August Starek im Gespräch
 

Interview vom 17. August 2012 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Ich war immer dort, wo der Ball war!" ein meines Lebens"

August Starek ist ein Einzelfall in der Rapid-Geschichte – kein anderer Spieler war während seiner aktiven Zeit dreimal beim SCR engagiert. Dabei konnte nur eine „Entführung“ verhindern, dass der 20-jährige „Gustl“ vom Simmeringer FC zur Austria geht. Seine größte Zeit erlebte der am 16. Februar 1945 geborene Wiener allerdings abseits von Hütteldorf in der Deutschen Bundesliga: 1968 wurde Starek mit dem 1. FC Nürnberg Meister, ein Jahr später wiederholte der technisch begnadete Offensivspieler dieses Kunststück mit Bayern München – eine weitere Heldentat, die keinem anderen österreichischen Fußballer je vergönnt war. In Österreich war Starek auch noch beim LASK, dem Sportclub und der Vienna engagiert, bevor der 22fache Teamspieler (4 Tore) ins Trainerfach wechselte.
Via Salzburg, GAK, ÖFB, Admira, Austria und Sturm landete der Simmeringer für die Saison 1992/93 in Hütteldorf, um eine „Mission Impossible“ zu übernehmen. Der Mann, der in 162 Pflichtspielen 61 Tore für die Grün-Weißen erzielte, sorgte als Spieler und Coach für den einen oder anderen Skandal. Für die einen wurde er deswegen zum „schwarzen Gustl“, andere sehen in ihm einfach einen „unverbiegbaren Fußballverrückten“.


Die Kugel hat August Starek nie losgelassen, wenngleich die lederne inzwischen einer filzenen gewichen ist. Auch Golf fasziniert den 67-Jährigen, dem man sein Alter kaum abnehmen will. Frisch und lebendig sind auch seine Geschichten, die er – trotz einer strikten zeitlichen Limitierung im Vorfeld – lange und ausführlich zurückerinnert. Am Ende des Gesprächs werde ich sogar noch auf ein (hervorragendes) Gulasch in der Kantine des WAC-Platzes eingeladen. Es ist ein „Lost Ground“, auf dem Wiener Fußballgeschichte geschrieben wurde, wo Starek noch als Simmering-Kicker einige Tore geschossen hat. Inzwischen wird hier Tennis gespielt, aber das Gespräch wird trotz alledem von König Fußball dominiert und bringt Tatsachen ans Tageslicht, die interessanter nicht sein könnten...

Herr Starek, wie hat der erste Kontakt mit Fußball in Ihrer „Nachkriegs-Kindheit“ ausgeschaut?
Er war sehr früh da. Etwa mit sechs, sieben Jahren haben wir begonnen, nach der Schule auf der Straße Fußball zu spielen. Damals war dieser „Gassenfußball“ möglich, weil der Autoverkehr ja praktisch gar nicht existiert hat. Beim Randstein haben wir die Tore markiert, und wenn einmal kein Matcherl zustande gekommen ist, hat man den Ball selbst stundenlang gegen den Randstein gekickt.

Wann hat sich herausgestellt, dass Sie und der Ball gute Freunde sind?
Schon sehr bald. Ich habe mich in der Gruppe nie versteckt, habe immer den Ball gefordert. Dort, wo das Runde war, dort war auch ich zu finden!

Mit wievielen Jahren haben Sie beim 1. Simmeringer FC mit dem Kicken begonnen? Welchen Ruf hatte die Rapid damals, wie standen Sie damals zu den Grünweißen?
Eigentlich war ich ein Vienna-Anhänger. Die Namen der großen Rapid-Mannschaft haben mir schon etwas gesagt, aber mein Herz für Rapid hat sich erst entwickelt als ich dort später engagiert war. In meiner Jugend war davon noch nichts zu spüren.
Zum Käfig, in dem wir in Simmering auch immer wieder gespielt haben, sind die Jugendleiter der naheliegenden Vereine gekommen und haben die besten Jungen gescoutet. Das war der Hotspot, auf den sie ihr Hauptaugenmerk gerichtet haben. Einmal bin ich angesprochen und zum Montags-Training beim Simmeringer FC eingeladen worden. Das war damals immerhin ein Erstligaklub in der Staatsliga! So bin ich letztlich mit neun Jahren bei Simmering gelandet. Dort habe ich alle Jugendstationen durchlaufen, aber immer früher als die anderen. Mit zehn, elf Jahren habe ich bei den Knaben gespielt, mit zwölf, dreizehn schon bei den Schülern und so weiter. Ich war einfach ein bis zwei Jahre früher dran. Der Pepi Argauer, ein großartiger Fußballkenner, hat mich mit 15 Jahren in die erste Mannschaft geholt, damit er mich im Training genauer beobachten kann. Nach etwa einem Jahr, in dem ich mit teilweise über Dreißigjährigen trainiert habe, hatte ich dann meine ersten Einsätze in der obersten Liga. 1964/65 sind wir nach einem Kurzabstecher in die zweite Liga sofort wieder aufgestiegen und ich habe eine Menge Tore dazu beigetragen. So ist Rapid auf mich aufmerksam geworden, aber auch die Austria.

Genau, mit 20 Jahren kamen Sie zu Rapid, obwohl eigentlich ein Wechsel zur Austria geplant war und Sie bereits im Trainingslager der Violetten waren. Wie haben Sie diese turbulenten Tage, die Schlagzeilen lieferten und eine „Eiszeit“ mit der Austria heraufbeschwörten, in Erinnerung?
Ich war bereits im Austria-Trainingslager. Der Klubverantwortliche von Simmering und „Bimbo“ Binder haben mich dort besucht, um mich doch zu einem Wechsel nach Hütteldorf zu überreden. Die Argumente der Herren und eine für damalige Zeiten gar nicht so kleine Finanzspritze haben mich davon überzeugt, dass ich doch bei Rapid unterschreibe. Es hat einen kleinen Wirbel gegeben, aber nichts Aufregendes. Anscheinend war das „Spieler-Kapern“ eine Spezialität vom Herrn Binder, wenn ich an die Hanappi-Geschichte denke. (lacht)

Wie waren die ersten Wochen beim Rekordmeister?
Am beeindruckendsten waren für mich die Geschichten der älteren Spieler über Hanappi, Happel und wie sie alle geheißen haben. Meine Trainer waren Franz Binder und Robert Körner. Überall um mich herum war soviel Magisches und plötzlich war ich selbst ein Teil davon. Das hat mich wegen des hohen Identifikationsfaktors gepackt und nie mehr wirklich losgelassen. Ich war fasziniert und bin mit Herz und Seele Rapidler geworden. Das hat sich alles auch auf die Zukunft ausgewirkt – ich war ja noch öfters in Hütteldorf engagiert, obwohl ich ihnen phasenweise keine große Freude bereitet habe. Trotzdem haben sie mich immer wieder geholt. Sie dürften also auch meine guten Seiten gesehen und miterlebt haben...

Gleich in Ihrem ersten Pflichtspiel haben Sie im Cup vier Tore erzielt, beim ersten Ligaspiel ist ein weiterer Treffer dazugekommen. Wie schnell waren Sie unter den Kapazundern Skocik, Flögel, Hasil und Grausam akzeptiert?
Ich war immer eher ein offensiver Spieler, der versucht hat, Tore zu schießen. Zu Beginn ist es mir zwar ganz gut gelungen, aber in der ersten Saison musste ich mich gegen teilweise überragende Spieler behaupten und mir meinen Platz erst erobern. Vor allem mit meinen Toren in der „Reserve“ habe ich auf mich aufmerksam gemacht – bei meinen ca. fünf Einsätzen habe ich so viele Tore geschossen, dass ich Zweiter in der Torschützenliste geworden bin! Ich habe vor Selbstvertrauen nur so gestrotzt, mir ist sehr viel gelungen und ich konnte mich auf mein G'spür, meinen Torriecher richtig verlassen. Ich war ja meistens als Linksaußen aufgestellt, war aber überall anders als am linken Spitz zu finden. Dort wäre ich ja verhungert. In den richtigen Situationen habe ich mich richtig positioniert. Mein Näschen hat mir einige Treffer beschert!

Die Admira hat Rapid in Ihrer Premieren-Saison beide Titel weggeschnappt, Rapid wurde jeweils Zweiter. Waren Sie frustriert, weil Sektionsleiter Franz Binder und Trainer Robert Körner Sie in dieser Spielzeit nur neunmal eingesetzt haben?
Nein, gar nicht! Ich habe einfach akzeptiert, dass es damals bei Rapid sehr viele gute Spieler gab. Gerade im Sturm waren wir extrem gut besetzt. Zu diesen Zeiten war es schwerer als heutzutage – man musste erst länger konstant gut spielen, um seine Chance zu erhalten. Aber ich war nie nervös, sondern war immer davon überzeugt, dass ich mich aufgrund meines Gefühls und meines Talents durchsetzen würde. Und so war es dann ja auch – gleich zu Beginn meiner zweiten Saison bei Rapid ist mir der Sprung zum Stammspieler geglückt.

Sie sagen es! 1966/67 wurden Sie trotz des neu verpflichteten und einschlagenden „Johnny“ Bjerregaards mit 21 Treffern Torschützenkönig und Rapid zum 24. Mal Meister. Ihre Tore waren doppelt wichtig, denn der Titel wurde den Innsbruckern nur aufgrund der besseren Tordifferenz weggeschnappt. Wie war es um die Kameradschaft innerhalb dieser Mannschaft bestellt?
Ich konnte mit allen gut und mit keinem besonders herausragend. Der Kontakt zu allen Kollegen war gut, über keinen hätte ich nörgeln können. Ich habe mich auch nie selbst hervorgehoben, obwohl ich schon gewusst habe, welch wichtige Person ich damals für Rapid gewesen bin! Ich glaube aber, dass mich alle gemocht haben, weil ich damals ja noch keinen Blödsinn gemacht habe. (lacht)

Welchen Anteil am Erfolg hatte der damalige Trainer Rudolf Vytlacil?
Das kann ich am allerwenigsten beantworten. Bei mir war es generell so: Mit den Trainern habe ich mich eigentlich kaum befasst. Ich bin auf den Platz gegangen und habe trainiert, aber alles nur für mich. Spezielle Anweisungen des Trainers habe ich gar nicht gehört! Mir hat ja niemand sagen können, wie, wann und wo ich was zu tun habe. Taktische Anweisungen habe ich durch meine Intuition ersetzt. Bei den Besprechungen vor einem Match habe ich natürlich schon ruhig mitgehört, aber mit meinem Kopf war ich eigentlich schon bei den Spielsituationen und habe versucht, mir die kommenden Abläufe vorzustellen. Leopold Stastny, später mein Coach beim Nationalteam, war der einzige Trainer , mit dem ich mich ein wenig mehr befasst habe. Auch, weil ich gespürt habe, dass er für mich eine Vaterfigur ist. In dieser Beziehung war beiderseitiger Respekt vorhanden. Zu allen anderen Trainern, auch wenn ich mit ihnen Meister geworden bin, hatte ich eher kein gutes Verhältnis.

Ihren wichtigsten Treffer der Saison erzielten Sie im Viertelfinal-Hinspiel des Europacups der Cupsieger, als Sie das Goldtor gegen Bayern München erzielten. War das Ihre Eintrittskarte zur Deutschen Bundesliga?
Es hat sicher mitgespielt, aber Eintrittskarte wäre übertrieben. Jedenfalls wird mir dieses Tor ewig in Erinnerung bleiben – wegen seiner Wichtigkeit und weil ich an diesem Tag meinen 22. Geburtstag hatte. Die Situation war die, dass ich mich in die Mitte hineingeschwindelt habe und Sepp Maier mit einem Kopfball bezwungen habe. In der Partie bin ich mit Franz Beckenbauer aneinandergekracht, es war ein richtiger Kampf und nach dem Spiel folglich eine Riesenfreude. Soweit ich mich erinnern kann, konnte „Johnny“ Bjerregaard eine Riesenchance nicht nützen. Mit einem 2:0-Sieg wären wir, soviel traue ich mich zu sagen, aufgestiegen und immerhin im Semifinale des Europacups der Cupsieger gestanden. Beim Retourspiel haben mich die Bayern am Schmäh gehalten und genug gehäkerlt. Dass sie den Schiedsrichter vor dem Retourspiel schön ausgeführt haben...

Wieviel Wahrheit ist da drinnen gesteckt?
Viel zu viele Körnchen! (lacht) Später bei den Bayern habe ich die genaueren Inhalte nachgeliefert bekommen. Aber es war damals ja überhaupt üblich, dass die Schiedsrichter hofiert werden, was sicher zu mancher Entscheidung etwas beigetragen hat. In München war ja das entscheidende Tor in der Verlängerung ein klares Abseits. Aber was soll‘s.

Wo war Ihre Lieblingsposition? Was waren Ihre großen Stärken?
Wie bereits gesagt: Ich hatte ein Näschen und war ein technisch starker und torgefährlicher Organisator. Ich glaube dass ich ein relativ kompletter Spieler, ohne gravierende Schwächen, war. Ich war auch beidbeinig, was an meinem Aufwachsen in der Gasse zu tun hatte. Mit ein, zwei Stunden Training am Tag war es nicht getan, es mussten schon viel eher fünf oder sechs Stunden sein! Ich habe mich ständig mit dem Ball befasst, wollte immer im Zentrum sein und alles im Blick haben. Das Mittelfeld war meine Position, immer mit der Ausrichtung auf das Toreschießen oder -auflegen. Bei Simmering und Rapid war ich noch mehr vorne. Merkel hat mich dann umgedreht und aus mir einen Dauerläufer gemacht. Davor war ich etwas spritziger. Zusammengefasst: In meiner Blüte war ich der absolute Leader, der immer alles im Griff haben wollte. Ich war immer in der Nähe meines Freundes, dem Ball!

Mit Nürnberg wurden Sie gleich in Ihrer ersten Saison Meister und steuerten fünf Treffer zu diesem Sensationserfolg bei. Wie war diese Saison unter Rapid-Legende Max Merkel?
Es gab Rapid-Anhänger, die einen Kontakt zu Merkel hatten und ihn auf mich aufmerksam gemacht haben. Meine Tore haben den Rest erledigt. So ist man auf mich zugegangen, weil man nach einer Saison, in der gegen den Abstieg gespielt worden ist, mehr wollte. Also hat man mich von Rapid losgeeist. Merkel war eigentlich ein unangenehmer Mensch, der unmenschlich trainieren hat lassen. Mit dem heutigen Wissen kann man nur den Kopf schütteln, wie sehr er uns beim Training belastet hat – es war eigentlich nicht schaffbar, Regeneration war für ihn ein Fremdwort. Sein Glück war, dass sich alle Spieler verbissen durch seine Übungen gequält haben und letztlich eine überragende Ausdauer hatten. Nürnberg war körperlich top, aber nur kurzfristig. Nach dem sensationellen Titel bekam Merkel dann mit dem „Abstieg der Ausgebrannten“ die Rechnung präsentiert.
Ich selbst hatte es zu Beginn schwer in Nürnberg, nicht trotz, sondern wegen Merkel. Das Diktatorische an ihm mochte ich nicht. Außerdem hat er ständig herumgenörgelt, und ich als sein Landsmann habe das besonders stark mitbekommen. Wenn Wiener zu Besuch gekommen sind, hat er beim Kartenspielen immer deppert dahergeredet: „Kann ich den Gustl beim nächsten Match aufstellen?“ Hin und her – so ist es ständig gegangen. Immer wenn ich eingewechselt worden bin, habe ich gut gespielt und meistens ein Tor geschossen. Trotzdem hatte ich meinen Stammplatz erst nach etwa acht Spielen. Das entscheidende Spiel war dann gegen Bayern München, das wir zuhause 7:3 gewonnen haben. Bayern ist in diesem Match wegen meiner fünf Assists auf mich aufmerksam geworden. Gegen Endeder Meisterschaft ist Robert Schwan, der Manager und Freund von Franz Beckenbauer auf mich zugekommen. Manager gab es damals eigentlich noch nicht – Schwan war einer der ersten dieser Spezies. Jedenfalls hat er mich angebohrt und ich habe einen Vertrag unterschrieben, noch bevor ich die Freigabe von Nürnberg hatte. Man hat mir aber nichts in den Weg gelegt – der Merkel hat nur gesagt: „Wennst wirklich willst...“ Und wie ich wollte! Die Bayern waren nur Mittelklasse in der Vorsaison. Mit mir haben sie das Double geholt und ich habe jedes einzelne Match durchgespielt! Es war das erste Double seit Schalke 1937 und der Durchbruch der Bayern im deutschen Fußball. Damals war noch nix mit Hollywood und an der Säbener Straße, gerade einmal zwei alte Hanseln haben das Training beobachtet. Es gab einen einzigen Trainer für alles! Die Wäsche haben wir selbst zuhause gewaschen. Und – bei allem Respekt – Sepp Maier, Franz Beckenbauer und Gerd Müller waren damals noch keine fertigen Spieler und nicht so dominant, wie später, als sie zu Weltruhm gekommen sind. Und ich war der Regisseur und Spielmacher (vier Ligatore) ...

... jener Mannschaft, die 1974 bis 1976 dreimal den Europapokal der Landesmeister geholt hat. Sie wären zu diesem Zeitpunkt in der Blüte Ihrer Karriere gestanden, hätten auch Vertrag bis 1973 gehabt. Aber dann ist Ihnen das Kreuzband gerissen...
Ich möchte kurz ausholen: 1965 bin ich mit Simmering und vielen Starek-Toren aufgestiegen, 1966 war ich Vizemeister und Cup-Finalist mit Rapid, im Jahr darauf Meister und Torschützenkönig, danach Meister mit Nürnberg, dann Double-Gewinner mit den Bayern. Und dann kam der Kreuzbandriss, als ich auf dem besten Weg war, mich als Europaklasse-Spieler zu etablieren. Im ersten Spiel der neuen Saison ist mir das passiert! Und trotzdem habe ich danach noch drei Spiele weitergemacht, mit gerissenem Kreuzband und zerfetztem Meniskus! Ein Spiel davon habe ich 90 Minuten durchgespielt, das war in Kaiserslautern, wo der Rehagel als Spieler immer hineingewixt hat. Dann noch 30 Minuten in Gladbach und die 30 Minuten gegen die Borussia aus Dortmund, wo mir ein Spieler auf das gestreckte Knie gestiegen ist. Dann war es endgültig aus. Kurios ist, dass ich beim Gladbach-Spiel einen Spitz im Kreuzeck versenkt habe – in einem deutschen Lehrfilm der Trainerausbildung ist das die Szene für den perfekten „Spitz“! (lacht) Die Bayern haben mir jedenfalls zu Beginn der Saison, als ich noch nicht verletzt war, einen Vierjahres-Vertrag gegeben. Und dann das! Die Ärzte haben erst während der Narkose gemerkt, dass bei meinem Knie alles hin ist. Und als ich aufgewacht bin, hatte ich den Gips von der Brust bis zur Zehe. Die Situation war extrem: Viermal war ich in fünf Jahren Meister und dann wache ich als 24-Jähriger mit einer Verletzung auf, die zum damaligen Zeitpunkt normalerweise das Karriere-Ende bedeutet hätte. Zuerst war ich quasi unverwundbar und plötzlich konnte ich nicht mehr aufstehen, um meine Notdurft zu verrichten! Hilflos war ich...

Wegen dem Kreuzbandriss wurden Sie an Rapid verliehen, obwohl Sie in München noch Vertrag hatten. War das Vertrauen der bayrischen Klubbosse in Ihre Genesung so gering?
Nein, so kann man das nicht sagen. Gerdi Springer hat mich geholt. Transfersumme, Leihgebühr – das alles habe ich eingestreift! Die Bayern haben den Vertrag stillgelegt und wollten, dass ich mich in Wien erfange und dann wieder zurückkehre. Heute muss ich im Rückblick sagen, dass ich Gewissensbisse habe, weil ich damals sehr viel verdient habe und Rapid mit mir in dieser Zeit eigentlich nur Sorgen hatte, vor allem wegen dem Theater in Innsbruck. Nach meiner schweren Verletzung habe ich einiges an Dummheiten gemacht, war phasenweise „eigenartig“.

Am 21. November 1971 passierte bei einer 0:5-Niederlage in Innsbruck der „Hoseneklat“. Was war passiert?
Naja, eigentlich wäre gar nichts passiert, wenn der Binder nach zwei Minuten genauso ausgeschlossen worden wäre wie ich. Schließlich war er schuld an der ganzen Situation: Er hat mich gewürgt und ich habe mich freigeschlagen. Es gibt Charaktere, die – wenn sie angegriffen werden – alles über sich ergehen lassen. So einer war ich nicht! Ich bin in Simmering aufgewachsen und dort hatte nach dem Krieg der Stärkere Recht – so war das damals. Heute tut es mir sehr leid, aber als „wild“ Aufgewachsener habe ich damals eben so reagiert. In der Aktion habe ich nicht nachgedacht. Schiedsrichter Drabek hat zuerst gesagt, dass beide raus müssen. Auf einmal hat er seine Meinung geändert gehabt, da sind mir die Sicherungen durchgebrannt. Ich habe mich total heiß auf die Bank gesetzt, was auch ein Fehler war. Hinter mir haben die Zuschauer geschimpft und ich habe den Hosengummi bei einer Arschbacke leicht hinuntergezogen und mir mit der Hand auf den Hintern geklopft. (lacht) Daraus ist ein Hosen-Hinunterziehen geworden, was ja gar nicht gestimmt hat. Jedenfalls war das Publikum ganz fertig und aufgeregt, was mir wiederum sehr gefallen hat! (lacht) Ich habe meine Aktion dann wiederholt und die Polizei ist gekommen. Die haben sich sehr gut verhalten, weil sie mich nur eskortiert haben. Hätten sie mich gezogen oder an mir gerissen, ich weiß nicht, was ich in meiner Rage gemacht hätte. Glücklicherweise haben sie super reagiert und beruhigend auf mich eingewirkt. Beim Abgehen habe ich mich dann noch einmal hingestellt und der Schranz Karli hat mich überredet, endlich ganz abzugehen.
Das alles war für mich selbst nicht gut, aber vor allem für den Klub ein Wahnsinn. Rapid hat mich gut bezahlt und ich konnte plötzlich zehn Matches lang nicht spielen. Die Sperre wäre viel länger ausgefallen, wenn Teamchef Leopold Stastny nicht interveniert hätte. Normalerweise wäre ich die gesamte Saison gesperrt worden. Heute kann ich sagen, dass das Zurückkommen von meiner schweren Verletzung, das alleine Trainieren und andere Dinge auf meine Psyche gewirkt haben. Ich war einfach nicht bereit, diese Ungerechtigkeit hinunterzuschlucken. Auch später habe ich viele Schiedsrichter-Entscheidungen nicht eingesehen. Leider war das ein großer Fehler. Wobei ich noch heute manchmal in den Fernseher hineinspringen könnte... (lacht)

Waren Sie ein schwieriger Spieler?
Ja, weil ich nicht verlieren konnte.

Ihr Teamdebüt gaben Sie am 1. Mai 1968 gegen Rumänien (1:1), Ihr erstes Tor schossen Sie ein halbes Jahr später bei der 1:2-Niederlage im WM-Quali-Spiel gegen Schottland im Hampden Park, 1974 war Ihre Teamkarriere nach 22 Einsätzen und vier Treffern vorbei. Was haben Sie am positivsten in Erinnerung, was weniger gut?
Das Spiel in Schottland war wahrscheinlich das beste meiner Teamkarriere. Die Schotten waren damals Weltklasse, zumindest zuhause. Und ich habe in der zweiten Minute abgezogen und Österreich in Führung gebracht. Das Fernsehen hat das Tor, soweit ich mich erinnere, mit seinem verspäteten Einstieg verschlafen. Es war jammerschade, dass wir dieses Spiel noch verloren haben, denn ich war bärenstark, wie auch fast das ganze restliche Team. Nur die Goalies waren damals noch keine Klasseleute wie ein paar Jahre später. Koncilia ist für mich leider erst ein paar Jahre zu spät so richtig stark geworden. In Göteborg habe ich 1973 in der 88. Minute einen entscheidenden Treffer geköpft. Es war der Anschlusstreffer zum 2:3 und wir haben das Spiel unglücklich verloren, aber dank meines Treffers gab es das berühmte Entscheidungsspiel gegen die Schweden in Gelsenkirchen. Das hat man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, weil die Schweden noch gegen Malta zu spielen hatten. Kurz vor dem Entscheidungsspiel habe ich mir dann eine Rippe gebrochen und bin ausgefallen. Österreich war damals sehr stark, hätte bei der Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 eine wichtige Rolle spielen können, ist aber in der Quali mit sehr viel Pech gescheitert. Ein Tor der Schweden, dass der ostdeutsche Schiri Glöckner in Gelsenkirchen gegeben hat, war nicht korrekt. Das habe ich ihm in meiner Zeit als Leipzig-Trainer 20 Jahre später auch gesagt, aber es hat natürlich nichts mehr genutzt.
Eine Anekdote noch: Als Nationalspieler durfte man damals erst mit 27 Jahren ins Ausland wechseln, was für mich gar nicht ging. Also bin ich mit ca. 22 Jahren zum ÖFB gegangen und habe gesagt, dass mich eine Teameinberufung nicht interessiert, weil ich aus Österreich weg will. Aufgrund meiner Bestimmtheit hat man mir auch nichts in den Weg gelegt.

Zurück zu Ihrer Klubfußball-Karriere. Nach dem einen Jahr bei Rapid kehrten Sie zu Nürnberg zurück und schossen in der Zweiten Bundesliga 13 Treffer.
Eigentlich hätte ich nach dem einen Jahr bei Rapid zu den Bayern zurückgehen sollen. Aber die Nürnberger, die inzwischen abgestiegen waren, wollten mich unbedingt zurück. Mit mir wollten sie wieder aufsteigen und haben ein dementsprechendes Angebot abgelegt – ein doppel so hohes Gehalt wie ich es bei den Bayern eine Klasse höher verdient hätte! Ich habe Bayern abgesagt, weil ich wegen meiner Verletzung nur auf das Geld geschaut habe. Das war einer der größten Fehler meines Lebens! (lacht) Viel gelernt habe ich aus meinen Fehlern nicht. Man weiß ja nie, wie es kommt oder gekommen wäre, aber die Chance, dass ich Teil der legendären, Europa dominierenden Bayern-Truppe gewesen wäre, wäre sehr hoch gewesen.

Trotz Ihrer tollen Reputation in Deutschland gingen Sie danach für die Saison 1972/73 zum LASK. Warum?
Nürnberg konnte im zweiten Jahr meine Gage nicht mehr bezahlen und hat nach einem Ausweg gesucht. So ist es gekommen, dass ich zum LASK gewechselt bin und dort wieder die gesamte Transfersumme einstreifen konnte. Was ist mir der Otto Baric in dieser Saison, seiner ersten in Österreich, auf den Geist gegangen. Was der geredet hat! Immer wieder hat er das Training unterbrochen, um zu erklären. Ich habe aber keine Erklärungen gebraucht. Ich habe ja gewusst, was ich machen muss, um ein Match zu gewinnen. Mit dem LASK waren wir dann interessanterweise Herbstmeister und eines der letzten Spiele vor der Winterpause war auf der Pfarrwiese. Wir fahren im Bus Richtung Hütteldorf und ich drehe mich zurück und schaue auf meine Mitspieler. „Mit denen soll ich hier etwas gewinnen?“ habe ich mir gedacht. 2:1 haben wir gewonnen! Nach dem Spiel habe ich an die Situation im Bus denken müssen. (lacht)

Nach einer Saison in Linz wechselten Sie (gemeinsam mit LASK-Kollegen Gerhard Sturmberger) zum dritten Mal nach Hütteldorf. Wieso wieder Rapid? War das Liebe oder Nachhause-Kommen?
Nach dem eben beschriebenen Match ist Trainer Ernst Hlozek auf mich zugekommen, um mich zu einem dritten Rapid-Engagement zu überreden. Rapid-Präsident „Joschi“ Draxler wollte mich auch unbedingt. Baric und die LASK-Spitze haben mir nichts in den Weg gelegt, haben für mich Geza Gallos bekommen. Ich habe mir gedacht, dass man in Hütteldorf offensichtlich ganz narrisch nach mir ist und ich mich jetzt benehmen muss, damit ich nicht noch einmal einen Blödsinn mache. Liebe, Nachhausekommen und Wiedergutmachung – alles zusammen war ausschlaggebend für meine erneute Rückkehr.

Es folgte der Cupsieg 1976, ein Meistertitel war aber nicht drin. War Rapid damals an der absoluten Spitze konkurrenzfähig?
Nein, das Potential für ganz oben war nicht da. Dafür waren damals vor allem die Innsbrucker einfach zu stark. Im Pokal konnten wir sie in zwei Spielen biegen, aber über eine gesamte Saison gesehen war das nicht möglich. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit mit einem guten Mannschaftsklima. Wir hatten auch im Europacup schöne Spiele, haben alles versucht, aber letztlich war der große Erfolg unrealistisch.

1976 kauften Sie sich selbst für den Sportclub frei! Warum?
Ich wurde von Rapid geschieden, weil ich mich mit Trainer Brzezanczyk überworfen habe. Die Vorgeschichte war die, dass ich im letzten Spiel der Vorsaison ausgeschlossen und danach für drei Spiele gesperrt worden bin, weil ich in Graz-Liebenau ein Theater mit dem Schiedsrichter hatte (Rapid verlor 0:4) . Das andere war, dass ich nicht richtig in die Mannschaft gefunden habe und mir das Training von Brzezanczyk nicht getaugt hat. Also habe ich mit dem Trainer ausgemacht, dass ich eine Woche bei der „Reserve“ mittrainiere, um mich körperlich zu erfangen. In dieser Woche haben mich Freunde aus Simmering gebeten, dass ich ihnen Karten für das Spiel Bayern gegen den HSV besorge. Ich habe dann für sie und für mich Karten beschafft, hätte an diesem Samstag aber für die Reserve spielen sollen. Reserve-Trainer Robert Körner hat mich gewarnt, aber ich wollte unbedingt nach München. Am darauffolgenden Montag habe ich den blauen Brief von Rapid in der Post gehabt. Ich habe das akzeptiert und Herrn Holzbach angerufen, um meinen Wert zu erfragen. Das hat er mir gesagt, ich bin auf die Bank gefahren, habe abgehoben, das Geld dem Holzbach gegeben und die schriftliche Freigabe in der Hand gehabt. Etwas später hatte ich ein Gespräch mit Sportclub-Trainer Erich Hof, in dem er mir gesagt hat, dass man mich für das Frühjahr verpflichten wolle, um den Aufstieg in die erste Liga zu schaffen. Wir hatten den Deal, dass ich – aber nur, wenn wir den Aufstieg schaffen – das Dreifache von meiner Freikaufsumme bekomme. Sechs Punkte waren wir hinter Donawitz mit Trainer Springer und einem gewissen Stürmer namens Schachner. Im letzten Match hatten wir nach einer beeindruckenden Rückrunde die Chance, mit einem Sieg bei Spittal/Drau den Aufstieg zu fixieren. Wir haben bereits 3:0 geführt, dann das 1:3, auf einmal steht es 2:3 und wenige Minuten vor dem Schlusspfiff kommt eine Flanke in unseren Strafraum, unser Tormann rudert herum und einer der Knaller-Brüder geht zum Kopfball. In dem Moment ist mir das Herz in die Hose gerutscht, weil es für mich um so viel Geld gegangen ist! Der Ball ist knapp drüber gegangen und wir sind Meister geworden, aber ich war derart geschockt, dass ich bei der Fahrt nach Wien noch immer in Gedanken bei der Situation war: „Wenn der den Ball hineinköpfelt, ist meine ganze Marie weg!“ Ich konnte mich gar nicht richtig freuen. Erst Tage später, als das Geld in trockenen Tüchern war, war ich zufrieden. (lacht)

Mit den Dornbachern wurden Sie noch Vizemeister, danach beendeten Sie in der Saison 1979/80 Ihre Karriere bei der Vienna. Wann war Ihnen klar, dass Sie die Trainerlaufbahn einschlagen würden?
Beim Sportklub waren wir im ersten Jahr Achter, danach Zweiter und sind erst im Pokalfinale an der Austria in zwei Spielen gescheitert. In der dritten Saison im Herbst habe ich gespürt, dass ich eigentlich nicht mehr will. Aber bevor ich meine aktive Karriere beenden konnte, ist die Vienna gekommen. Präsident Krause hat Krankl und mich mit einem Super-Vertrag für das halbe Jahr geholt, um die Vienna vor dem Abstieg zu retten. Das hätte zusätzlich eine Riesenprämie gebracht. Aber obwohl wir Rapid zweimal geschlagen haben, sind wir trotzdem abgestiegen! Der Punkterückstand aus dem Herbst war einfach zu groß und meine Spielerzeit damit beendet. Den Trainerschein hatte ich während meiner aktiven Karriere gemacht, weil immer klar war: Mein Beruf ist Fußball! Also musste ich irgendwann Trainer werden, das war der nächste logische Schritt. Natürlich hätte ich als Automechaniker in meiner Werkstätte arbeiten können, aber das war immer für meinen Bruder gedacht. Und so bin ich in Salzburg gelandet und habe dort zumindest den Abstieg verhindern können.

Nach der Saison in Salzburg coachten Sie den GAK 1982 sensationell zum dritten Platz. Bei einer 0:3-Niederlage gegen Rapid in Graz-Liebenau habe ich als Achtjähriger mit einer Trillerpfeife die Spieler irritiert und Sie haben auf die Ränge hinaufgeschimpft. Verzeihen Sie mir?
(lacht) Ja, sowieso! Neben den sportlichen Erfolgen in Graz gibt es noch mehr Erwähnenswertes. Ich habe damals in der Kepplerstraße das aufgelassenes Apollo-Kino adaptiert und zu einem Automaten-Casino umgestaltet. Das waren Goldgräber-Zeiten, sagenhaft! Neben meinem Trainerjob bin ich am Abend immer ins Casino gefahren und habe Geld gezählt. Mit den Medien und den Vereins-Verantwortlichen hatte ich deswegen nie Probleme. Im Gegenteil – dem GAK habe ich öfters Geld geliehen, wenn sie mit der Bezahlung der Spieler Probleme hatten. Wirtschaftlich ist es mir nie besser gegangen! So, wie es mir die älteren Spieler früher gesagt haben, habe ich es auch meinen Spielern gesagt: „Burschen, das Geld liegt auf der Straße, Ihr müsst Euch nur bücken!“ (lacht) Als ein neues Gesetz in Kraft getreten ist und die Steuer verhundertfacht wurde, habe ich bei gutem Wind zugesperrt.

Danach wechselten Sie zum ÖFB und wurden U-21-, U-18-Trainer und Co von Branko Elsner. Waren Sie enttäuscht, als Josef Hickersberger zu dessen Nachfolger bestellt wurde?
Nein, überhaupt nicht. Weil ich mit dem Potential des damaligen Teams nicht zurechtgekommen wäre. Ich bin ja bei den Besprechungen von Herrn Elsner hinten gesessen und habe noch versucht, den Toni Polster vom Zeitunglesen abzuhalten. Der Toni und ich reden heute in unserer Montags-Tennis-Runde noch darüber. Was soll man machen – er war halt auch ein Straßenkicker wie ich.
Außerdem war es damals ja so, dass ich für diese drei Jobs beim ÖFB 30.000 Schilling brutto verdient habe – das muss man sich vorstellen! In der Saison 1986/87 hat man Ernst Dokupil bei der Admira nach wenigen Spielen gekündigt und mich geholt. Neben den ÖFB-Jobs! Ich bin zu Beppo Mauhart gegangen und habe gesagt, dass das alles zusammen nicht geht. Ende Dezember habe ich dann beim ÖFB aufgehört, weil man mir nur mehr 10.000 Schilling brutto geben wollte. So habe ich mich auf die Südstadt konzentriert. Und wir haben uns als Stockletzter noch für den Europacup qualifiziert. In der darauffolgenden Spielzeit musste ich – weil es so im Vertrag gestanden ist – im Februar kündigen, damit ich neu verhandeln konnte. Das hat man zum Anlass genommen, mich nicht weiterzuverpflichten, obwohl alles gut gelaufen ist. Während mein Co-Trainer Willy Kreuz die Mannschaft übernommen hat, bin ich spazierengegangen und habe mein Geld weiterbekommen.

Sie müssen aber in Panik gewesen sein – immerhin verschlug es Sie 1988 für kurze Zeit nach Favoriten... Hatten Sie irgendetwas mit den vier Niederlagen in diesem schwarzen Derby-Kalenderjahr zu tun?
Ich war nur bei einem Trainer. Für mich war es wegen dem Prestige eine Genugtuung, nicht wegen Rapid an sich. Im Herbst habe ich dann gekündigt, weil Joschi Walter und sein Einflüsterer Hubert Dostal einen Spieler geholt haben, den ich nicht wollte. Ich habe Herrn Walter angerufen und ihm gesagt, dass um drei Uhr Training ist, und dass er es leiten muss, weil ich kündige. Wenn man nicht harmoniert, ist es besser, wenn man aufhört. Ich war einfach zu stolz, um zu akzeptieren, dass Entscheidungen über meinen Kopf getroffen werden. Von Funktionären wollte ich mir soetwas nicht gefallen lassen.

Dann kam Sturm. In Ihrem zweiten Jahr bei Sturm wurden Sie vor Rapid Dritter und empfahlen sich damit wohl für den Trainersessel in Hütteldorf als Krankl-Nachfolger...
Mit Sturm wären wir fast Meister geworden, ich habe mit der Mannschaft den ersten Sieg in Hütteldorf gefeiert. Aber in der dritten Saison haben wir teils unglücklich verloren, sind ins mittlere Playoff gekommen und ich wurde beurlaubt. Schon davor gab es ein Theater, weil sie mich entlassen wollten. Ich habe in der Südstadt ein Taferl geworfen, weil ich mit einer Schiri-Entscheidung nicht einverstanden war und das Spiel unterbrechen wollte. Das hat man bei Sturm zum Anlass genommen. Werner Olk, der Kapitän in meiner Bayern-Zeit, war schon engagiert, aber „Anführer“ Otto Konrad und die restlichen Spieler haben gestreikt, weil sie mich weiter haben wollten. Soetwas gibt es normal nicht. Dem Vorstand war ich nicht angenehm. Letztlich, wenn auch etwas später, sind sie mich dann doch losgeworden.

Und dann Rapid, zum vierten Mal. Aufgrund von Machtkämpfen und finanziellen Untergangsszenarien war das in der Saison 1992/93 eine Art Himmelfahrtskommando. Wie oft haben Sie es bereut, diesen Schritt gemacht zu haben?
Bereut nicht wirklich, auch wenn vieles schief gelaufen ist. Ich bin nach drei Jahren Krankl gekommen und habe eine Mannschaft übernommen, die wirklich nicht in Ordnung war. Hansi hat nie Wert darauf gelegt, dass die Mannschaft intakt ist, er hat nur auf sich selbst geschaut. „Erfolg um jeden Preis“ hat das Motto gelautet. Das Klima war verdorben, es gab ein heilloses Durcheinander. Nach Krankl zu kommen, war mörderisch – kein Geld, alles lag im Argen. Und ich Depp habe den Fehler gemacht, mich auf die Seite von Holzbach, Böhmert, Schmidt und Benya zu stellen, die gegen Skender Fani gekämpft haben. Man hat mich instrumentalisiert und benützt. Dabei hatte ich zu Fani und Krankl ein super Verhältnis bis dahin! Fani hat meine Scheidung gratis durchgebracht, er und sein Vater waren in meiner Autowerkstatt. Er hat aber gemeint, dass die Zeit für mich als Rapid-Trainer noch nicht reif sei. Zudem hat es mich geärgert, dass Hans allen die Schuld gegeben hat, nur sich selbst nicht. Nach ihm durfte quasi gar niemand Rapid trainieren, um ihm zu huldigen. Eine wahre Geschichte: Über den Helmut Maurer habe ich ihn gebeten, mir eine Gewichtstabelle zu machen, damit ich weiß, welcher Spieler über den Sommer etwas gearbeitet hat. Er hat mir ausrichten lassen, dass sich der „Gustl“ das alles selbst machen soll. Mich hat das geärgert, weil ich ihn immer forciert habe. Mein Motorrad und meinen 12-Zylinder-Jaguar habe ich ihm als Spielerkollegen geborgt, von Geld möchte ich gar nicht reden. Sogar die Wiege von meinem Kind habe ich ihm für sein Neugeborenes gegeben! Wir waren eigentlich sehr gut miteinander. Als er mich dann sabotiert hat, war ich heiß. Ich habe zu ihm gesagt: „Jetzt warst Du drei Jahre bei Rapid und hast nichts weitergebracht... was soll's, na und!“ Der Rest ist inzwischen Youtube -Geschichte! (lacht)

Rapid war bis zuletzt im Titelrennen mit dabei, wurde aber letztlich nur Fünfter. Als ich kürzlich die Spielzusammenfassungen dieser Saison angeschaut habe, hatte ich den Eindruck, dass Rapid zwischen Europaklasse und Regionalliga-Niveau geschwankt ist.
Das stimmt schon. Wir waren auch im Pokalfinale, das wir verloren haben. Es war halt so, dass die Spieler monatelang kein Geld gesehen haben. Die Mannschaft war außerdem keine Einheit und die Charaktere waren großteils nicht in Ordnung, hatten kein Herz für den Verein. Dazu zähle ich auch Fjörtoft – er war ein halbwegs guter Spieler, aber kein guter Kerl. Blizenec und Franz Weber waren auch Hallodris – schlecht trainiert, dafür haben sie gewettet. In der Halbzeit haben sie immer Teletext geschaut und ich habe nicht gewusst, was das soll. Erst im Nachhinein habe ich kapiert.
Trotz alledem hätten wir uns fast gut erfangen. In der 1. Runde des UEFA-Cups haben wir nach einem 0:1 auswärts im Heimspiel bis zur 88. Minute mit 3:1 gegen Dynamo Kiew geführt. Wir waren ein Mann mehr. Der Schiri hat einen Freistoß gegeben, der keiner war. Konsel und Puza haben sich angeschüttet und der kleinste Mann am Feld hat ein Kopftor gemacht. Wahnsinn! Manche Trainer haben in solchen Situationen das nötige Glück, andere nicht. Dann wollte ich den „Charly“ Brauneder haben. 12 oder 13.000 Schilling netto wollte er haben und man wollte ihn mir nicht holen. Ein Witz! Klar war er über seinen Zenit hinaus, aber für den Verein gekämpft und geblutet hat er wie ein Einser. Er hatte ein Herz wie ein Löwe!

Wären Sie trotz aller Scherereien gerne geblieben?
Ja, aber mein mündlicher Vertrag wurde nicht eingehalten. Toni Fritsch, der zwischendurch Sektionsleiter bei Rapid war, war vor dem Arbeitsgericht mein Zeuge und ich habe gewonnen. Ich habe mich dann aber zu einem Vergleich überreden lassen und auf die Hälfte meiner Gage verzichtet, weil Rapid kein Geld hatte. Dabei hätte ich ein super Konzept gehabt. Der Ernstl (Dokupil) hat dann später ein gutes Naserl gehabt und die faulen Äpfel aussortiert. Übrigens: Didi Kühbauer habe ich zur Rapid geholt. Als ich Admira-Trainer war, habe ich – wie bei allen meinen Stationen – die Jugendarbeit sehr genau mitverfolgt. Didi, damals 15 Jahre jung, ist mir aufgefallen und ich habe ihn zum Kampfmannschaftstraining eingeladen. Aber er ist nicht gekommen! Monate später habe ich ihn auf das Trainingslager nach Zypern mitgenommen. Ein Verrückter, der sich erst nach meiner Zeit prächtig entwickelt hat.

Danach gingen Sie zum VfB Leipzig. War das gleichzeitig sportliche Herausforderung und Flucht?
Ich wollte über Leipzig in die Deutsche Bundesliga. Mit dem Privatjet des Präsidenten bin ich nach Rostock geflogen und habe mir die Mannschaft angeschaut. Mir ist ganz schlecht gewesen! Beim Rückflug nach Nürnberg habe ich trotzdem zugesagt. Und wir sind trotz schlechter Ausgangsposition oben geblieben! Ich war so beliebt, dass viele Leute mit mir gemeinsam von einem Hochhaus gesprungen wären, wenn ich es gesagt hätte. (lacht) Richtig stolz bin ich auf eine Auszeichnung, wo ich den „Oskar“ für herausragende Leistungen im Sport bekommen habe. Ich bin dann sogar als Trainer in den Aufsichtsrat gewählt worden – eine Seltenheit. Nach zehn, elf Runden der kommenden Saison waren wir sensationell Erster und ich habe ein Angebot vom HSV bekommen. Der Präsident hat mich gebeten, davon abzusehen, weil die Fans sonst alles angezündet hätten. Dem habe ich entsprochen, bin aber kurz darauf zum GAK gegangen. Mein Vorgänger war nicht zu einem Weitermachen zu überreden, weil ihm zu wenig Geld im Spiel war. Also hat Svetits mich gefragt, ob ich mir einen Verbleib in der Liga unter den gegebenen Verhältnissen vorstellen kann. Ich konnte und bin 1996/97 Fünfter geworden. Wir hatten auch den tollen Auftritt gegen Inter Mailand mit dem Debütanten Alexander Manninger im Tor. Auch in diesem Fall hat nicht viel gefehlt, um einen großen Erfolg zu feiern. C'est la vie!

Sie wurden in Graz beachtlicher Fünfter. Warum gingen Sie?
Weil sich Fischl und Svetits den Klub unter den Nagel gerissen haben. Ich habe diese Machenschaften bemerkt. Und weil ich zu aufmerksam war, ist mein Vertrag nicht verlängert worden.

Nach einem Jahr Pause heuerten Sie in Kärnten an. Im ersten Jahr der dortigen Zweitklassigkeit konnten Sie mit dem FC Austria/VSV (vor Umbenennung in FC Kärnten) die Liga halten und wurden Sechster. Danach war endgültig Schluss. Freiwillig?
Wieder war eine Mannschaft, die ich übernommen habe, eigentlich rettungslos verloren. In zehn Spielen konnten wir die Liga halten. In der neuen Saison waren wir auf einmal mit vorne dabei, aber im Sommer hat es dann plötzlich geheißen, dass wir keine neuen Spieler holen können. Und so bin ich gegangen, obwohl ich noch ein Jahr Vertrag gehabt hätte. Ich habe sogar noch Walter Schachner empfohlen. Der ist dann mit dem Geld von Jörg Haider mit sechs Spielern beschenkt worden, ist aufgestiegen und hat den Cupsieg geholt. Ich habe mich gefreut, weil „mein“ Spieler, der Steiner, im Finale einen Schuss im Kreuzeck versenkt hat. Ich denke ganz gerne an die Zeit in Kärnten zurück, denn die Lebensqualität am Wörthersee war einmalig!

Apropos. Sie leben seit einiger Zeit in Spanien, wenn bei uns das Wetter miserabel ist. Sind Sie ein Liebhaber der Primera Division?
Ja, fünf Monate im Jahr verbringe ich auf Marbella, südlich von Malaga. Die ganz großen Spiele verfolge ich alle im Fernsehen mit, bin emotional total angespannt und lebe so richtig mit. Bei falschen Entscheidungen bin ich noch immer richtig aufgebracht und mein Puls steigt in unermessliche Höhen! (lacht) Vielleicht trifft mich einmal beim Fernschauen der Schlag...

Hoffen wir nicht! Ansonsten spielen Sie sehr viel Golf. Was fasziniert Sie daran? Haben Sie diesbezüglich einen sportlichen Ehrgeiz?
Ja, schon, weil ich nach wie vor nicht verlieren kann. Das Faszinierende ist, dass man diesen Sport auch betreiben kann, wenn man schon etwas gebrechlicherund nicht mehr topfit ist. Ich will mich in diesem schwierigen Spiel ständig verbessern und habe inzwischen immerhin Handicap 11. Das ist ganz gut.

Und der Fußball? Verfolgen Sie Rapid noch mit Herzblut oder interessiert Sie eher der höherklassige Fußball?
Der Legendenklub ist eine großartige Sache, man kann nur darüber schwärmen. Eigentlich gehe ich live nur zu Rapid-Spielen. Priorität haben bei mir aber die Bayern, auch weil sie ehemalige Klassespieler so großzügig hofieren. Seit etwa 30 Jahren bekomme ich ausschließlich aus Deutschland Autogrammwünsche, auch heute noch hin und wieder. Aber zu Ihrer Beruhigung – in Österreich ist Rapid meine absolute Nummer 1!

Interview vom 17.08.2012 (grela)

10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Ihre Lieblings-Elf aller Zeiten?
Mein Herz hängt an der brasilianischen Nationalmannschaft der WM 1958. Ich war damals 13 Jahre alt und wollte im Käfig immer der Libero dieser fantastischen Mannschaft sein, später auch Pelé.

Das beeindruckendste Stadion, in dem Sie je gespielt haben?
Der Hampden Park, weil es so wichtig war, ich ein Tor geschossen und auch sonst ganz stark gespielt habe. Das Estadio Bernabéu gehört auch dazu, auch wenn ich dort „nur“ freundschaftlich gegen Real gespielt habe. Und das Nürnberger Stadion – ich habe in der Meistersaison ständig vor 70.000 Zuschauern gespielt!

Ihre größte Niederlage am Fußball-Platz?
Das 0:7 mit dem Nationalteam im Wembley-Stadion. Ich hatte damals das Gefühl, in Gullivers Reisen gelandet zu sein und als Zwerg gegen Riesen zu spielen.

Rapid ist...
... vom Nimbus und der Popularität her immer schon der bedeutendste Klub Österreichs gewesen!

Was fehlt in Ihrem Kühlschrank nie?
Ein Bierli.

Ihr liebster Platz außerhalb von Österreich?
Marbella. Dort bin ich seit ca. 15 Jahren und genieße es jedes Jahr wieder.

Wohin würden Sie gehen, wenn Sie in der Zeit reisen könnten?
Ins Jahr 1965 zum Beginn meiner Karriere. Das würde ich gerne noch einmal erleben. Und mit dem Wissen von heute würde ich mich in die Riege der großen Fußballer Europas einreihen.

Eine Marotte?
Dass ich mich über jeden Blödsinn ärgern kann. Weil ich nicht verlieren kann – die schlechteste Eigenschaft, die man haben kann.

Der beste Verteidiger, gegen den Sie je gespielt haben?
Der unfairste war jedenfalls „Luki“ Leitner, mit dem ich beim Nürnberg-Training oft aneinander geraten bin.

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Schwer! Ich würde Carl Lewis sagen, weil mich die Leichtathletik sehr fasziniert. Oder in meiner Jugend war Emil Zatopek ein Wahnsinn. Im Bereich Fußball hatte jede Zeit ihre Helden – Pelé, Maradona, Platini, Zidane und jetzt Messi. Messi ist unglaublich, genial – bei Foulversuchen ist er fast immer in der Luft. Hoffentlich passiert ihm nichts!