geld verdienen?
Ich spielte solange, weil Fußball immer mein Leben war – ich musste einfach spielen! Ich habe nicht viel Geld verdient, das war nicht mehr als ein besseres Taschengeld.

Bei Bohemians waren Sie dann Co-Trainer, Trainer, Funktionär und wurden schließlich Präsident. Können Sie mir bei der Chronologie dieses Werdegangs behilflich sein?
Als ich noch in Österreich am Wochenende gespielt habe, war ich unter der Woche ein Helfer bei meinem Heim-Verein. Ich war Co-Trainer, aber niemals Cheftrainer, weil ich die Lizenz dazu nicht habe. Dafür war ich Torwart-Trainer! Dann war ich bei der Marketing-Abteilung und jetzt bin ich Bohemians-Präsident. Ich bin aber kein normaler Präsident, weil ich den Verein nicht führe und bei den Finanzen nicht bestimme. Ich bin ein Repräsentant, der für die medialen Dinge zuständig ist und sich um bereits vorhandene Sponsoren kümmert. Meine Rolle ist es auch, das Image von Bohemians in Tschechien zu verbessern. Ich muss nicht jeden Tag arbeiten, alles passiert freiwillig.

2005 stand der Verein wegen hoher Schulden knapp vor dem Aus. Die Fans riefen dann die Aktion „SOS Känguru“ (stammt von einer Australien-Reise von Bohemians im Jahr 1927, seitdem ist das Känguru im Vereins-Wappen, Anm.) ins Leben, um den Klub vor der untersten Amateur-Klasse zu retten. Sie haben ja selbst auf 500.000 Kronen verzichtet. Die Namensrechte wurden dann aber an einen anderen Verein verkauft. Damals waren die Bohemians in der dritten Liga, heuer erstmals wieder erstklassig. Wie ist die Stimmung bei Duellen dieser beiden gleichnamigen Klubs?
Es herrscht eine ganz spezielle Konkurrenz zwischen diesen beiden Vereinen. Unsere Geschichte geht viel weiter zurück, als die der „echten“ Bohemians, die sich das Logo und den Namen aber nur gekauft haben. Dadurch ist die Situation ein wenig schwierig. Meine Meinung ist die: Als unsere Fans den Klub gerettet haben, da hätten wir uns den Namen und das Logo verdient gehabt. Es ist aber anders gekommen und jetzt haben wir noch das Gründungsjahr (1905, Anm.) in den Klubnamen eingebaut.

Jan Koller ist auch ein Kind von Bohemians, hat hier sein erstes Ligator geschossen und ist dem Verein sehr verbunden. Ist es vorstellbar, dass Jan nach der Beendigung seiner aktiven Laufbahn bei Bohemians mithilft?
Wir haben ihn gefragt, ob er am Ende seiner Karriere zu Bohemians zurückkommen würde. Er hat zugesagt, weil ihm Bohemians am sympathischsten ist. Aber dass es so kommt und er vielleicht wirklich noch kurz hier spielt, ist sehr unwahrscheinlich.

Welche Fußballer haben Ihnen in den letzten Jahren Spaß beim Zuschauen gemacht?
Der große Vorteil der jetzigen Zeit ist, dass man am Wochenende im Fernsehen jede Woche 20 Spitzenfußballer beobachten und vergleichen kann. Da sind soviele kreative Spieler dabei, die unerwartete Dinge machen können! Für mich ist Messi der beste Kicker der Welt. Aber natürlich darf man Spieler wie Cristiano Ronaldo, Ronaldinho, Rooney und viele andere nicht vergessen.

Gibt es Dinge, die sie im modernen Fußball vermissen?
Fußball hat sich wie das normale Leben stark verändert, alles ist schneller und aggressiver geworden. Mir gefällt das nicht so gut, weil der Fußball früher kreativer und besser für die Augen der Zuschauer war. Wenn die Spieler nicht ihre Namen auf den Trikots hätten, dann würde ich sie ständig verwechseln, weil sie fast alle die gleichen Typen sind. Sie kämpfen und sind schnell, aber die Individualität und die Kreativität bleiben in der Breite auf der Strecke.

Und wie schaut Ihr Kontakt zu Rapid aus? Immerhin gelten Sie als bester Legionär der Vereinsgeschichte, sind ins Jahrhundert-Team gewählt worden.
Ich komme ein paar Mal pro Jahr zu Liga- und Europacup-Spielen. Ich bin jedes Mal bei der Weihnachtsfeier und anderen Festivitäten. Mit Christian Keglevits, Funki Feurer und Andy Marek spreche ich auch öfters. Mein Kontakt zu Rapid, das ist ein Band, das niemand mehr durchschneiden kann.

Interview vom 28.03.2009

P.S.: Bohemians spielte gegen Teplice „nur“ 1:1. Weil es sich dabei aber um einen Titel-Kanditaten handelt, hat sich Antonín Panenka den Muskateller hoffentlich trotzdem munden lassen!
Und ein Kurz-Kommentar zu unserem Augustin-Verkäufer, der bei der U4-Station die Obdachlosen-Zeitung mit Rapid-Schlachtgesängen anbietet, sei mir noch erlaubt. Wir trafen den lustigen Schreihals beim Bohemians-Spiel in bester Bierlaune. Ich habe das Gerücht gehört, dass er auch bei Spielen der Austria im violetten Gewand seinen Augustin anpreist. Das kann ich nicht ganz glauben, denn in Prag war er von oben bis unten grünweiß und schrie den Namen Rapid in einer Tour...


10 Fragen zum besseren Kennenlernen:
Lieblings-Elf aller Zeiten?

Die Nationalmannschaften von Brasilien. Es gibt auch in Brasilien bessere und schlechtere Nationalteams, aber sie gehören immer zu den Besten der Welt. Pelé und Garrincha haben mir besonders viel Spaß gemacht und waren eine tolle Inspiration.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Sie je gespielt haben?
Im Maracanã in Rio de Janeiro. Jeder Fußballer hat einen Traum, einen großen Wunsch – bei mir war das in Europa im Wembley-Stadion zu spielen und weltweit im Maracanã, wo ich mit der CSSR gespielt habe. Gott sei Dank!

Ihre größte Niederlage im Fußball?
Mit 20 Jahren war ich schwer verletzt und konnte lange nicht spielen, weil ich bei Glatteis im Winter mit dem Ball unglücklich am Auge getroffen wurde. Ich hatte eine schwere Operation und konnte zwei Monate nichts sehen. Damals hatte ich große Angst um meine Karriere.

Rapid ist...
...ein Traum, den ich mir viereinhalb Jahre erfüllen konnte und wo ich ein Super-Leben hatte! Ich muss noch sagen, dass Rapid Super-Fans hat!

Sie sind gelernter Koch. Was ist Ihr Lieblings-Gericht?

Ich esse alles, aber niemand auf der ganzen Welt kann ein Wiener Schnitzel so gut machen wie in Österreich. Das ist eine echte Leibspeise von mir!

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich (eigentlich hätte ich ja nach dem Lieblingsplatz außerhalb Tschechiens fragen müssen..., Anm.) ?
Ganz sicher hier im Bohemians-Stadion!


Wovor haben Sie Angst?
Als Spieler hatte ich vor überharten Spielern Angst, die unkorrekt gespielt haben und absichtliche Fouls begangen haben.

Eine Marotte?
Am Anfang hatte ich keine, aber später dann schon. Ich musste zuerst den rechten Stutzen und dann zuerst den linken Schuh anziehen. Und beim Betreten des Platzes musste der erste Schritt immer mit dem linken Fuß passieren.

Welches Talent hätten Sie gerne, haben es aber nicht?
Keines. Ich habe ein derart großes Ballgefühl mitbekommen, dass ich kein anderes mehr brauchte. Ich spiele alles gut, wo ein Ball dabei ist – Squash, Badminton, Tennis, Billard, Golf.

Der beste Fußballer, gegen den Sie je gespielt haben?
Das waren sehr viele! Beckenbauer war ein richtiger Kaiser, auch außerhalb des Feldes. Und als junger Spieler war Pelé mein großes Idol.