Werner Walzer im Gespräch
 

Interview vom 25. Jänner 2011 mit freundlicher Genehmigung von forza-rapid.com

"Ich bin bei meinem Traumverein gelandet!" ein meines Lebens"

Werner Walzers Name hat nicht den Klang der ganz großen Rapid-Helden, was an einem unglücklichen Umstand liegt: Der am 23. August 1947 geborene Mostviertler spielte in den Siebziger-Jahren in Hütteldorf, einer titelarmen Zeit. Dabei hatten Walzer & Co. ihre Hände immer knapp am Meisterteller, durften dann aber doch nicht zugreifen. Dreimal reichte es „nur“ zur Vizemeisterschaft, fünfmal schaute der dritte Rang heraus. Die Trostpreise waren zwei Cupsiege (1972, 1976) und das dreimalige Erreichen eines Europacup-Achtelfinales. In der Saison 1978/79 übernahm der einfache Teamspieler, der mit unermüdlichem Einsatz und seiner universellen Einsetzbarkeit glänzte, die Kapitänsbinde von Hans Krankl. 1979 verließ Walzer den SCR nach zehn Saisonen und wechselte zu Wr. Neustadt, von wo es nach wenigen Monaten zum Sportclub weiterging. Als Rapid 1982 nach 14 Jahren endlich wieder Meister war, beendete Werner Walzer in Dornbach seine Profikarriere. Für Rapid hat er trotz vieler Verletzungen 326 (!) Pflichtspiele bestritten und dabei 18 Tore erzielt.

Seine Zeit beim SCR hat Werner Walzer nie losgelassen, und spätestens seit der Gründung des Legendenklubs ist er endgültig wieder in Hütteldorf angekommen. Der Mann, der früher laufen konnte, wie ein Windhund, ist aber nicht nur „Funki“ Feurers umtriebige rechte Hand, sondern engagiert sich auch beim Suchen historischer Rapid-Objekte für das geplante Rapid-Museum. Organisationsleiter Thorsten Leitgeb hat er beispielsweise zu einem Sammler nach Admont geführt, der an Spieltagen immer die Rapid-Fahne hisst. Beim Peschta spreche ich mit einem Mann, der mit Freude Pensionist ist und sich dem „positiven Stress“ hingibt. Die Erlebnisse, die er vor mir aufblühen lässt, zeigen mir spätestens jetzt, dass da ein großer Spieler vor mir sitzt, einer, der ganz wichtig für Rapid war und niemals in Vergessenheit geraten darf.

Herr Walzer, Sie sind in der Nachkriegszeit in Tulln geboren und aufgewachsen...
Ich bin der Werner, wenn es Dir nichts ausmacht.

Im Gegenteil! Ohne Angebot würde ich mich das zwar nie trauen, aber so... gerne! Ich bin gespannt, ob ich es mir merke oder der Respekt siegt. Also noch einmal von vorne: Werner, soweit ich weiß, bist Du in Tulln geboren und aufgewachsen. Wann bist Du zum ersten Mal mit Fußball in Kontakt gekommen?
Das mit meinem Geburtsort stimmt nicht, den hast Du um ca. 50 Kilometer verpasst. (lacht) Ich bin im Bezirk Lilienfeld in St. Veit an der Gölsen geboren und aufgewachsen. Und mit Fußball habe ich Anfang der Sechziger-Jahre beim Werksport-Verein Traisen begonnen. Damals durfte man erst mit zwölf Jahren zu einem Verein gehen. Bei den Bezirks-Meisterschaften der Hauptschulen war ich zu diesem Zeitpunkt aber schon voll mit dabei. Beim WSV habe ich dann die Jugend und Junioren bis hin zur Reservemannschaft durchlaufen. Mit 16 Jahren bin ich aufgrund mehrerer Verletzungs-Ausfälle in der Kampfmannschaft gelandet und habe mich dort gleich mit ein paar guten Partien etabliert.
Als Kind habe ich nach der Schule zuhause geholfen, danach war ich Lehrbub bei der VOEST Alpine und habe dort mit 17 Jahren meine Facharbeiter-Prüfung gemacht. Wenn ich mit der „Pflicht“ fertig war, habe ich meine Schulsachen und später mein Arbeitsgewand zuhause in die Ecke geschmissen und bin auf die Wiese zum Fußballspielen gegangen. Meine Jugend war wunderschön! Wir waren eigentlich immer eine fixe Partie. Das hat angefangen in meiner Hauptschulklasse, in der es sechs, sieben sehr gute Kicker gegeben hat. Wir haben auch alle zusammen beim WSV in der Unterliga West Waldviertel zusammengespielt. Ich habe zusätzlich auch in der niederösterreichischen Jugend- und Juniorenauswahl gespielt, wodurch ich schön langsam ins Blickfeld geraten bin.

Als Du ein Kind warst, hatte Rapid gerade mit seiner berühmten Fünfziger-Jahre-Mannschaft Erfolg. War Dir Rapid bereits ein Begriff?
Das habe ich damals noch nicht so richtig mitbekommen. Erst Anfang der Sechziger, als ich selbst bei einem Verein war, bin ich so richtig auf Rapid aufmerksam geworden. Ich kann mich erinnern, dass sie damals bei einem Fernseh-Match regelrecht betrogen wurden. Seit damals bin ich Rapid-Fan, und auf der Wiese war ich ab diesem Zeitpunkt der Hanappi. (lacht)

Und wann hat Deine Karriere beim FC Tulln begonnen?
Im Sommer 1966 war das. Bei Tulln war Leopold Barschant, der ehemalige Nationalspieler vom Sportclub, Trainer. Er hat mich schon vorher beobachtet und derart Gefallen an mir gefunden, dass er mich verpflichtet hat. Tulln hat in der Regionalliga gespielt, was damals die zweithöchste Spielklasse in Österreich war. FC Wien, Wacker, Mattersburg – das waren schon sehr gute Mannschaften, gegen die wir angetreten sind. Profis waren wir aber nicht. Abgesehen von meiner Zeit beim Militär habe ich ganz normal meinen Beruf ausgeübt und bin bei einer Schweizer Firma an den Maschinen gestanden. Nachdem mein Zweijahres-Vertrag in Tulln ausgelaufen ist, habe ich für ein weiteres Jahr unterschrieben. Das war knapp bevor ich vom Interesse von Robert Dienst erfahren habe. Stockerau, wo er ein Wirtshaus hatte, und Tulln liegen ja sehr nahe beieinander, weswegen er auf mich aufmerksam geworden ist. Eigentlich hätte ich schon 1968 zu Rapid kommen können, aber so hat es sich um ein Jahr verzögert. In der Zwischenzeit war nicht mehr Rudolf Vytlacil Trainer, sondern Robert Körner. Und anstatt Robert Dienst war Karl Schlechta Co-Trainer. Das Interesse an mir ist aber trotzdem geblieben. Und so bin ich 1969 mit 21 Jahren in Hütteldorf gelandet.

Was hat dieser Schritt weg vom Amateurfußballklub für Dich bedeutet?
Ein halbes Jahr vor meinem Engagement habe ich noch die Rapid bewundert und beim legendären Aufstieg gegen Real Madrid mitgefiebert. Auf einmal bin ich in der Kabine neben Bjerregaard und all den anderen großen Spielern der damaligen Zeit gestanden. Das musste ich erst einmal verarbeiten! Es war alles ein Riesenschritt, eine ganz andere Welt. Und es war Rapid! Eigentlich hätte ich mit 16, 17 Jahren auch zum Sportclub wechseln können. Damals habe ich aber meine Lehre noch nicht abgeschlossen gehabt, was absolute Priorität hatte. Außerdem wäre dieser Wechsel vielleicht noch zu früh gekommen. Und so hat sich alles wunderbar gefügt und ich bin bei meinem Traumverein gelandet. Nur in Wien habe ich nicht so recht Fuß gefasst. Ein Jahr habe ich mitten in der Stadt in Untermiete gelebt, aber den Wirbel habe ich nicht ausgehalten. Also bin ich wieder nach Tulln gezogen. Der Weg zum Training hat aber trotzdem nicht länger gedauert, als von der Westbahnstraße weg. (lacht) Schon zu Beginn meiner Rapid-Zeit habe ich gemeinsam mit Rudi Flögel in der Kleinkredit-Abteilung einer Bank gearbeitet. Damit ich mich nicht alleine fühle! (lacht) Nach gut eineinhalb Jahren habe ich mich zwischen dem Job und einer Karriere als Fußballer entscheiden müssen, weil bei Rapid auf Profi-Betrieb umgestellt worden ist. Ich habe keine Sekunde gebraucht, um mich für das runde Leder zu entscheiden! (lacht)

Rapid hat damals noch auf der Pfarrwiese gespielt. Kannst Du die Faszination dieses mythischen Spielorts beschreiben?
Die Stimmung war fantastisch. Auch wenn nur 5.000 Menschen bei einem Spiel waren, war die Hölle los! Es war alles sehr eng und klein, was für den Verein vielleicht ein Nachteil, aber für uns ein großer Vorteil war. Und wenn die Spieler durch den Tunnel Richtung Spielfeld gegangen sind, war es schon sehr unruhig. (lacht) Es war ein richtig atmosphärischer Fußballplatz, auf dem ich viele tolle Spiele erlebt habe.

Wenn ich das richtig deute, hast Du am 4. Oktober 1969 beim 1:3 in Innbruck (7. Runde) auf der Zentral-Position im Dreier-Mittelfeld debütiert, weil Geza Gallos und Toni Fritsch ausfielen.
Die Ausfälle haben sicher dabei geholfen. Aber eigentlich war es so, dass ich mich beim letzten Match einer Tournee vor dem Meisterschafts-Beginn in Hannover das Wadenbein gebrochen habe. Nach vier, fünf Wochen habe ich wieder spielen können. Bei einem Freundschaftsspiel in Neusiedl habe ich mir dann das Wadenbein gleich wieder gebrochen! Der Vereinsarzt hat mir wegen meiner schlechten Kalusbildung Kalziumspritzen gegeben, und so habe ich mich schnell wieder erfangen. Als Rapid nach einem Europacup-Match in Eindhoven zurückgekommen ist, gab es viele Verletzte. Der Sekretär hat mich dann nach Innsbruck geführt und ich habe mein Liga-Debüt gefeiert. Im Frühjahr bin ich dann von hinten niedergesäbelt worden und habe mir wieder das Wadenbein, dieses Mal etwas von der vorherigen Bruchstelle entfernt, gebrochen. Drei Wadenbeinbrüche in einer Saison – das war mein Start bei Rapid! (lacht)

Wahnsinn! Du warst zwar trotz dieser Verletzungsserie schnell Stammspieler, aber eine Stammposition hattest Du nie. Wo hast Du am liebsten gespielt?
Es war mein großer Vorteil, dass ich außer im Tor überall spielen konnte. Und das habe ich, abgesehen vom Mittelstürmer, auch getan! Meine angelernte, fast schon angeborene Position war aber die des Verbinders, eine etwas offensivere Variante des heutigen Sechsers. Gerne habe ich auch Libero gespielt, wenn Egon Pajenk vor mir als Vorstopper abgeräumt hat. Da konnte ich mich hin und wieder ins Offensivspiel einschalten.

Was waren Deine großen Stärken? Bitte beschreibe selbst den Spieler Walzer.
Ich war läuferisch sehr stark! „Funki“ Feurer hat einmal auf einer Tafel einen Spieler gezeichnet mit Pfeilen in jede Richtung. Dann hat er zu mir gesagt: „Das bist Du und alle Deine Wege!“ (lacht) Ich hatte eine sehr gute Berufsauffassung und habe mich bei jedem Match hineingeschmissen, so sehr es gegangen ist. Von meiner Kampfkraft her habe ich sehr gut zu Rapid gepasst! Und meine universelle Einsetzbarkeit ist mir und dem Verein sicher auch zugute gekommen.

Gleich in Deinem zweiten Spiel gab es das legendäre 0:6 gegen die Austria. Du wurdest zur Halbzeit für Geza Gallos ausgetauscht. Dabei stand es erst 0:1. Trainer Robert Körner wollte offensichtlich auf den Ausgleich drängen und Rapid ist ins Messer gelaufen.
An das Spiel habe ich keine genauen Erinnerungen mehr, wahrscheinlich habe ich es wegen des negativen Ausgangs aus meinem Gedächtnis gestrichen. An was ich mich aber noch sehr gut erinnern kann: Nach der Blamage bin ich auf die Straße gegangen und habe prompt die Leute getroffen, die ich nicht sehen wollte. (lacht) Wir sind ständig gehäkerlt worden. Dabei hat einem eine Derby-Niederlage ohnehin selbst am meisten weh getan. Vor allem eine so empfindliche! Wobei die Kritik natürlich angebracht war.

Wie war der Zustand der Mannschaft in Deiner Premieren-Saison? Rapid wurde abgeschlagener Sechster, dabei war die Mannschaft gespickt mit Stars.
Damals hat bei Rapid ein Umbruch stattgefunden. Es sind drei, vier neue Junge gekommen, was den Arrivierten sicher auch nicht uneingeschränkt gefallen hat. Dass die Mannschaft noch nicht eingespielt war, hat man natürlich gespürt, auch am Leistungs-Niveau. Zusätzlich gab es viele Verletzungen. Es ist alles zusammengekommen, und ich war wie ein Magnet für solche Sachen.

Wie etabliert warst Du zu Beginn Deiner Rapidkarriere?
Ich bin sehr gut aufgenommen worden und hatte diesbezüglich nie ein Problem. Aufgespielt habe ich mich nie, sondern habe immer alles gegeben, um mich für die Startelf aufzudrängen. Und wenn mir einer der Älteren einen Tipp gegeben hat, habe ich es aufgesaugt und versucht, die Ratschläge umzusetzen. Glechner, Fak, Fuchsbichler, Gebhardt, Bjerregaard, Flögel, Fritsch, Grausam, Buzek – von diesen gestandenen Nationalspielern habe ich mir einiges abschauen können. Da kann man sich schon etwas sagen lassen! (lacht) Ich habe eigentlich sehr schnell in die Mannschaft hineingefunden. Nur wenn ich mich verletzt habe, hat es sich anständig ausgezahlt!

Hattest Du einen Spitznamen innerhalb der Mannschaft?
Eigentlich nicht, weder bei den Kollegen, noch bei den Fans. Vor ein paar Jahren hat mir mein Chef in der Nationalbank, der selbst immer mit der Vienna verbandelt war und mich als Aktiver gesehen hat, verraten, dass ich auf den Rängen die „Lunge“ genannt worden bin. Verbürgt ist das nicht, und wenn es tatsächlich so war, ist es von den gegnerischen Fans gekommen – aber es ist der einzige Spitzname, den ich anbieten kann. (lacht)

In Deiner zweiten Saison bist Du vorerst, wahrscheinlich auch wegen Deines dritten Wadenbeinbruchs, von der Bank gekommen. Erst ab der Rückrunde hattest Du einen Fixplatz. Wie konntest Du Gerdi Springer überzeugen?
Gar nicht, weil er mich nicht „mochte“! Es war auch nicht meine Art, innerhalb der Mannschaft meine Ellenbogen auszufahren und mit Gewalt auf mich aufmerksam zu machen. Zuerst bin ich nur eingewechselt worden. Im Winter habe ich mir zuerst die Polypen wegoperieren lassen. Dass meine beiden Leisten dann auch unters Messer gekommen sind, war wohl trainingsbedingt. Der Gerdi Springer hat uns fast nur Laufen lassen, und danach sind 100 Klappmesser am Programm gestanden. Ich habe geglaubt, dass es mir den Bauch zerreißt! Es hatten dann auch viele Spieler Bauchmuskelzerrungen. Zwar bin ich gelaufen wie ein Windhund, aber bei den Übungen vom Springer war auch ich anfällig. Ich habe mir also beide Leisten operieren lassen müssen. Das hätte ansonsten lebensgefährlich werden können, weil bei dieser Verletzung die Gefahr besteht, das man sich Darmteile einklemmt. So habe ich aus den verschiedensten Gründen sehr wenig unter Springer gespielt. Und wenn ich einmal ein paar gute Spiele abgeliefert habe, wurde mir sofort der wiedergenesene Spieler vorgezogen. Diese Saison und die ersten Monate der darauffolgenden, bis Springer abgelöst worden ist, waren für mich nicht angenehm!

Am 17. April 1971 hast Du trotzdem beim 4:0 gegen Bregenz Dein erstes und im selben Match auch gleich Dein zweites Rapid-Tor geschossen. Eine Runde später beim 1:3 in Salzburg wäre es besser gewesen. Rapid spielte 1970/71 gut, konnte aber gerade gegen die Titelaspiranten Innsbruck und Salzburg nicht gewinnen, wurde letztlich knapp geschlagener Dritter. Lag das Verpassen des Meistertitels an der Schwäche in den „Big Matches“?
Ja! Es war leider symptomatisch für meine Zeit bei Rapid, dass wir oft bis drei, vier Runden vor Schluss vorne mit dabei waren, dann aber gerade bei den entscheidenden Spielen nicht unsere beste Leistung abrufen konnten. Die Schlüsselspiele haben wir meistens umgeschmissen. Außerdem haben wir in diesen Situationen gegen Außenseiter verloren, die im Normalfall nie ein Leiberl gegen uns gehabt haben. Beim Spiel in Salzburg haben wir viel zu offensiv gespielt und sind ins offene Messer gelaufen. Der Meistertitel war eigentlich greifbar! Schade, dass niemand dem Trainer seine Meinung zu seiner Aufstellung gesagt hat. Auch nicht der Co-Trainer. Man darf nicht vergessen, dass es damals die Dreipunkte-Regelung noch lange nicht gegeben hat. Ein Unentschieden in Salzburg wäre also mehr wert gewesen, als es heute der Fall ist. Aber der Trainer wollte mit aller Gewalt den Sieg, und das ist gründlich daneben gegangen.

Im Cupfinale habt Ihr gegen die Austria erst in der Verlängerung verloren. Als Du in der 80. Minute wahrscheinlich unter Applaus ausgewechselt worden bist, führte die Mannschaft noch. Danach glich Helmut Riedl in der 88. Minute aus und vollendete die Cup-Pleite mit seinem zweiten Tor in der 104. Minute. Wie schlimm war es, von der Ersatzbank aus mitanzusehen, wie der Pokal doch noch aus Deinen Händen verschwand?
Sehr schlimm! Dass die Niederlage mit meiner Auswechslung zu tun hatte, möchte ich nicht sagen. Applaudiert haben mir die Leute aber nicht, weil eine Auswechslung zur damaligen Zeit eine Erniedrigung war. Selbst ist man auch angefressen gewesen, auch wenn es zwei Minuten vor Schluss passiert ist. Ich wollte immer weiterspielen und konnte solche Entscheidungen nur schwer hinnehmen. Ich musste es zwar akzeptieren, aber ich war „satt“. Umso mehr, als ich trotz meines Ärgers natürlich diesen Titel gewinnen wollte! Die Fans haben, wie bereits gesagt, bei weitem nicht so frenetisch reagiert wie heutzutage, wenn ein Spieler bei diesem Spielstand vom Feld geholt wird. Natürlich haben ein paar Leute geschimpft und ein paar andere applaudiert, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, wie es aktuell der Fall ist.

Wenigstens konnte der Pokalsieg in der nächsten Saison (1971/72) nachgeholt werden, wenn es schon in der Liga nur zu Rang fünf gereicht hat. Spannend und knapp war es auch diesmal – der Sportclub wurde in der Verlängerung des Final-Rückspiels geschlagen. Ein Titel mit Rapid – wie hat sich das angefühlt?
Super, der Himmel war voller Geigen! Beim Hinspiel in Dornbach haben wir mit 1:0 geführt, als der „Burli“ Herzog (Vater von Andreas Herzog) eine Schwalbe fabriziert und sich elegant hingelegt hat. Berührung gab es so gut wie keine, aber vielleicht war er schon müde. (lacht) Jedenfalls hat der daraus resultierende Elfer die Wende gebracht und wir haben mit 1:2 verloren. Im Rückspiel haben wir noch alles hochverdient zu unseren Gunsten drehen können, dank zweier Tore von Bernd Lorenz.

Kurioses erreignete sich 1971 im UEFA-Cup. Nachdem Vllaznia verzichtet hatte und Dinamo Zagreb ausgeschalten wurde, kamen laut Rapidarchiv 623 Menschen zum Achtelfinalhinspiel gegen Juventus! Gab es damals noch keine langen Unterhosen in Wien?
(lacht) Ja, es war eiskalt und über Nacht hatte es geschneit. Aber die Sache war die, dass bis kurz vor Spielbeginn niemand gewusst hat, ob überhaupt angepfiffen wird. Es war also weniger die fehlende Unterwäsche, als die Unsicherheit, ob gespielt werden kann. In der Zeit haben wir auch nicht gerade überragend gespielt, was sich auch sofort in den Zuschauerzahlen bemerkbar gemacht hat. Und den letzten Rest haben uns der Spielort und die frühe Anpfiffzeit gegeben. Etwas später und auf der Pfarrwiese – da wäre sicher viel mehr gegangen.

Von 1959 bis 1987 wurde Rapid genau einmal Stadthallensieger, nämlich 1972. Das Turnier war damals europaweit bekannt. War es insofern ein besonders schöner Erfolg?
Nach der Gründung des Turniers war der Sportclub sensationell, fast unschlagbar. Ich bin vor meiner Rapid-Zeit selbst aus Traisen oder Tulln nach Wien gefahren, um mir dieses Spektakel mit diesen Spitzenkickern anzuschauen. Und auf einmal habe ich selbst dort gespielt – und gewonnen! (lacht) Für Rapid war das damals ein ganz großer Erfolg, an den auch ich mich persönlich immer erinnern werde, weil die Stadthalle etwas Besonderes war. Die vielen Spiele, die heutzutage absolviert werden müssen, haben dieses Turnier aber in den letzten Jahren umgebracht. Es ist auch verständlich, dass viele Trainer nach den Anstrengungen des Herbstes mit ihrer B-Garnitur angetreten sind und die wichtigsten Spieler geschont haben. Die breite Masse will aber die Ausnahmekönner wie Hofmann und Kavlak sehen, kommt nur wegen den Supertechnikern in die Halle. Und weil das nicht mehr der Fall war, gibt es diese Veranstaltung heute nicht mehr.

1972/73 ging der Stern des Hans Krankl langsam auf. Das half aber nix, als man im Cupfinale aufgrund der Auswärtstor-Regel gegen Innsbruck das Nachsehen hatte. In der Liga wurde Rapid drei Punkte hinter Innsbruck Vizemeister. Und im Achtelfinale des Europacups der Pokalsieger glänzte der Goleador bei Rapid Bukarest nur mit einem Eigentor, das das Ausscheiden einleitete. Klingt alles ein wenig glücklos. Da wäre mehr drinnen gewesen, oder?
Er war ein Wahnsinn! Hans Krankl hat Tore geschossen, die man so nirgends anders in Österreich gesehen hat. Ob Sololäufe oder der Abschluss mit dem Kopf oder per Volley – seine Torgefahr war einzigartig! Die Sonderstellung innerhalb der Mannschaft hat er sich verdient gehabt. Ich bin immer gut mit ihm ausgekommen, auch außerhalb des Platzes. Und am Rasen ist er von uns allen stark forciert worden, weil so die Chance auf einen Torerfolg am größten war. Er war der Knipser, und das zum Wohle der Mannschaft. Was das Eigentor anbelangt, glaube ich mich daran zu erinnern, dass Hans angeschossen worden ist. Das war genauso unglücklich wie der restliche Verlauf der Saison. Ein Hauptproblem dieser Zeit war, dass uns Innsbruck einfach nicht gelegen ist. Vor allem auswärts nicht, wo ein Unentschieden eigentlich schon ein großer Erfolg für uns gewesen ist. Das Publikum am Tivoli war sehr euphorisch, und ein Sieg gegen Rapid war das Wichtigste überhaupt. Gegen uns haben die Innsbrucker und andere Mannschaften so gespielt, als ob es um vier statt zwei Punkte gehen würde. (lacht) Wenn Rapid auswärts angetreten ist, waren die Hütten voll!

Eine Saison später wurde Krankl bereits Torschützenkönig und Rapid war mit 77 Treffern eindeutig die torgefährlichste Mannschaft der Liga. Mit einem Sieg in der vorletzten Runde bei Tabellenmittelständler Salzburg hätte man den Titel gewinnen können, verlor aber 0:3. War die Mannschaft aufgrund des Doppelschlags nach einer halben Stunde derart geschockt, dass nichts mehr gegangen ist?
Gronen, Krankl und Lorenz – das war eine außergewöhnliche Sturmreihe, für Rapid und überhaupt in ganz Österreich! An dieses spezielle Spiel in Salzburg kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich habe ich es verdrängt. (lacht) Aber es war auch in Lehen immer Volksfeststimmung, wenn wir gekommen sind. Rapid ein Haxl zu stellen, war das Größte. Und wenn das auf dem Weg zu einem Titel passiert ist, war es ein umso größerer Erfolg für die Gegner. Rapid war Zuschauermagnet und ständig Gejagter zugleich. In einigen Saisonen der 1970er-Jahre konnten wir den Meistertitel förmlich riechen, aber die Schlüsselspiele haben wir meistens vergeigt.

Vier Runden zuvor hast Du bei der Vienna das entscheidende 2:1 erzielt. Wie war das – Werner Walzer und das Toreschießen?
Eigentlich waren es für meine Gewohnheiten wenig Tore (18 Pflichtspieltreffer) , weil ich in Tulln und davor offensiver orientiert war und auch dementsprechend öfter getroffen habe. Bei Rapid war ich im Mittelfeld eher für die Defensivarbeit zuständig, was mir aber nichts ausgemacht hat. Ich habe mich natürlich auch in den einen oder anderen Angriff miteingeschaltet, aber meine Hauptaufgabe war das Stopfen der Löcher im Mittelfeld.

Im Cup-Semifinale gab es zwei bittere Niederlagen gegen die Austria, in der Meisterschaft eine, aber auch einen 4:0 Heimsieg mit vier Krankl-Treffern. Wie wichtig war dieser damals seltene Sieg gegen den Erzrivalen?
Das war am Karfreitag. Ich kann mich so genau daran erinnern, weil es wirklich ein legendärer Sieg und eine große Erleichterung für den gesamten Verein war. Sensationell, wie Krankl die Austria damals zerlegt hat. 40 Meter vor dem Tor hat er den Ball bekommen und nach einem Dribbling aus spitzem Winkel getroffen. An diesem Tag war er unaufhaltbar! Aber es ist uns alles bereits wenige Tagespäter zurückgezahlt worden. Nach dem 2:6 im Cup-Semifinale haben wir auch das Rückspiel mit 1:4 verloren.
Ein andermal sind wir in Hietzing kaserniert gewesen und am Vormittag des Spieltags auf den Rapid-Platz gekommen. War das ein Anblick! Die Torstangen waren alle violett-weiß angemalt, auf die Werbetafeln ist überall FAK hingeschmiert worden. Das hat alles der Platzwart bis zum Nachmittag überstreichen müssen. (lacht) Wir haben uns aber gerächt und das Spiel gewonnen!

Im Achtelfinale des Europacups der Cupsieger hast Du 1973 mit Rapid vor 35.000 Zuschauern im San Siro 0:0 sensationell gegen Milan gespielt, und zwei Wochen später kamen 4.000 Zuschauer auf die Pfarrwiese. Wahnsinn, oder!?
Das ist mir damals gar nicht negativ aufgefallen. Es stimmt aber, dass das Unentschieden in Mailand vom Erlebnis her etwas sehr Besonderes war und auch das Ergebnis mehr als gestimmt hat. Wir haben sensationell verteidigt, hatten aber auch die eine oder andere Chance im Gegenstoß. Auf der Pfarrwiese haben wir gegen diese Klassemannschaft mit etlichen „Granaten“ zwei Kontertore kassiert, ansonsten war die Begegnung ausgeglichen. Im Praterstadion hätten wir vielleicht nicht so gut mithalten können, denn für ein Spiel, das unter der Woche stattgefunden hat, war der Besuch in Hütteldorf gar nicht so schlecht. In meiner Erinnerung überwiegt jedenfalls das Positive. Wir waren sehr motiviert, wobei ich dieses Wort gar nicht mehr hören kann. Ist es nicht die Aufgabe eines Profifußballers, bei jedem Spiel motiviert zu sein? Bei mir war das ganz selbstverständlich der Fall! Motivation ist die Grundvoraussetzung. Wenn es dann trotzdem schief geht, kann man halt nichts machen. Aber wenn ich heute hie und da von Motivationsproblemen höre, kommen bei mir die „Kabeln“ heraus! (lacht)

Kannst Du Dich noch an den 4. September 1974 erinnern?
Das muss mein einziges Länderspiel gewesen sein! Wir haben in der EM-Qualifikation gegen Wales gespielt und 2:1 gewonnen. Es war unbeschreiblich – man steht im Stadion, hat die rot-weiß-rote Dress an und die Bundeshymne wird gespielt... da ist ein Bubentraum in Erfüllung gegangen! Andererseits war ich sehr nervös und habe mir viele Gedanken darum gemacht, wie wir gewinnen können. Knapp vor Schluss habe ich die große Chance auf das 3:1 gehabt, bin aber knapp vor meinem Schuss gefoult worden. Ein Tor wäre das Allerärgste gewesen! (lacht) Damals bin ich noch dreimal auf der Ersatzbank gesessen, aber es war immens schwierig, in die Mannschaft zu kommen. Die Legionäre mussten damals spielen, weil der ÖFB ansonsten eine Pönale zahlen hätte müssen. Sie standen aber auch zurecht in der Mannschaft, weil sie extrem stark waren. Als Kicker in der österreichischen Liga musste man damals schon ein, zwei sehr starke Saisonen spielen, um überhaupt ins Team hineinschnuppern zu können. Insofern war es für mich sensationell, überhaupt dabei gewesen zu sein.

Bei Rapid warst Du absoluter Stammspieler und hast mit vier Toren Deine erfolgreichste Saison als Torjäger erlebt, beim Team hast Du „angeklopft“. War das – ganz persönlich gesehen – die Saison Deines Lebens?
Ja, das kann man schon so sagen. Es war mit Sicherheit eine der absolut stärksten Phasen meiner Fußballer-Karriere.

Wie war Dein Stellenwert in der Mannschaft?
Sehr gut. Hans Krankl hatte sicher eine Ausnahmestellung. Aber ich war einerseits im Mittelfeld gesetzt und konnte darüber hinaus überall aushelfen, wenn dem Trainer wichtige Spieler ausgefallen sind. Insofern hat mir die Fähigkeit des Einspringens zu einer Art Ausnahmestellung verholfen. Meine Kampfkraft und Beidbeinigkeit haben das ihrige dazu beigetragen, dass ich ein wichtiger Teil der Rapid-Mannschaft war. Meine schönsten Tore habe ich mit links erzielt, obwohl ich ein „Rechter“ bin. Sehr angesehen war auch Bernd Lorenz, der leider schon verstorben ist. Für damalige Verhältnisse hatte er eine mächtige Statur. Und trotzdem war er so schnell! Das hat mir im Training die eine oder andere Schweißperle ins Gesicht getrieben, wenn ich gegen ihn gespielt habe. (lacht)

Warum hat es damals eigentlich nicht mehr die Tourneen gegeben, für die Rapid lange Zeit so berühmt war?
Aus Zeitgründen. Nach dem Ende einer Herbstsaison hatten wir kurz Urlaub und haben dann schon mit der Vorbereitung für das Hallenturnier begonnen. Und danach war der Fokus langsam aber sicher wieder auf die Vorbereitung für das Frühjahr gerichtet. Wir sind aber sehr wohl zu Freundschaftsspielen oder kleinen Turnieren ins Ausland gefahren, aber eher im Rahmen von Trainingslagern. Das war hin und wieder ein „Himmelfahrtskommando“, weil wir erst kurz im Training gestanden sind und gegen gut vorbereitete Spitzenmannschaften antreten mussten. Da haben wir beispielsweise gegen Granada und Benfica Lissabon empfindliche Niederlagen einstecken müssen. Sobald wir aber mehr Kraft gehabt haben, konnten wir auch deutlich besser mithalten. Ich kann mich auch noch an Turniere in Bilbao und Barcelona erinnern. In Bilbao haben wir Real Madrid mit 2:1 geschlagen, obwohl wir die Hosen voll hatten. (lacht) Das waren „Erlebnis-Spiele“! Und beim Gamper-Turnier haben wir nach dem Krankl-Wechsel gegen Barca gespielt und sie durch ein Kirisits-Tor geschlagen. Wobei man gar nicht genug betonen kann, dass wir in der zweiten Hälfte ein Riesenglück hatten, den Vorsprung halten zu können. Im Finale gegen Köln waren wir ausgelaugt und haben gegen Littbarski, Schumacher und die anderen Stars keine Chance gehabt. Seit damals bin ich Barcelona-Fan, was mir bis heute geblieben ist. Und auf Gibraltar haben wir überraschend ein Turnier gewonnen und einen „Riesenhäf'n“ nachhause mitgebracht. Das Stadion dort war sensationell, mit Riesenfelsen im Hintergrund und einem Flughafen, der direkt neben dem Stadion war.

Am Ende der Saison 1974/75 wurde Ernst Hlozek von Josef Pecanka abgelöst. Der Titel war schon außer Griffweite, Rapid wurde letztlich Dritter. In der nächsten Spielzeit lief es fast genau so, Rapid wurde wieder abgeschlagener Dritter. Trainer waren 1975/76 Franz Binder und Robert Körner, die Pecanka bereits im September abgelöst hatten. Nach dem Ende der Saison übernahm Antoni Brzezanczyk das Traineramt. Was war bei Rapid damals los? Verursachte die titellose Zeit bei den sportlich Verantwortlichen Panik-Attacken und Kurzschluss-Reaktionen?
Pecanka war nur interimsmäßiger Trainer. Unter ihm haben wir Happels FC Brügge in einem Freundschaftsspiel mit 7:2 besiegt. Daran kann ich mich gut erinnern, weil die Belgier damals eine absolute Spitzenmannschaft in Europa waren. Ein Jahr später haben wir Brügge auch auswärts mit 2:0 geschlagen, dann schon unter Brzezanczyk. Der Pole war ein beinharter Trainer! Das Duo Binder/Körner davor ist auch nur interimistisch eingesetzt worden. Warum es derart rund gegangen ist, kann ich mir aber nicht ganz erklären. Es hätte der Mannschaft sicher gut getan, mehrere Jahre unter dem selben Trainer zusammenwachsen zu können. Immerhin waren wir auch erfolgreich. Dank eines Tores in der 89. Minute hat uns Paul Pawlek den Cupsieg 1976 beschert. Und im UEFA-Cup sind wir erst wegen eines Treffers in der 86. Minute gegen Galatasaray in Istanbul ausgeschieden. Vom Torschützen Gökmen habe ich noch heute ein Andenken. Er hat mir die Schienbeinschützer bis auf den Knochen durchgetreten. In diesem Moment habe ich erstaunlicherweise gar nicht geblutet, wahrscheinlich wegen des Schocks. Die Partie habe ich mit einem Pressverband fertigspielen können, nachdem meine Wunde auf der Ersatzbank genäht worden ist. Zwischen Gökmen und Pajenk sind die Funken geflogen! (lacht) Und die Narbe, die aus seiner Attacke gegen mich entstanden ist, trage ich heute noch mit mir herum. Nur die Harten kommen durch! (lacht) Eine andere Aktion war, dass mir ein Salzburger am 1. September 1976 fast eine Niere weggetreten hat. Ich bin in einen Ball gerutscht, und der Gegenspieler ist quasi durch mich hindurchgerannt. Zwei Minuten vor dem Abpfiff! Mir hat es ein Drittel der Niere abgerissen. Auch mein Harn war voller Blut. Der damalige Vereinsarzt Dr. Schmid hat mich sofort in sein Privatauto gesetzt und mich ins Franz-Josefs-Spital geführt. Um Mitternacht bin ich operiert geworden. Zum Glück, denn in der Früh wäre ich bereits verblutet gewesen! Die Kunst der Ärzte hat damals mein Leben gerettet und im Frühjahr konnte ich sogar schon Fußball spielen und bin wieder in Pflichtspielen über die Pfarrwiese gerutscht. (lacht) Ob man dem Salzburger Spieler einen Vorwurf machen kann, weiß ich nicht. Wir haben geführt und es war sicher auch ein wenig Frust bei dieser Aktion mit im Spiel. Aber ich will niemanden anklagen.

Fußball ist kein Sport für Weicheier, klar. Aber Du hast schon besonders viel einstecken müssen.
Gott sei Dank hatte ich immer ein gutes „Heilfleisch“. Es war mein Glück, dass ich mich immer schnell erholt habe. Dabei hatte ich kaum muskuläre Probleme. Aber wenn es mich erwischt hat, dann hat es sich ausgezahlt!

1976/77 verlor Rapid das K.O.-Duell im Europacup der Cupsieger gegen Atletico Madrid denkbar knapp. Hat dieses Erlebnis die Mannschaft im Hinblick auf die restliche Saison angestachelt oder gehemmt?
Ich war bei beiden Spielen wegen Problemen mit den Adduktoren nicht dabei. Das war sehr schade, weil ich in Spanien ganz besonders gerne gespielt habe. Das knappe Ausscheiden hat uns mit Sicherheit eher gedämpft, als dass es uns einen Schub nach vorne gegeben hätte. Klare Niederlagen muss man akzeptieren und abhaken. Aber je knapper die Geschichte ausgeht, desto mehr beschäftigt man sich damit und knabbert daran. Auch wenn man sich an starken Leistungen gegen international starke Mannschaften aufbauen kann.

Es war jedenfalls eine Saison, die auf dem zweiten Platz endete und wegen der Innsbrucker Dominanz trotzdem nie wirklich eine Möglichkeit auf den Titel bot. War das 11:1 gegen den GAK zum Saisonschluss eine Art Frustbewältigung?
Es war eher ein Spiel, in dem alles, das wir probiert haben, aufgegangen ist. Es gibt auch Tage und Matches, an denen man weit über die 90. Minute hinaus weiterspielen könnte und es wird dir trotzdem kein Goal gelingen. Das Spiel gegen den GAK war das genaue Gegenteil – herrliche Tore und ein schöner Saison-Ausklang, auch wenn es mit dem Meistertitel nicht geklappt hat.

Am 14. September 1977 hast Du Deinen einzigen Europacuptreffer erzielt, es war gleich das Goldtor gegen Inter Bratislava. Für den Aufstieg hat es zwar nicht gereicht – aber war dieses Goal trotzdem etwas Besonderes für Dich, auch weil das Weststadion bei diesem Spiel (zum ersten Mal) wiedereröffnet wurde?
Ich kann mich noch genau an das Tor erinnern: Helmut Kirisits hat mir den Ball schön aufgespielt und ich habe ihn trocken ins Eck geschossen. Solche Dinge sind abgespeichert! Obwohl sie in den Medien im Vergleich zu heute kaum aufbereitet wurden. Die Begleitgeräusche damals waren aber trotzdem nicht ohne. Zuerst gab es ein großes Tamtam bei der Wiedereröffnung, und nach dem Spiel haben Rapid-Fans in der S-Bahn randaliert und durch eine Notbremsung eine ganze Garnitur verschrottet. Wir Spieler haben davon nichts mitbekommen, haben es erst am nächsten Tag in der Zeitung gelesen. Vielleicht war mein Treffer ja der Auslöser dafür, dass die Fans ein paar Biere zuviel getrunken haben. (lacht) Rechnung habe ich aber bis heute noch keine bekommen.

Ab Jänner 1978 war Karl Schlechta der neue Trainer. In der Liga konnte Innsbruck endlich wieder einmal abgehängt werden. Und dann gewinnt die Austria mit 14 Punkten Vorsprung den Titel vor Rapid. War die Mannschaft irritiert wegen des ständigen Spielort-Wechsels?
Daheim ist daheim, keine Frage. Wir haben in Wien ja überall gespielt, sogar am Horr-Platz! Am liebsten haben wir aber in Dornbach gekickt, weil die Atmospäre dem, was wir gekannt haben, am nächsten gekommen ist. Am Horr-Platz ist hingegen nie eine Stimmung aufgekommen, und ein Stadion war das auch nicht! Dass wir deswegen den Meistertitel verpasst haben, klingt für mich viel zu sehr nach Ausrede. Die Austria war damals einfach bärenstark! Aber es stimmt, dass uns die fehlende Heimat sicher nicht begünstigt hat.

Als Krankl nach der WM 1978 zum FC Barcelona ging, wurdest Du zum Kapitän ernannt und warst der 16. Rapidler, der die Binde tragen durfte.
Das war eine Anerkennung und Riesenehre! Es war eine angenehme Saison als Spielführer, weil es niemals eine Situation gegeben hat, in der ich dazwischenfahren hätte müssen, um irgendeine Streitigkeit zu bereinigen.

Rapid wurde 1978/79 in der Meisterschaft Dritter. Danach endete Deine Zeit in Hütteldorf nach einem Jahrzehnt. War das Deine Entscheidung oder die von Neo-Trainer Walter Skocik oder dem Präsidium?
Ich war damals 32 Jahre alt und wollte meinen Job in der Bank wiederhaben, weil ich ja nicht ewig weiterkicken konnte. Walter Skocik hat mir gesagt, dass ich sportlich keine Chance haben werde, wenn ich nebenbei arbeite. Diese Aussage war mehr als okay, weil es mir eingeleuchtet hat. Also habe ich darum gebeten, dass man mich verkauft. Und weil Rapid den Martin Lefor haben wollte, bin ich gemeinsam mit Paul Pawlek im Tausch nach Wr. Neustadt gegangen. Im Oktober 1979 habe ich auch wieder in der Bank zu arbeiten begonnen. Sportlich war aber nicht alles eitel Wonne, weil wir die zu hohen Erwartungen der Vereinsführung nicht erfüllen konnten. Anstatt um den Meistertitel zu spielen, waren wir im Mittelfeld klassiert. Und so bin ich dann beim Sportclub gelandet. Der WSC wollte mich schon im Sommer haben, aber damals hat Rapid ein Veto eingelegt. Holzbach hat gesagt, dass ich überall hingehen kann, nur nicht zum Sportclub. Warum auch immer. Im Winter hat mich der Sportclub dann geholt, und zufälligerweise war die CA, mein Arbeitgeber, Sponsor bei den Dornbachern. So fügt es sich manchmal! (lacht) Ich habe problemlos noch zweieinhalb Jahre neben der Arbeit Fußballspielen können, und das mit „Granaten“ wie Brauneder, Drabits und Martinez.

Rapid wurde in der ersten Saison nach Deinem Abgang nur Fünfter. Wie kannst Du im Nachhinein Deine Gefühlslage beschreiben, als Du nach der langen Zeit in Hütteldorf gegen Deinen Ex-Klub angetreten bist?
Damals hat Antonín Panenka schon bei Rapid gespielt. Es wäre ein Traum gewesen, mit ihm in einer Mannschaft zu stehen, aber gegen ihn zu spielen, war auch ein Erlebnis. Ich habe ihn später beim Golfspielen kennengelernt und muss sagen – der Mann hat in den Händen dasselbe Gefühl, wie in seinen Füßen. (lacht) Ein Klassebursch und Schmähbruder, ich mag ihn sehr! Und mit „Hicke“ hat es ein Wiedersehen gegeben. Mit 14 Jahren haben wir schon in der Jugend-Landesmeisterschaft in Loosdorf gegeneinander gespielt, dann am Anfang meiner Rapid-Zeit, als er bei der Austria war, und jetzt wieder – er im Rapid-Dress und ich im Sportclub-Dress. (lacht) Insgesamt gesehen war es aber ein komisches Gefühl, gegen Rapid zu spielen. Ich wollte gewinnen und habe mich vielleicht noch mehr engagiert, als gegen einen „normalen“ Gegner. Die Derbys gegen Rapid waren für alle Spieler beim Sportclub die Highlights der Saison. Ich bin mir halt manchmal so vorgekommen, als ob ich im falschen Leiberl spielen würde. (lacht)

Du hast unter anderem mit dem blutjungen Peter Pacult zusammengespielt. Welche Erinnerungen hast Du an ihn aus dieser Zeit?
Am Mittwoch haben wir meistens ein Trainingsspiel gehabt, einmal gegen Columbia mit dem Peter. Und er hat unsere Verteidiger derart schwindelig gespielt, dass ihn der Sportclub bald darauf geholt hat. Ein Jahr habe ich noch mit ihm gespielt. Er hat sich nix gepfiffen und sich wie heute nichts gefallen gelassen, war aber ein Klassebursch und ein Patzenkicker. Und in meiner Abschluss-Saison als Profifußballer ist Rapid nach 14 Jahren Pause endlich wieder Meister geworden. Mich hat das gefreut, als ob ich selbst noch mit dabei gewesen wäre!

Hast Du danach noch regelmäßig bei einem Verein Fußball gespielt?
Ja. Ich war nach dem Sportclub Spielertrainer in Traisen in der Landesliga. Zwei Jahre lang habe ich das gemacht, aber dann war mir die Fahrerei zu blöd. Neben der Arbeit war das alles zu stressig. Ich habe dann noch in Sieghartskirchen und in Eichgraben weitergemacht. In Eichgraben hat der Harry Gartler, Papa von René, unter mir als Rechtsaußen gespielt. Er war eher Vorbereiter als Vollstrecker, hat aber sehr viele entscheidende Tore erzielt. Und so sind wir sogar Meister in der 2. Landesliga geworden. In der 1. Landesliga sind wir Dritter geworden, und dann war es mit meiner Lust, mich neben meinem Fulltime-Job in der Bank noch im Fußball zu engagieren, vorbei. Die Begeisterung war einfach nicht mehr groß genug!

Zeitsprung: Im Dezember 2007 wurde der Legendenklub gegründet. Soweit ich weiß, bist Du „Funki“ Feurers rechte Hand. Warst Du von Anfang an dabei? Und welche Tätigkeiten hast Du diesbezüglich?
Es war ja so, dass Franz Binder, der Sohn von „Bimbo“, etwa Mitte der Achtziger eine Art Legendenklub machen wollte. Hat er zumindest gesagt. Er hat ein paar Daten aufgenommen und darüber hinaus keinen Finger gerührt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wieviel Freude „Funki“ Feurer uns allen gemacht hat, als er den Legendenklub eingefädelt hat. Plötzlich hat man so viele Ex-Kollegen wiedergesehen, die man fast 30 Jahre aus den Augen verloren gehabt hat. Großartig! Alle kommen gerne, nur der Geza Gallos hat kein Interesse daran. Schade! Irgendetwas, von dem ich nichts weiß, muss da vorgefallen sein...
Als der Raum des Legendenklubs eingerichtet worden ist, habe ich beim Ausdrucken von Fotos geholfen. Die Etiketten vom Legendenwein habe ich auch angefertigt. Beim 83. Geburtstag von Alfred Körner hat das mit dem Legendenwein angefangen, und diese Tradition haben wir bis heute beibehalten. Bei einem Weinbauern im Weinviertel haben wir unter Einsatz unseres Gaumens einen Spitzentropfen herausgesucht, damit der Wein nicht nur gut aussieht, sondern auch schmeckt. (lacht) Der „Funki“ kostet ihn und ich mache die Etiketten. Mein Sohn ist EDV-Techniker in der Wirtschaftskammer und hat mir ebenso dabei geholfen, computerfit zu werden, wie Herbert Petrasek, ein Freund aus der Ramsau. Ein paar Präsentationen habe ich auch angefertigt, damit es im Legendenklub ein bisserl bunter und abwechslungsreicher wird. Wobei der Schmäh dort ohnehinn rennt wie verrückt! Überall Fotos zu machen ist auch eine große Leidenschaft von mir. Mich im Legendenklub zu engagieren, hält mich frisch und taugt mir einfach! Auch bei der Homepage für den Legendenklub hat man mich eingespannt. Aber mir macht es großen Spaß, das ist ein positiver Stress.

Welchen Spieler der jetzigen Rapid-Mannschaft kann man am ehesten mit Dir vergleichen?
Der „Funki“ hat gesagt, dass ich vom Spiel her Markus Heikkinen am meisten ähnle, und optisch Ragnvald Soma.

Was, glaubst Du, wird Rapid heuer noch erreichen?
Zumindest unter die ersten drei Mannschaften sollte Rapid schon kommen. Sehr gespannt bin ich auf Jan Vennegoor of Hesselink – der war, glaube ich, von Haus aus nicht fit. Im Herbst hat er sehr unbeweglich gewirkt, aber im Frühjahr könnte er so richtig aufdrehen. Ein Traum wäre es auch, wenn man das Klagenfurter Stadion nach Hütteldorf zaubern könnte. Dort liegt es mehr oder weniger brach, und wir könnten es sehr gut brauchen! Schade um diese Arena!


Interview vom 25.01.2011 (grela)

10 Fragen zum besseren Kennenlernen:

Deine Lieblings-Elf aller Zeiten?

In dieser Mannschaft stehen aus meiner Sicht nur Rapidler. Es gibt aber so viele Gute, dass jede Position fast schon fünfach besetzt ist und ich mich nicht entscheiden kann...

Das beeindruckendste Stadion, in dem Du je gespielt hast?
Das Camp Nou! Das Stadion war einfach sehr beeindruckend und die Mannschaft hat den Gegner mitspielen lassen, weil das Publikum es so gewollt hat. Die Barcelona-Fans wollten eine Schmankerl-Partie sehen, kein Kampfspiel.

Deine größte Niederlage am Fußball-Platz?
Immer, wenn man ein Derby verloren hat. Weil die Duelle mit der Austria dreimal mehr gezählt haben, als andere Matches. Die Spieler hat man natürlich gekannt, aber bei einem Derby hat auf einmal keiner mehr gewusst, wer der andere ist. (lacht)

Rapid ist...
... ein großer und wichtiger Teil meines Lebens!

Was fehlt in Deinem Kühlschrank nie?
Was ich unbedingt essen oder trinken will, ist eine Sache des Gustos. Unser Kühlschrank ist immer so voll, dass man sich nur dafür bedanken kann, dass dem so ist.

Dein liebster Platz außerhalb von Österreich?
Österreich – da komme ich her, da gehöre ich hin! Insofern gefällt es mir innerhalb der Landesgrenze am besten. Es gibt so viele schöne Plätze in Österreich, dass ich nicht ins Ausland muss.

Wohin würdest Du reisen, wenn Du eine Zeitmaschine hättest?
Ins Mittelalter! Wie es sich dort abgespielt hat, würde mich sehr interessieren. Ich habe ein gewisses Faible für Burgen und auch Ritter.

Eine Marotte?
Jetzt ist es die Fotografiererei. Früher hat es nichts gegeben, glaube ich. Da müsste man einmal im Legendenklub nachfragen...

Der beste Spieler, gegen den Du je gespielt hast?
Günther Netzer war einer der besten. Klaus Fischer und Roberto Bettega fallen mir da auch noch ein. Nein, jetzt habe ich es! Eusébio war der beste Kicker, mit dem ich es je zu tun bekommen habe!

Der bedeutendste Sportler aller Zeiten?
Eine schwierige Frage. (Pause) Ich bleibe aber beim Fußball. Am meisten haben mir nämlich immer wieder Barcelona-Spieler imponiert! Angefangen bei Cruyff, bis hin zu Messi. Bobby Charlton war auch immer ein Liebling von mir.